Beleuchteter Reichstag

18.5.2011 | Von:
Ingrid Sonntag

Die Freie Akademie der Künste in Leipzig 1992–2003

Nur aus einer Prägung des sächsischen Kulturraumes hervorgegangen?

Gründungsimpulse


Die Zerstörungen von Natur, Kultur und Bausubstanz, denen Leipzig und die Region unterworfen waren, erinnerten in den Achtzigerjahren an die Verheerungen des Zweiten Weltkrieges. Leipzig war die Stadt der friedlichen Revolution. Von den Montagsdemonstrationen gingen landesweit Impulse für den Wandel der Gesellschaft aus, die zum Zerfall und zum Ende der DDR führten. Die Veränderungen vollzogen sich in solch rasanter Geschwindigkeit, dass sie emotional und rational kaum zu verarbeiten waren. In dieser historischen Situation, da sich in Ost und West Ernüchterung und Unbehagen regten, entschlossen sich im Frühsommer 1992 Künstler und Wissenschaftler, aus "Sorge um das Schicksal von Kunst und Kultur" und weil neue Trennung drohe, "streitbar und tolerant über die Existenz der Künste in unserer Zeit" nachzudenken.[1] Nicht nach Kunstsparten getrennt oder nach Sektionen geordnet, sondern projektbezogen und kunstgattungsübergreifend sollte gearbeitet werden. Gemeinsam mit Partnern aus Wirtschaft und Kunst aus West- und Ostdeutschland wollte man Netzwerke bilden, die neue Wege der künstlerischen Reflexion und der Kunstförderung eröffnen.

Wolfgang Krause-Zwieback auf der Gründungsveranstaltung der Freien Akademie zu Leipzig, 17.6.1992.Wolfgang Krause-Zwieback auf der Gründungsveranstaltung der Freien Akademie zu Leipzig, 17.6.1992. (© Freie Akademie der Künste zu Leipzig / Andreas Birkigt.)
Der Entscheidung für das Gründungsdatum 17. Juni 1992, dem Tag des Arbeiteraufstandes, in der Großen Maschinenhalle des "VEB-ehedem-Werkzeugbau"[2] (Kulturzentrum Werk II) war symbolisch und stellte zugleich einen Rückgriff auf einen gesamtdeutschen Kontext her, denn auch in Leipzig war 1953 der Ausnahmezustand verhängt worden. Die Eile, mit der im vereinten Deutschland der Nationalfeiertag, von 1954 bis zur deutschen Vereinigung 1990 in Westdeutschland als "Tag der deutschen Einheit" begangen, abgeschafft wurde, stellte für die Gründungsmitglieder ein beunruhigendes Signal dar. Dieses für die deutsche Einheit wichtige Datum war zwar im kollektiven Gedächtnis der Ostdeutschen eingegraben, drohte jedoch im Taumel des Ausgangs der friedlichen Revolution und des politischen Pragmatismus in Ost und West verschüttet zu werden.[3] Beim Zusammentreffen von Künstlern, Wissenschaftlern und Multiplikatoren, die in den Räumen der "Hochkultur" arbeiteten, mit freien und verfemten Kollegen in einer Fabrik, die sich im Umbau befand und deren Funktion sich ändern würde, verwiesen die Gründer der Freien Akademie nachdrücklich auf die Tradition von Widerstandspotenzialen.


Fußnoten

1.
Freie Akademie der Künste zu Leipzig (FAK), Satzung, § 2, Archiv FAK.
2.
Wolfgang Krause-Zwieback, "Festansprache" zur Gründungsveranstaltung am 17.6.1992, in: Ralph Gambihler, Auf dem Weg zu einer neuen Ära, in: Leipziger Volkszeitung (LVZ), 15./16.6.2002.
3.
Vgl. "So haben wir Deutschland vereint". Günter Krause und Wolfgang Schäuble im Interview, in: Die Welt, 21.8.2010.

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