Beleuchteter Reichstag

14.4.2011 | Von:
Hermann Weber

Die SED und der Titoismus

Wolfgang Leonhard zum 90. Geburtstag

Die Unabhängige Arbeiterpartei Deutschlands


Gründungskongress der Unabhängigen Arbeiterpartei Deutschlands am 25.3.1951 in Worms: Mitglieder des Vorbereitungsausschusses (v.l.) Werner Sicher, Josef Schappe, Georg Fischer und Wolfgang Leonhard.Gründungskongress der Unabhängigen Arbeiterpartei Deutschlands am 25.3.1951 in Worms: Mitglieder des Vorbereitungsausschusses (v.l.) Werner Sicher, Josef Schappe, Georg Fischer und Wolfgang Leonhard. (© ullsteinbild)
Während manche der Funktionäre aus der KPD zur SPD wechselten, versuchten andere eine neue Sammlung der Opposition, auch deshalb, weil die Angriffe gegen Jugoslawien immer absurder wurden. Am 23. Juli 1950 trafen sich in Ratingen bei Düsseldorf über 50 Funktionäre und warben für eine unabhängige Arbeiterpartei. Einberufer war der frühere Chefredakteur des KPD-Zentralorgans "Freies Volk", Joseph Schappe aus Ratingen. Unter seiner Leitung erschien am 12. August die erste Nummer der "Freien Tribüne", eines kommunistischen Oppositionsblatts, als "Organ des Vorbereitungsausschusses zur Bildung einer unabhängigen Arbeiterpartei".[21] Ziel war es, "nach dem Versagen" von KPD und SPD eine neue sozialistische Partei vorzubereiten. Nach längeren Diskussionen verständigte sich im Dezember 1950 der Vorbereitungsausschuss zur "Bildung einer Unabhängigen Arbeiterpartei". Für das zehnköpfige "Politische Komitee" unterschrieben Schappe und der frühere KPD-Landesvorsitzende von Bayern, Georg Fischer. Beide KPD-Funktionäre waren als "Titoisten" aus der Partei ausgeschlossen worden. Zum Komitee zählte Wolfgang Leonhard, früher SED-Propagandist, der aus Jugoslawien in der Bundesrepublik eingetroffen war. Ebenso gehörten zwei Führer des Trotzkismus dazu, Georg Jungclas und Werner Sicher[22]. Von den übrigen Mitgliedern waren der später führende Trotzkist und ehemalige KPD-Landesvorsitzende von Baden, Willy Boepple, sowie der Jugendsprecher Hans Spittmann bekannt. Durch ihre Aktivitäten entstand dann auf dem Gründungskongress Ostern 1951 in Worms die kurzlebige UAPD[23], ein Zusammenschluss aus oppositionellen Kommunisten, Titoisten und Trotzkisten. Die Gruppe "Arbeiterpolitik" hatte den Eintritt abgelehnt.

Die neue Partei erregte nicht nur in der Presse Aufmerksamkeit. Besatzungsmächte und die SED zeigten sich beunruhigt. Vor allem die KPD war besorgt, sie versuchte (erfolglos), den Gründungsparteitag zu stören. Dass bis in die Parteiführung hinein Spitzel des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit, aber auch konkurrierender Parteien saßen, wäre ein eigenes Kapitel einer Untersuchung.

Vor dem Parteitag hatte das Organ "Freie Tribüne" am 24. März 1951 die Losung für den Gründungskongress verkündet; sie sei "Die Partei der Arbeiterklasse". Diese Bezeichnung für die neue UAPD war mehr als großsprecherisch, es handelte sich um eine sehr kleine Partei. Wie die Entwicklung rasch zeigen sollte, wurden die Erwartungen und auch Hoffnungen in die UAP bald enttäuscht.

