Beleuchteter Reichstag

Rezension: Geschichtspolitik in Europa seit 1989


26.5.2014
Der Sammelband "Geschichtspolitik in Europa seit 1989" vereinigt mehr als 20 nationale und regionale Fallstudien, die Strategien und Formen von Geschichtspolitik in Europa untersuchen. Ergänzt werden die Fallstudien mit Überlegungen zur Museumspolitik auf EU-Ebene. Damit erlaubt der Band einen multiperspektivischen Einblick in das weitläufige Forschungsfeld der Geschichtspolitik.

Rezensiertes Werk

Etienne François, Kornelia Kończal, Robert Traba und Stefan Troebst (Hg.), Geschichtspolitik in Europa seit 1989. Deutschland, Frankreich und Polen im internationalen Vergleich, Wallstein Verlag, Göttingen 2013, 560 S.

Ob die Bewertung der kolonialen Vergangenheit in Frankreich, die Interpretation des Warschauer Aufstands 1944 in Polen oder ganz aktuell die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg zum 100. Jahrestag des Kriegsausbruchs in ganz Europa - geschichtspolitische Debatten liefern immer wieder Zündstoff für öffentliche Diskussionen. Die Deutung der Vergangenheit ist ein Politikum, aus dem nicht selten finanzielle oder politische Forderungen abgeleitet werden. Zugleich hat die Auseinandersetzung mit geschichtspolitischen Strategien auch als wissenschaftliches Forschungsfeld Konjunktur. Der von Etienne François, Kornelia Kończal, Robert Traba und Stefan Troebst herausgegebene Sammelband greift diese beiden Strömungen auf und widmet sich in europäischer Perspektive den Herausforderungen der Geschichtspolitik seit dem Epochenjahr 1989.

Cover "Geschichtspolitik in Europa seit 1989"Etienne François, Kornelia Kończal, Robert Traba und Stefan Troebst (Hg.), Geschichtspolitik in Europa seit 1989. Deutschland, Frankreich und Polen im internationalen Vergleich (© Wallstein Verlag)
Inhaltlich knüpft die Publikation an das 2007 in Berlin organisierte internationale Symposium zum Thema "Strategien der Geschichtspolitik in Europa seit 1989. Deutschland, Frankreich und Polen im internationalen Vergleich" an, in dessen Rahmen Historiker und Vertreter anderer Disziplinen über die politischen, zivilgesellschaftlichen, wissenschaftlichen und medialen Dimensionen und Problematiken der Geschichtspolitik diskutierten.[1] Konzeptionell geht der Sammelband jedoch über die Bündelung der in diesem Zusammenhang entstandenen Beiträge hinaus und kombiniert die Ergebnisse der Konferenz mit weiteren Studien europäischer Vergleichsfälle. Die daraus entstandene Zusammenstellung von über zwanzig Fallstudien verstehen die Herausgeber als Beispiel für eine transnationale Diskussion und eine Motivation zum "Ausfüllen der Forschungslücken bezüglich der Erinnerungskultur und Geschichtspolitik zahlreicher Staaten und Gesellschaften des größeren Europa sowie ihre vergleichende Analyse."[2]

Den Einstieg in das kontrovers diskutierte Forschungsfeld ermöglicht Stefan Troebst mit seinem einleitenden Artikel "Geschichtspolitik. Politikfeld, Analyserahmen, Streitobjekt", in dem er die anhaltenden Debatten um Definitionen, Herangehensweisen und Begriffsrivalitäten resümiert. Vor allem mit Blick auf die deutsche Forschungsgemeinschaft zeichnet Troebst die terminologischen und konzeptuellen Entwicklungen seit der Begriffsschöpfung im Zuge des westdeutschen Historikerstreits in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre nach. Als problematisch hebt er den "gleichsam okzidentalisierende[n], ja germanozentrische[n] Kern des neuen Konzepts"[3] hervor, durch den autoritäre Regime und postdiktatorische Gesellschaften außerhalb des wissenschaftlichen Blickfeldes blieben. Die Herausforderung einer nationale Grenzen überschreitenden Auseinandersetzung mit Erinnerungskulturen und geschichtspolitischen Strategien ergebe sich zudem durch das Ausbleiben eines gemeinsamen europäischen Konzeptes. So fand die Übersetzung des deutschen Terminus "Geschichtspolitik" zwar in den letzten Jahren Eingang in die polnische und russische Politik- und Wissenschaftssprache. Beim Blick nach Frankreich zeigten sich hingegen deutliche konzeptionelle Differenzen.

