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Migration aus der Türkei: psychologische Prozesse der Beheimatung in Deutschland


14.2.2017
Heute leben rund drei Millionen Türkeistämmige in Deutschland, von denen etwa die Hälfte die deutsche Staatsbürgerschaft hat. Doch wie gut sind sie hier nicht nur physisch, sondern auch psychisch angekommen? Wie sehr sind sie ihrer Heimat noch verbunden und was bedeutet eigentlich Integration? Diesen Fragen geht der Psychologe und Migrationsforscher Haci-Halil Uslucan in diesem Beitrag nach.

Mitglieder der türkischen Gemeinde demonstrieren für mehr Rechte vor dem Bundesinnenministerium in Berlin am Mittwoch, 31. Januar 2007.Mitglieder der türkischen Gemeinde demonstrieren für mehr Rechte vor dem Bundesinnenministerium in Berlin am Mittwoch, 31. Januar 2007. (© AP)

Historisch betrachtet sind die deutsch-türkischen Beziehungen mehr als 300 Jahre alt, auch wenn die häufigsten Referenzen sich auf die berüchtigte „Waffenbrüderschaft“ im ersten Weltkrieg und dann auf die Gastarbeiteranwerbung ab 1961 und dessen Folgen beziehen. Gegenwärtig leben bereits schon in der vierten Generation rund drei Millionen Türkeistämmige in Deutschland, von denen etwa die Hälfte die deutsche Staatsbürgerschaft hat.[1] Doch wie gut sind sie hier nicht nur physisch, sondern auch psychisch angekommen? Betrachten sie Deutschland als ihre Heimat und wie stark sind sie noch an ihre Herkunft gebunden? Was sind die zentralen Hürden der Beheimatung? Wie kann es sein, dass hier aufgewachsene junge Türken auf Veranstaltungen oder Demonstrationen von Organisationen, die der AKP (Adalet ve Kalkinma Partisi; Gerechtigkeits- und Fortschrittspartei) nahe stehen, türkische Fahnen schwenken und aus ihrer Begeisterung für die Heimat ihrer Eltern kein Hehl machen? Läuft hier etwas falsch mit der Integration, oder sind unsere Annahmen einer allmählichen Angleichung von Einheimischen und Zugewanderten fehlgeleitet? Genau auf diese Fragen wird sich der folgende Beitrag aus einer psychologischen Perspektive konzentrieren.

Deutschland als das neue Zuhause der Türkeistämmigen?



Wann sind türkeistämmige Migranten in Deutschland eigentlich integriert? Welche Anstrengungen müssen sie (noch) leisten? Wieweit sind Fortschritte der Integration nur von ihnen und wieweit von Institutionen und Vertretern der Mehrheitsgesellschaft abhängig? Und was meinen wir eigentlich mit Integration? Solche Fragen gehören zum Grundrepertoire der Integrationsforschung. Dabei wird jedoch stillschweigend von einer unilinearen Perspektive ausgegangen. Angenommen wird, dass mit einer Auswanderung in ein anderes Land sowohl die Eltern als auch ihre Kinder im Laufe der Zeit ihre im herkunftskulturellen oder familialem Kontext erworbenen Kompetenzen, Kenntnisse und Orientierungen im Leben Stück für Stück ablegen und sich stattdessen allmählich Schlüsselkompetenzen sowie Verhaltensstandards der Aufnahmekultur aneignen, also quasi eine "neue Sozialisation" durchlaufen.

In dieser Konzeption gibt es eine klare "mentale Linie": Die Betreffenden bewegen sich weg von einem kulturellen Referenzrahmen und hin zu einem anderen. Unausgesprochen wird mit der Fokussierung der Integrationsfrage auf Zuwanderer davon ausgegangen, dass die "Einheimischen" alle "irgendwie integriert" seien. Doch diese Beschreibung ist in keiner Weise imstande, die Vielfalt der Orientierungen von Zuwanderern angemessen wiederzugeben, und sie verkennt die Tatsache, dass soziale Desintegration von Gruppen auch unabhängig von Zuwanderung existiert.

