Beleuchteter Reichstag

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15.12.2011 | Von:
Sandra Pingel-Schliemann

"Sie haben mich zum Verräter gemacht..."

Die Inszenierung von Gerüchten durch den DDR-Staatssicherheitsdienst

Gerade in Diktaturen werden Gerüchte häufig als Tatsachen empfunden: mit erheblichen Folgen für die Gesellschaft und für die in ihr lebenden Menschen. Den fehlenden freien Zugang zu Informationen macht der Staat sich gern zunutze, indem er Gerüchte für seine Zwecke instrumentalisiert.

Gerüchte in Diktaturen

"Hast du gehört", "Weißt du schon": Mit diesen Worten beginnen meist überraschende Erzählungen über Menschen oder Ereignisse, die sich wie ein Virus ausbreiten können. Gerüchte stecken an, sie motivieren zum Weitererzählen, weil man scheinbar Unfassbares gehört hat. Es gibt sie seit Menschengedenken.

Gerüchte sind gemeinhin unverbürgte, vereinfachte Nachrichten von zweideutigem Charakter, da nicht klar ist, was an den Erzählungen wahr oder unwahr ist. Sie stoßen gerade deshalb auf allgemeines bzw. öffentliches Interesse und verbreiten sich in der Regel unkontrolliert. Häufig bleiben die Urheber von Gerüchten im Dunkeln. Für die Betroffenen sind die Gerüchte nicht immer folgenlos. Sie können soziale Beziehungen zerstören, das Ansehen schädigen, Selbstwertgefühle schwächen, aber auch negative gesundheitliche Reaktionen hervorrufen. Gerüchte begegnen uns überall auf der Welt, ob in Demokratien oder Diktaturen.[1]

In Diktaturen stoßen die plausibel erscheinenden Behauptungen oder überraschenden Erzählungen jedoch auf einen besonders fruchtbaren Boden, weil die Informationsfreiheit massiv eingeschränkt ist, die Gerüchte nicht überprüft werden können, man sich nicht gegen sie zur Wehr setzen kann und das Misstrauen gegenüber jedem und allem ohnehin groß ist. Unter solchen Bedingungen werden Gerüchte häufig als Tatsachen empfunden: mit erheblichen Folgen für die Gesellschaft und für die in ihr lebenden Menschen.[2]


Die politischen Geheimpolizeien in den sozialistischen Diktaturen haben sich des Wesens der Gerüchte bedient und damit strategisch operiert, sei es um politische Prozesse zu steuern und zu manipulieren oder bestimmte Menschen als Feinde zu stigmatisieren.[3] Die von den Geheimpolizeien in den Ostblockstaaten in die Welt gesetzten Gerüchte verfolgten auch das Ziel, den Westen zu brandmarken, von der desolaten Wirtschaftslage in den eigenen Ländern abzulenken oder die Biografien Einzelner zu zerstören.[4] Am Beispiel des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) soll im Folgenden aufgezeigt werden, wie Gerüchte organisiert worden sind, um politische Gegner in der DDR im Rahmen von sogenannten Zersetzungsmaßnahmen zu verleumden, zu zermürben, zu zerbrechen.


Fußnoten

1.
Zu theoretischen Ansätzen siehe u.a.: Manfred Bruhn/Werner Wunderlich (Hg.), Medium Gerücht. Studien zu Theorie und Praxis einer kollektiven Kommunikationsform, Bern 2004; Jean-Noël Kapferer, Gerüchte. Das älteste Massenmedium der Welt, Leipzig 1996.
2.
Vgl. auch Jörg Baberowski, "Gerüchte und Gewalt im Zarenreich und in der Sowjetunion", in: Humboldt-Spektrum, 1/2009, S. 46–48.
3.
Vgl. Łukasz Kamiński u.a. (Hg.), Handbuch der kommunistischen Geheimdienstes in Osteuropa 1944–1991, Göttingen 2009.
4.
Mit vielen Beispielen: Hubertus Knabe, Der diskrete Charme der DDR. Stasi und Westmedien, Berlin/München, 2002; Lars-Broder Keil/Sven Kellerhoff, Gerüchte machen Geschichte. Folgenreiche Falschmeldungen im 20. Jahrhundert, Berlin 2006; Bernd Eisenfeld, Gerüchteküche DDR – Die Desinformationspolitik des Ministeriums für Staatssicherheit, in: WerkstattGeschichte 15 (1996), S. 41–53.

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