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Migration aus Süd- und Südosteuropa nach Westeuropa: Kontinuitäten und Brüche


14.8.2017
Südosteuropa ist vor allem mit Mittel- und Westeuropa durch eine lange Tradition der Migrationen von Menschen in beide Richtungen eng verbunden. Sylvia Hahn macht in ihrem Beitrag die langwährende Verflechtung der beiden Gegenden unseres Kontinents durch vielfältige Migrationsströme deutlich.

„Gastarbeiter" aus Jugoslawien auf dem Frankfurter Hauptbahnhof, 1972„Gastarbeiter" aus Jugoslawien auf dem Frankfurter Hauptbahnhof, 1972 (© picture-alliance / dpa - Bildarchiv)

Julys Geschichte



July M. stammt aus Kičevo in Mazedonien. Sie war Mitte Zwanzig, als sie sich Mitte der 1980er Jahre entschloss, ihrer Tante nach München zu folgen. Es kam dann aber doch anders. Ihre Cousine, die in Linz (Oberösterreich) als Reinigungskraft arbeitete, hatte bereits eine Arbeit für sie in Aussicht. So fuhr July nicht nach München, sondern nach Linz. Hier blieb sie ein knappes Jahr. Dann zog sie nach Salzburg, wo in der Zwischenzeit einer ihrer Brüder als Maler Fuß fassen konnte. Er wohnte mit seiner Familie in einem kleinen Dorf außerhalb von Salzburg. Auch July M. fand in diesem Ort eine Gemeindewohnung und konnte ihren Sohn einige Jahre später aus Mazedonien nachholen. Seit knapp über 30 Jahren arbeitet July M. nun schon als Reinigungskraft in Salzburg. Ihre Ersparnisse investierte sie in einen Hausbau in ihrem Herkunftsort und, wie viele Arbeitsmigrantinnen und -migranten aus Südosteuropa, verbringt sie ihre Urlaube in ihrem Haus in Mazedonien.

July M. ist in vieler Hinsicht ein typisches Beispiel einer im Gefolge der Anwerbeabkommen mit Jugoslawien und der Türkei in den 1960er Jahren nach Deutschland und Österreich gekommenen Arbeitsmigrantin.[1] In den 1960er und frühen 1970er Jahren erfolgte die Anwerbung der „Gastarbeiter“ über Anwerbeagenturen in Jugoslawien und der Türkei, finanziert durch Wirtschaftsverbände oder Unternehmen. Damit sollten eine geregelte Anwerbung und ein zeitlich begrenzter Aufenthalt garantiert werden.

Aber bereits nach einigen Jahren wurde dieses Anwerbesystem sowohl von den Unternehmen als auch von den Arbeitskräften ausgehebelt. Die Rekrutierung der Arbeitskräfte erfolgte immer öfter durch die bereits in Deutschland, Österreich, der Schweiz oder in Frankreich anwesenden Arbeitskräfte selbst. Diese in den Zielländern der Migration lebenden Bekannten oder Familienmitglieder holten, durchaus unterstützt von den Unternehmen, die dadurch Anwerbekosten einsparen konnten, Verwandte oder Freunde als Arbeitskräfte nach. Derartige Kettenmigrationen von einzelnen Familienmitgliedern oder Bekannten aus der Herkunftsregion waren ein typisches Element der Arbeitsmigration aus Südosteuropa. Und: Es waren nicht nur Männer, die kamen, sondern ein nicht ganz unbeträchtlicher Teil waren Frauen. Auch darum war July M. keine Ausnahme. Gerade unter den Arbeitsmigrantinnen und -migranten aus Jugoslawien war der Anteil von Frauen mit rund 30 bis 40 Prozent relativ hoch. Bei den Migranten aus der Türkei war der Frauenanteil etwas niedriger. Es gibt auch Beispiele, dass Männer aus der Türkei ihren Frauen nachfolgten,[2] nicht immer waren es nur die (Ehe-)Männer, die ihre Frauen und Familien nachholten.

