Beleuchteter Reichstag

16.11.2011 | Von:
Tom Thieme

Mehr als ein Weltliterat

Die Sonderrolle Stefan Heyms in der Ära Honecker

Stefan Heym war der berühmteste Schriftsteller der DDR und einer ihrer lautesten Dissidenten. Ob im sozialistischen Alltag oder in seinen Werken – als Autor mit Weltruf besaß er eine Sonderstellung. Diese nutzte Heym konsequent, um zu kritisieren und anzuklagen. Eine Würdigung zum 10. Todestag des Literaten.

"Die Biographie eines Schriftstellers
sind seine Werke"


Konventioneller Würdigungen Stefan Heyms bedarf es längst nicht mehr. Bereits 1988 hatte der berühmteste Schriftsteller der DDR seine als "Nachruf" betitelten Memoiren veröffentlicht, ein einzigartig spannendes wie persönliches Dokument deutsch-deutscher Zeitgeschichte. Und als der in Chemnitz als Helmut Flieg geborene Autor am 16. Dezember 2001 88-jährig in Israel verstarb, war die Zahl der Nachrufe von Weggefährten und Kollegen Legion – von Wolf Biermann über Ralph Giordano, Günter Kunert und Johannes Mario Simmel bis zu Rolf Schneider.[1] Heym war schon immer mehr als ein erfolgreicher DDR-Literat, und das sah er selbst genauso. Einem SED-Kulturfunktionär gegenüber äußerte er 1973, schon ein Weltautor gewesen zu sein, als es die DDR noch gar nicht gab. Man möchte ergänzen: Und er war es noch, als es sie schon nicht mehr gab. In über 60 Jahren literarischen Schaffens schrieb er mehr als 30 Romane, die in fast 30 Sprachen übersetzt wurden, über 1.000 (zum Teil bis heute unveröffentlichte) Novellen und Erzählungen sowie zahlreiche Beiträge und Essays für namhafte in- und ausländische Zeitungen und Zeitschriften.[2]



Doch nicht der außergewöhnliche Umfang seines literarischen Schaffens und die Zahl seiner Leser und Bewunderer sind es, die Stefan Heym auch im zehnten Jahr nach seinem Tod interessant machen. Es war sein lebenslanges gesellschaftliches Interesse, seine Einsatz- und Kritikbereitschaft in und an den politischen Verhältnissen, in denen er lebte, sowie deren Rezeption und Reflexion in seinen Romanen und Erzählungen. Das wusste niemand besser als Heym selbst, der in seinem "Nachruf" schrieb: "Man sagt, die eigentliche Biographie eines Schriftstellers seien seine Werke. Das stimmt insofern, als die Erfahrungen seines Lebens, seine Ängste, seine Freuden in seine Schriften eingehen, und diese wiederum, durch eine Art Rückkopplung, auf dem Umweg über ihre Wirkung auf seine Zeitgenossen die Haltungen und Handlungen des Autors beeinflussen"[3]. Daher wird im folgenden Beitrag versucht, die besondere Rolle Stefan Heyms in den letzten beiden DDR-Jahrzehnten aus sowohl politischer als auch literarischer Perspektive zu beleuchten. Zum einen geht es um Heyms Verhältnis zum DDR-Sozialismus dieser Zeit, darum, welche Probleme und Auseinandersetzungen er mit der Staatsführung hatte, wie er sich dieser widersetzte und welche Konsequenzen dies hatte. Zum anderen soll Heyms Gesellschaftskritik in seinem künstlerischen Werk dargestellt werden. Da es notwendig ist, einige Vorbemerkungen der Situation von Literaten und Intellektuellen in der SED-Diktatur zu widmen, kann dies nur knapp und exemplarisch geschehen. Die Rezeption beschränkt sich deswegen auf zwei der wichtigsten Romane Stefan Heyms – den "König-David-Bericht" für die 1970er- und "Schwarzenberg" für die 1980er-Jahre. Es gilt, versteckte Botschaften in den Büchern, Verbindungen zwischen politischer Realität und literarischer Fiktion sowie deren Wirkung und gesellschaftliche Bedeutung für das deutsch-deutsche Verhältnis aufzuzeigen.


Fußnoten

1.
Ein vollständiges Verzeichnis der Primär- und Sekundärliteratur von bzw. über Stefan Heym bietet die Stefan-Heym-Sammlung unter: http://www.stefan-heym-gesellschaft.de/werke/ [5.9.2011].
2.
Siehe ausführlich zu Heyms Nachlass: Peter Hutchinson, Das Stefan-Heym-Archiv an der Universitätsbibliothek Cambridge. Umfang und Bedeutung, in: DA 26 (1993) 10, S. 1192–1195, u. http://www.lib.cam.ac.uk/deptserv/manuskripts/heym.html [31.8.2011].
3.
Stefan Heym, Nachruf, München 1988, S. 786.

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