Doch bleiben wir zunächst bei den Zuwanderern: Diese sind in ihrem Alltag häufig in mindestens doppelte soziale und kulturelle Bezugsnetze involviert; darüber hinaus manchmal sogar in transnationale Netzwerke, die jenseits von Aufnahme- und Entsendekultur liegen, so beispielsweise Türkeistämmige, die aus Deutschland Netzwerke nach Belgien, Frankreich, Holland oder Großbritannien unterhalten.

Zuwanderer haben also in ihrem "mentalen Haushalt" zum einen Position gegenüber Einstellungen und Verhaltensstandards der eigenen Herkunftskultur beziehungsweise der Herkunftskultur der Eltern zu beziehen; Oft werden sie in ihrem Alltag von den Einheimischen auch immer daran "erinnert", wenn sie beispielsweise Fragen hinsichtlich ihrer "Herkunftskultur" ausgesetzt sind und dadurch zum "Anderen" gemacht werden. Aber sie haben auch unabhängig davon individuell ihr Verhältnis zur Aufnahmegesellschaft zu gestalten. Mit Blick auf diese Gestaltungsoptionen haben die Migrationsforscher Berry, Kim, Minde und Mok vier idealtypische Formen unterschieden: Integration (Öffnung gegenüber der neuen Kultur und zugleich ein starker Wunsch, eigenkulturelle Referenzrahmen aufrechtzuerhalten), Assimilation (Hinwendung zur Aufnahmekultur und Ablehnung der herkunftskulturellen Bezüge), Separation (klare Abgrenzung zur Mehrheitsgesellschaft und gleichzeitig eine Hinwendung zur eigenen beziehungsweise elterlichen ethnischen Herkunft) und Marginalisierung (sowohl eine Abgrenzung von mehrheitsgesellschaftlichen Lebensentwürfen als auch eine Abgrenzung von herkunftsspezifischen Einstellungen und Verhaltensstandards).[2]

Es ist jedoch davor zu warnen, diese verschiedenen Optionen intentionalistisch fehlzudeuten, und zwar dahingehend, dass sie stets als Produkt des spezifischen Willens des Einzelnen zu betrachten seien. Sie können vielmehr auch eine Folge der Erfahrungen mit Handlungsbarrieren in der Aufnahmegesellschaft beziehungsweise auch expliziter gesellschaftlicher Exklusion sein (wie bei der Separation). Ebenso können sie dem Mangel eigenethnischer Netzwerke geschuldet sein (wie bei der Assimilation oder auch der Marginalisierung).

Nicht zuletzt können diese Optionen auch bereichsspezifisch variieren: So mag beispielsweise in einigen Lebensbereichen, etwa in der Freundschaft, die eigenethnische Option vorherrschend sein, wenn Migrantenjugendliche ihre Freunde oder spätere Partner aus dem eigenen Herkunftskontext wählen. In anderen Bereichen jedoch, so in der sprachlichen Orientierung, können wiederum bei ihnen mehrheitsgesellschaftliche Ausrichtungen vorherrschen, indem sie trotz Beherrschung der familialen Herkunftssprache untereinander eher durchgehend deutsch sprechen.

