Beleuchteter Reichstag

16.11.2011 | Von:
Tom Thieme

Mehr als ein Weltliterat

Die Sonderrolle Stefan Heyms in der Ära Honecker

Der politische Literat Stefan Heym
in der Ära Honecker


Mit dem Amtsantritt Erich Honeckers als Generalsekretär des ZK der SED im Juni 1971 endete – zumindest vorübergehend – die Zeit massiver Repressalien für DDR-Schriftsteller. Die Ablösung Ulbrichts wurde von Künstlern und Literaten positiv aufgenommen. Sie hofften auf Verjüngung und Veränderung. Tatsächlich zeigte sich die neue SED-Führung offener als früher. Auf dem 8. Parteitag der SED erklärte Honecker: "Wenn man von der festen Position des Sozialismus ausgeht, kann es meines Erachtens auf dem Gebiet von Kunst und Literatur keine Tabus geben."[6] Insbesondere Stefan Heym profitierte vom Kurswechsel der SED. Drei seiner Bücher, die in den Jahren zuvor indiziert worden waren, erschienen nach der Veröffentlichung im Westen nun auch in der DDR: "Der König-David-Bericht" (1973), "Lassalle" – für die Westveröffentlichung war Heym 1969 zu einer Geldstrafe verurteilt worden – und die "Schmähschrift" (1974). Die Anfangsjahre der Ära Honecker galten als die Blütezeit der DDR-Literatur.[7]

Stefan Heym signiert am 7. März 1974 in Berlin seinen Roman "Lassalle". Fünf Jahre nachdem der Roman in der Bundesrepublik veröffentlicht worden war, erschien er nun auch endlich in der DDR.Stefan Heym signiert am 7. März 1974 in Berlin seinen Roman "Lassalle". Fünf Jahre nachdem der Roman in der Bundesrepublik veröffentlicht worden war, erschien er nun auch endlich in der DDR. (© Bundesarchiv, Bild 183-N0307-0040, Foto: Hartmut Reiche)
Viele Schriftsteller nutzten die neuen politischen Freiräume. Allerdings unterschieden sich die Vorstellungen von "einer festen Position zum Sozialismus" der Kulturschaffenden und -funktionäre deutlich. Eine Konsequenz war die erneute Verschärfung von Zensur und Indizierung zahlreicher Veröffentlichungen. Bereits 1973 hatte sich Honecker besorgt über einige kritische Bücher geäußert, was zunächst folgenlos blieb. Das änderte sich ab 1974. Stefan Heyms Roman "5 Tage im Juni" erschien im Westen, im Osten dagegen "entspräche das Buch den geltenden Anschauungen über das Ereignis in keiner Weise und könne daher in der DDR nicht veröffentlicht werden"[8]. Den geforderten umfänglichen Änderungen kam Heym nicht nach, die Westveröffentlichung des Originaltextes ließ er unbeeindruckt laufen. Was hatte er zu befürchten? Mit starken Repressionen musste der weltbekannte Autor, von den Nationalsozialisten verfolgte Jude, alliierte Kriegsteilnehmer und remigrierte Ex-Amerikaner nicht rechnen. Er genoss nicht zuletzt in der Sowjetunion einen hervorragenden Ruf. Zudem stand er in keinerlei Anhängigkeitsverhältnis zur SED und besaß durch seine internationalen Veröffentlichungen finanzielle Spielräume. Dessen war Heym sich bewusst und entsprechend lakonisch kommentierte er rückblickend das Veröffentlichungsverbot der "5 Tage im Juni": "Man ist ihm [Heym] böse. Aber die totale Blockade über ihn zu verhängen, scheut man sich doch, der Skandal ist ohnehin groß genug [...]."[9]