July M. war in ihrer Familie aber nicht die einzige, die durch Verwandte einen Arbeitsplatz vermittelt bekam. Ihrem Beispiel ähnlich, folgten andere Familienmitglieder Verwandten in Kettenmigration in die unterschiedlichsten Länder nach. Und sie war auch nicht eine der ersten aus ihrer Familie. Eine der ersten Verwandten von July M., die nach dem Zweiten Weltkrieg als Arbeitsmigrantin Mazedonien verließ, war ihre Tante, die nach Istanbul ging, dort heiratete und mit ihrem Mann in den folgenden Jahrzehnten zwei Fleischereien eröffnete, die bis heute bestehen. Neben den Verwandten in Istanbul leben heute weitere Geschwister und Verwandte von July M. in Linz, Zürich, München, Chicago und in Australien. Ihre Familie ist aufgrund der weitverzweigten Arbeitsmigrationen der einzelnen Familienmitglieder mittlerweile zu einer globalen Familie mit weltweiten Kontakten geworden. Derartige globale familiäre Migrationsnetze lassen sich bei Migranten aus dem südosteuropäischen Raum häufig ausmachen. Vielfach stehen sie im Zusammenhang mit den zeitlich weit zurückgehenden Wanderbewegungen, die in diesem Gebiet Europas aufgrund von Kriegen, Herrschaftsansprüchen und deren Folgen enorm waren. In gewisser Hinsicht sei „die südosteuropäische Wanderungsgeschichte“, wie der Südosteuropa-Spezialist Holm Sundhaussen einmal konstatierte, „über weite Strecken hinweg ein Buch mit sieben Siegeln“.[3] Ein Grund dafür liegt einerseits in den aufgrund der wechselnden Herrschafts- und Staatssysteme unzureichenden statistischen Materialien und andererseits an den vielfältigen ethnischen und religiösen Gruppen, die über den gesamten Balkanraum zerstreut sind und – trotz wiederholter Homogenisierungsbestrebungen – in kein einheitliches nationales Staatsgefüge eingebunden waren und sind. Insbesondere über die zahlreichen kleineren ethnischen Bevölkerungsgruppen ist wenig bekannt; sensible Spurensuchen, wie jene des österreichischen Schriftstellers Karl Markus Gauß, machten eine Anzahl dieser ethnischen Gruppen einer breiteren Öffentlichkeit bekannt.[4]

Traditionslinien und weite Migrationswege



Arbeitsmigration aus jenen Gebieten gab es bereits vor dem 20. Jahrhundert. Handwerker, Händler, Bauarbeiter und andere Arbeitsmigranten kamen verstärkt seit dem 19. Jahrhundert aus Südosteuropa nach Mittel- und Westeuropa. Berühmt und in vielen Städten Europas anzutreffen waren zum Beispiel die zahlreichen Wanderhändler oder die aromunisch-griechischen Kaufleute mit ihren begehrten Textilien oder anderen Produkten. Im 19. Jahrhundert stellte der südosteuropäische Raum auch ein wichtiges Experimentierfeld für aufstrebende Unternehmer aus dem zentraleuropäischen Raum dar. Neben intensiven Handelsbeziehungen und Importen von Textilien und anderen Konsumartikeln investierten Unternehmer im Bereich der Rohstoffgewinnung, in den Eisenbahnausbau oder den Bau- und Handelssektor. Die Architektur und die Gebäude der Städte in Südosteuropa geben auch heute noch Zeugnis dieser zentraleuropäischen „Bauexpansion“ des 19. Jahrhunderts.

Auch die historisch weit zurückgehenden und gewachsenen Verbindungen zu Gebieten und Städten der heutigen Türkei fanden in den Wanderbewegungen der südosteuropäischen Bevölkerung ihren Niederschlag. Arbeitsmigrationen zwischen der Bevölkerung aus den südlichen Balkangebieten mit der Türkei hatten bis ins 20. Jahrhundert hinein eine lange Tradition. Wie das eingangs angeführte Beispiel der Familie M. zeigt, gingen die ersten Arbeitsmigranten der Familie in den 1950er und frühen 1960er Jahren nicht nach Mittel-, West- oder Nordeuropa, sondern in die Türkei und hier insbesondere nach Istanbul.

