20. April 2005: Ein Plakat zeigt überlebende des Völkermords.

Der Genozid an den Armeniern in der Erinnerung der Zeitzeugen


26.4.2016
In den 1970er Jahren setzte sich der Begriff des "Zeitzeugen" durch. Danach wurden auch armenische Überlebende des jungtürkischen Völkermords sichtbar, denn sie hatten gerade in Frankreich die Erfahrungen von Verfolgung, Verschleppung, Zwangsarbeit, Deportation, Kriegsdienst und Résistance geteilt. Als "Überlebende" hatten sich die Armenier aber nie wirklich fühlen können. Sie waren "Exilanten" und "Migranten", "Flüchtlinge" – und vor allem: "Waisen".

Armenische Familie 1914Armenische Familie 1914 (© Archiv Idg)

Der Begriff des "Zeitzeugen" ist erst in den 1970er Jahren mit Bezug auf die Überlebenden der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Gewaltpolitik durchgesetzt worden. Dabei war die Entstehung des Begriffs an die öffentliche Wahrnehmung des Prozesses gegen Adolf Eichmann gebunden. Erst in diesem Zusammenhang hatte sich in Wissenschaft und Öffentlichkeit ein Zuhören und überhaupt eine Wahrnehmung der Überlebenden entwickelt. Die französische Historikerin und Philosophin Annette Wieviorka machte in mehreren Arbeiten auf die Zwiespältigkeit aufmerksam, die mit der Rolle als Zeitzeuge für die jüdischen Überlebenden entstanden war. Denn während die Erzählungen der Überlebenden nun einerseits überhaupt beachtet und geachtet wurden, erwartete man andererseits, dass sie vor allem genaue Berichte der Geschichte seien.[1] Dass es ein individuelles Leben vorher gab und nachher gibt, tritt bis heute zumeist zurück.

Nachdem die jüdischen Überlebenden als "Zeitzeugen" in der Öffentlichkeit sichtbar wurden, entwickelte sich auch eine Sichtbarkeit der armenischen Überlebenden. Dies folgte nicht zuletzt der Tatsache, dass sie gerade in Frankreich die Erfahrungen von Verfolgung, Verschleppung, Zwangsarbeit, Deportation, Kriegsdienst und Résistance geteilt hatten. Doch als "Überlebende" hatten sich die Armenier nie wirklich fühlen können. Sie waren "Exilanten" und "Migranten", "Flüchtlinge" – und vor allem: "Waisen".[2]

"Es war schwierig und es ist schwierig geblieben. Auch in Frankreich. Niemand half uns. Wir waren Waisen. Es waren Zeiten, in denen jeder zusehen musste, wie er sein Brot verdienen konnte. Mein Mann hatte ja ein ähnliches Schicksal gehabt. Er war aus einem Dorf nicht weit von unserem Dorf. Deshalb hatte meine Schwester darauf bestanden, dass ich ihn heiratete. Auch war er nicht viel älter als ich gewesen. […] Nein, ich hatte keine Freude in meinem Leben. Kein einziges Mal streifte die Freude mein Herz. Niemals, niemals und niemals. […]"[3]