Immerhin waren auf dem Parteitag am 24. und 25. März 1951 144 Delegierte und 25 Gastdelegierte anwesend, die von Georg Fischer begrüßt wurden. Das Grundsatzreferat hielt Jupp Schappe, zu den Ergebnissen der Programmdebatte sprach Wolfgang Leonhard. Die Delegierten wählten eine zentrale Parteileitung mit 29 Mitgliedern. Die meisten Stimmen erhielt Helmut Fleischer[24], für den sowohl Trotzkisten als auch Titoisten votierten. Die Führungsspitze bestand aus neun Personen, das Sekretariat, dem neben anderen Fischer, Jungclas, Schappe, Leonhard und auch Fritz Latzke angehörten.[25] – Latzke war 1932 Reichstagsabgeordneter der KPD und nach 1945 der aktivste Funktionär in Schleswig-Holstein, aber 1949 wegen "trotzkistischer Abweichungen und Titoismus" ausgeschlossen worden.[26]

Die heterogen zusammengesetzte, antistalinistische Partei konnte jedoch keinen Masseneinfluss gewinnen, sie galt als titoistisch und trotzkistisch, obwohl sie sich gegen diese Etikettierung wandte.[27] Neben SPD und KPD blieb die UAPD politisch ohne Bedeutung, konnte nur in wenigen Städten, etwa Worms oder Geesthacht (mit dem Leitungsmitglied und Altkommunisten August Ziehl[28]) Achtungserfolge erreichen. Innerhalb der kleinen Partei mit etwa 500–900 Mitgliedern und 3.000 Lesern der "Freien Tribüne", kam es bald zu heftigen Auseinandersetzungen. Schon im Juli wurde in nicht veröffentlichten Unterlagen eine "Verschärfung der innerparteilichen Situation der Partei" registriert. Die Stellungnahme zur stalinistischen Sowjetunion wurde zum kritischen Punkt. Als das Kominform das unabhängige Jugoslawien immer heftiger angriff und die Tito-Führung 1951 nur noch als "faschistisch" galt, verschärfte sich selbstverständlich auch Titos Ton gegen Stalin. Entsprechend wurde die Kritik gegen den "Staatskapitalismus" der Sowjetunion von der Mehrheit der UAP ebenfalls polemischer, während die Trotzkisten bei ihrer Einschätzung blieben. Auf der Sekretariatssitzung vom 25.–28. August 1951[29] (also nur fünf Monate nach der Parteigründung) ist Jungclas aus diesem Gremium entfernt worden. Ein im Wesentlichen von Leonhard verfasster Beschluss ist (mit sechs gegen eine Stimme – Heinrich Bixl –, bei Stimmenthaltung von Georg Fischer) angenommen worden. Darin wurde den Trotzkisten eine "feindliche" Tätigkeit in der UAP vorgeworfen. Unter dem Titel "Bruch mit dem Trotzkismus" wurde der Beschluss auch veröffentlicht.[30]

Durch die Spaltung hatten die Trotzkisten wenig gewonnen. In Köln trafen sich Ende September 1951 ehemalige UAPD-Funktionäre. Diese "Marxisten in der UAPD" forderten die Rücknahme des Sekretariatsbeschlusses vom 28. August gegen den Trotzkismus, für den sie die "Schappe-Leonhard-Clique" verantwortlich machten. Eine Entschließung wurde von dem ehemaligen Sekretariatsmitglied Heinrich Bixl sowie den Trotzkisten Willy Boepple, Herbert Fulfs und Werner Sicher (Salus) "im Auftrag der Konferenz" unterschrieben.[31]

Schon Ende des Jahres 1951 war die UAPD praktisch am Ende. Die "Freie Tribüne" musste eingestellt und die hauptamtlichen Funktionäre entlassen werden. Offensichtlich hatte die KP Jugoslawiens ihre (geheime) Unterstützung beendet. Unter Georg Fischers Leitung blieb 1952 eine Restgruppe aktiv. Ein "Mitteilungsblatt" als "Freie Tribüne, 3. Jahrgang" kam 1952 heraus. Die Zeitschrift "machten" Werner Hoffmann und Theo Pirker, zwei später sehr bekannte Akademiker. Am 20. Oktober 1952 kapitulierte das Rest-Sekretariat endgültig. Georg Fischer, Wolfgang Geese, Hans Dormann, Wolfgang Leonhard und Hans Spittmann gaben in einem Rundbrief "unseren Mitgliedern die Organisationsfreiheit wieder". Es sei "nicht gelungen, eine kampfkräftige unabhängige Arbeiterpartei zu entwickeln". Im Rückblick erwähnten sie die "verheerende Situation" nach "der jähen Verarmung der UAPD", womit das Ausbleiben der jugoslawischen Unterstützung verschleiert wurde. Dies habe zur "Einstellung der 'Freien Tribüne' und zur Auflösung" des (hauptamtlichen) "Arbeitssekretariats" geführt.[32] 1953 war der Versuch von "Titoisten", unter der Losung "Weder Ost noch West"[33], in Deutschland eine unabhängige sozialistische Partei zu schaffen, gescheitert.