Die wirtschaftlichen und regionalen Mobilitätsachsen der Bevölkerung des südosteuropäischen Raumes verliefen bereits im 19. Jahrhundert zum einen nach Süden über Griechenland, die Türkei und dem Levante-Raum bis nach Ägypten, zum anderen nach Norden in zentral- und westeuropäische Gebiete. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts hielten sich rund eine halbe Million Industriearbeiter aus dem Gebiet des späteren Jugoslawien in Mitteleuropa auf, darunter zwischen 17.000 und 45.000 Slowenen allein im Ruhrgebiet. In den 1930er Jahren wanderten knapp 132.000 „Jugoslawen“ nach West- und Mitteleuropa – vor allem nach Deutschland und Frankreich (davon waren 41 Prozent Slowenen und 24 Prozent Kroaten). In den 1930er Jahren lebten insgesamt 1,5 Millionen Griechen im Ausland, davon eine halbe Million in Europa, weitere 400.000 in Amerika (hauptsächlich in den USA), 166.000 in der Türkei sowie je rund 200.000 in Russland und anderen Teilen der Welt.[5]

Spätestens seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts partizipierte die südosteuropäische Bevölkerung auch stark an der atlantischen Überseemigration. Laut den US-Immigrationsstatistiken verließen allein im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts rund eine Million Menschen ihre südosteuropäischen Herkunftsgebiete in Richtung USA. Die zahlenmäßig größten Gruppen waren Ungarn, Kroaten und Slowenen gefolgt von Griechen, Bulgaren, Serben, Montenegrinern und Rumänen (siehe Tabelle 1).[6]

 
Tabelle 1: Einwanderung in die USA aus Südosteuropa 1899–1910
 
Ungarn 338.151
Kroatien und Slowenien 335.543
Griechenland 216.962
Bulgarien, Serbien und Montenegro 97.391
Rumänien 82.704
Dalmatien, Bosnien und Herzegowina 31.696
Türkei 12.954
Aus: Brunnbauer, Globalizing (Anm. 5), S. 47; Quelle: Reports of the Immigration Commission: Statistical Review of Immigration.


Folgen der europäischen Katastrophe



Waren diese Migrationsbewegungen, wenngleich oft unter ökonomischem Druck ausgeführt, noch weitgehend freiwillig, folgte für ganz Südosteuropa und Osteuropa nun eine Dekade extremer Gewalt und - infolge des Zweiten Weltkrieges - die Versetzung ganzer Bevölkerungsteile. In Deutschland führte der Arbeitskräftemangel ab 1937 zu Anwerbungen von ausländischen Arbeitskräften und nach Kriegsbeginn zum Einsatz von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern aus Südosteuropa. Im Frühjahr 1943 waren rund 230.000 Arbeitskräfte (als sogenannte Zivilarbeiter) aus Südosteuropa im „Großdeutschen Reich“ tätig, davon 66.000 Kroaten, 46.000 Serben, 45.000 Slowaken, 27.000 Ungarn, 21.000 Bulgaren, 11.000 Griechen, 8000 Rumänen.[7] Sie unterlagen unterschiedlichen Regimen des Zwangs.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges fand diese erzwungene Migration ihre unfreiwillige Fortsetzung. Groben Schätzungen zufolge mussten in der unmittelbaren Nachkriegszeit rund 15,4 Millionen Menschen ihren früheren Aufenthaltsort verlassen. Eine große Gruppe stellten die Millionen der direkten Opfer der deutschen Aggression dar. Allein in Österreich hielten sich am Ende des Zweiten Weltkrieges rund 1,6 Millionen Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und ehemalige KZ-Insassen in Österreich auf. Auf dem von den Alliierten besetzten Gebiet des ehemaligen Deutschen Reichs waren es noch mehr. Die überwiegende Mehrzahl von ihnen verließ den Kontinent ihres Leidens in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft in Richtung Übersee. Österreich und Deutschland wurden zu Drehscheiben und Transitstationen für diese Flüchtlinge auf ihrem Weg nach USA, Kanada, Australien, Südamerika und Israel.[8] Teilweise erhielten die Flüchtlinge, insbesondere junge Männer aus Südosteuropa, in den Barackenlagern eine Lehrlingsausbildung, da Facharbeiter in Brasilien, Kanada und Australien stark nachgefragt waren. Nicht wenige der auswanderungswilligen Flüchtlinge aus dem südosteuropäischen Raum konnten bereits auf Netzwerke von früher Ausgewanderten zurückgreifen und erhielten Hilfe und Unterstützung für die Ausreise und bei der Ankunft in den neuen Zielorten.

