Beleuchteter Reichstag

12.5.2011 | Von:
Christian Könne

"Die Gestaltung massenwirksamer Unterhaltungssendungen – ein unerläßlicher Bestandteil des politischen Auftrages des Massenmediums Rundfunk"

Die Unterhaltungssendungen im Hörfunk der DDR

1958–1972 – Unterhaltung für den Sozialismus:
Die Erprobungsphase


Die Einstellung zur Unterhaltung begann sich Ende der 1950er-Jahre zu ändern. Die wirtschaftliche und politische Krise der DDR hatte ein solches Ausmaß erreicht, dass alle Kräfte mobilisiert werden mussten, um den strauchelnden Sozialismus zu stützen. Eingedenk ihrer Popularitätswerte beim Publikum schien die Unterhaltung eine Möglichkeit zu bieten, die Menschen für den Aufbau zu begeistern. Die Sendereihe "Auf großer Fahrt" und die "Steckenpferdbewegung" waren die ersten Veränderungen in der Ausrichtung von Unterhaltung. Bei letzterer trat die Wirtschaftsredaktion mit Wunschsendungen oder öffentlichen Veranstaltungen zugunsten der "Steckenpferd"-Aktion im Programm in Erscheinung.[12] Die "Steckenpferdbewegung" diente der Steigerung des Exports der DDR. Eine weitere Sendereihe, die bereits in den 1950er-Jahren in diesem Rahmen arbeitete, war "Kollege kommt gleich".

Nach diesen ersten Erfahrungen wurden Radio DDR sowie der Berliner Rundfunk 1962 dazu angehalten, jeweils eine Unterhaltungssendung ins Programm aufzunehmen, die systematisch auf Wirtschaftsförderung ausgerichtet war. Es waren die Sendereihen "Mit dem Herzen dabei" und "Von 7 bis 10: Sonntagmorgen in Spreeathen".[13]

"Volksfest der deutsch-sowjetischen Freundschaft" in Berlin-Lichtenberg am 3.5.1970 im Rahmen der Sendung "Von 7 bis 10 - in Spreeathen" des Berliner Rundfunks: Auftritt des Tanzorchesters Günter Gollasch."Volksfest der deutsch-sowjetischen Freundschaft" in Berlin-Lichtenberg am 3.5.1970 im Rahmen der Sendung "Von 7 bis 10 - in Spreeathen" des Berliner Rundfunks: Auftritt des Tanzorchesters Günter Gollasch. (© Jürgen Ludwig / Bundesarchiv, Bild 183-J0503-0017-001.)
Die SED und der Hörfunk hatten sich mit diesen Konzepten bewegt, nicht jedoch in ihrem Anspruch: "Alleiniger Ausgangspunkt bei der Gestaltung unterhaltender Sendungen kann in jedem Falle nur die Umsetzung der Hauptaufgabe sein, die Politik von Partei und Regierung zu erläutern und ihre Durchsetzung voll zu unterstützen. Das bedeutet, die Unterhaltungsarbeit der Erziehung und Bildung der Bürger zu widmen, die Herausbildung des sozialistischen Menschen zu unterstützen. [...] Den alten Überlieferungen des Kapitalismus, muß die sozialistische Moral unseres Staates entgegengesetzt werden: die Vaterlandsliebe, Liebe zur Arbeit, zur Gemeinschaft, der Stolz auf die Heimat und der Stolz und das Vertrauen auf die eigene Kraft. [...] Auf dem Gebiet der Unterhaltung müssen Wege beschritten werden, die die ökonomische und ideologische Problematik der Entwicklung unserer Gesellschaft einbeziehen. Fragen der Beziehungen der Menschen untereinander, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Sphäre der Produktion behandeln und zum Gegenstand der Unterhaltungsarbeit machen."[14]