Ferner kann die sprachliche und soziale Integration gut gelungen, aber die Integration in den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt eher misslungen sein; Denkbar ist auch der Fall, dass beispielsweise durch Selbstständigkeit eine gute berufliche Integration erfolgt beziehungsweise hergestellt ist, jedoch eine (gewünschte) Einbindung in multiethnische Vereine, Verbände, Freundschaften, Partnerschaften weniger gelungen ist. Das verdeutlicht also: Integration ist kein "Sekt-oder-Selters" Phänomen, sondern hat graduelle Ausprägungen in verschiedenen Lebensbereichen. Nicht zuletzt ist – in Anlehnung an Michael Bommes[3] – festzuhalten: Die psychologische Integration (von Mehrheiten wie Minderheiten) ist auch ein temporäres Phänomen, das heißt Menschen sind stets in bestimmten für sie bedeutsamen sozialen Konstellationen in gesellschaftliche Zusammenhänge integriert, genießen aber darüber hinaus auch Freiräume jenseits enger sozialer Einbindungen. Vor diesem Hintergrund ist es natürlich nur selbstverständlich, dass auch Migranten manchmal einfache "Couch-potatoes" sind und sich nicht in der Verantwortung sehen, immer und zu allen Fragen sich gesellschaftlich, kulturell, ethnisch positionieren und ihren "integrativen Anteil" dokumentieren zu müssen, sondern sich temporär in individuelle Nischen zurückziehen können.

Makrofaktoren – nicht vernachlässigen



Die Fokussierung auf die individuelle Ebene ist jedoch auch aus einem anderen Grund irreleitend: Denn jenseits individueller Wirkfaktoren sind auf der Gruppenebene sogenannte Makrobedingungen wirksam, die den Ausgang von Akkulturationsprozessen mitbeeinflussen. Denn der Mensch nimmt immer auch eine spezifische Geschichte seines Landes, seiner Kultur in das neue Land mit. Deshalb sind die jeweiligen politischen und ökonomischen Kontexte hier ebenfalls relevant: Kommen Menschen aus eher demokratisch verfassten oder aus autoritären Regimen nach Deutschland? Welche (bösen) Erfahrungen haben sie unter anderem mit staatlichen Institutionen, Behörden in ihrem Herkunftsland oder auch bei der Ankunft in Deutschland gemacht, die ihre (misstrauische) Haltung zum Staat beeinflussen? Wie groß ist das ökonomische Gefälle zwischen Herkunftsland und der neuen Heimat? Welche soziale Position hatten sie in der "alten" Heimat und welche haben sie in der "neuen" Heimat?

Darüber hinaus hängen die Geschwindigkeit und der Modus der Integration auch von Faktoren wie kultureller Distanz zwischen Aufnahme- und Entsendelandkultur ab: Je größer die Distanz, je unähnlicher die sozialen Kontexte einander sind, desto schwieriger gestalten sich die Akkulturationsprozesse. Beispielsweise müssen türkische Migranten nicht nur einen Prozess der lebensweltlichen Reorientierung in Deutschland durchmachen, sondern in der Regel auch ein höheres Maß an technologischem Entwicklungsgefälle sowie symbolisch-kultureller Distanzen (Sprache, religiöse Orientierung, Wertvorstellungen) überbrücken als spanische oder italienische Migranten, insbesondere wenn sie aus strukturell weniger entwickelten Regionen der Türkei nach Deutschland (und dann eventuell direkt in eine Großstadt) kommen.

Der zu Beginn stark empfundene Akkulturationsstress lässt sich in der ersten Phase durch einen Rückzug in landsmannschaftliche Gruppen mildern, weil dort ein Stück weit die kulturellen Habitualisierungen fortgeführt werden können und wenig psychischer Änderungsdruck besteht. Deshalb sind eigenethnische Netzwerke zunächst recht funktional - langfristig jedoch, wenn die dort erworbenen und gestärkten Ressourcen und Kompetenzen sich in mehrheitsgesellschaftliche Netzwerke nicht übertragen lassen, ist die Gefahr der Isolation und Segregation von der Aufnahmegesellschaft groß.

Zwar ist der Akkulturationsstress dort stärker, wo die Diskrepanzen zwischen Herkunfts- und Aufnahmelandkultur auch größer sind, jedoch ist vor Augen zu führen, dass gerade pluralistische Gesellschaften wie die Bundesrepublik, die eine hohe Toleranzschwelle für andersartige Lebensweisen haben, andere Norm- und Moralvorstellungen erlauben, ein Teil des Stresses auch gut abpuffern können. Insofern müsste es im genuinen Eigeninteresse von Zuwanderern liegen, Pluralität der Lebensformen in Deutschland nicht nur gutzuheißen, sondern auch aktiv zu fördern.

