Beleuchteter Reichstag

17.5.2011 | Von:
Jörg Bernhard Bilke

Hans Mayer und der 17. Juni 1953

Ein unbekannter Text

Unmittelbar nach der Niederschlagung des Aufstandes vom 17. Juni 1953 verfasste Hans Mayer seine Gedanken dazu. Er erkannte darin einen "faschistischen Putschversuch". Diese frühen Äußerungen werden verglichen mit zwei späteren Interpretationen Mayers aus den Jahren 1984 und 1991.

Hans Mayer und die Tagespolitik


Hans Mayer (1907–2001), undatierte Aufnahme.Hans Mayer (1907–2001), undatierte Aufnahme. (© AP, Ullsteinbild)
Der Literaturwissenschaftler Hans Mayer (1907–2001) hat sich während der anderthalb Jahrzehnte 1948–1963, in denen er als Professor an der Leipziger Universität wirkte, zu tagespolitischen Fragen höchst selten geäußert. Seine Antrittsvorlesung vom 20. Juli 1949 war dem anscheinend gegenwartsfernen Thema "Goethe und Hegel" gewidmet. Und dennoch waren seine überfüllten Vorlesungen, obwohl "nur" deutsche Literaturgeschichte vorgetragen wurde, im berühmten Hörsaal 40 hochpolitische Vorgänge. Wie Hans Mayer dort auf seine Zuhörer aus allen Fakultäten wirkte, hat sein Schüler Uwe Johnson 1967 eindrucksvoll beschrieben.[1]

Wenn er auf Westreisen über DDR-Politik befragt wurde, beispielsweise zur Oppositionsgruppe 1956 um Wolfgang Harich oder zur Verhaftung Erich Loests 1957, antwortete er ausweichend oder umständlich erklärend. Kritik an dem Staat, in dem zu leben er sich drei Jahre nach Kriegsende entschlossen hatte, trug er dort vor, wo sie, wie er meinte, verstanden wurde und aufgenommen werden sollte: nicht in Westzeitungen also, sondern in DDR-Publikationen! Sein Hörfunkbeitrag mit dem harmlos klingenden Titel "Zur Gegenwartslage unserer Literatur", niedergeschrieben in den drei Wochen (23. Oktober–15. November 1956), als in Ungarn ein antisowjetischer Aufstand tobte, war in Wirklichkeit eine vernichtende Kritik am Zustand der DDR-Literatur. Gesendet werden sollte die Rede am 28. November 1956 im Berliner "Deutschlandsender", die Bandaufnahme lag bereits vor, dann wurde sie kurzfristig abgesetzt und erschien in ungekürzter Druckfassung am 2. Dezember im "Sonntag", der Wochenzeitung des "Kulturbunds zur demokratische Erneuerung Deutschlands".

Fußnoten

1.
Uwe Johnson, Einer meiner Lehrer, in: Walter Jens/Fritz J. Raddatz (Hg.), Hans Mayer zum 60. Geburtstag. Eine Festschrift, Frankfurt a. M. 1967.

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