Beleuchteter Reichstag

16.11.2011 | Von:
Gerhard Sälter

Zu den Zwangsräumungen in Berlin nach dem Mauerbau 1961

Neben den Zwangsaussiedlungen an der innerdeutschen Grenze 1952 und 1961 wurden auch in Berlin 1961 umfassende Zwangsräumungen an der entstehenden Mauer angeordnet. Diese Maßnahmen gehören zu einem immer ausgreifenderen Konzept von Sicherheit zur Verhinderung von Flucht und zur Absicherung des Grenzregimes.

I.


Am 1. August 1961 besprachen Nikita Chruschtschow und Walter Ulbricht bei einem Treffen in Moskau einige Details der Grenzschließung, die sie gemeinsam planten. Chruschtschow wollte es genau wissen und fragte nach dem Umgang mit denjenigen Straßen in der Stadt, "deren eine Seite sich in der DDR befindet und die andere in West-Berlin." Ulbricht antwortete: "Wir haben einen bestimmten Plan. In den Häusern, die einen Ausgang nach West-Berlin haben, werden wir diesen Ausgang zumauern."[1] Damit war das Schicksal der Häuser in der Bernauer Straße besiegelt.



Anscheinend hatte die SED-Führung zu diesem Zeitpunkt jedoch noch keine genauen Pläne, wie sie mit den Bewohnern dieser Grenzhäuser verfahren wollte. Die Schließung der innerstädtischen Grenze in Berlin war zu diesem Zeitpunkt noch als Provisorium gedacht, um die Fluchtbewegung bis zum Abschluss eines Friedensvertrages zu stoppen. Mit dem Friedensvertrag, so die Vorstellung Chruschtschows und Ulbrichts, wäre auch das Fluchtproblem erledigt und für die SED keine Gefahr mehr, weil die DDR die Kontrolle über alle Transitwege von West-Berlin in den Westen einschließlich der Flugverbindungen erhalten würde. Die wenigen Flüchtlinge, die es dann noch geben würde, säßen in West-Berlin fest. Außerdem hatte Ulbricht schon Mitte Juni einem westlichen Journalisten mitgeteilt, dass nach dem Friedensvertrag die "sogenannten Flüchtlingslager in Westberlin" geschlossen würden und die sich mit dem "Menschenhandel" befassenden "Agenten" West-Berlin zu verlassen hätten.[2] Ulbricht ging also davon aus, die Aufnahme von Flüchtlingen in West-Berlin unterbinden zu können; damit war für ihn das Fluchtproblem langfristig gelöst.

Auch wenn die SED-Führung aufgrund dieser Vorstellungen noch keine Planungen für die Bewohner grenznaher Gebiete an der innerstädtischen Sektorengrenze hatte, gab es jedoch für den Umgang mit unliebsamen Bevölkerungsgruppen im Grenzgebiet historische Vorbilder, auf die Walter Ulbricht, Erich Honecker und ihre Mitplaner zurückgreifen konnten. Nachdem Stalin in der Sowjetunion die Wende zum "Aufbau des Sozialismus in einem Land" eingeleitet hatte, wurden die Grenzen zu den nichtkommunistischen Staaten hermetisch abgeriegelt. In den Zwanziger- und Dreißigerjahren wurde in den an diese Grenze anschließenden Regionen ein besonderes Grenzregime eingeführt, das die zwangsweise Umsiedlung großer Bevölkerungsgruppen und in den Jahren des stalinistischen Terrors auch die Ermordung Tausender einschloss.[3] Im Nachkriegseuropa wurden diese Maßnahmen von den neuen Diktaturen in Osteuropa kopiert und Bevölkerungsteile, die aus ethnischen oder politischen Gründen als verdächtig galten, ins Landesinnere umgesiedelt. Bisher wurde hierzu erst wenig geforscht, doch sind solche Aktionen aus Rumänien, wo 1951 etwa 45.000 Menschen aus dem Gebiet an der Grenze zu Jugoslawien ausgesiedelt wurden, und aus Bulgarien bekannt, das auf ähnliche Weise seine Grenze zu Griechenland und zur Türkei absicherte.[4] Auch die SED selbst hatte 1952 bereits mehrere Tausend Menschen von der innerdeutschen Grenze umgesiedelt.[5] Es gab somit Handlungsmuster für den Umgang mit störenden Personengruppen an den Grenzen, auf welche die SED-Führung zurückgreifen konnte.


Fußnoten

1.
Zit.: Manfred Wilke, Der Weg zur Mauer. Stationen der Teilungsgeschichte, Berlin 2011, S. 314.
2.
Zit.: Manfred Wilke, Der Weg zur Mauer. Stationen der Teilungsgeschichte, Berlin 2011, S. 299. Zur zweiten Berlin-Krise siehe neben dem Buch von Wilke Michael Lemke, Die Berlinkrise 1958 bis 1963. Interessen und Handlungsspielräume der SED im Ost-West-Konflikt, Berlin 1995; Hope M. Harrison, Driving the Soviets Up the Wall. Soviet-East German Relations, 1953–1961, Princeton 2003; Gerhard Wettig, Chruschtschows Berlin-Krise 1958 bis 1963. Drohpolitik und Mauerbau, München 2006; Matthias Uhl, Krieg um Berlin? Die sowjetische Militär- und Sicherheitspolitik in der zweiten Berlin-Krise 1958 bis 1962, München 2008.
3.
Thomas Lindenberger, Grenzregime und Gesellschaftskonstruktion im SED-Staat; in: Klaus-Dietmar Henke (Hg.), Die Mauer. Errichtung, Überwindung, Erinnerung, München 2011, S. 111–121, hier 113f.
4.
Dan Draghia, Bordering with Tito. Romanian berders under the pressure of the Sviet-Yugoslav conflict; Nikolai Vukov, The Guarding and Breaking of the Bulkgarian-Turkish Boder in Communist Bulgaria. Practices, Experiences and memory Traces; Vorträge auf der Tagung: From the Iron Curtain to the Schengen Area: Bordering in Communist and Postcommunist Europe, Wien, Sept. 2011.
5.
Inge Bennewitz/Rainer Potratz, Zwangsaussiedlungen an der innerdeutschen Grenze. Analysen und Dokumente, 2. Aufl., Berlin 1997.

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