Messbare Integration



Gegenwärtig wird der Begriff der "Integration" immer mehr als Ausdruck der gleichberechtigten gesellschaftlichen Teilhabe in zentralen Handlungsfeldern wie Arbeit, Bildung, Wohnen und politische Partizipation verstanden und nicht verengt als eine einseitige Bringschuld der Zuwanderer. Vor diesem Hintergrund könnte eine "ideale" Integration daran festgemacht werden, dass in zentralen Bereichen des Lebens die Verteilung von Zuwanderern demselben Muster gehorcht wie der Einheimischen; das heißt sowohl die Erwerbs- und Bildungsbeteiligung als auch die -erfolge darin, sowie das Ausmaß an Pathologie, Anomie und Devianz, statistisch keine bedeutsame Abweichung von der Verteilung in der einheimischen Bevölkerung aufweist.

Trotz dieser differenzierten Aufschlüsselung der Optionen von Migranten ist natürlich im Blick zu behalten, dass diese nicht in einem sozialen Vakuum handeln, sondern ihre Handlungen ihrerseits stets mit Erwartungen, vorangegangenen Handlungsmustern sowie konkreten Erfordernissen der Aufnahmegesellschaft abstimmen müssen. Es gilt also, die vielfältigen Akkulturationsorientierungen der Einheimischen mit zu reflektieren. Dies verdeutlicht, von welchen individuellen, sozialen und institutionellen und nicht immer steuerbaren Faktoren die gesellschaftliche Einbindung von Zuwanderern abhängt.

Folgende, bislang zu wenig thematisierte, Aspekte sind für gelingende Integrationsprozesse unabdingbar:

Erstens: Welche Sprachkenntnisse der jeweiligen Landessprache und wie viel Wissen über das neue Land sind vorhanden, um sich im Alltag und in Interaktionen behaupten zu können?

Zweitens: Gibt es bereits Netzwerke, Freunde, Verwandte in dem neuen Land? Vor allem können diese in der ersten Phase der Ankunft den Stress enorm lindern und Solidarpotenziale entfalten, was beispielsweise in der gegenwärtigen Flüchtlingsintegration mit Blick auf die Wohnortzuweisung angemessen berücksichtigt werden müsste.

Drittens: Ist die Migration freiwillig oder ist der Druck zur Auswanderung so groß gewesen, dass keine Alternative zum Bleiben gesehen wurde? Je nachdem, wie stark der Einzelne in die Migrationsentscheidung selbst eingebunden war, ist auch mit unterschiedlicher Verantwortungsübernahme für den Erfolg der Migration und der Integration zu rechnen. So kann beispielsweise eine unfreiwillige Migration etwa als Jugendlicher ein Hinweis auf eine starke hierarchische Familienform sein, was eine Integration erschwert, während die Freiwilligkeit der Migration Offenheit für neue Erfahrungen signalisieren kann. Aber auch eine unfreiwillige Migration etwa als Flüchtling kann Schwierigkeiten bereiten, weil eine (sprachliche, kognitive, emotionale) Vorbereitung im eigenen Land in der Regel fehlte.[4] Eine proaktive, eigeninitiierte Migration ist eher mit einem gelingenden Akkulturationsverlauf assoziiert als eine reaktive, unfreiwillige Migration, weil bei einer selbst initiierten Migration das Kontrollbewusstsein stärker in der Person verankert ist, also die Person sich selber als Verursacher von Ereignissen und nicht als "Getriebener" betrachtet.[5]

Viertens: Wie realistisch oder überzogen sind die mit der Auswanderung beziehungsweise Einwanderung verbundenen Erwartungen? So hatte zum Beispiel ein Großteil der türkeistämmigen Zuwanderer die Vorstellung, nach einigen Jahren wieder zurückzukehren. Zugleich sah auch die Einwanderungspolitik der Bundesrepublik in den ersten Jahren einen nur zweijährigen Aufenthalt vor, was einer Verwurzelung in dem neuen Land, einer Herstellung und Intensivierung sozialer Kontakte, Freundschaften, Bekanntschaften und so weiter eher hinderlich war.

