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Das Haavara-Transfer-Abkommen


18.11.2014
Trotz der Bedrängung durch das NS-Regime war der Wunsch zur Auswanderung unter den deutschen Juden anfänglich nicht sehr ausgeprägt. Neben ihrer Verbundenheit mit Deutschland, waren der Mangel an Ländern, die bereit waren, Juden aufzunehmen und die Beschränkungen bei der Mitnahme des Besitzes die wichtigsten Hinderungsgründe. Das einzige Land, das bereit war, Juden in größerer Zahl aufzunehmen, war Palästina. Die Zionistische Weltorganisation erkannte früh die Notwendigkeit, die Palästinawanderung durch Erleichterungen bei der Mitnahme von Eigentum zu fördern.
Emigranten aus Deutschland bei der Passkontrolle im Hafen von JaffaEmigranten aus Deutschland bei der Passkontrolle im Hafen von Jaffa (© National Photo Collection Israel )

Ihr Vertreter, Chaim Arlosoroff, führte gemeinsam mit Repräsentanten der Zionistischen Vereinigung für Deutschland im Frühjahr 1933 Verhandlungen mit dem Reichswirtschaftsministerium über eine Regelung, die eine Auswanderung größeren Ausmaßes unter besseren Bedingungen ermöglichen sollte. Im August 1933 schlossen beide Seiten das Haavara-Transfer-Abkommen, in dem folgender Mechanismus galt: Auswanderungswillige Juden zahlten ihr Vermögen bei einer der Transfer-Banken in Deutschland ein. Von diesem Geld kauften palästinensische Importeure Waren in Deutschland, die sie in Palästina veräußerten. Diese Erträge erhielten die Auswanderer in Palästina nach Abzug von Kosten wieder ausbezahlt.

Da andere Formen des Kapitaltransfers ins Ausland von der deutschen Regierung massiv besteuert wurden, war der Haavara-Transfer eine relativ günstige Möglichkeit, jüdischen Besitz auszuführen. Außerdem konnte durch das Abkommen die Auswanderung mittelloser Juden ermöglicht werden, da das für die Einwanderung nach Palästina benötigte "Vorzeigegeld" in Höhe von 1.000 palästinensischen Pfund (ca. 15.000 Reichsmark) durch die Einnahmen des Warentransfers finanziert wurde. Die Vereinbarung war innerhalb der zionistischen Bewegung heftig umstritten. Zionistische Gruppen außerhalb Deutschlands unterstützten den internationalen Wirtschaftsboykott gegen NS-Deutschland und bekämpften das Abkommen, da es den Boykott unterlief und den Nazis, wenn auch in geringem Maße, dringend benötigte Deviseneinnahmen ermöglichte. Das NS-Regime war aus zwei Gründen an dem Abkommen interessiert. Zum einen sollte die Möglichkeit, Besitz mitzunehmen, die jüdische Emigration beschleunigen, zum anderen erhoffte man sich vermehrte Deviseneinnahmen durch den verstärkten Handel mit Palästina und anderen Ländern im Nahen Osten.

Während das Abkommen in den ersten Jahren seiner Existenz von den meisten Institutionen der NS-Regierung und der NSDAP unterstützt wurde, nahm ab 1935 die Kritik an dem Transfermechanismus zu. Die Reichsbank erkannte, dass die deutsche Seite durch Haavara kaum Fremdwährung einnahm, stattdessen aber das "Vorzeigegeld" mit eigenen Devisen finanzieren musste; das Auswärtige Amt stellte fest, dass der Wirtschaftsboykott gegen Deutschland keine Gefahr darstellte; der Sicherheitsdienst des SS befürchtete, dass das Abkommen die Etablierung eines jüdischen Staates in Palästina förderte, welcher den Juden als "Machtbasis" im Kampf gegen Deutschland dienen konnte.

Ab 1937 wandten sich die meisten der beteiligten Regierungs- und Parteistellen von der Unterstützung des Transferabkommens ab. Die Modalitäten und der Umfang des Transfers wurden immer weiter beschränkt. Es setzte sich die Haltung durch, dass die Mitnahme von Besitz die jüdische Emigration nicht ausreichend beschleunigte. Stattdessen verstärkte das Regime den Verfolgungsdruck auf die jüdische Bevölkerung, um sie zur Auswanderung zu zwingen. Allein eine persönliche Entscheidung Hitlers, die Anfang 1938 fiel, ermöglichte die Fortsetzung des Abkommens. Offiziell wurde der Haavara-Transfer 1941 eingestellt, seit Kriegsbeginn fand jedoch kein Kapitaltransfer mehr statt. Im Rahmen von Haavara emigrierten bis 1939 mehr als 50.000 deutsche Juden nach Palästina, die Besitz im Wert von ca. 140 Millionen Reichsmark mitnahmen.

Erstmals erschienen auf www.zukunft-braucht-erinnerung.de


Weiterführende Literatur:



Avraham Barkai, "German Interests in the Haavara-Transfer Agreement 1933-1939", Yearbook of the Leo Baeck Institute 35 (1990), S. 245-266.

Werner Feilchenfeld, Dolf Michaelis, Ludwig Pinner, "Haavara-Transfer nach Palästina und Einwanderung deutscher Juden 1933-1939", Tübingen 1972.

Francis R. Nicosia, "Zionismus und Antisemitismus im Dritten Reich", Göttingen 2012.

David Yisraeli, "The Third Reich and the Transfer Agreement", in: Journal of Contemporary History 6 (1972), S. 129-148.



 
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