Die Änderungen betrafen also weniger die Unterhaltung selbst als vielmehr den Umgang mit ihr. Wer gehört werden wollte, der musste auf die Menschen zugehen. Nicht die Unterhaltung wurde neu erfunden. Das Sozialistische an der Unterhaltung der DDR war die Definition in der Verwendung von Unterhaltung für Staatszwecke, womit gleichzeitig der diktatorische Anspruch sichtbar wird. Dennoch, die SED musste die bisher verteufelte Unterhaltung auch in den eigenen Programmen zulassen. Als Partei der angeblich wissenschaftlich fundierten Politik des Marxismus-Leninismus ließ sich die SED diesen Schwenk dementsprechend untermauern. Fortan galt für die Programme, "daß sie in der Form der Unterhaltung bilden", aber gleichzeitig "mit der Bildung auch Informationsgehalte geben" mussten. Die Unterhaltung trug "dazu bei, dem Hörer die Aneignung des 'Stoffs' zu erschließen. Sie weckt in ihm Interesse und Bereitschaft für die Aufnahme und hält [...] wach."[15] Die Unterhaltung war Transmitter der Inhalte und als solcher parteilich abgesegnet worden. Massen erreichen, Massen belehren, Massen bewegen war und blieb der Parteiauftrag des Hörfunks in der DDR.

Diesem Konzept folgend galten "Mit dem Herzen dabei" und "Spiel mit" als "Beispiele neuer Rundfunk- und Fernsehunterhaltung großen Stils, die [...] Maßstäbe gesetzt haben. [...] Mitten aus unserem spannungsreichen Leben heraus projiziert die Unterhaltungsredaktion von Radio DDR kulturell ethische Leitbilder. Von ihnen gehen Impulse aus, die die Harmonie unserer Gesellschaft stimulieren."[16] Auch die Bewegung von Massen war mit diesen Sendungen war geleistet worden: "Während einer der 11 Sendungen 'Mit dem Herzen dabei' verabschiedeten 20.000 Leipziger 300 verdiente Mitbürger, die direkt von der Veranstaltung mit einem Sonderzug für drei Tage in die ČSSR fuhren. Rund 500 Mitarbeiter von Funk und Fernsehen waren für die Sendung 'Spiel mit' am 7. Oktober 1965 eingesetzt; etwa 50.000 Bürger waren an den Spielrunden beteiligt".[17]

Das "Professoren-Kollegium tagt" am 14.10.1964 im Hörspielstudio des Berliner Rundfunks unter Leitung von Hans Jacobus (hinten M.), v.l.n.r.: Prof. Reinhold, Prof. Dr. Ilse Classen, Prof. Wattenberg, Prof. Dr. Fritz Berhard, Prof. Dr. Winter, Prof. Dr. Eberhard Rabling, Prof. Dr. Klein, Prof. Dr. Günther, Prof. Dr. Stefan Doernberg und Prof. Dr. H. Budzislawski.Das "Professoren-Kollegium tagt" am 14.10.1964 im Hörspielstudio des Berliner Rundfunks unter Leitung von Hans Jacobus (hinten M.), v.l.n.r.: Prof. Reinhold, Prof. Dr. Ilse Classen, Prof. Wattenberg, Prof. Dr. Fritz Berhard, Prof. Dr. Winter, Prof. Dr. Eberhard Rabling, Prof. Dr. Klein, Prof. Dr. Günther, Prof. Dr. Stefan Doernberg und Prof. Dr. H. Budzislawski. (© Bundesarchiv, Bild 183-C1015-0014-001 / Fotograf: Stöhr.)
Daneben war die Ausbildung der sozialistischen Menschengemeinschaft ein weiteres Ziel. Dementsprechend ging die Konzeption für "Von 7 bis 10: Sonntagmorgen in Spreeathen" davon aus, "die Entwicklung der sozialistischen Menschengemeinschaft zu würdigen und zu fördern."[18] Darunter waren Ausflugsfahrten mit der "schwimmenden Gaststätte Spreeathen"[19], einem Ausflugsdampfer, der in der 50. Sendung 1966 in Dienst gestellt wurde, ebenso zu verstehen wie "Aktionen", die einen deutlich politischeren Bezug hatten. Die Arbeit von "7 bis 10" sollte die Menschen zu einem politisch konformen Verhalten bewegen. Und schließlich sollte die Unterhaltung in Sendungen wie "Das Professoren-Kollegium tagt" auch als demokratisches Forum der lebendigen Demokratie in der DDR verstanden werden.[20]