Als Antwort auf die in der Einleitung formulierten Forschungsdesiderate beleuchten die nachfolgenden Fallstudien Strategien und Formen von Geschichtspolitik in Europa unter den Gesichtspunkten "Akteure der Geschichtspolitik", "Konkurrenz der Opfer", "Meistererzählungen" und "Inszenierungen". Beiträge zu nationalen und regionalen Fallstudien werden ergänzt mit Überlegungen zu Projekten auf EU-Ebene und erzeugen einen multiperspektivischen Einblick in das weitläufige Forschungsfeld.

"Akteure der Geschichtspolitik"



Den ersten Teil "Akteure der Geschichtspolitik" eröffnet Edgar Wolfrum mit einem Fragenkatalog für den wissenschaftlichen Umgang mit diktatorischen Vergangenheiten.[4] Angelehnt an die Ergebnisse des von Wolfrum an der Universität Heidelberg geleiteten Graduiertenkollegs "Diktaturüberwindung und Zivilgesellschaft in Europa" sowie des von ihm mitgestalteten Projekts über geschichtspolitische Maßnahmen der EU-Staaten plädiert er, mit einem Tableau an möglichen Fragestellungen, für eine akteurs- und kontextbezogene Herangehensweise, deren Augenmerk auf der Analyse strafrechtlicher Maßnahmen liegt. Auch François Hartog stellt im anschließenden Beitrag die Perspektive des Historikers in den Fokus seiner Überlegungen.[5] Anders als Wolfrum präsentiert er jedoch keine konkreten Forschungsfragen, sondern fordert mit Blick auf die Multiplikation von geschichtspolitischen Akteuren seit 1989 zu einer kritischen Reflexion über den Status des Historikers in erinnerungskulturellen Diskursen auf.

Am Beispiel regionaler und lokaler Initiativen in polnischen Grenzgebieten zeigt Anna Wolff-Powęska die Vielfältigkeit der sich seit den 1990er Jahren in den post-diktatorischen Gesellschaften des östlichen Europas konstituierenden Zivilgesellschaft auf und präsentiert eine abseits von politischen Entscheidungsträgern agierende Akteursgruppe.[6]

Zum Abschluss des ersten Teils führt Stefan Troebst die Europäische Union sowohl als "Arena wie zugleich als Akteur"[7] geschichtspolitischer Prozesse ein. Anhand der Nachzeichnung der Geschichtspolitik der EU seit der Osterweiterung im Jahr 2004 fragt Troebst nach den Strukturen und Akteuren politischer Aushandlungs- und Entscheidungsprozesse, identifiziert jedoch auch tiefgreifende erinnerungskulturelle Trennlinien und Fronten innerhalb der europäischen Gemeinschaft.

"Konkurrenz der Opfer"



Mit einer gesamteuropäischen Problematik, der sogenannten "Konkurrenz der Opfer", befasst sich der gleichnamige zweite Teil des Sammelbandes. Anhand von neun Thesen führt Włodzimierz Borodziej in das komplexe Wechselverhältnis zwischen Geschichtspolitik und Opferkonkurrenz ein und diskutiert den rasanten Aufstieg des Begriffs in Forschung und Öffentlichkeit während der letzten Jahre. "Nie zuvor", ist Borodziej überzeugt, "nahmen Menschengruppen, die Unrecht erfahren haben, eine derart wichtige Stellung in der europäischen Gesellschaft ein wie zu Beginn des 21. Jahrhunderts."[8] Um den Status des Opfers konkurrierten dabei längst nicht mehr nur von Historikern als Leidtragende identifizierte Gruppen, sondern ganze Nationen sowie Nachfolgegenerationen unterschiedlichster Gemeinschaften. Im Zentrum der teils drastischen Statuskämpfe stünden seit 1989, so Borodziej, die Aufarbeitung der Stalinisierung und Dekolonisierung, deren unterschiedlichen Dynamiken sich die anschließenden Beiträge widmen.