Heirat nach dem Überleben in den 1920er Jahren.Heirat nach dem Überleben in den 1920er Jahren. (© Archiv Idg)
Spätestens ab 1913 hatte sich die gesellschaftliche Situation im Osmanischen Reich für die armenischen Familien zugespitzt. Der biographischen Erfahrung des Zusammenbrechens eines sicheren Zuhauses durch die ab 1913 eskalierende Repressionspolitik (politische Morde, Hausdurchsuchungen, wirtschaftliche Diskriminierungsmaßnahmen, öffentliche Stigmatisierungen) war mit dem Beginn des Krieges der Verlust der Väter, Brüder, Onkel und Cousins gefolgt. Die Erfahrungen von Deportation, Massaker und Lagern wurden bis zum Ende des Krieges begleitet von Gewalt- und Hungererfahrungen in kurdischen, arabischen oder beduinischen Dörfern. Die Überlebenden des Genozids, die nach dem Ersten Weltkrieg, ungeachtet ihres Alters, in "Waisenhäusern" gesammelt wurden, errichtet von christlichen europäischen und nordamerikanischen Hilfsorganisationen,[4] wiesen starke Mangelernährung, Krankheiten und physische Verletzungen auf; sie hatten wenigstens vier Jahre in beständiger Todesangst gelebt, waren Zeugen vielfacher Morde und Tode geworden. Doch was insbesondere hinter ihnen lag, sprachen weder sie noch die zum Teil völlig unausgebildeten Helferinnern und Helfer an: Eine Zeit der absoluten Entwürdigung, des Erlebens eigener Wertlosigkeit, des Durchstehens mit einem einzelnen Kleidungsstück, des Erleidens extremster Brutalität und sexualisierter Gewalt. Verwirrung und Leere, die Realisierung der eigenen Verletzungen und der Schock darüber, dass man nahezu als einziger einer Familie übriggeblieben war, wurden von der weiterhin bestehenden Sorge um das physische Überleben begleitet.

Anfang der 1920er Jahre gelang einer großen Zahl von Überlebenden die Evakuierung nach Frankreich, anderen die Ausreise in die USA. Andere blieben in der Region des Nahen Osten (Libanon, Palästina, Syrien, Irak) und auch in der Türkei. In den 1920er Jahre bildeten die Armenierinnen und Armenier die zweite große Flüchtlingsgruppe, mit denen Europa konfrontiert war, neben den 1915/17 aus dem zaristischen Russland geflohenen jüdischen Familien, die vor allem in Deutschland, Österreich und England Zuflucht gesucht hatten.

Das Leben der Armenierinnen und Armenier war bis Mitte der 1930er Jahre von Existenzunsicherheit geprägt. Der Versuch, über Arbeit auf den Märkten, den Docks und der mittleren Industrie, ökonomisch Fuß zu fassen, war begleitet gewesen von dem Ringen um eine Staatsbürgerschaft. Dabei blieben die armenischen Überlebenden zunächst isoliert. Man suchte zu heiraten, möglichst jemanden aus derselben Gegend, aus demselben Ort oder einem Nachbarort. Erst mit einer stabileren Berufssituation zeichnete sich in den 1930er Jahren in England, Frankreich, den USA oder Kanada eine stärkere gesellschaftliche Integration ab.[5] Vor allem das Leben im Nahen Osten blieb über Jahrzehnte nicht frei von neuen Gewalterfahrungen: So bestand eine der Hauptaufgaben der armenischen Gemeinde in Jerusalem bis in die 1960er Jahre in der Sorge um Flüchtlinge. In Zypern war die armenische Gemeinde im Rahmen der türkischen Invasion 1974 noch einmal Opfer von Vertreibung geworden; im Libanon wurde die armenische Gemeinschaft während des Bürgerkrieges stark betroffen, viele wanderten aus. In der Türkei blieben die Armenier, obwohl in einem bewussten Rückzug von öffentlicher Wahrnehmung lebend, Opfer gezielter wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Repressionsmaßnahmen.
Nach dem Überleben in Istanbul, etwa im Jahr 1928Nach dem Überleben in Istanbul, etwa im Jahr 1928 (© Archiv Idg)

Ohne zu sehr generalisieren zu wollen, lassen sich die Erfahrungen, die von der Mehrheit der Überlebenden geteilt wurde, wie folgt charakterisieren:

In den 1920er JahrenIn den 1920er Jahren (© Archiv Idg)
Geringe generationale Differenzierung – Die Überlebenden, die sich ab den 1920er Jahren vor allem in Frankreich, den USA, Kanada, Syrien, Libanon und Palästina fanden, bildeten keine Gemeinschaft mehr, in denen eine differenzierte generationale oder soziale Struktur bestand. Nicht nur, dass die Überlebenden zumeist die einzelnen Übriggebliebenen der erweiterten Familienkreise waren; nicht allein, dass die überwiegende Mehrheit der Überlebenden minderjährig war. Auch die älteren Überlebenden waren nicht fähig oder in der Lage, eine Vorbild- und Fürsorgerolle zu übernehmen. Der Genozid und die anschließenden Emigrationen hatten zu einer nahezu vollständigen Zerstörung sozialer Beziehungsstrukturen geführt.