Fünftens: Welche schulische beziehungsweise berufliche Bildung wird mitgebracht, die als Ressource dienen kann und die eine schnelle soziale Platzierung erlaubt? Je höher die mitgebrachten Bildungsressourcen, desto besser wird die soziale Eingliederung erfolgen.

Sechstens: Wie stark sind individuelle psychologische Merkmale, wie etwa Selbstwirksamkeitserfahrungen, Ängstlichkeit und Coping-Strategien ausgeprägt? Wie geht man als Einzelner mit Herausforderungen um? Das sind Variablen, die jenseits von kultureller oder sozialer Zugehörigkeit interindividuell unterschiedlich ausgeprägt sind.[6]

Vielfalt der Türkeistämmigen



Kommen wir nach diesen psychologischen Ausführungen auf eine eingangs gestellte Frage zurück: Ist die (politische) Integration von Türkeistämmigen in Deutschland gelungen?

Die Frage lässt sich in dieser Binarität (Ja/Nein) gar nicht beantworten. Die türkeistämmige Community in Deutschland ist enorm heterogen und gespalten, und die manchmal angenommenen Integrationsdefizite hängen in gewissem Maße mit dieser Spaltung zusammen. Dies wird sowohl in den zahlreichen Pro- und Gegen-Erdogan-Demonstrationen, aber auch im Wahlverhalten der hiesigen türkischen Bevölkerung sichtbar: Einerseits verzeichnet die AKP bei den hier lebenden Türkeistämmigen eine Wählerschaft von 50 bis 70 Prozent, die somit etwas höher liegt als die in der Türkei, weshalb Deutschland auch ein begehrter Wahlkampfort für türkische Politiker ist. Andererseits gibt es hier auch eine starke Unterstützung für die oppositionelle HDP (Halklarin Demokratik Partisi; Demokratische Partei der Völker) mit rund 16 Prozent, der politisch eher linksliberalen und den Kurden nahestehenden Partei. Die türkische Sozialdemokratie CHP (Cumhuriyet Halk Partisi; Republikanische Volkspartei), zweitstärkste Kraft in der Türkei mit rund 26 Prozent, scheint für Türkeistämmige in Deutschland kaum eine Rolle zu spielen. Interessanterweise zeigen zugleich eine Vielzahl von Studien des Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung in Essen, dass bei der Präferenz politischer Parteien in Deutschland bei den Türkeistämmigen nach wie vor eine Dominanz sozialdemokratischer und grüner Parteien festzustellen ist und diese Einstellung sich weitestgehend der Haltung der Parteiprogramme zu Fragen von Multikulturalismus, Integration beziehungsweise Minderheitenrechte verdankt.[7]

Diese Differenzen in den parteipolitischen Präferenzen (mit Blick auf die türkische Politik) sind in erster Linie mit den unterschiedlichen Migrationswellen aus der Türkei nach Deutschland zu erklären: In der ersten Phase der Migration, von 1961 bis 1973, rekrutierten sich die damaligen „Gastarbeiter“ eher aus der ländlichen Bevölkerung, die weitestgehend konservativ-islamisch war. Sie waren in der Regel sehr jung, eher gering gebildet – denn in der Türkei gab es bis 1998 nur eine fünfjährige Schulpflicht, die dann zunächst auf acht Jahre und seit 2012 auf zwölf Jahre erhöht worden ist – und organisierten sich mit der Zeit über landsmannschaftliche Vereine (die sich oft als "Kulturvereine" bezeichneten) sowie eine Vielzahl auch über Moscheevereine. Sie bilden in Deutschland heute politisch das zentrale Wählerreservoir der in der Türkei regierenden AKP.