Bis 1955 kam dann rund eine weitere Million an Flüchtlingen und Vertriebenen sowie „Displaced Persons“ aus Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa dazu. Knapp eine halbe Million waren „Volksdeutsche“ aus Ungarn, der Tschechoslowakei und Jugoslawien, viele davon unter anderem Nachkommen der im 18. und 19. Jahrhundert in Balkangebieten angesiedelten Kolonisten und Protestanten. Mit dem Zusammenbruch des NS-Regimes wurden diese aufgrund ihrer ethnischen Herkunft und vielfach auch aktiv gelebten nationalsozialistischen Überzeugung aus ihren Dörfern vertrieben beziehungsweise sie flüchteten vor der herannahenden sowjetischen Armee aus ost- und südosteuropäischen Gebieten nach Österreich und Deutschland.

 
Tabelle 2: Migration aus Südosteuropa nach Mittel-/Westeuropa 1945–1950
 
Von Nach Anzahl
Jugoslawien (Kroatien, Slowenien, Serbien) Deutschland/Österreich 360.000
Slowenien, Rumänien Ungarn 315.000
Ungarn Deutschland/Österreich 225.000
Jugoslawien (wie oben) Italien 200.000
Ungarn Ungarn Slowakei 73.000
Gesamt 1.173.000
Aus: Fassmann und Münz, 1993.[9]


Geregelte Arbeitsmigration in Europa



Die langsame Konsolidierung der Wirtschaft in den 1950er Jahren und der beginnende wirtschaftliche Aufschwung in den 1960er Jahren durch die Ankurbelung des Industrie-, Handels-, Bau- und Tourismusbereiches führte zu einer starken Nachfrage nach Arbeitskräften in Mittel-, West- und Nordeuropa. Da in den meisten europäischen Ländern durch die Kriegsverluste, die starken Übersee- Auswanderungen und der Zweiteilung des Arbeitsmarktes durch den „Eisernen Vorhang“ kein ausreichendes Arbeitspotenzial vorhanden war, entschlossen sich die meisten Länder zu gezielten Anwerbestrategien in Süd- und Südosteuropa. In Deutschland wurden zwischen 1955 und 1961 Anwerbeabkommen mit Italien, Spanien, Griechenland, der Türkei und 1968 auch mit Jugoslawien geschlossen. Ähnlich verlief die Situation in Österreich, wo man zunächst mit Spanien (1962), der Türkei (1964) und 1966 mit Jugoslawien Anwerbeabkommen vereinbarte.

Damit begann eine neue Phase der Arbeitsmigration aus Süd- und Südosteuropa, die die nächsten Jahrzehnte in Zentral- und Westeuropa (teilweise auch in Nordeuropa) prägen sollte. Die Rekrutierung der Arbeitskräfte lief zunächst nur schleppend an. Erst ab Mitte der 1960er und zu Beginn der 1970er Jahre ging die Rekrutierung zügiger voran. Die Zahl der südosteuropäischen Arbeitskräfte stieg in der Folge kontinuierlich an und erreichte 1973 einen ersten Höhepunkt: In Deutschland gab es rund 700.000, in Österreich fast 200.000 Arbeitskräfte allein aus Jugoslawien. Keineswegs unwesentlich war der Anteil in den nordischen Ländern, wo insbesondere Schweden ein Hauptziel von Arbeitskräften aus Jugoslawien war: 1973 arbeiteten bereits 40.000 Frauen und Männer aus Jugoslawien in Schweden.[10]