Ortlosigkeit der Toten – Die Überlebenden wussten oft nicht, wo genau die Mutter oder die Geschwister gestorben waren. Zudem waren die Toten meist ohne Gräber geblieben. Zwar konnte man noch den Felsen beschreiben oder das Ufer, vielleicht das Feld oder den Weg, an dem dieses geschehen war, doch waren diese Orte während der Deportation nicht näher bezeichnet worden – und später unzugänglich. Es war nicht möglich, an die Orte zurückzukehren. Noch wesentlicher aber waren die Umbenennungen, mit denen nach der Gründung der türkischen Republik die armenische Gegenwart auch geographisch unsichtbar gemacht wurde. Die Geschichte, die hätte erzählt werden können (wenn jemand gefragt hätte), wäre mit keiner Karte, keinem Foto, keinem Erinnerungsstück zu belegen gewesen.

Nach dem ÜberlebenNach dem Überleben (© Archiv Idg)
Verlust von Sprache, Kultur und Religion – Für die armenischen Überlebenden war das Leben seit den 1920er Jahren weder eine Anknüpfung an ein armenisches Gemeinschaftsleben, noch ein Wiederaufbau: Die Jahrzehnte nach dem Überleben waren von wirtschaftlichem Überlebenskampf, sozialer Marginalisierung und neuen Verfolgungen gekennzeichnet. Der Weg der westarmenischen Überlebenden war der Versuch, sich mit den höchstmöglichen Anstrengungen in die jeweiligen Gesellschaften zu integrieren, um den nach dem Krieg geborenen Kindern ein gutes Leben zu ermöglichen – und vor allem eine Schulbildung. Die Gemeinden, die sich vor allem zentriert um die Kirchen bildeten, waren lange durch das Fehlen einer intellektuellen Schicht charakterisiert. Auch dies war eine direkte Folge des Völkermords, dessen Ziel gerade die Vernichtung der Bildungs- und Wirtschaftselite der Armenier in Konstantinopel (Istanbul), Smyrna (Izmir), Sepastia (Sivas) oder Cäsaria (Kayseri) gewesen war. Der Verlust der Heimat hatte zu einem tiefen Bruch in der traditionellen Überlieferungen, der Sprache, Literatur, Kunst und Geschichte geführt. "Wie wir diese Hölle als Kinder, als Jugendliche durchleben konnten, das weiß ich nicht. Ich kann sagen, dass ich bis heute nicht eine Nacht verbracht habe, in der ich nicht an die Massaker gedacht hatte. Noch immer habe ich Nächte ganz ohne Schlaf. Häufig träume ich. Ich träume von den Mädchen, die sich in Urfa in den Brunnen geworfen und Selbstmord begangen haben. Wir können nicht vergessen. Vielleicht haben die Überlebenden einen besonderen Willen gehabt, zu überleben. Aber das Erinnern, das können wir nicht beeinflussen. Es wird immer viel geredet in der Politik und unter den Armeniern. Über Anerkennung. Über Armenien. Aber das, was uns ausmacht, ist doch unsere persönliche Geschichte. Es sind unsere persönlichen Erfahrungen. Unsere Vergangenheit. Eine Vergangenheit, die es nicht mehr gibt. Das ist es, von dem ich hoffe, dass meine Enkelkinder es verstehen und bewahren werden."[6]