Vor allem die Verbindung zu den Massen wurde in der Unterhaltung fokussiert. Ein Höhepunkt war der 20. Jahrestag der DDR: "Innerhalb der großen Sendeaktion von Radio DDR 'Helle Köpfe – heiße Herzen', die das Wachsen und Werden der sozialistischen Menschengemeinschaft sichtbar zu machen und zu fördern hatte, entstand die Sendereihe 'Bezeugt und protokolliert'. In den belegbaren [...] Aufführungen wurden Schrittmacher vorgestellt: Arbeiter, die sich ihrer Eigentümerfunktion bewußt sind und sich schöpferisch für höchste volkswirtschaftliche Leistungen einsetzen; Angehörige der Intelligenz, die die Wissenschaft besonders eindrucksvoll als Produktivkraft wirksam werden lassen; Persönlichkeiten, die den Geist der sozialistischen Menschengemeinschaft beispielhaft verbreiten usw. [...] Bei der Aktion 'Helle Köpfe – heiße Herzen' arbeiteten 2.000 ehrenamtliche Mitarbeiter in sieben Kreisstädten der Republik an den verschiedensten Fragen der Gestaltung des gesellschaftlichen Systems des Sozialismus mit. In 250 öffentlichen Veranstaltungen hatten 180.000 Bürger unserer Republik direkt Kontakt mit dem Rundfunk."[21]

Die Unterhaltung in der DDR hatte es geschafft, sich auf den Sozialisten nützliche Weise im Kanon des Medienschaffens der DDR zu reetablieren. Das Wie war dabei nahezu unverändert geblieben. Es war das Wofür, das den neuen Maßstäben angepasst wurde. Ob dieser Unterschied für die Menschen eine Rolle spielte, wurde nicht geprüft. Die Akten weisen ein solches Interesse nicht aus.


Fußnoten

12.
Unser Rundfunk, 43/1958, S. 2.
13.
Zu Konzeption und inhaltlicher Arbeit vgl. ausführlich: Christian Könne, Hörfunk im Kalten Krieg. Berliner Radioprogramme in der Systemkonkurrenz, in: Michael Lemke (Hg.), Schaufenster der Systemkonkurrenz. Die Region Berlin-Brandenburg im Kalten Krieg, Köln 2006, S. 365–387.
14.
Durchführung eines Erfahrungsaustausches mit allen Mitarbeitern der Unterhaltungsredaktionen, o. D., DRA, KV 74/1964.
15.
Willi Lange, Unterhaltsamer Rundfunk, in: RTP, 4/1966, S. 1–12, hier 1 f u. 3 (Hervorheb. i. Orig.).
16.
Willi Lange, Unterhaltsamer Rundfunk, in: RTP, 4/1966, S. 1–12, hier 8.
17.
FF Funk und Fernsehen der DDR, 21/1966, S. 4.
18.
Berliner Rundfunk, Intendanz, Plan zur Auswertung des 13. Plenums, 15.10.1966, BArch, DR 6-86, SRK, KV 98a/66.
19.
Bildmappe zur Sendung "7-10: Spreeathen" B 3538, DRA, Bestand Bilder.
20.
Christian Könne, Hörfunk im Kalten Krieg. Berliner Radioprogramme in der Systemkonkurrenz, in: Michael Lemke (Hg.), Schaufenster der Systemkonkurrenz. Die Region Berlin-Brandenburg im Kalten Krieg, Köln 2006, S. 365–387.
21.
Bericht über Ergebnisse [...] des Maßnahmeplans zum Beschluß des Staatsrates vom 30.11.1967 [...], 19.11.1969, BArch, DR 6-610.

Publikationen zum Thema

Deutschland Archiv 2018

Deutschland Archiv 2018

Der Band enthält eine Auswahl der wichtigsten Artikel, die im Jahr 2018 erschienen sind.

Deutschland Archiv 2017

Deutschland Archiv 2017

Der Band enthält eine Auswahl der wichtigsten Artikel, die im Jahr 2017 erschienen sind.

Deutschland Archiv 2016

Deutschland Archiv 2016

Der Band enthält eine Auswahl der wichtigsten Artikel, die im Jahr 2016 erschienen sind.

Schriftenreihe Bd. 1664 "Deutschland Archiv 2015": Cover

Deutschland Archiv 2015

Der Band enthält eine Auswahl der wichtigsten Artikel, die im Jahr 2015 erschienen sind.

Schriftenreihe Bd. 1544 "Deutschland Archiv 2014": Cover

Deutschland Archiv 2014

Der Band enthält eine Auswahl der wichtigsten Artikel, die im Jahr 2014 erschienen sind.

