Beleuchteter Reichstag

16.11.2011 | Von:
Tom Thieme

Mehr als ein Weltliterat

Die Sonderrolle Stefan Heyms in der Ära Honecker

Dissidenz im literarischen Schaffen Stefan Heyms


Heyms politische Überzeugungen und sein Engagement gegen die Missstände in der DDR sowie seine offenen Kritikbekundungen gegenüber der SED finden sich in zahlreichen seiner Romane. So bezeichnete der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki Heyms epische Formen als Verpackung für zeitkritische Befunde und polemische Diagnosen. Die Breitenwirkung, nicht die Kunstform seiner Bücher stelle Heym in den Vordergrund. Dies sei das Besondere, das Wesentliche seiner Werke, so Reich-Ranicki weiter. Die Qualität der Prosa nennt Reich-Ranicki gelegentlich etwas hausbacken, mit groben Mitteln agierend und daher in der Gefahr, seine Bücher in die Nähe der Kolportage geraten zu lassen. Die direkte und unterhaltsame Weise, wie Heym in seinen Romanen die Auseinandersetzung mit der DDR-Spitze sucht und aufklärerisch die Missstände des Landes offenbart, waren für Reich-Ranicki hingegen das besondere Verdienst um dessen Literatur.[16]

Im "König-David-Bericht" erzählt Stefan Heym die biblische Geschichte um die Legende von David gegen Goliath weiter. Die Hauptfigur des Romans, Ethan, hat am Hof von König Salomo in Jerusalem die Aufgabe, die historischen Begebenheiten um den Sieg von Salomos Vater David über den Riesen Goliath niederzuschreiben. Während seiner Recherche erkennt Ethan, dass die Wahrheit jedoch nicht der glanzvolle Sieg Davids und seiner Leute ist, sondern eine umstrittene Geschichte voller Unklarheiten, Lügen und Intrigen. Die Offenlegung seiner Ermittlungen erregt den Hofstab Salomos derart, dass Ethan vor der Verkündung des Todesurteils steht. Nur das "salomonische" Urteil des Königs lässt ihn überleben, allerdings mit der Konsequenz, dass der Inhalt des König-David-Berichtes für alle Zeiten tot geschwiegen werden solle.

Offenkundig handelt es sich bei Heyms Roman nicht um ein historisches Werk, sondern um die verschlüsselte Schilderung des Schriftstellerdaseins in einer Diktatur. Heym selbst ist durch die Betonung persönlicher Eigenschaften deutlich als Hauptfigur Ethan auszumachen. Aber auch andere Charaktere sind erkennbar an die DDR-Realität angelehnt. So erscheinen im Roman neben dem Hofstab als dem Heer sozialistischer Funktionäre die Tempelwächter Krethi und Plethi als Angehörige der Staatssicherheit, aber auch mutige Bürger als Oppositionelle der DDR. Zudem belegen nicht nur personelle, sondern auch sprachliche Parallelen, dass die historische Kulisse nur als Stilmittel dient. Heyms Duktus ist nicht altertümlich, sondern im DDR-Jargon geschrieben. Spöttisch nennt er den Schriftsteller Ethan einen "behördlich zugelassenen Erzähler von Geschichten und Legenden". Eine im Buch enthaltene Preisliste ist in sächsischer Mundart geschrieben und ein Verhör mit Ethan im typisch repressiven Stil der Staatssicherheitsrhetorik abgefasst. Reich-Ranicki urteilte, eben dieser Witz und diese Ironie seien die Stärke des Buches, während er Schwachstellen dort sieht, wo Heym versuche, dramatisch und feierlich zu werden.[17] Heinrich Böll hingegen äußerte sich 1972 hochlobend über den Roman, nannte ihn phantasievoll, witzig, frech, verbunden mit dem Wunsch, Heym ständig zitieren zu wollen.[18] Beide unterstrichen den enormen – auch gesamtdeutschen – Stellenwert des "König-David-Berichts" aufgrund der politischen Brisanz des Buches. Wegen der Auseinandersetzungen mit dem Führer- und Personenkult im Sozialismus, den Propagandamethoden der SED, der trotz aller Offensichtlichkeit gewählten Vergleiche mit der DDR, des Mutes, diese zu äußern und sich damit vor allem den DDR-Bürgern mitzuteilen, gilt der "König-David-Bericht" als eines der Schlüsselwerke Stefan Heyms.[19]