Anwerbestopp und Familiennachzüge



Nach dem ersten Höhepunkt der Zuwanderung von Arbeitskräften aus Südosteuropa folgte eine Zäsur mit dem Ölpreisschock von 1973. Dadurch kam es in Deutschland zu einem Anwerbestopp und auch in anderen europäischen Ländern zu einer deutlichen Verlangsamung der Rekrutierung von Arbeitskräften aus Südosteuropa. Wesentlich in diesen Jahrzehnten waren die Kettenmigrationen von Verwandten und Freunden sowie vor allem die Familiennachzüge.

Die Verbindungen zur ehemaligen Heimat wurden durch die jährlichen Urlaubsfahrten aufrechterhalten. Diese führten in den Sommermonaten zu einem enormen Verkehrsaufkommen an den damaligen „Transitrouten“ von Deutschland über Österreich, nach und durch Jugoslawien bis in die Türkei.[11] Für aus der Türkei stammende Arbeitskräfte, die zum überwiegenden Teil zunächst und vor allem – aufgrund der langjährigen politischen Kontakte und Verbundenheit – verstärkt nach Deutschland gingen, waren diese Urlaubsbesuche mit ungeheuren Fahrtstrecken verbunden. Die aus Jugoslawien stammenden und in Österreich tätigen „Gastarbeiter“ hatten hier durch die regionale Nähe sowie ein rasch ausgebautes Busnetz eindeutig Vorteile. Sie konnten dadurch viel öfter, entweder halbjährlich, monatlich, manchmal sogar wöchentlich „nach Hause“ fahren und sich in ihren Herkunftsorten den Traum eines eigenen Hauses verwirklichen. Diese deutlich besseren und häufigeren Kontaktmöglichkeiten mit der Herkunftsregion schlugen sich auch in einem intensiven Austausch von Gebrauchs-, Konsum- und Nahrungsmitteln nieder. Der rege individuelle Warenaustausch bei den „Gastarbeitern“ aus Jugoslawien mag ein Grund dafür sein, dass kaum Lebensmittelgeschäfte oder Restaurants entstanden. Im Gegensatz dazu führten die weiten Distanzen und die daraus resultierenden Schwierigkeiten eines familialen oder individuellen Lebensmitteltransfers bei den Arbeitskräften aus der Türkei nach den ersten Jahrzehnten zur Etablierung von eigenen Lebensmittelläden, Döner- und Imbissstuben sowie Restaurants. Dies wiederum führte dazu, dass türkische Migranten im öffentlichen Raum viel sichtbarer wurden – und bis heute sind – als die Migranten aus dem ehemaligen Jugoslawien.

Ab den 1980er Jahren veränderten sich die Routen der Arbeitsmigrantinnen aus Jugoslawien: So ging die Migration in die westlichen Länder wie Frankreich um knapp ein Viertel zurück, die Zahl der in Deutschland Lebenden stieg in 20 Jahren, von 1970 bis 1990, von knapp 700.000 auf nur 750.000 an. Deutliche Zuwächse hingegen waren in Österreich und vor allem in der Schweiz zu verzeichnen. In der Schweiz stieg der Anteil der Arbeitskräfte aus Jugoslawien zwischen 1970 und 1990 um fast das Sechsfache an (siehe Tabelle 3). Dass, wie am Beispiel July M.s eingangs erwähnt, ein Bruder von ihr mit seiner Familie in einer Siedlung in Zürich lebt, die von Mazedoniern und anderen Familien aus dem ehemaligen Jugoslawien dominiert ist, war und ist kein Zufall. Der Anwerbestopp in Deutschland 1973 und die stagnierende und nur langsam wieder in Schwung kommende Wirtschaft führte ab den 1980er Jahren zu einer verstärkten Arbeitsmigration in die ökonomisch relativ stabile Schweiz. Migrationen in die nordischen Länder, wie Schweden, erfuhren kaum einen Zuwachs. Dies sollte sich jedoch nach dem Ausbruch des Krieges in Jugoslawien und die daran anschließenden Fluchtbewegungen der Bevölkerung ändern.