Coverbild Deutschland Archiv 2013

Deutschland Archiv 2013

Der Band enthält eine Auswahl der wichtigsten Artikel, die im Jahr 2013 erschienen sind.

Zum Shop

Deutschlandarchiv bei Twitter

Chronik der Mauer

Es erwartet Sie eine Fülle von multimedial aufbereiteten Informationen über Mauerbau und Mauerfall - und über die Opfer der Grenze.

Mehr lesen auf chronik-der-mauer.de

Dossier

Stasi

Alles wissen, alles kontrollieren, Menschen manipulieren. Aus der Arbeitsweise der DDR-Geheimpolizei "Stasi" ist auch viel zu lernen über die Mechanismen von Diktaturen der Gegenwart. In der DDR überwanden couragierte Bürgerinnen und Bürger allerdings 1989 ihre Angst vor der "Staatssicherheit".

Mehr lesen

Online-Angebot der bpb und der Robert-Havemann-Gesellschaft

jugendopposition.de

Wie haben junge Menschen in der DDR mit Mut und Musik gegen Stasi und SED-Diktatur gekämpft? Zeitzeugen berichten. Mit zahlreichen Texten, Videos, Audios, Fotos und Dokumenten.

Mehr lesen auf jugendopposition.de

Wird die DDR-Diktatur verharmlost? Und warum begann die intensive Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit erst so spät? Die Deutung von Geschichte ist oft umstritten - und nicht selten ein Politikum.

Mehr lesen

13. August 1961: In den frühen Morgenstunden beginnt der Bau der Mauer, die Deutsche Teilung wird zementiert. Am Abend des 9. November 1989 kommt es zum Mauerfall. Bald 30 Jahre danach ist Deutschland in vielem noch immer ein Land mit zwei Gesellschaften.

Mehr lesen

Online-Archiv

www.wir-waren-so-frei.de

Fast 7.000 private Filme und Fotos aus der Umbruchzeit 1989/90 sowie über 100 begleitende Erinnerungstexte. Dazu ost- und westdeutsche Medienberichte. Die persönlichen Erfahrungen der Fotografen und Filmemacher bieten zusammen mit der öffentlichen Berichterstattung vielfältige Blicke auf die historischen Ereignisse und deren Auswirkungen auf den Alltag in Ost und West.

Mehr lesen auf wir-waren-so-frei.de

Zu dem Thema "Children of Transition, Children of War, the Generation of Transformation from a European Perspective" diskutierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der Deutschlandforschertagung 2016 vom 3. bis 5. November 2016 in der Universität Wien. Die Tagungsdokumentation gibt Einblick in die Themen und Ergebnisse.

Mehr lesen

Der Tag in der Geschichte

  • 24. August 1950
    Mit einer ersten Parteisäuberung werden vor allem ehemalige Westemigranten entmachtet: Paul Merker (bisher Politbüromitglied), Leo Bauer (Chefredakteur des Deutschlandsenders), Willy Kreikemeyer (Generaldirektor der Reichsbahn, im Gefängnis zu Tode... Weiter
  • 24. August 1976
    Das Fernunterrichtsschutzgesetz (in Kraft am 1. 1. 1977) regelt die Zulassung von Fernlehrgängen, um ihre Qualität zu verbessern und unseriöse Geschäftspraktiken zu unterbinden. Der Fernunterrichtsvertrag muss u. a. den Gegenstand, das Ziel, die Dauer, die... Weiter
  • 24. August 1989
    Ungarn duldet die Ausreise von DDR-Bürgern aus der bundesdeutschen Botschaft in Budapest nach Österreich als einmalige humanitäre Aktion mit Rotkreuz-Papieren. Österreich hebt am 31. 8. 1989 die Visumpflicht zeitweilig für DDR-Bürger auf. Es erleichtert ihnen... Weiter
  • 24. August 1990
    Die dritte Verhandlungsrunde zum Einigungsvertrag ist abgeschlossen. Strittig bleiben vor allem die Bereiche Schwangerschaftsabbruch, Stasi-Akten, Länderfinanzen, Eigentumsfragen, Parteivermögen, Stimmenzahl im Bundesrat, Treuhandanstalt, soziale Sicherheit... Weiter