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2.2.2012 | Von:

Flucht und Vertreibung im bundesdeutschen Spielfilm der 1950er-Jahre

3. Abwesenheit von Bildern der Heimatregionen
und von Flucht und Vertreibung

Das Aufgreifen des großen Themenkomplexes Flucht und Vertreibung durch Andeutungen, die Konzentration auf die Gegenwart und Zukunft im Hinblick auf den Integrationsgedanken und die geografische Unzugänglichkeit durch die Zugehörigkeit der Flucht- und Vertreibungsregionen zum sowjetischen Machtbereich führten dazu, dass die Heimatgebiete, -städte und -landschaften visuell abwesend und ausschließlich Ankunftsregionen visuell präsent waren, also quasi die Flucht- und Vertreibungsregionen durch die Ankunftsregionen ersetzt wurden. So blieben die Gebiete, aus denen geflüchtet oder vertrieben wurde, nur in der Erinnerung ihrer ehemaligen Bewohner präsent. Bei den Einheimischen wurden sie durch ihre konsequente visuelle Abwesenheit im Spielfilm gar nicht erst lebendig, auch wegen der verbreiteten Abneigung gegen die Ostdeutschen und weitgehender Ignoranz gegenüber den jetzt unzugänglichen Flucht- und Vertreibungsregionen und gegenüber dem erlittenen Leid der Geflüchteten und Vertriebenen.

Der filmisch-narrative Transfer der "alten Heimat" durch den Heimatfilm der 1950er-Jahre an einen neuen Ort, also der vollständige Ersatz der Flucht- und Vertreibungsregionen durch die Ankunftsregionen, bewirkte einerseits, dass die Vertriebenen langsam Abstand gewannen, und verhinderte andererseits bei den Einheimischen, dass diese überhaupt eine Beziehung zu den Flucht- und Vertreibungsgebieten aufbauten. Diese bekamen so für all jene, die nicht vertrieben worden waren, einen ungreifbaren, unattraktiven, ja geradezu nicht-existenten, irrealen Charakter.

Da zudem nicht in Betracht gezogen werden musste, Darstellungen für die Geschehnisse im Zuge von Flucht und Vertreibung zu finden, entstand auch nie die Notwendigkeit, jene zu personifizieren, die für Flucht und Vertreibung verantwortlich waren und die die Vertreibungen exekutierten. Insofern kann von einer weitgehenden Tabuisierung des Themas Flucht und Vertreibung im deutschen Spielfilm der 1950er-Jahre gesprochen werden.

All das führte auch dazu, dass der Gedanke einer Rückkehr in die einstige "Heimat" im Spielfilm nicht thematisiert wurde, während er gleichzeitig bei allen politischen Parteien zum Standardrepertoire für die Rekrutierung von Wählern gehörte. War das Thema im politischen Diskurs ständig präsent, so fehlte es vollständig in jenen Filmsujets, die sich nur dem Verbleiben im neuen Zuhause widmeten. Damit antizipierte der westdeutsche Spielfilm bereits die lange Zeit umstrittene, heute aber gängige Haltung, die auch für die meisten aus der Enkel- und Kindergeneration der Vertriebenen selbstverständlich ist: "Rückkehr ausgeschlossen".[13] Im Spielfilm artikulierte sich also frühzeitig eine Strömung, die im politischen Diskurs der 1950er- und frühen 60er-Jahre längst noch nicht salonfähig war.

So liegt ein ganzes Bündel von Faktoren vor, anhand derer der deutsche Spielfilm die zunehmende Akzeptanz von Flucht und Vertreibung in Westdeutschland indirekt förderte: Aus filmanalytischer Sicht gehört hierzu der Ersatz der alten Heimat durch eine neue, deren positive Seiten betont wurden, die visuelle Abwesenheit der Flucht- und Vertreibungsregionen, die radikale Ausblendung konkreter Flucht- und Vertreibungserfahrungen sowie die Tabuisierung des Rückkehrgedankens. Der gesamte Themenkomplex wurde im deutschen Spielfilm allenfalls durch Andeutungen angesprochen, die auf bereits vorhandenes Wissen zielten. Dazu kommen psychologische Faktoren, wie die Verdrängung des Erlebten wegen massiver Traumatisierungen, das Behaftetsein der Regionen mit Schmerz und Verlustgefühlen für die Geflüchteten und Vertriebenen und die Konzentration auf Fragen der Gegenwart und Zukunft und zudem noch soziale Faktoren, wie die Diskriminierungen durch Einheimische und das Voranschreiten der Integration bei wirtschaftlichem Aufschwung, und nicht zuletzt die administrativen Vorgaben durch die Besatzungsmächte.


Fußnoten

13.
Mit "Rückkehr" ist hier ausschließlich die Rückkehr unter der Wiedereinsetzung der Vorkriegs-Eigentumsverhältnisse gemeint.

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