In der zweiten größeren Migrationswelle aus der Türkei, und zwar während und nach dem Militärputsch von 1980, kamen verstärkt Menschen mit einer eher politisch linken Gesinnung oder aus den überwiegend von Kurden bewohnten Gebieten der Türkei und suchten in Deutschland Asyl. Heute stellen neben linksliberalen Intellektuellen kurdische und auch alevitische Gemeinden (aus ihrer historischen Spannung zum sunnitischen Islam) die größten Unterstützungspotenziale für die HDP.

Transnationale Netzwerke, familiale Bindungen und Freundschaftsbeziehungen in die Türkei, sowie bei jungen Menschen ethnisch-kulturelle Rückbesinnungseffekte, führen zu einer stärkeren Ideologisierung des Lebens in der Diaspora. Die räumliche Distanz, der fehlende Bewährungsdruck der Ideologie im Alltag, nähren die Identifikation und Stilisierung der "heimatlichen Größe und Macht".

Das Maß der Integration



Wenn unter diesen Konstellationen in Deutschland von politischen Parteien Türkeistämmige zu mehr Loyalität mit Deutschland aufgefordert werden, ist das zwar verständlich, weil sie daran erinnert werden, dass sie doch die meiste Zeit ihres Lebens hier verbringen und von politischen Ereignissen und lebensweltlichen Bezügen hier mehr tangiert sind, doch wirken solche Aufrufe auch immer ein wenig hilflos. Denn was ist von so einem Appell zu halten?

Wenn wir diese Forderung ernst nehmen und überlegen, wie sie einzulösen wäre, wie also die geforderte emotionale Haltung durch eine äußere Intervention erreicht werden soll, wird uns die Widersinnigkeit deutlich. Die Aufforderung, beispielsweise jemanden zu lieben, gibt keine Gewähr dafür, dass man den anderen auch tatsächlich liebt. Man kann höchstens die Bedingungen günstig gestalten und Hindernisse aus dem Weg räumen. Es kann um die hier zentralen Werte geworben sowie auf ihre Gültigkeit hingewiesen werden. Denn die Kluft zwischen Einstellung und Verhalten wird dann eher geringer, wenn Menschen sich selbst entschließen und sich entsprechende Gedanken machen, wie sie die Ziele erreichen können; weniger hilfreich ist es, wenn diese Ziele ihnen paternalistisch vorgegeben werden.[8]

Es ist eine Binsenweisheit in der Integrationsforschung, die aber immer wieder genannt werden muss: Die zentrale Voraussetzung für eine Identifikation von Zuwandern mit Deutschland bilden im Wesentlichen die staatsbürgerliche, soziale und kulturelle Gleichberechtigung sowie ihre Akzeptanz. Solange wir offene oder subtile Rassismen in der Gesellschaft, "racial profiling", Diskriminierungen in der Bildungs- und Arbeitswelt haben, wird die Identifikation erschwert. Denn unter dieser Bedingung erscheint eine Identifikation für Zuwanderer auch widersinnig: Warum, so fragen sich „Ausgegrenzte“, sollten sie die Normen und Werte jener Gruppe teilen beziehungsweise annehmen, die sie ihrerseits gar nicht in ihrer Mitte haben will? Diskriminierungserfahrungen erzeugen vor allem bei bereits gut integrierten Zuwanderern das Gefühl, dass ihnen trotz ihrer hohen Integrationsleistungen die Zugehörigkeit und Akzeptanz verweigert wird. Dieser Aspekt ist vor einigen Jahren auch in einer niederländischen Studie beschrieben worden, den die Autoren mit "Paradox of Integration" umschrieben haben: Bei den dort befragten ethnischen Gruppen (Türkeistämmige, Marokkaner, Surinamesen) hatten vor allem die besser gebildeten und besser integrierten (mit einer hohen Kontaktdichte zu Einheimischen) weniger positive Einstellungen zu der Aufnahmegesellschaft, weil sie deutlich sensibler gegenüber gesellschaftlicher Diskriminierung und verweigerter Zugehörigkeit waren und die zum Teil (auch in Deutschland) gehässig verlaufenden Diskurse zur Erwünschtheit und Integration von Zuwanderern aufmerksamer verfolgten.[9]