Verlust der sozialen Position – Die Überlebenden waren in einer Zeit aufgewachsen, die von einem enthusiastischen Glauben an Emanzipation und Bildung gezeichnet gewesen war. Die Zukunftsträume der älteren Generation waren nun nicht nur Teil einer Erinnerung, die mit dem Leben vor 1915 verband. Diese Träume wurden hingegen zum Fundament der Erzählungen der armenischen Überlebenden. Das Leben in der Emigration hatte ein Leben am äußersten Rand der Gesellschaft bedeutet, lange konfrontiert mit Armut und Verachtung. Die sozialen Positionen, die die Eltern einmal eingenommen oder erträumt hatten, hatten kaum je wiedererlangt werden können; Schulbildungen hatten nicht vervollständigt, ein Studium nicht erreicht werden können, ein Berufswunsch nicht verwirklicht. Der Traum des gesellschaftlichen Aufstiegs im Osmanischen Reich, den die Eltern geträumt hatte, war der Realität eines 50 Stunden-Jobs in den Docks von Marseille gewichen. Und doch wurde gerade an diesen Emanzipationsträumen festgehalten. Die Ziele Bildung und Aufstieg wurden zum generationalen Vermächtnis an die eigenen Kinder.
Werkstatt armenischer Handwerker in ParisWerkstatt armenischer Handwerker in Paris (© Archiv Idg)

Rechtlosigkeit als Flüchtling – Die Rechtlosigkeit, die die Armenier als Flüchtlinge und Migranten erlebten, die Erfahrung der sozialen Verachtung, das Leben als Unterschicht von Gesellschaften, wurde begleitet von der Erfahrung, dass das Erzählen eigener Erlebnisse als politisch riskant galt. Eine Anerkennung als "Zeitzeugen" blieb den Überlebenden vorbehalten: sie hatten sich hingegen für ihre Geschichte zu entschuldigen, die bis heute nicht als individuelle Lebensgeschichte anerkannt ist. Diese Randstellung konnte zumeist erst mit den Enkeln, der "dritten Generation", überwunden werden.

Neben diesen rahmenden Aspekten war es vor allem die Erfahrung des Identitätsverlusts, die die Erinnerungen der armenischen Überlebenden bestimmte – und die auch verursachte, dass sich das Geschehen des Genozids nicht als fester Teil eines "Familiengedächtnisses" etablierte. Denn dafür hätten die Überlebenden empfinden und klären dürfen, was dieser Verlust für sie selbst, für die eigene Person und die eigene Persönlichkeit bedeutet. Bis zum hohen Alter blieben die armenischen Überlebenden von schweren Traumatisierungen gekennzeichnet, die kaum je thematisiert worden waren; von Erinnerungen, für die sie keine Sprache und keine Zuhörer fanden; von Lebenszielen, Traditionen und Werten, die von einer Welt zeugten, die es nicht mehr gab.

So ist das Scheitern vor der souveränen Erinnerungserzählung, mit der das eigene Erleben und die Geschichte des Völkermords hätte in Beziehung gesetzt werden können, durch mehrere Aspekte verursacht: Zum einen gab es keine Möglichkeit, zu erzählen, ohne zu erklären und ohne zu widerlegen. Jedes Erzählen eigener Erfahrungen war zunächst auf eine Erläuterung des historischen Geschehens angewiesen. Diese Belastung, dass die eigene Erinnerung nie "genügend", nicht "detailliert", "genau" und "gebildet" genug sein würde, hat dazu geführt, dass viele der überlebenden Frauen und Männer am "Wert" ihrer persönlichen Erfahrungen zweifelten. Zum anderen gab es keine Kultur der Akzeptanz, es gab kein allgemeines Wissen über die Geschichte des Völkermords. Die Mehrheit der Übriggebliebenen des Genozids hat ihre Erinnerungen allein als politisch störend und sozial marginalisiert wahrnehmen müssen.

