Beleuchteter Reichstag

10.2.2011 | Von:
Christian Booß

Von der Stasi-Erstürmung zur Aktenöffnung

Konflikte und Kompromisse im Vorfeld der Deutschen Einheit

Aktenvernichtung


Zu Jahresbeginn 1990 gingen selbst in den Bürgerkomitees noch manche davon aus, man könne die Stasi-Vergangenheit ohne Personendossiers aufarbeiten.[5]

Sogar Zerstörungen von Akten gingen aus Kapazitäts- und Datenschutzerwägungen noch nach den Besetzungen weiter. Die Behauptung, dass heute nur noch die Hälfte der Akten überliefert sei, ist freilich eine Schätzung, die nicht durch Fakten untermauert ist.[6] Tatsächlich aber wurden Akten zum Teil hinter dem Rücken von Bürgerkomitees, zum Teil aber auch mit deren Zustimmung vernichtet, und zwar in einem Ausmaß, das lange Zeit unterschätzt wurde.

In Berlin lösten auch nach der Besetzung vom 15. Januar 1990 Stasi-Mitarbeiter brisante Diensteinheiten unter Anleitung ranghoher Leiter, teilweise sogar der ehemaligen Abteilungs- oder Hauptabteilungsleiter des MfS selber auf. Noch im Februar waren dies Joachim Wiegand für die Hauptabteilung XX (Opposition, Kirche, Staatsapparat, Blockparteien), Günter Möller für die Personalabteilung (KuSch). Carli Coburger leitete die Auflösung der Hauptabteilung VIII, die nicht nur die Observierungen durchgeführt und protokolliert, sondern auch Entführungen und Anschläge auf Personen organisiert hatte[7]; Achim Kopf führte die Auflösung der Hauptabteilung für die Ermittlungen in politischen Strafverfahren (HA IX) an.[8] Erst im Februar 1990 ging das Berliner Bürgerkomitee (BKB) daran, "jedem Dienststellenleiter [...] ein/mehrere BKB-Mitglieder zuzuordnen".[9]

In der HA XX kamen sie zu spät: "Es kam mir vor wie das Märchen vom Hasen und der Igel", erinnert sich der Leiter der Arbeitsgruppe Akten des BKB, Heinz Meier: "Wir sind schon fertig", die Stasi-Mitarbeiter hatten die Akten zusammengeführt, "ohne unser Zutun."[10]

In der HA VIII trug Coburger mit 25 Mitarbeitern in seinem Dienstgebäude in Karlshorst, also Kilometer vom Sitz des Bürgerkomitees entfernt, die Akten zusammen – kontrolliert von einer einzigen jungen DDR-Bürgerin.[11] Auch in anderen Bereichen gab es nur eine eher 'theoretische' Möglichkeit zur Kontrolle.[12]

Um den Auflösungsprozess zu beschleunigen, wurde im Februar 1990 mit Billigung des BKB sogar die Verkollerungsmaschine in der alten Stasi-Zentrale wieder in Gang gesetzt. Gezielt zerstört wurden beispielsweise 50 bis 80 LKW-Ladungen mit Grenzübertrittsdokumenten der HA VI, 100 Ladungen mit Protokollen von abgehörten Telefonaten bzw. der HA III[13] Auch der Vernichtung der Sicherheitskopie der zentralen Personenkartei F16 stimmte des BKB im Zuge der Auflösung der (Spionage-) Hauptverwaltung Aufklärung (HV A) noch im März 1990 zu.[14]

Heutige Aktenfunde zeigen, dass manche der Aktenvernichtungskonzepte mit Vorschlägen der ehemaligen Stasi-Mitarbeiter deutlich übereinstimmten. Im Februar/März 1990 wurden bekanntermaßen elektronische Datenträger vernichtet, unter anderem der Zentralen Personendatenbank (ZPDB) und die Elektronische Fassung der zentralen Personenkartei F16, die SAVO. Die Mehrheit des Zentralen Runden Tisches hatte zugestimmt, weil sie den Missbrauch durch westliche Geheimdienste befürchtete. [15] Die damalige Behauptung, es gäbe papierene Duplikate, die der Aufarbeitung zur Verfügung stünden, entsprach nicht ganz der Wahrheit. Die SAVO enthielt in ihrer Ursprungsfassung die vollständige Zahl der Personenerfassungen, aus der physischen Kartei waren brisante Personalien entfernt worden. Von der ZPDB sind zwar Datenerfassungsbögen erhalten, sie erlauben es aber nicht nachzuvollziehen, welche Daten zu einer Person insgesamt in der ZPDB gespeichert waren. Aggregierte Datensätze zu ca. einer Million Einzelpersonen konnten im Extremfall einen Fahndungsbogen mit detaillierten Personenmerkmalen sowie zahlreiche Hinweise zu Kontakten und Auffälligkeiten enthalten.[16]