 
Tabelle 3: Migranten/innen aus Jugoslawien in Europa 1971–1990
 
Zielland 1971 1972 1973 Beginn 1990
Bundesrepublik 412.000 594.000 705.000 755.000
Österreich 83.000 90.000 197.000 281.000
Frankreich 37.000 60.000 75.000 52.000
Schweiz 21.000 25.000 28.000 171.000
Schweden 17.000 36.000 40.000 41.000
Sonstige Länder 28.000 13.000 35.000
Gesamt 598.000 818.000 1.080.000
Aus: Sundhaussen, Südosteuropa (Anm. 3), S. 308.


Auswirkungen auf das Leben in der „zweiten Heimat“



Ein Beispiel dafür, wie stark kriegerische Ereignisse im Herkunftsland auch die Arbeitsmigranten in weit entfernten Ländern erreichen und ihr Leben nachhaltig beeinflussen können, ist Razia R.: Aufgewachsen in der Nähe von Mostar entschloss sich Razia mit 18 Jahren, gemeinsam mit einer Freundin nach Österreich zu gehen. Die erste Station war ein Ort in der Steiermark, wo sie für ein Jahr als Reinigungskraft in einem Hotel arbeitete. Danach folgte sie ihrer Schwester, die bereits seit mehreren Jahren in München als Hilfsarbeiterin tätig war. Nach einem knappen Jahr in München entschied sie sich, ihrer Cousine, die in Stockholm arbeitete, zu folgen. Seit Mitte der 1980er Jahre lebt Razia in Schweden.

Dort hat sie sich mehr als ein Jahrzehnt in einem jugoslawischen Verein engagiert, der für sie zu einer zweiten Heimat und die Kolleginnen und Kollegen zu einer Ersatzfamilie geworden waren. Solche Vereine waren und sind nicht nur in Schweden ein Auffangnetz. Sie leisteten über die dort vermittelten Kontakte und Arbeitsmarktkenntnisse den Kriegsflüchtlingen wesentliche Hilfestellungen für einen Neubeginn. Die Hilfsbereitschaft für die zu Hause gebliebenen und vom Krieg bedrohten Menschen war enorm. Gleichzeitig streckte der Krieg, mit all seinen ethnischen Konflikten und Folgen, seine zerstörerische „Hand“ bis in die neuen Zielländer der ehemaligen Arbeitsmigranten, selbst bis nach Schweden, aus. Nach und nach entstanden auch hier Konflikte und sowohl der Verein von Razia R. zerbrach wie auch langjährige Freundschaften zerbröckelten. Die Migranten-Community in Schweden war keine Ausnahme; auch in Deutschland und Österreich oder in anderen Aufenthaltsländern spielten sich derart dramatische Konflikte und Zerwürfnisse innerhalb von Familien mit jugoslawischen Migrationshintergrund ab. Das Hineinwirken von ethnischen und religiösen Konflikten der ehemaligen Herkunftsgebiete in die Migranten-Communities konnte bei den Betroffenen tiefgreifende und langfristige psychische und physische Auswirkungen nach sich ziehen. In vielen Fällen wurde dies zu einem doppelten Verlust: Zum einen zum abermaligen Verlust des Herkunftsgebietes und zum anderen zum Verlust der im Zielort sich langsam aufgebauten neuen sozialen und gesellschaftlichen Umgebung. Die ethnischen Konflikte des Herkunftslandes durchdrangen die Familien und sozialen Netzwerke und zerschnitten lang bestehende Kommunikations- und Hilfsstrukturen.