Auch als mit den 1970er Jahren ein öffentliches Interesse an den Lebenserinnerungen entstand, begonnen vor allem von den Enkelinnen und Enkeln, und sich mit den 1980er Jahren auch der Beginn einer wissenschaftlichen Beschäftigung abzeichnete,[7] galt die Aufmerksamkeit noch immer nicht dem Erleben der Überlebenden selbst. Erwartet wurde hingegen, mit den Erinnerungen einen weiteren "Beweis" für die Faktizität des Genozids zu finden. Doch dafür "taugen" die fragmentierten, hochsensiblen Berichte mit ihren komplizierten Verletzungsspuren kaum.

Bis heute verstellen gerade politische Lesarten den Zugang zu der Anerkennung der Erinnerung der Überlebenden. So wird zur Zeit gerne die Hypothese des "Schweigens" bemüht – das doch dem Schweigen der türkischen Generationen gar nicht unähnlich sei. Aber es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen dem Schweigen der Überlebenden und dem unterbliebenen Sprechen in der türkischen Gesellschaft: Während in den armenischen Familien der soziale Rahmen fehlte, in dem und für den hätte erzählt werden können, ist das Schweigen in der türkischen Gesellschaft als "Verschweigen" zu verstehen. Während die armenischen Überlebenden über ihre Erfahrungen schweigen mussten, verschweigen die türkischen Generationen die Faktizität des Ereignisses.

Yüghaper EftianYüghaper Eftian (© Archiv Idg)
Bemerkenswert bleibt, dass die armenischen Überlebenden trotz der sozialen Randstellung, trotz des kulturellen und geschichtlichen Verlusts und der Tabuisierung ihrer Erfahrungen einen Rahmen geschaffen haben, der ihnen ein Überleben ermöglichte. Trotz der traumatischen Überwältigungen, des Verlusts von Selbstwert, der irritierten Emotionen und fragmenthaften Bindungen gelang eine Aufrechterhaltung der brüchigen Identitätselemente und eine Verarbeitung der Einsamkeit: den Rahmen für diese Integrationsleistung bildete die Erinnerung und Rekonstruktion von Familienwerten. Die Erinnerung an das Wertegerüst, das ihre Kindheit ausgezeichnet hatte – strebsam zu sein, ehrlich und treu, eine enge Familie zu bilden, Schulbildung, Fleiß –, ermöglichte, ein Bild von den Eltern wachzurufen, dass neben dem Tod bestehen bleiben konnte. Wo es keine Fotografien der Eltern gab und das Erinnerungsbild verblasste, wo eine Herkunft und Heimat ohne Spuren gelöscht worden war, wurde erinnert, was der Vater und die Mutter gelehrt hatten: einer nach Bildung strebenden Gemeinschaft zuzugehören, einer alten Geschichte, einem eigenen Gott.

Geblieben ist heute von dem Ringen der Überlebenden um eine eigene Erinnerung nur wenig. Es gibt literarische Rekonstruktionen der Kinder und Enkel, in denen sich die nur schwer annäherbaren, weil zutiefst verletzten Persönlichkeiten spiegeln. Die in den 1920er und seit den 1950er Jahren vereinzelt publizierten autobiographischen Lebensberichte lassen auf die Brüche in den Lebensverläufen und Selbstverständnissen dieser Generation hingegen nur andeutungsweise schließen. Zu sehr standen diese Veröffentlichungen unter der Belastung, die Ereignisse des Genozids als "wahre" Ereignisse zu bestätigen.[8]

Was bis heute blieb, ist die Erinnerung an eine "traurige", "verschlossene" Generation, die nicht erinnern durfte, und die doch durch das Erzählen idealisierter Bilder von Familie und Heimat einen sozialen und traditionellen Rahmen wiedererschufen, der den Kindern und Enkeln die Illusion einer Heimat und Identität ermöglichte. Die Lebensleistung dieser Davongekommenen des Genozid bestand in der Erinnerung an Familienwerte und darüber von Familie, in der Rekonstruktion von Elternschaft und darüber von einem verlorenen Leben.[9]