Gleichbehandlung, Chancengleichheit und der Schutz vor Diskriminierung sind eine wesentliche Voraussetzung für eine Gesellschaft, die Vielfalt als Gewinn betrachtet. Loyalitäten und Identifikationen sind kein Nullsummenspiel: Individuen können sich sowohl mit der Herkunfts- als auch mit der Aufnahmegesellschaft identifizieren und je nach Lebenssituation zwischen beiden wechseln. Deshalb ist es sozialpolitisch geboten, Zugehörigkeiten zu stärken. Hierzu ist unter anderem eine aktive Antidiskriminierungspolitik (in den zentralen gesellschaftlichen Feldern wie Arbeit, Bildung, Wohnen und öffentliche Verwaltung/Behörden), eine deutlich authentische und glaubwürdige Kommunikation über die mit Zuwanderung verbundenen Chancen für die Aufnahmegesellschaft sowie die Stärkung der politischen Partizipation von Zuwanderern unerlässlich.

Zitierweise: Haci-Halil Uslucan, Migration aus der Türkei: psychologische Prozesse der Beheimatung in Deutschland, in: Deutschland Archiv, 14.2.2017, Link: www.bpb.de/242587


Fußnoten

1.
Es wird bewusst von "türkeistämmigen" und nicht von "türkischen" Zuwanderern gesprochen, um keine ethnische Homogenisierung der Gruppe vorzunehmen. Denn aus der Türkei sind auch Menschen gekommen, die sich ethnisch selbst beispielsweise als "Kurden" oder als "Lazen" bezeichnen.
2.
John W. Berry, Uichol Kim, Thomas Minde and Doris Mok, Comparative studies of acculturative stress. International Migration Review 21 (1987), S. 491–511.
3.
Michael Bommes, Integration – gesellschaftliches Risiko und politisches Symbol. Aus Politik und Zeitgeschichte 22–23 (2007), S. 3–5.
4.
Rainer K. Silbereisen und Eva Schmitt-Rodermund, Wohlbefinden der jugendlichen Aussiedler, in: Rainer K. Silbereisen, Ernst-Dieter Lantermann und Eva Schmitt-Rodermund (Hg.), Aussiedler in Deutschland. Akkulturation von Persönlichkeit und Verhalten, Opladen 1999, S. 257–275.
5.
Anthony H. Richmond, Reactive Migration: Sociological Perspectives on Refugee`s Movement. Journal of Refugee Studies 10 (1993), S. 7–24.
6.
Vgl. Haci-Halil Uslucan, Psychologische Bedingungen gelingender Integrationsprozesse, in: Christiane Griese und Helga Marburger (Hg.), Interkulturelle Öffnung. Ein Lehrbuch, München 2012, S. 25–40.
7.
Martina Sauer, Partizipation und Engagement. Ergebnisse der elften Mehrthemenbefragung. Eine Analyse im Auftrag des Ministeriums für Arbeit, Integration und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen, Essen 2011.
8.
Haci-Halil Uslucan, Türken in Deutschland: Loyalität per Dekret? Berliner Republik – Das Debattenmagazin 5 (2016), S. 82–83.
9.
Irene ten Teije, Marcel Coenders und Maykel Verkuyten, The paradox of integration: Immigrants and their attitude toward the native population, Social Psychology 44 (2013) 4, S. 278–288.
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Autor: Haci-Halil Uslucan für Deutschlandarchiv/bpb.de
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