Der Vorschlag, diese elektronischen Daten zu vernichten, war intern schon im Dezember 1989 vom Stab des letzten Staatssicherheitschefs Heinz Engelhardt erarbeitet worden.[17] An den Runden Tisch gelangte der Vorschlag jedoch nicht als Stasi-Vorlage, sondern als Vorschlag des Bürgerkomitees.[18] Auffällig ist, dass derartige Vernichtungsvorschläge, immer wieder von Mitgliedern dieses Bürgerkomitees formuliert wurden, die in der ehemaligen Schweriner Bezirksverwaltung für Staatssicherheit tätig waren.[19] Sie wurden – anders als in anderen Bürgerkomitees, die einen radikaleren Schnitt machten – lange Zeit von ehemaligen Stasi-Hauptamtlichen beraten, die zum Teil sogar noch nach dem 3. Oktober 1990 bei den Akten verbleiben.[20] Detailliertes Expertenwissen und die Sprache mancher Positionspapiere, wie die Forderung nach "sofortiger Vernichtung der Verzeichnisse sogenannter Patrioten"[21], sind offenkundig auf solche Beratung zurückzuführen. Angeblich waren mit diesem Vorstoß nur Listen und nicht die IM-Akten selber gemeint, dennoch sollen in Schwerin auch zahlreiche Teile von IM-Dossiers vernichtet worden sein.[22]

Fußnoten

5.
Gerhard Rogge vom Untersuchungsausschuss Rostock auf einer Veranstaltung der BStU-Außenstelle Rostock am 3.12.2009; Silke Schumann, Vernichten oder Offenlegen? Zur Entstehung des Stasi-Unterlagen-Gesetzes, Berlin 1997, S. 7ff.
6.
Klaus Bästlein, Der Kampf um die Akten. Die Vernichtung von Unterlagen der Staatssicherheit 1989/90, in: DA 43 (2010) 5, S. 830–837, hier 836. – Leider gibt es bisher keine verlässliche Hochrechnung der Kassationen von Stasi-Unterlagen in der Zeit des Umbruchs von 1989/90. Eine Analyse von Teilbeständen findet sich bei: Roland Lucht, "Ablagen liquidieren – 'spezifische' Vorgänge tragfähig gestalten". Schriftgutvernichtungen des MfS während der 'Wende" und der Auflösungsphase der Staatssicherheit, in: Dagmar Unverhau (Hg.), Hatte Janus eine Chance?, Münster 2003, S. 81–97.
7.
Angela Schmole, Die HA VIII (MfS-Handbuch), Berlin 2011 (i. Vorbereit.).
8.
Archiv Robert Havemann Gesellschaft (RHG), Bestand Gill, Bd. 15.
9.
RHG, Bestand Gill, Bd. 14.
10.
Gegenüber d. Vf. auf einer BStU-Podiumsdiskussion am 15.1.2005.
11.
RHG, Bestand Gill, Bd 16; Interview m. Barbara Timm, 2006, in: Christian Booß, Dissidenten der Stasi-Unterlagenbehörde. Über die Altlasten der Gauck-Behörde, in: Zeitschrift d. Forschungsverbundes SED-Staat (ZdF) 2007, 21, S. 158–162.
12.
Stefan Wolle, zit.: Klaus Bästlein, Der Kampf um die Akten. Die Vernichtung von Unterlagen der Staatssicherheit 1989/90, in: DA 43 (2010) 5, S. 830–837, hier 834.
13.
RHG, Bestand Gill, Bd. 16.
14.
RHG, Bestand Gill, Bd. 2.
15.
Walter Süß, Staatssicherheit am Ende, Berlin 1999, S. 738f; Klaus Bästlein, Der Kampf um die Akten. Die Vernichtung von Unterlagen der Staatssicherheit 1989/90, in: DA 43 (2010) 5, S. 830–837, hier 834f.
16.
Christian Booß, Überblick über die Bestände zur Westarbeit des MfS in den Archiven der BStU, unveröff. Ms. 2009.
17.
RHG, Bestand Gill, Bd. 9.
18.
Michael Richter, Die Staatssicherheit im letzten Jahr der DDR, Weimar u.a. 1996, S. 183f.
19.
Martin Klähn, Die Auflösung. Das Ende Der Staatssicherheit in den drei Nordbezirken, Schwerin 2010, S. 81ff.
20.
RHG, Bestand Gill, Bd. 12.
21.
Martin Klähn, Die Auflösung. Das Ende Der Staatssicherheit in den drei Nordbezirken, Schwerin 2010, S. 71.
22.
Martin Klähn, Die Auflösung. Das Ende Der Staatssicherheit in den drei Nordbezirken, Schwerin 2010, S. 72; Gespräch m. Wolfgang Loukides, 2010.

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