Fußnoten

1.
Wieviorka, Annette: The Witness in History, in: Poetics Today vol. 27, 2, 2006, S. 385-397; dies.: Die Entstehung des Zeugen, in: Hannah Arendt Revisited: „Eichmann in Jerusalem“ und die Folgen, hrsg. von Gary Smith, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2000, S. 136-159.
2.
Siehe dazu und zum Folgenden die Einleitung in: Mihran Dabag / Kristin Platt: Verlust und Vermächtnis. Überlebende des Genozids an den Armeniern erinnern sich, Paderborn: Schöningh 2015.
3.
Resigniert beendete Schuschanig Gambarian, geboren 1905, ihren autobiographischen Erinnerungsbericht; siehe: Dabag/Platt: Verlust und Vermächtnis (Anm. 2), S. 114f. Der Erinnerungsbericht, der im Rahmen eines langjährigen autobiographisch orientierten Interviewprojekts aufgezeichnet wurde, ist in dem Band in ausführlicher Länge veröffentlicht. Dabei muss angemerkt werden, dass die hier eingebrachten Zitate sicherlich vor dem Risiko stehen, dass sie die Erzählungen kohärenter erscheinen lassen, als sie sind. Dies betrifft auch die in den Erinnerungsberichten auffallenden traumatischen Brüche, die eben nicht an einem Zitat deutlich gemacht werden können.
4.
Besonders hervorzuheben ist das Wirken der Near East Relief, die mit Unterstützung des US Kongresses Krankenhäuser und Hilfsstationen einrichtete, aber auch für den "Rückkauf" armenischer Waisen aus kurdischen Dörfern sorgte sowie für die Einwanderung in die USA.
5.
Dies trifft auch für die Lebenssituationen in der Republik Armenien zu, in denen die westarmenischen Flüchtlinge sogar noch länger, bis in die 1950er Jahre, in der Position von Außenstehenden verblieben: entweder ökonomisch am Rande der Gesellschaft stehend, oder in der Zeit des Stalinismus aufgrund möglicher Verbindungen in den Westen verdächtigt und verfolgt.
6.
So Aram Güreghian, geboren 1904, in seinem autobiographischen Erinnerungsbericht, in: Dabag/Platt: Verlust und Vermächtnis (Anm. 2), S. 87f.
7.
Dies im Rahmen von Oral History-Projekten. Siehe dazu: Miller, Donald E. / Miller, Lorna Touryan: Survivors: An oral history of the Armenian genocide, Berkeley CA u.a.: Univ. of California Press 1999 (2. Aufl., zuerst 1993); Platt, Kristin: Gedächtnis, Erinnerung, Verarbeitung. Spuren traumatischer Erfahrung in lebensgeschichtlichen Interviews, in: BIOS. Zeitschrift für Biographieforschung und Oral History vol. 2, 11, 1998, S. 242-263; dies.: Gedächtniselemente in der Generationenübertragung. Zu biographischen Konstruktionen von Überlebenden des Genozids an den Armeniern, in: Generation und Gedächtnis, hrsg. von Kristin Platt und Mihran Dabag, Opladen: Leske und Budrich 1995, S. 338-376; dies.: Tradition und Erfindung. Soziale Figurationen der Authentifizierung traumatischer Verletzung, in: Psychosozial vol. 26, 1, 2003, S. 39-51.
8.
Oftmals wurden daher auch Historiker oder im öffentlichen Leben bekannte Personen um ein Vorwort gebeten.
9.
Siehe dazu auch: Platt, Kristin: Trauer und Erzählung an der Grenze der Gewalt, in: Trauer und Geschichte, hrsg. von Burkhard Liebsch und Jörn Rüsen, Köln u.a.: Böhlau 2001, S. 161-199.

 
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