Wie sehr Fragen um Schuld und Opferstatus die Beziehungen von Staaten bestimmen können, zeigt Benjamin Stora am Beispiel des "Erinnerungskrieges" zwischen Frankreich und Algerien. Dieser flammte, als Reaktion auf einen vom damaligen französischen Ministerpräsidenten Lionel Jospin unterstützten Beitrag in der kommunistischen Zeitung L’Humanité, im November 2000 erneut auf, da der Artikel eine öffentliche Verurteilung der im Namen Frankreichs begangenen Folter in Algerien forderte. Anhand der Dokumentation der medialen, politischen und wissenschaftlichen Diskussionen der Debatte zeichnet Stora ein Panorama der Akteure und Streitlinien des transnationalen Konflikts. Mit der abschließenden Kritik, es fehle bis heute an einer unparteiischen Geschichtsschreibung auf beiden Seiten, appelliert Stora zudem an die Historikerzunft dazu beizutragen, "dass an der Zukunft gearbeitet und die Vergangenheit als abgeschlossene Realität betrachtet werden kann."[9]

In seiner "Fallstudie zur deutschen Vergangenheitspolitik"[10] beleuchtet Wojciech Pięciak den Aufarbeitungsprozess der DDR-Vergangenheit aus sozialpolitischer Perspektive. Am Beispiel der Regelung der Stasi-Renten, die 2005 durch den Bundestag verabschiedet wurde, zeigt Pięciak nicht nur die Besonderheit der deutsch-deutschen Vergangenheit auf, sondern öffnet die Perspektive auf aktuelle Entwicklungen in Polen. Anhand des konfliktreichen polnisch-russischen Verhältnisses seit 1989 erörtert auch Wolfram von Scheliha den geschichtspolitischen Kurs Polens.[11] Im Mittelpunkt stehen dabei die Erinnerungen an die Jahre 1939/40, deren gegensätzliche Bewertung in Russland und Polen im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts zu geschichtspolitischen Konfrontationen führten und den transnationalen Dialog bis heute erschweren.

Mit der Ukraine präsentiert Tomasz Stryjek eine postsowjetische Gesellschaft, deren Eliten durch vergangenheitspolitische Maßnahmen einen kollektiven Erinnerungswandel anstreben.[12] In seiner Analyse der Geschichtspolitik unter dem ehemaligen Präsidenten Juschtschenko verdichtet Stryjek diese auf die Identifikationspfeiler "Opfer" und "Helden", die einerseits an den Holodomor (dt.: Tötung durch Hunger) – die sowjetische Hungersnot der Jahre 1932-33 –, andererseits an die antisowjetischen Kämpfe in den 1930er und 1940er Jahren anknüpften. Damit zeigt er zwei Instrumentalisierungen von Geschichtspolitik auf: als strategisches Mittel zur nationalen Einigung und zur Abkehr von der sowjetischen Vergangenheit.

Unter dem Titel "Europa als gemeinsamer Ort der Erinnerungen?"[13] problematisiert Pieter Lagrou das Phänomen der Opferkonkurrenz abschließend aus gesamteuropäischer Perspektive. Kritisch konstatiert er, die gemeinsamen Gedenkinitiativen und Erinnerungsdiskurse der EU-Mitgliedsstaaten seien fast ausschließlich auf die Kategorie des Opfers ausgerichtet. Anstelle dieser rivalisierenden Gegenüberstellungen von Gedenken und Vergessen einzelner Gruppen fordert Lagrou eine Neuausrichtung der europäischen Erinnerung und damit eine "neue dynamische Konzeption von Geschichte".[14]

"Meistererzählungen"



Eine Fokussierung auf das Opfergedenken stellt auch Martin Sabrow im ersten Beitrag des dritten Teils "Meistererzählungen" fest.[15] In dieser erinnerungskulturellen Verschiebung vom Helden zum Opfer sieht Sabrow nicht nur einen okzidentalen Trend, sondern einen paradigmatischen Wandel der Geschichtskultur. Dabei charakterisiert Sabrow Europa als postheroische Gedächtnisgesellschaft, die sich mit dem Anspruch der Aufarbeitung und Erinnerung der Vergangenheit gegen das Vergessen stellt.