Zu den Autoren, die im Zuge der "Biermann-Affäre" die DDR verließen, gehörte auch Günter Kunert, hier mit Stefan Heym auf einem Empfang des Bertelsmann Verlages anlässlich der Veröffentlichung von Heyms "Schwarzenberg" in Hamburg, 15. März 1984.Zu den Autoren, die im Zuge der "Biermann-Affäre" die DDR verließen, gehörte auch Günter Kunert, hier mit Stefan Heym auf einem Empfang des Bertelsmann Verlages anlässlich der Veröffentlichung von Heyms "Schwarzenberg" in Hamburg, 15. März 1984. (© AP, Foto: Helmut Lohmann)
1984 erschien der Roman "Schwarzenberg" im Bertelsmann-Verlag. Es war das erste Mal, dass Heym im Westen nicht zunächst in englischer Sprache veröffentlichte. Er wählte dieses Mittel gern, um Angriffe und Kritik gegen die DDR-Führung weniger eindeutig und stärker interpretierbar zu formulieren. Dass "Schwarzenberg" gleich in deutscher Sprache verlegt wurde, zeigt deutlich, wie machtlos die SED in ihrer Endphase gegenüber Heyms politischer Einflussnahme und literarischen Äußerungsmöglichkeiten war. Das Buch handelt von der historischen Begebenheit des Gebietes um die erzgebirische Stadt Schwarzenberg, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges für sieben Wochen weder von sowjetischen noch von amerikanischen Truppen besetzt wurde.[20] Diese zeitgeschichtliche Vorlage nutzt Heym, um die Illusion einer freien sozialistischen Demokratie in Deutschland darzustellen. Doch seine Utopie einer "Republik Schwarzenberg" ist nichts anderes als eine Generalabrechnung mit den realen Entwicklungen in der DDR. Er beschreibt nicht nur die Greultaten und Hinterlassenschaften der Nationalsozialisten sowie deren Unfähigkeit zur Vergangenheitsbewältigung, sondern auch die heiklen Verhandlungen mit den Siegermächten und die Verbrechen der amerikanischen und sowjetischen Armeen während der Besatzungszeit. Aber nicht nur den Alltag der Nachkriegszeit benutzt er, um zu kritisieren. Vielmehr zeichnet er das Bild von einer freien Entwicklung und Verwirklichung des Sozialismus ohne Bevormundung. Am Ende des Romans scheitert Heyms Vision wie in der Realität an der Besetzung Schwarzenbergs durch die Sowjetunion und deren Interesse am Uran im Erzgebirge.

Wie alle (zeit-)historischen Romane Heyms beruht "Schwarzenberg" auf Originalquellen. Im Gegensatz zu anderen Büchern war er hierbei sehr eingeschränkt. Heym selbst recherchierte einen Großteil des Materials über die Enklave im Süden der sowjetischen Besatzungszone. Dies prägt den Stil des Buches. Heym schreibt stark journalistisch, durch die umfassende Anreicherung mit vermeintlichen Fakten wirkt der Text beinahe dokumentarisch. Doch wie die meisten Heym-Romane gewinnt auch "Schwarzenberg" seine besondere Bedeutung nicht aus sprachlich-stilistischen Mitteln, sondern aus der politischen Brisanz des Stoffes. Sowohl Heyms Vision vom "wahren" Sozialismus als auch die Negativdarstellung der Besatzungsmacht Sowjetunion, welche er ironisch als "die Freunde" und "die große ruhmreiche Sowjetarmee" bezeichnet, machen "Schwarzenberg" zu einem der kritischsten DDR-Romane überhaupt.


Fußnoten

16.
Vgl. Marcel Reich-Ranicki, Ohne Rabatt. Über Literatur aus der DDR, Stuttgart 1991, S. 69f.
17.
Vgl. Marcel Reich-Ranicki, Ohne Rabatt. Über Literatur aus der DDR, Stuttgart 1991, S. 72.
18.
Vgl. Heinrich Böll, Der Lorbeer ist immer noch bitter, in: Der Spiegel, 18.9.1972.
19.
Vgl. Marcel Reich-Ranicki, Ohne Rabatt. Über Literatur aus der DDR, Stuttgart 1991, S. 71–73.
20.
Siehe im Einzelnen Stefan Heym, Schwarzenberg, ungekürzte Ausgabe, Frankfurt a. M. 1987. Vgl. dazu Lenore Lobeck, Schwarzenberg. Legende und Wirklichkeit, in: DA 38 (2005) 2, S. 244–249.

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