Dossierbild Die Wohnung

"Die Akteure im Rahmen ihres damaligen Horizontes wahrnehmen"

Der Historiker Michael Wildt im Interview über die historische Figur Leopold von Mildenstein und dessen Freundschaft mit den Tuchlers

18.11.2014
Michael WildtMichael Wildt (© Mirko Tzotschew / Kooperative Berlin)

Adolf Eichmann nannte Leopold von Mildenstein, seinen Vorgänger im so genannten Judenreferat, seinen "bedeutendsten Meister und Lehrer", dessen Anschauungen er bis zum Ende beibehalten habe. Wie schätzen Sie diese Aussagen ein?

Eichmanns Aussagen sind meiner Ansicht nach ganz klar als Verteidigungsstrategie zu sehen. Er weist von Mildenstein bewusst eine große Bedeutung zu, um seine eigene Rolle dahinter kleiner zu machen, als sie tatsächlich war. Eichmann versuchte zudem, sich in eine Kontinuität mit von Mildenstein zu stellen, der zu Beginn des NS-Regimes für eine forcierte Auswanderung der deutschen Juden plädiert hatte und noch nicht für den Massenmord.

Was war der Sicherheitsdienst der SS, in dem Mildenstein 1935/36 das "Judenreferat" leitete?

Heinrich Himmler, Reichsführer SS, beauftragte 1931 den gerade entlassenen Marineoffizier Reinhard Heydrich mit dem Aufbau des SD (Sicherheitsdienst) als Nachrichtendienst innerhalb der Schutzstaffel (SS). Zunächst sammelte der SD Informationen über oppositionelle Personen und Gruppierungen; seit der Machtübernahme 1933 gewann er aber zunehmend in Verbindung mit der Gestapo – Heydrich war sowohl Chef der Gestapo wie des SD – an Wichtigkeit und Gefährlichkeit. Das so genannte Judenreferat des Sicherheitsdienstes der SS war 1935/36, als von Mildenstein dort tätig war, erst im Aufbau; erst mit Eichmann wurde es immer wichtiger. Als im September 1939 das Reichsicherheitshauptamt (RSHA) als oberste Behörde des Terrors und der Verfolgung gegründet wurde, gehörte neben der Gestapo und der Kriminalpolizei auch der SD dazu. Nunmehr wurde das "Judenreferat", in dem Adolf Eichmann tätig war, die Organisationszentrale für die Deportation der europäischen Juden in die Vernichtungslager.

Heute verbindet man mit dem SD in erster Linie Staatsterror und mit dem Judenreferat die Massenvernichtung der Juden. Man denkt nicht an zwei, drei Männer, die in einem kleinen Amtszimmer sitzen, Informationen sammeln und Zeitungsartikel ausschneiden.

Das berührt auch ein Grunddilemma des Historikers. Einerseits wissen wir – so wie der Regisseur Goldfinger im Film – um den weiteren Fortlauf der Nationalsozialistischen Verbrechen, andererseits wollen und müssen wir die Akteure im Rahmen ihres damaligen Horizontes wahrnehmen und beurteilen. Natürlich war der SD auch Anfang der 30er-Jahre eine verbrecherischen Organisation, aber dass es nur wenige Jahre später Vernichtungslager wie Sobibor, Belzec oder Auschwitz geben würde, konnte sich niemand Anfang der 1930er-Jahre vorstellen, weder jemand aus der Familie Tuchler, noch, denke ich, jemand wie Mildenstein.
Im Film "Die Wohnung" spricht Arnon Goldfinger mit Prof. Michael Wildt über die Beziehung seiner jüdischen Großeltern mit dem Nationalsozialisten Leopold von Mildenstein. (© 2012 Edition Salzgeber)

Es gibt in den Archivunterlagen und Zeugenaussagen zum Teil sehr widersprüchliche Angaben zu von Mildensteins Biographie. Sicher scheint, dass er 1936 das Judenreferat aus uns unbekannten Gründen verließ, mindestens ein Jahr in die USA reiste – und 1938 in Goebbels Propagandaministerium als Referent begann. Wieso trat ein Mann wie er 1936 aus der SS aus und 1938 wieder ein?

Ich würde für Mildensteins Ausscheiden aus dem SD 1936 weniger ideologische als opportunistische, karrierepolitische Gründe verantwortlich machen. Von Mildenstein verstand sich als weit gereister, polyglotter Journalist, dem war der SD in dessen Anfangsjahren sicherlich bald eine Nummer zu klein. Ein Posten im Propagandaministerium war da ein Schritt nach oben auf der Karriereleiter. Sein Ein- und Austritt aus der SS ist zwar ungewöhnlich, war aber damals durchaus möglich. Man darf nicht vergessen, dass Mildenstein womöglich ein wichtiger Informant für den SD im Propagandaministerium war, und um ihn zu verpflichten, er wieder SS-Mitglied wurde. Aber das sind Spekulationen, denn in seiner SS-Personalakte findet sich darüber nichts.

Wurde von Mildenstein nach dem Kriege verurteilt?

Nein, wurde er nicht. Zwar war die SS im Nürnberger Prozess als verbrecherische Organisation eingestuft worden, und somit mussten sich zunächst alle SS-Angehörigen vor einem Entnazifizierungsgericht verantworten. Aber bald waren die Fragen nur noch reine Formsache; niemand wollte mehr wissen, was diese Täter wirklich getan hatten, und Anfang der 1950er-Jahre wollte man die nationalsozialistische Vergangenheit schnell hinter sich lassen. Die Tatsache, dass Herr von Mildenstein bald nach dem Krieg bei US-Unternehmen wie Ford und Coca Cola Karriere machte, war durchaus nicht ungewöhnlich. Da ließen sich etliche Bespiele nennen. Vielleicht kam von Mildenstein auch zugute, dass er kurz vor Kriegsbeginn die USA bereist hatte und diese Kontakte nach dem Krieg für sich ausnutzte.

Dieses Interview stammt aus dem Booklet zur von der Edition Salzgeber in 2012 produzierten DVD "Die Wohnung".



 
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