Fußnoten

21.
Freie Tribüne, 23.12.1950.
22.
Pseudonym des bekannten Trotzkisten Wolfgang V. Salus, der 1953 in München von einem Agenten des MfS ermordet wurde. Vgl. Hermann Bubke, Der Einsatz des Stasi- und KGB-Spions Otto Freitag im München der Nachkriegszeit, Hamburg 2004; sowie Hermann Weber, Trotzki und der Trotzkismus, in: JHK 2004, S. 379ff.
23.
Zur UAPD liegt wenig wissenschaftliche Literatur vor. Vgl. Peter Kuhlemann, Die Linke in Westdeutschland nach 1945. Die erste Nachkriegszeit zwischen sozialdemokratischer Integration und dem Stalinismus der KPD, Hannover 1978. Selbst bei Richard Stöss (Hg.), Parteien-Handbuch. Die Parteien in der Bundesrepublik Deutschland von 1945–1980, Opladen 1984, gibt es keinen eigenständigen Artikel zur UAPD; Hinweise dazu sind nur unter "USPD" zu finden.
24.
Vgl. Helmut Fleischer, Aus Hitlers Krieg durch Stalins GULag, Freiburg i.Br. 2010, S. 39.
25.
Freie Tribüne, 6.4.1951.
26.
Vgl. Hermann Weber/Andreas Herbst, Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918–1945, 2. Aufl., Berlin 2008, S. 531.
27.
Immerhin wurde über die Bedeutung der jugoslawischen Arbeiterräte als Gegenmodell zum stalinistischen Hierarchiesystem in den Betrieben positiv berichtet, etwa von Wolfgang Leonhard noch aus Belgrad, in: Freie Tribüne, 25.11.1950; oder konnte dazu (ebd., 6.1.1951) Milovan Djilas einen Artikel veröffentlichen, ebenso gab es Beiträge zur jugoslawischen Volksfront (4.11.1950).
28.
Vgl. Hermann Weber/Andreas Herbst, Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918–1945, 2. Aufl., Berlin 2008, S. 1057f.
29.
Protokoll der Sekretariatssitzung v. 25.–28.8.1952 in Düsseldorf, Archiv Hermann Weber. Es handelt sich um internes Material, das mir seinerzeit freundlicherweise Willy Boepple, Helmut Fleischer, Wolfgang Leonhard und Ilse Spittmann aus ihren Unterlagen übergaben.
30.
Vgl. Freie Tribüne, 8.9.1951.
31.
Vgl. Archiv Hermann Weber.
32.
Vgl. Archiv Hermann Weber.
33.
So Susanne Leonhard, in: Freie Tribüne, 15.9.1951.

Publikationen zum Thema

Deutschland Archiv 2018

Deutschland Archiv 2018

Der Band enthält eine Auswahl der wichtigsten Artikel, die im Jahr 2018 erschienen sind.

Deutschland Archiv 2017

Deutschland Archiv 2017

Der Band enthält eine Auswahl der wichtigsten Artikel, die im Jahr 2017 erschienen sind.

Deutschland Archiv 2016

Deutschland Archiv 2016

Der Band enthält eine Auswahl der wichtigsten Artikel, die im Jahr 2016 erschienen sind.

Schriftenreihe Bd. 1664 "Deutschland Archiv 2015": Cover

Deutschland Archiv 2015

Der Band enthält eine Auswahl der wichtigsten Artikel, die im Jahr 2015 erschienen sind.

Schriftenreihe Bd. 1544 "Deutschland Archiv 2014": Cover

Deutschland Archiv 2014

Der Band enthält eine Auswahl der wichtigsten Artikel, die im Jahr 2014 erschienen sind.