Am Beispiel des Umgangs mit der eigenen kolonialen Vergangenheit in Frankreich seit 1999 diskutiert Matthias Middell eine weitere Veränderung in den europäischen Erinnerungslandschaften.[16] Im Zuge der Dekolonisierungsprozesse und Einwanderungen aus den ehemaligen Kolonialgebieten in die sogenannte Metropole habe nicht nur eine Transnationalisierung der Gesellschaft, sondern auch eine Transnationalisierung des Gedächtnisses stattgefunden. Anhand der verschiedenen geschichtspolitischen Maßnahmen wie den umstrittenen Gesetzgebungen über die Deutung der Vergangenheit – die Anerkennung des Völkermordes an den Armeniern, die Verurteilung des Sklavenhandels als Verbrechen gegen die Menschlichkeit, vor allem aber die Forderung einer Fokussierung auf die positiven Aspekte des französischen Kolonialismus im Schulunterricht – und der Einführung von Gedenktagen zeigt Middell wie in Frankreich nach Lösungsansätzen für das Aufbrechen der nationalen Erinnerungslandschaft gesucht wird.

Michael Kopeček widmet sich anschließend der zentralen erinnerungskulturellen Herausforderung im östlichen Mitteleuropa, der Auseinandersetzung mit der kommunistischen Vergangenheit. Am Fallbeispiel Tschechien erörtert er die Etappen der Geschichtspolitik seit 1989, deren Ausrichtungen er zwischen dem nationalgeschichtlichen Paradigma und einer wachsenden "Ostalgie" seit der Jahrtausendwende verortet. Ein kritisches Resümee zieht Kopeček in Bezug auf die Institute der nationalen Erinnerung, deren Zielsetzung, "eine ganz spezielle Version der ‚nationalen Erinnerung’ zu schaffen und zu kultivieren",[17] er als unvereinbar mit einer pluralistischen politischen Bildung bewertet.

In seinem Beitrag über die Rhetorik der politischen und intellektuellen Rechten Portugals zeigt Manuel Loff die Bedeutung des Epochenjahrs 1989 für die Erinnerung an die eigene autoritäre Vergangenheit auf. Loff konstatiert, der Zusammenbruch der DDR sei von den politischen Führern um Cavaco Silva als Kontext zur Schaffung einer "Art Deckerinnerung"[18] instrumentalisiert worden. Anstatt Parallelen zwischen der Diktatur in der DDR und dem Regime unter Salazar aufzuzeigen, bezeichnete Premierminister Silva in seiner Ansprache an die parlamentarische Linke die revolutionäre Phase nach dem Sturz Salazars als "die portugiesische Version des kommunistischen Totalitarismus".[19] Nicht die Diktatur Salazars sei so zum Gegenstand geschichtspolitischer Kritik geworden, sondern die 18-monatige kommunistische Revolutionsperiode 1974/75.

Im letzten Artikel zur Thematik der "Meistererzählungen" fragt Bo Stråth nach gemeinsamen Mustern der Geschichtsschreibung und Erinnerungspolitik in den nordischen Ländern.[20] Ausgehend von den teils gegensätzlichen Rahmenbedingungen während des Zweiten Weltkrieges – von der deutschen Besetzung Dänemarks und Norwegens bis zur Kollaboration Finnlands mit Deutschland – präsentiert Stråth zunächst die Entwicklung der unterschiedlichen Nachkriegsmythen in Dänemark, Norwegen, Schweden, Finnland und Island. Im Vergleich mit den Erinnerungskonstruktionen (Historikerstreit und Vergangenheitsbewältigung) in der Bundesrepublik Deutschland nach 1945 erörtert Stråth daran anschließend Kontinuitäten und Diskontinuitäten innerhalb der nationalen Selbstverständnisse der untersuchten Länder. Mithilfe der daraus entstehenden Zusammenschau der Debatten zwischen akademischen und nicht-akademischen geschichtspolitischen Akteuren um Widerstand, Neutralität und Kollaboration illustriert Stråth sowohl die Vielfalt der Erinnerungslandschaften als auch einen nordischen Skeptizismus gegenüber Europa.