Eine ähnliche Entwicklung ist derzeit bei türkeistämmigen Bürgerinnen und Bürgern zu beobachten. Auch hier beeinflussen die politischen Entwicklungen im ehemaligen Herkunftsland massiv die in den verschiedenen Ländern Europas sich aufhaltenden Migranten, ihre Familien und oft auch ihre Nachkommen, die bereits in den neuen Zielländern ihrer Eltern geboren und meist auch Staatsbürger unter anderem von Deutschland, Österreich, Belgien, Frankreich sind. Auch hier reicht die „lange Hand“ der politischen Konflikte des Herkunftslandes selbst über die große regionale Distanz in die (neuen) Aufenthaltsorte der ehemaligen Arbeitsmigranten hinein und treibt einen Keil zwischen Familien und Freundschaftsnetze.

„EU-ropäische“ Migrationsdynamik



Der Zusammenbruch der kommunistischen Regime 1989 und die kriegerischen Ereignisse im ehemaligen Jugoslawien stellten ebenso eine Zäsur für die Arbeitsmigrationen und Bevölkerungsbewegungen in Europa dar wie der Erweiterungsprozess der Europäischen Gemeinschaft beziehungsweise Europäischen Union ab Mitte der 1990er Jahre. Die Öffnung des einstmaligen „Eisernen Vorhanges“, der den Arbeitsmarkt in Europa für Jahrzehnte geteilt hatte, führte – neben der Neuzeichnung der politischen Karte Europas – zu neuen und ungeheuren Mobilitätsdynamik der Bevölkerung. Einerseits gingen Investoren und Arbeitskräfte unterschiedlichster Qualifikation aus dem Bau-, Industrie-, Gewerbe- und Dienstleistungsbereich aus den west- in die osteuropäischen Länder; andererseits kamen weibliche und männliche Arbeitskräfte aus dem osteuropäischen Raum nach Mittel- und Westeuropa, um hier in der Baubranche, in Industriebetrieben, im Tourismus und anderen Dienstleistungsbereichen tätig zu sein. Diese wurden zu Konkurrenten der ehemaligen „Gastarbeiter“ auf den Arbeitsmärkten von Mittel- und Westeuropa.

Als ein Beispiel sei hier auf die polnischen Arbeitsmigranten verwiesen, die in den 1980er Jahren zunächst vorrangig nach Deutschland und Österreich, ab den 1990er Jahren und seit 2000 verstärkt nach Großbritannien und andere westeuropäische Länder gingen. In Polen selbst führte diese Abwanderung zu einem massiven Verlust hoch- und höchstqualifizierter Arbeitskräfte, der wiederum durch Anwerbungen aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion ausgeglichen werden musste. Die südeuropäischen Länder wiederum, wie Spanien oder Italien, die noch einige Jahrzehnte zuvor Arbeitskräfte in die west-, mittel- und nordeuropäischen Länder geschickt hatten, zogen ihrerseits Arbeitsmigranten aus dem nördlichen Teil Afrikas an.

Zusammenfassung – July M.s globale Familie



Wie zu sehen war, sind Migrationsbewegungen zwischen Südosteuropa und und West- und Mitteleuropa nicht nur kein „neues“ Phänomen seit den 1960er Jahren – vielmehr waren und sind die Verflechtungen zwischen diesen europäischen Regionen von langen Traditionslinien gekennzeichnet. Auch waren die Migrationsrichtungen lange nicht einseitig oder lagen die Zielländer der Migration nie nur in West- und Mitteleuropa. Die Türkei, Levante und Nordafrika waren ebenso Ziele südosteuropäischer Migrantinnen und Migranten wie die Vereinigten Staaten. Und mitnichten war Südosteuropa ausschließlich der Ursprungsort der Migranten. Oft auch zog es Mitteleuropäer aus Gründen des Handels in jene Region. Am Wesentlichsten aber ist wohl die Beobachtung, wie viele unterschiedliche „Motivationen“ Migrantinnen und Migranten aus Südosteuropa hatten. Sie verließen ihre Heimat, um wirtschaftlichen Erfolg zu suchen oder der Armut zu entkommen. Sie wurden verschleppt und vertrieben. Sie flohen, wurden angeworben und folgten Verwandten. Sie waren oft Opfer, häufiger aber eben auch Akteurinnen und Akteure – mit eigenen, selbstbestimmten Zielen und Strategien.