Coverbild Deutschland Archiv 2013

Deutschland Archiv 2013

Der Band enthält eine Auswahl der wichtigsten Artikel, die im Jahr 2013 erschienen sind.

Zum Shop

Deutschlandarchiv bei Twitter

Chronik der Mauer

Es erwartet Sie eine Fülle von multimedial aufbereiteten Informationen über Mauerbau und Mauerfall - und über die Opfer der Grenze.

Mehr lesen auf chronik-der-mauer.de

Dossier

Stasi

Alles wissen, alles kontrollieren, Menschen manipulieren. Aus der Arbeitsweise der DDR-Geheimpolizei "Stasi" ist auch viel zu lernen über die Mechanismen von Diktaturen der Gegenwart. In der DDR überwanden couragierte Bürgerinnen und Bürger allerdings 1989 ihre Angst vor der "Staatssicherheit".

Mehr lesen

Online-Angebot der bpb und der Robert-Havemann-Gesellschaft

jugendopposition.de

Wie haben junge Menschen in der DDR mit Mut und Musik gegen Stasi und SED-Diktatur gekämpft? Zeitzeugen berichten. Mit zahlreichen Texten, Videos, Audios, Fotos und Dokumenten.

Mehr lesen auf jugendopposition.de

Wird die DDR-Diktatur verharmlost? Und warum begann die intensive Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit erst so spät? Die Deutung von Geschichte ist oft umstritten - und nicht selten ein Politikum.

Mehr lesen

13. August 1961: In den frühen Morgenstunden beginnt der Bau der Mauer, die Deutsche Teilung wird zementiert. Am Abend des 9. November 1989 kommt es zum Mauerfall. Bald 30 Jahre danach ist Deutschland in vielem noch immer ein Land mit zwei Gesellschaften.

Mehr lesen

Online-Archiv

www.wir-waren-so-frei.de

Fast 7.000 private Filme und Fotos aus der Umbruchzeit 1989/90 sowie über 100 begleitende Erinnerungstexte. Dazu ost- und westdeutsche Medienberichte. Die persönlichen Erfahrungen der Fotografen und Filmemacher bieten zusammen mit der öffentlichen Berichterstattung vielfältige Blicke auf die historischen Ereignisse und deren Auswirkungen auf den Alltag in Ost und West.

Mehr lesen auf wir-waren-so-frei.de

Zu dem Thema "Children of Transition, Children of War, the Generation of Transformation from a European Perspective" diskutierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der Deutschlandforschertagung 2016 vom 3. bis 5. November 2016 in der Universität Wien. Die Tagungsdokumentation gibt Einblick in die Themen und Ergebnisse.

Mehr lesen

Der Tag in der Geschichte

  • 24. August 1950
    Mit einer ersten Parteisäuberung werden vor allem ehemalige Westemigranten entmachtet: Paul Merker (bisher Politbüromitglied), Leo Bauer (Chefredakteur des Deutschlandsenders), Willy Kreikemeyer (Generaldirektor der Reichsbahn, im Gefängnis zu Tode... Weiter
  • 24. August 1976
    Das Fernunterrichtsschutzgesetz (in Kraft am 1. 1. 1977) regelt die Zulassung von Fernlehrgängen, um ihre Qualität zu verbessern und unseriöse Geschäftspraktiken zu unterbinden. Der Fernunterrichtsvertrag muss u. a. den Gegenstand, das Ziel, die Dauer, die... Weiter
  • 24. August 1989
    Ungarn duldet die Ausreise von DDR-Bürgern aus der bundesdeutschen Botschaft in Budapest nach Österreich als einmalige humanitäre Aktion mit Rotkreuz-Papieren. Österreich hebt am 31. 8. 1989 die Visumpflicht zeitweilig für DDR-Bürger auf. Es erleichtert ihnen... Weiter
  • 24. August 1990
    Die dritte Verhandlungsrunde zum Einigungsvertrag ist abgeschlossen. Strittig bleiben vor allem die Bereiche Schwangerschaftsabbruch, Stasi-Akten, Länderfinanzen, Eigentumsfragen, Parteivermögen, Stimmenzahl im Bundesrat, Treuhandanstalt, soziale Sicherheit... Weiter