"Inszenierungen"



In der Eröffnung des vierten Teils "Inszenierungen" hinterfragt Joachim Baur das Verhältnis von Geschichtspolitik und Museen.[21] In seinen Ausführungen zu aktuellen Entwicklungen innerhalb der Museumspraxis betont er die ambivalente Rolle von Museen, die sowohl Instrumente geschichtspolitischer Strategien als auch Räume des Aushandelns von Deutungen seien. Er plädiert für ein Verständnis von Museen als Arenen geschichtspolitischer und gesellschaftlicher Kontroversen. In ihrem Beitrag über die Darstellung der Verfolgung von Juden während des Zweiten Weltkrieges in Warschauer Museen greift Monika Heinemann diese komplexe Funktion auf und fragt, inwiefern museale Ausstellungen Diskussionen um historische Narrative und Nationskonzepte widerspiegeln können.[22] Am Fallbeispiel der musealen Aufbereitung der Geschichte des Warschauer Ghettos kritisiert sie die Ausrichtung aktueller Ausstellungen als einem konservativen, ethnisch-nationalen Nationsverständnis verhaftet und begrüßt das Konzept der Galerie des Holocausts des Museums der Geschichte der polnischen Juden in Warschau als eine vielversprechende Alternative in der Darstellung der polnisch-jüdischen Beziehungen im Krieg.

Haus der Europäischen GeschichteSiegerentwurf im Wettbewerb um das Haus der Europäischen Geschichte in Brüssel von JSWD Architekten Köln (© JSWD Architekten)
Über nationale Konzepte der musealen Geschichtsaufbereitung hinausgehend diskutieren sowohl Camille Mazé[23] als auch Georg Kreis[24] in ihren Beiträgen aktuelle Entwicklungen der Museumspolitik auf europäischer Ebene. Am Beispiel der seit den 1990er Jahren anhaltenden Bestrebungen zur Europäisierung nationaler Museen und zur Schaffung von Europamuseen identifiziert Mazé zunächst ein Dilemma der europäischen Geschichtspolitik: So böten die veränderten und neugeschaffenen Museen zwar vielfältige Möglichkeiten zur Gestaltung europäischer Erinnerungsorte. Bislang seien die verschiedenen Projekte, ob in Berlin, Brüssel oder Marseille, jedoch vor allem von den nationalen Erinnerungslandschaften, in denen sie entstanden sind, geprägt. Eine über diese nationalen Kontexte hinausreichende, klare Vorstellung von Europa existiere hingegen nicht. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch Georg Kreis und fragt, welche Bedeutungen Museen für den Prozess der europäischen Integration haben. Anhand der 2007 eröffneten Ausstellung sowie dem sich noch in der Umsetzung befindlichen Haus der Europäischen Geschichte in Brüssel, dem Musée des civilisations de l’Europe et de la Méditerranée in Marseille und dem Bauhaus Europa in Aachen führt Kreis die vielgestaltigen Kritiken und Problematiken rund um die Realisierung der Initiativen vor und macht deutlich, dass bislang keines der Projekte Kritiker und Publikum überzeugen konnte.

Monika Flacke benennt in ihrem Beitrag zur Bildbenutzung schließlich ein essenzielles Problem musealer Geschichtsaufbereitung. Fotografien und andere bildliche Darstellungen würden in vielen Fällen ohne die Berücksichtigung ihres Entstehungskontextes und der bildeigenen Narrative in Ausstellungen eingebunden. Eine solche unreflektierte Verwendung ikonografischer Quellen unterschätze jedoch die Deutungsmacht von Bildern. Diese seien keineswegs simple Illustrationen der Ausstellungstexte, sondern transportierten eigene Interpretationen und Perspektiven auf das Vergangene. Ohne einen kritischen Umgang mit ihnen trügen Ausstellungen zur Aktualisierung von "tradierten Gedächtnismodelle[n] [bei], statt sie zu dekonstruieren".[25]

