Beleuchteter Reichstag

5.5.2011 | Von:
Werner Liersch

Die Inseln des Verschweigens

Strittmatters Erinnerungsbuch "Grüner Juni" und der Krieg auf den Zykladen

Obwohl Griechenland für DDR-Bürger ein unerreichbares Land war, zeichnete Erwin Strittmatter im "Grünen Juni" ein Bild aus blauem Meer und Sonnenschein. Der Grund war nicht touristisch. Strittmatter übermalte seine Kriegsvergangenheit in der Ägäis.

I. Gefangen in Legenden




Der Strittmatter der späten Jahre begegnet vielfach verdüstert und voller Skepsis gegenüber allen großen Projektionen. Es wird Teil seines Rückblicks auf das eigene Leben sein. Sozial bestimmten es zwei große geschichtliche Phänomene. Die NS-Zeit mit dem Krieg. Der "Neuanfang" mit dem DDR-Sozialismus.

Dem DDR-Sozialismus ist Erwin Strittmatter im Laufe der Jahre kritisch begegnet. Er schreibt sich ihm gegenüber nicht in einen Unbeteiligten um. Anders der Krieg. Ihn neutralisiert er sich in den biografischen Bekundungen mit einer Rolle am Rande. Im Roman öffnet sich die Tür der "Wandlung" und einer Bekenntnisrhetorik, die allerdings auf die literarischen Figuren beschränkt blieb. Einer der, es anders hielt, war Franz Fühmann. Die Last, die er annahm, gehört zu dem, das ihn erdrückte.

Strittmatter richtete sich in Legenden ein. Sie zeichnet ein weiter Abstand zur Realität aus und sie gewannen eine Macht, die der Autor nicht brechen konnte und wollte. Das Erinnerungsbuch von 1985 "Grüner Juni" bot die Chance, sich von der Erpressung durch die Vergangenheit durch ihre wahre Darstellung zu befreien. Strittmatter entschied sich, den Weg neuer Legenden zu gehen. Sie reichten so tief, dass er noch im September 1993, wenige Monate vor seinem Tode im Januar 1994, die Anmutung einer "konsequenten", aus der Arbeiterbewegung stammenden Antikriegshaltung, samt der Feststellung des Interviewers, "gegen Ende des Krieges desertiertest du von der Wehrmacht", ohne die leiseste Korrektur entgegennahm.[1] Strittmatter erzählte nicht einfach sich selbst. Nach Lage der Dinge erzählte er seinem Publikum deutsche Zeitgeschichte.

Die angebliche Desertion Strittmatters war mehr als fragwürdig[2] und die behauptete Zugehörigkeit zur "Wehrmacht" ein Versteck der tatsächlichen Kriegsvergangenheit. Strittmatter war zwischen 1941 und 1945 Angehöriger der Ordnungspolizei, des Polizeibataillons 325, des SS-Polizei-Gebirgsjäger-Regiments 18 und der Film- und Bildstelle der Ordnungspolizei gewesen, wie im Jahr 2008 publik wurde.[3] Die Formationen hatten sich schwerer Kriegsverbrechen in Slowenien, auf dem Balkan und in Griechenland schuldig gemacht.

Die zwei Jahre zuvor im August 2006 bekannt gewordene Mitgliedschaft von Günter Grass in der Waffen-SS löste eine begrenzte Diskussion aus, dann fand sie ihren angemessenen Platz in seiner Biografie. Die Affäre sagte wenig Neues über den Staat aus, in dem Grass geschwiegen hatte. Anders der Fall Strittmatter. Als Teil der festgefügten antifaschistischen Ikonografie der DDR, stellte er Fragen, die zu den umgangenen gehörten. Den charakteristischen DDR-Abstand zwischen Schein und Sein initalisierte der Fall Strittmatter in einer literarischen Variante.

Erwin Strittmatter vor Mitgliedern von "sozialistischen Brigademitgliedern" bei einem Treffen von Schriftstellern im Rahmen der "Woche des Buches", 15.9.1959.Erwin Strittmatter vor Mitgliedern von "sozialistischen Brigademitgliedern" bei einem Treffen von Schriftstellern im Rahmen der "Woche des Buches", 15.9.1959. (© Hans-Günter Quaschinsky / Bundesarchiv, Bild 183-67208-0001)
Im Mai 1959 schrieben eine Kommission des SED-Zentralkomitees und der Autor eines der wichtigsten Kapitel dieser Geschichte. Die Kommission beriet hinter verschlossenen Türen über Strittmatters "Einsatz als 1. Sekretär des Schriftstellerverbandes". Der Kandidat hatte ihr nur einen sehr begrenzten Einblick in seine wirkliche Kriegsvergangenheit gegeben, allgemein Einsatzorte wie "Oberkrain" oder die "Cykladeninsel Naxos" genannt und war so auch mit seinem militärischen Status umgegangen. Zwar war er im April 1941 zur "Schutzpolizei" eingezogen worden und als "Reservist" zum Polizei-Bataillon 325 gekommen, doch das Schlüsselwort "Ordnungspolizei" fehlte ebenso wie die Tatsache, dem "SS-Polizei-Gebirgsjäger-Regiment 18" angehört zu haben.[4] Die Partei ließ es dabei. Sie brauchte einen "Sekretär". Praktisch parallel zum konspirativen Geschehen ließen Partei und Autor einen jungen Kollegen öffentlich in die Phrasen laufen. Im Juli 1959 feierte er in der Zeitschrift des Schriftstellerverbandes "Neue Deutsche Literatur" überschwenglich beider Schmuckansichten.

"Bevor es eine Deutsche Demokratische Republik gab, kannte niemand den Namen Erwin Strittmatter in der Literatur. Heute ist Erwin Strittmatter zweifacher Nationalpreisträger, Vizepräsident und 1. Sekretär des Deutschen Schriftstellerverbandes. Die Auflagenziffer seiner Bücher in unserer Republik hat bald eine halbe Million erreicht [...].

Die braunen Machthaber und ihren Krieg haßte er. Dennoch, als sie ihn in die Soldatenuniform steckten, marschierte er in ihren Krieg mit Schopenhauer und Rilke im Tornister, mißmutig und ratlos. Noch immer hatte er tausend Fragen und wenig Antworten. Sie führten dazu, daß er schließlich desertierte.

Als das Volk aus dem Krieg getaumelt kam, verführt und aus allen Wunden blutend und ohne Hoffnung, da tat nichts bitterer not als: Brot und Wahrheit [...].

Von Zeit zu Zeit unternimmt Erwin Strittmatter längere Reisen durch die Republik, um zu erfahren, welche Probleme die Menschen in anderen Orten bewegen. Ohne diese Beziehung zum Leben der Arbeiter und Bauern, ohne die aktive Teilnahme an ihrem Leben könnte Strittmatter unsere Gegenwart nicht gestalten."[5]


Fußnoten

1.
Achim Roscher, Lebensmuster Zehn Gespräche, Das Erleben des Augenblicks in der Tiefe, Berlin, 1995, S. 121.
2.
Vgl. Karl Corino, Im Dickicht des Südostens, in: Frankfurter Rundschau, 4.8.2008.
3.
Werner Liersch, Erwin Strittmatters unbekannter Krieg, in: FAS, 8.6.2008, S. 28.
4.
BArch, DY 30/IV 2/11/V/5185.
5.
Helmut Hauptmann,Wie Erwin Strittmatter Schriftsteller wurde, in: NDL, 7/1959, S. 122ff.

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