Und was ist mit Julys Familie heute? Die Entwicklungen im Verkehrs- und Kommunikationsbereich der letzten Jahrzehnte haben für July und ihre globale Familie durchaus positive Auswirkungen nach sich gezogen: Online-Verbindungen ermöglichen mittlerweile nicht nur eine bessere, sondern oft auch eine tägliche Kommunikation mit den in den unterschiedlichsten Weltteilen lebenden Verwandten und Freunden. Zudem haben die Verbilligungen im Flugbereich dazu geführt, dass Besuche von oder bei den Familienmitgliedern in den USA oder Australien, der Türkei oder auch in Mazedonien, öfter und leichter möglich geworden sind. Die global verstreut lebenden Familienmitglieder von July M. konnten durch die technologischen Entwicklungen wieder ein wenig enger zusammenrücken.

Zitierweise: Sylvia Hahn, Migration aus Süd- und Südosteuropa nach Westeuropa: Kontinuitäten und Brüche, in: Deutschland Archiv, 14.8.2017, Link: www.bpb.de/252781


Fußnoten

1.
Das Beispiel ist eines von zahlreichen lebensgeschichtlichen Interviews, die im Migrationsarchiv der Stadt Salzburg abrufbar sind, www.stadt-salzburg.at/migrationsarchiv, letzter Zugriff am 30.5.2017.
2.
Sylvia Hahn, Geschichte der Arbeitsmigration in Österreich, in: Ali Özbaş, Joachim Hainzl und Handan Özbaş (Hg.), 50 Jahre jugoslawische Gastarbeit in Österreich, Graz 2016, 22–39; dies., Meral und Erol. Ein Leben zwischen Salzburg und Istanbul, in: Jochen Jung und Arno Kleibel (Hg.), Menschen aus Salzburg, Salzburg 2016, 101–105; Sylvia Hahn, Wie Frauen in der Migrationsgeschichte verloren gingen, in: Karl Husa, Christof Parnreiter und Irene Stacher (Hg.), Internationale Migration. Die Herausforderung des 21. Jahrhunderts? Wien 2000, 77–96.
3.
Holm Sundhaussen, Südosteuropa (Länderartikel), in: Klaus J. Bade, Pieter C. Emmer, Leo Lucassen und Jochen Oltmer (Hg.), Enzyklopädie – Migration in Europa. Vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Paderborn 2007, 288–313, hier 293.
4.
Siehe zum Beispiel: Karl-Markus Gauß, Die sterbenden Europäer, Wien 2001; ders., Die versprengten Deutschen. Unterwegs in Litauen, durch die Zips und am Schwarzen Meer, Wien 2005; ders., Zwanzig Lewa oder tot. Vier Reisen, Wien 2017.
5.
Sundhaussen, Südosteuropa (Anm. 3), S. 306.
6.
Ulf Brunnbauer, Globalizing Southeastern Europe. Emigrants, America and the State since the Late Nineteenth Century, Lanham 2016, S. 47.
7.
Ebd., S. 307.
8.
Mathias Beer, Flucht und Vertreibung der Deutschen. Voraussetzungen, Verlauf, Folgen, München 2011.
9.
Rainer Münz und Heinz Fassmann, Geschichte und Gegenwart europäischer Ost-West-Wanderung, Wien 1993.
10.
Ulf Brunnbauer (Hg.), Transnational Societies, Transterritorial Politics. Migrations in the (Post-) Yugoslav Region 19th-21th Century, München 2009, 17–50; Marjan Drnovšek, Fragments from Slovenian Migration History, 19th and 20th Centuries, in: Ebd., S. 51–72.
11.
Manfred Pfaffenthaler, Arbeitsmigration und transnationale Mobilität. Zur Bedeutung europäischer Migrationswege am Beispiel der Gastarbeiterroute zwischen Nürnberg und Istanbul (1961–1991), Graz 2012.
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Autor: Sylvia Hahn für Deutschlandarchiv/bpb.de
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