Multiperspektivität



Im abschließenden Resümee bündelt Etienne François ("Geschichtspolitik und Erinnerungskultur in Europa heute", S. 541-558) die innerhalb des Sammelbandes aufgeworfenen Fragen und Thesen zu Geschichtspolitik und Erinnerungskulturen in Europa seit 1989.[26] Trotz der zahlreichen gesamteuropäischen Entwicklungen wie der Betonung des Opfers anstelle der Täter, der Fokussierung auf Ereignisse des 20. Jahrhunderts und den gegenseitigen Bezugnahmen aufeinander in geschichtspolitischen Diskussionen stellt François eine anhaltende Bedeutung der Nation als erinnerungskulturellen Referenzrahmen fest. Das heutige Europa bewege sich daher zwischen nationalen Teilungen und Besonderheiten, trete aber immer häufiger auch als selbstständige Erinnerungsgemeinschaft hervor.

Diese Komplexität und Ambivalenz geschichtspolitischer Strategien und Diskurse innerhalb Europas nicht nur abzubilden, sondern auch in vergleichender Perspektive zu analysieren, war das erklärte Ziel des Sammelbandes. Dabei zeigen die 22 Beiträge ein beeindruckendes Panorama der seit 1989 in Europa und vor allem im Kontext der EU-Osterweiterung diskutierten erinnerungskulturellen Konflikte und Maßnahmen sowie der zahlreichen involvierten Akteure. Die Unterteilung des Bandes in vier Fragenkomplexe ist aufgrund der Zahl der Beiträge eine hilfreiche Strukturierung. Darüber hinaus benennen die Herausgeber hiermit die vier Kernproblematiken der Geschichtspolitik, die seit 1989 im gesamteuropäischen Kontext zu beobachten sind und innerhalb des Bandes eingehend behandelt werden.

Eine besondere Stärke des Bandes besteht zudem in der Multiperspektivität der versammelten Studien. So stehen Beispiele nationalstaatlicher Vergangenheitspolitik, wie die Regelung der Stasi-Renten (Wojciech Pięciak) oder der Umgang mit der kolonialen Vergangenheit in Frankreich (Matthias Middell), regionalen Studien, etwa über polnische Grenzgebiete (Anna Wolff-Powęska), gegenüber. Gleichzeitig öffnen Beiträge zu transnationalen Konflikten wie dem polnisch-russischen Geschichtsdiskurs (Wolfram von Scheliha) und gesamteuropäischen Fragestellungen (Pieter Lagrou) den Blick über nationalstaatliche Grenzen hinweg. Durch dieses Wechselspiel auf vier Ebenen schafft es der Sammelband nicht nur nationale Besonderheiten abzubilden, sondern auch staatenübergreifende Entwicklungen und Dynamiken aufzuzeigen.

Trotz der thematisch und geografisch breit gefächerten Auswahl an Beiträgen überwiegen jedoch Studien, die sich auf die neuen EU-Mitgliedsstaaten seit der EU-Osterweiterung beziehen, sodass das Konzept des trinationalen Vergleichs zwischen Deutschland, Frankreich und Polen zugunsten einer Schwerpunktsetzung auf den postsowjetischen Raum in den Hintergrund tritt. Zwar ist eine Betonung der besonderen Herausforderungen innerhalb der postsowjetischen Gesellschaften mit Blick auf das Epochenjahr 1989 nachvollziehbar, aufgrund der Vielzahl der hierzu versammelten Studien kommt es jedoch teilweise zu inhaltlichen Überschneidungen. Schließlich wäre eine intensivere Auseinandersetzung mit dem Forschungsfeld Geschichtspolitik aus europäischer Perspektive wünschenswert gewesen, da sich die Einleitung vorrangig den Entwicklungen in Deutschland widmet und eher streiflichtartig auf französische und polnische Unterschiede verweist. In seiner Konzeption bleibt der Sammelband somit primär deutschen Ansätzen verhaftet und benennt die Problematiken transnationaler Geschichtsschreibung mehr als zu ihrer Lösung beizutragen. Trotzdem schafft es der Sammelband insgesamt das kontroverse Forschungs- und Politikfeld Geschichtspolitik in seiner europäischen Vielfältigkeit darzustellen und zur Schließung bestehender Forschungslücken anzuregen.