Die Rede von der Ausbürgerung Wolf Biermanns als dem "Anfang vom Ende der DDR"[10] mag zugespitzt sein; mit Sicherheit war sie das Ende einer gewissen Entspannung in der DDR-Kulturpolitik. Nachdem das "Neue Deutschland" ("ND") über die Ausbürgerung berichtet hatte, kam es unter der Führung Stephan Hermlins zur schnellen Verständigung zahlreicher Schriftsteller, unter ihnen Christa Wolf, Sarah Kirsch, Rolf Schneider, Jurek Becker und natürlich Stefan Heym. Sie protestierten in einer Erklärung, der sich in den folgenden Tagen hunderte Künstler anschlossen, gegen die Ausbürgerung und forderten die SED-Führung auf, ihre Entscheidung zu überdenken. Die Folgen für viele der Unterzeichner waren weitreichend. Einige wurden aus der SED ausgeschlossen, einige – darunter Robert Havemann und Gernulf Pannach – unter Hausarrest gestellt, mit Auftritts- bzw. Veröffentlichungsverboten bestraft, und fast alle waren den Repressalien des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) ausgesetzt. In der ersten Reihe agierte – wie immer – Stefan Heym. Die an das "ND" gereichte Biermann-Erklärung wurde nicht veröffentlicht, doch Heym gab die Petition an die Nachrichtenagentur Reuters weiter, worauf hin sie in den Westmedien erschien und großes Aufsehen sowie Unverständnis über die DDR-Kulturpolitik auslöste. Unerschrocken nutzte Heym seinen Sonderstatus. Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen, die freiwillig oder unfreiwillig die DDR verließen, blieb Heym von den "Erziehungsmaßnahmen" der SED und Staatssicherheit verschont, wiewohl die Möglichkeit, einen weiteren Roman in der DDR veröffentlichen zu dürfen, in weite Ferne gerückt war.

Der Abkühlung des Verhältnisses zwischen SED-Spitze und kritischen Autoren folge eine kulturpolitische Eiszeit. Die gravierendste Folge war neben dem Exodus zahlreicher Künstler nach Westen der Ausschluss von neun Mitgliedern aus dem DDR-Schriftstellerverband am 7. Juni 1979. Heym, dessen drei neuen Bücher nicht in der DDR erscheinen durften, ließ im Frühjahr des Jahres den Roman "Collin" bei Bertelsmann in München verlegen. Ganz bewusst unterlief er eine Bestimmung, wonach unveröffentlichte Werke erst die DDR-Zensurbehörde passieren mussten. Wieder nutzte Heym seine besondere Rolle und trat mutiger als alle seine Kollegen hervor. Entschieden sprach er sich für Demokratie und Meinungsfreiheit aus und bekundete dies öffentlich. Heym war sich sicher: Je größer die Öffentlichkeit desto geringer die Folgen. Denn einen Strafprozess gegen ihn, den weltbekannten Antifaschisten und "DDR-Freiwilligen", konnte sich die DDR nicht leisten. So erklärte er während des Tribunals des Schriftstellerverbandes: "Es ist leider so, dass gewisse Probleme, die uns betreffen, in unseren Medien nicht debattiert werden. Und dass gewisse Bücher von unseren Verlagen nicht veröffentlicht werden. Obwohl der Artikel 27 der Verfassung allen Bürgern, also auch den Schriftstellern, das Recht auf freie Meinungsäußerung zusichert, gilt nur eine Meinung bei uns."[11] Ein Interview mit dem westdeutschen Fernsehen, in dem Heym zu den Vorfällen um seine Person Stellung nahm, löste international einen Skandal um die Disziplinierungsversuche der SED aus. Als Folge wurde innerhalb der DDR das Strafgesetz so verschärft, dass hohe Gefängnisstrafen bei negativen Aussagen über die DDR drohten. Dieser am 1. August 1979 in Kraft getretene Paragraph wurde schon bald "Lex Heym" genannt.[12]

