Beleuchteter Reichstag

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2.2.2012 | Von:
Manfred Wilke

Das Leben der Anderen – Wieslers Verweigerung

"Das Leben der Anderen" war ein Welterfolg. In Deutschland löste der oscar-prämierte Film Kontroversen aus: Ein Stasi-Offizier als positiver Held war eine Provokation. War die Filmhandlung eine Fiktion, oder beruhte sie auf authentischen Ereignissen der DDR-Geschichte?

I. Die Macht der Musik – die Filmidee

Florian Henckel von Donnersmarck fand die idealistische Idee zu seinem Film "Das Leben der Anderen" (2006) beim Lesen der Erinnerung des russischen Schriftstellers Maxim Gorki an Wladimir I. Lenin. Dieser habe – so erinnerte sich Gorki – die "Appassionata" von Beethoven geliebt, konnte sie aber nach der Revolution nicht oft anhören, weil seine seelische Verfassung dies verhinderte. Lenin sah in dieser Sonate "eine erstaunliche, nicht menschliche Musik". Nachdem die Bolschewiki an der Macht waren, konnte er sie nicht allzu oft hören, zu sehr lähmte sie seine politische Entschlusskraft: "Sie greift die Nerven an, man möchte liebevolle Dummheiten sagen und den Menschen die Köpfe streicheln [...]. Aber heutzutage darf man niemandem den Kopf streicheln – die Hand wird einem abgebissen, man muss auf die Köpfe einschlagen, mitleidlos einschlagen [...]!"[1]

Es war der Kontext des russischen Bürgerkriegs, in dem diese Worte gefallen sind. Der Begründer des Sowjetstaates und der kommunistischen Weltbewegung hat mit diesen Worten selbst den Widerspruch zwischen der humanistischen Vision des sozialistischen Ziels und der terroristischen Praxis der an der Macht befindlichen Bolschewiki benannt. Sein Nachfolger Josef W. Stalin sollte durch seine terroristische Politik innerhalb der Sowjetunion die humane Vision endgültig zur ideologischen Rechtfertigung der Macht degradieren. Der Widerspruch zwischen dem humanistischen Ziel und den terroristischen Mitteln kommunistischer Herrschaft blieb ein unlösbares Problem dieser Diktaturen. Die Ideologie des kommunistischen Endziels konnte der herrschende Parteiapparat aber nicht aufgeben, da sie sein Machtmonopol legitimierte.

Wie im "Rausch" zog Henkel von Donnersmarck aus dem Bericht über die Wirkung großer Musik auf den russischen Revolutionär die Konsequenzen für die Story des Films. Er stellte sich vor, wie der Lauscher des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR eine solche Musik nicht zum Vergnügen hört, sondern im Dienst durch seine Kopfhörer, als er einen "Feind seiner Ideen" bespitzelt, der aber ebenfalls ein "Freund dieser Musik" ist.[2] Musik als Katalysator von
Hautpmann Gerd Wiesler (Ulrich Mühe). Szenenfoto aus "Das Leben der Anderen" – als DVD erhältlich.Hautpmann Gerd Wiesler (Ulrich Mühe). Szenenfoto aus "Das Leben der Anderen" – als DVD erhältlich. (© Disney, Buena Vista Home Entertainment, Inc. 2006)
Hauptmann Gerd Wieslers Verweigerung – war das wirklich ein überzeugendes Motiv, auf dem die Handlung des Films aufgebaut werden konnte?

Die Idee des Filmprojektes bedurfte einer Geschichte für das Drehbuch, sie bestimmte bereits das kulturelle Milieu, in dem er spielen sollte. Schriftsteller, Schauspieler und Intellektuelle waren für eine Weltanschauungsdiktatur immer eine Risikogruppe; denn gesellschaftliche Veränderungen beginnen in den Köpfen der Menschen. Daher gehörten Zensur und Sprachlenkung ebenso wie die geheimpolizeiliche Überwachung der Bevölkerung zu den Herrschaftsmethoden dieser Diktatur. Aus Sicht der Macht mussten die "Kulturschaffenden" von der Geheimpolizei besonders intensiv überwacht werden. Die Geschichte von Wissenschaft und Kultur in der DDR war geprägt von vielen Konflikten, die Künstler und Wissenschaftler mit der Staatsmacht hatten. Solche wirklich stattgefundenen Konflikte mussten das Material liefern für die Geschichte, die "Das Leben der Anderen" erzählen sollte.

An diesem Punkt der Realisierung seines Films suchte der Drehbuchautor die historische Beratung über das historische Material für sein Drehbuch. Florian Henckel von Donnersmarck war 17 Jahre alt, als die Mauer fiel, er war also angewiesen auf Zeitzeugen, um sein Drehbuch zu schreiben. Er nahm sich für diese Recherche viel Zeit und befragte systematisch Zeitzeugen, auch ehemalige MfS-Offiziere. Diese offene Haltung schuf Raum für das kontroverse Gespräch zwischen uns über inhaltliche Fragen seines Drehbuchs. Die zentrale Kontroverse mit mir betraf die Frage: Konnte seine Filmidee in der Handlung seines Films überzeugend dargestellt werden? Ich hatte meine Zweifel und betonte die Notwendigkeit, die Musik mit Widersprüchen im Ablauf des Operativen Vorgangs (OV) Dreyman zu verbinden. Das geschieht im Film: Wieslers Auftrag bei der Bespitzelung eines Schriftstellers bringt sein Koordinatensystem als Geheimpolizist und Kommunist durcheinander, er verliert den klaren Bezug zum ideologisch vorgegebenen Feindbild.


Fußnoten

1.
Maxim Gorki, Erinnerungen an Zeitgenossen, Frankfurt a. M. 1973, S. 212f. Vgl. Florian Henkel von Donnersmarck, "Appassionata". Die Filmidee, in: Ders., Das Leben der anderen. Filmbuch, Frankfurt a. M. 2006, S. 169f.
2.
Ebd., S. 170.

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