Zitierweise: Marie-Christin Lux, Rezension: Geschichtspolitik in Europa seit 1989, in: Deutschland Archiv, 30.05.2014, Link: http://www.bpb.de/184550


Fußnoten

1.
Tagungsbericht Strategien der Geschichtspolitik in Europa seit 1989. Deutschland, Frankreich und Polen im internationalen Vergleich, 08.-10.11.2007, Berlin, in: H-Soz-u-Kult, 30.01.2008, http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=1858, letzter Zugriff am 27.01.2014.
2.
Stefan Troebst, Geschichtspolitik. Politikfeld, Analyserahmen, Streitobjekt, S. 15-36, hier S. 34.
3.
Ebd., S. 20.
4.
Edgar Wolfrum, Der Geschichtspolitik auf der Spur. Ein Fragenkatalog dafür, wie der Umgang mit diktatorischen Vergangenheiten erforscht werden kann, S. 37-48.
5.
François Hartog, Die Gegenwart der Historiker der Gegenwart, S. 49-67.
6.
Anna Wolff-Powęska, Strategien der Erinnerung in Polen – die zivilgesellschaftliche Alternative, S. 68-93.
7.
Stefan Troebst, Die Europäische Union als "Gedächtnis und Gewissen Europas"? Zur EU-Geschichtspolitik seit der Osterweiterung, S. 94-155, hier S. 95.
8.
Włodzimierz Borodziej, Geschichtspolitik und "Konkurrenz der Opfer", S. 159-168, hier S. 159.
9.
Benjamin Stora, Die Rückkehr der Erinnerungen an den Algerienkrieg in Frankreich und Algerien, S. 169-199, hier S. 199.
10.
Wojciech Pięciak, Stasi-Renten: eine Fallstudie zur deutschen Vergangenheitspolitik, S. 200-220.
11.
Wolfram von Scheliha, Die List der geschichtspolitischen Vernunft. Der polnisch-russische Geschichtsdiskurs nach 1989, S. 221-263.
12.
Tomasz Stryjek, Opfer und Helden – vergangenheitspolitische Strategien der ukrainischen Eliten, S. 264-297.
13.
Pieter Lagrou, Europa als gemeinsamer Ort der Erinnerungen? Opferstatus, Identität und Emanzipation von der Vergangenheit, S. 298-308.
14.
Ebd., S. 308.
15.
Martin Sabrow, Die postheroische Gedächtnisgesellschaft. Bauformen des historischen Erzählens der Gegenwart, S. 311-322.
16.
Matthias Middell, Frankreichs Erinnerungslandschaft und die koloniale Vergangenheit, S. 323-355.
17.
Michael Kopeček, Von der Geschichtspolitik zur Erinnerung als politischer Sprache. Der tschechische Umgang mit der kommunistischen Vergangenheit nach 1989, S. 356-395, hier S. 394.
18.
Manuel Loff, 1989 im Kontext portugiesischer Kontroversen über die jüngste Vergangenheit. Die rechte Rhetorik der zwei Diktaturen, S. 396-426, hier S. 402.
19.
Ebd., S. 397.
20.
Bo Stråth, Geschichtspolitik und Gründungsmythen in den nordischen Ländern. 1989 im Rückblick, S. 427-448.
21.
Joachim Baur, Museum – Bühne – Arena. Geschichtspolitik und Musealisierung im Zeichen von Globalisierung und gesellschaftlicher Pluralisierung, S. 451-469.
22.
Monika Heinemann, Die Musealisierung des Ghettos. Die Darstellung der Verfolgung von Juden während des Zweiten Weltkrieges in Warschauer Museen, S. 470-490.
23.
Camille Mazé, Zwischen Geschichts- und Gedächtnispolitik. Die Europäisierung nationaler Museen, S. 491-513.
24.
Georg Kreis, "Europa" ausstellen? Zum Werdegang eines supranationalen Museumsprojekts, S. 525-537.
25.
Monika Flacke, Bildbenutzungen, S. 514-524, hier S. 523.
26.
Etienne François, Geschichtspolitik und Erinnerungskultur in Europa heute, S. 541-558.
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