Durch den Künstlerexodus Richtung Bundesrepublik war Stefan Heym (neben Christa Wolf) in den 1980er-Jahren zur am stärksten wahrgenommenen Stimme intellektueller Regimeskepsis mit internationalem Renommee geworden. Sein politischer Spielraum vergrößerte sich. Er hatte weitgehend unbeschadet die Querelen in den späten 1970er-Jahren überstanden. Wenn ihn die DDR-Führung doch noch Richtung Westen abschieben sollte, hatte er sowohl finanzielle Sicherheit als auch einen gesamtdeutsch derart hohen Stellenwert, dass er auch weiterhin im für ihn so wichtigen öffentlichen Interesse stehen würde. Heym, sich seiner telegenen Wirkung wohl bewusst, nutzte im letzten Jahrzehnt der DDR verstärkt das westdeutsche Fernsehen, um seine Meinung dem westdeutschen, aber vielmehr noch seinem ostdeutschen Publikum mitzuteilen. Seine Themenschwerpunkte hatten sich gewandelt. Zu Heyms zentralen Anliegen zählten die Befriedung internationaler Konflikte, atomare Abrüstung und die Zukunft des geteilten Deutschlands, wobei der Sozialist Heym trotz aller Kritik an der DDR nie einen Zweifel daran ließ, welches System er für das bessere hielt. Die Veränderungen in der UdSSR seit der Machtübernahme Michail Gorbatschows nutzte Heym konsequent, um mit indirekter sowjetischer Legitimation Missstände in der DDR noch schärfer anzuprangern, Veränderungen noch vehementer zu fordern und die Machthaber noch offensiver und offensichtlicher zu kritisieren.[13]

Dass Stefan Heym in den letzten Wochen der DDR abermals eine bedeutende Rolle spielen würde, verstand sich für ihn selbstredend.[14] Obwohl die Geschehnisse und Veränderungen im Herbst 1989 in seinem Sinne waren, enthielten die meisten seiner Aussagen vorausschauende Mahnungen. Heym beurteilte die Reformen zwar positiv, warnte allerdings vor den Gefahren einer verfrühten Wiedervereinigung – noch bevor die Mauer fiel. In zwei Essays, die im Oktober 1989 in der "Zeit" und im "Spiegel" erschienen[15], warb er für die Rettung der DDR unter neuer Führung und die Verwirklichung des "wahren" Sozialismus. Am 8. November unterzeichnete er mit zahlreichen DDR-Prominenten den Aufruf "Für unser Land". Die am folgenden Tag beginnende Öffnung der Grenzen und damit die Überwindung der 28-jährigen DDR-Isolation seit dem Bau der Mauer war für Stefan Heym zweifellos eine Stunde des Triumphes. Doch im Gegensatz zum Großteil seiner Landsleute verfiel Heym nicht in Euphorie. In einem Interview am Tag des Mauerfalls äußert er sich – typisch für das kritische, moralisierende, aber auch misstrauische Wesen Heyms – besorgt über die menschlichen und wirtschaftlichen Probleme, die nun folgen würden.


Fußnoten

6.
Zit.: Beschlüsse und Dokumente des 8. Parteitages der SED, Berlin (O.) 1971.
7.
Vgl. Peter Hutchinson, Stefan Heym, Dissident auf Lebenszeit, Würzburg 1999.
8.
Stefan Heym, Nachruf, München 1988, S. 792.
9.
Stefan Heym, Nachruf, München 1988, S. 792.
10.
Fritz Pleitgen (Hg.), Die Ausbürgerung. Wolf Biermann und andere Autoren. Anfang vom Ende der DDR, Berlin 2001.
11.
Zit.: Werner Mittenzwei, Die Intellektuellen. Literatur und Politik in Ostdeutschland 1945–2000, Leipzig 2001, S. 312.
12.
Vgl. Johannes Raschka, Politische Hintergründe des Strafvollzugsgesetzes von 1977. Widersprüche der Rechtspolitik während der Amtszeit Erich Honeckers, in: Leonore Ansorg u.a. (Hg.), "Das Land ist still – noch!". Herrschaftswandel und politische Gegnerschaft in der DDR (1971–1989), Köln u.a. 2009, S. 57–72, hier 70.
13.
Vgl. Peter Hutchinson, Stefan Heym, Dissident auf Lebenszeit, Würzburg 1999, S. 170f.
14.
Vgl. hierzu u. i. Folgenden: Robert Grünbaum, Jenseits des Alltags. Die Schriftsteller der DDR und die Revolution von 1989/90, Baden-Baden 2000.
15.
Die beiden Essays "Neue Hoffnung für die DDR" ("Die Zeit") und "Zwischenbericht" ("Der Spiegel") in: Stefan Heym, Einmischung. Gespräche, Reden, Essays, München 1990, S. 239–244 u. 249–256.

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