Dossierbild Geschichte im Fluss

10.5.2012 | Von:
Bert Hoppe

Der Kampf um die Kirchen

Viele Menschen im Kaliningrader Gebiet suchen die Nähe zu Europa. Doch im Land zwischen Pregel und Memel macht sich auch eine Renationalisierung der Erinnerung bemerkbar. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Orthodoxe Kirche.

Katharinenkirche im früheren ArnauKatharinenkirche im früheren Arnau (© Inka Schwand)

Wer Anatolij Bachtin, den leitenden Mitarbeiter des Kaliningrader Staatsarchivs, in seinem Büro besucht, erhält schon beim Anklopfen einen Vorgeschmack auf sein – von feiner Ironie geprägtes – Verhältnis zur Geschichte seiner Heimatregion: Auf der Tür prangt ein Aufkleber mit dem kyrillischen Schriftzug "Prussia" – nur die Anfangskapitale ist in roter, der Rest des Wortes hingegen in schwarzer Farbe geschrieben. Es steckt viel Preußen in Russland, will uns das sagen – oder etwa umgekehrt?

Explosive Vergangenheit

Anatolij Bachtin ist mit delikaten Fragen wie diesen vertraut, gehört er doch zu denjenigen, die sich schon vor dem Epochenumbruch von 1989/91 mit den Problemen der Geschichtspolitik auseinandersetzten. Er interessiert sich vor allem für die praktischen Implikationen dieser Politik auf die ganz realen und daher lange Zeit umstrittendsten Erinnerungsorte der Region zwischen Memel und Pregel – die Baudenkmäler aus der Vorkriegszeit. Seit Jahrzehnten schon dokumentiert er deren Zustand (und häufig bedeutet dies: Verfall), indem er das Gebiet zunächst mit dem Fahrrad, dann mit dem Moped und schließlich mit dem eigenen Auto bereiste, im Gepäck stets ein Fotoapparat.

„Niemen, mein Heimatstrom! Wo sind die Wogen? Mit ihnen so viel Glück und sel’ges Wähnen Wohin ist meiner Kindheit Lust verflogen?“

Adam Mickiewicz, 1826

„Die Dzimken, die Flößer, die mit den Hölzern stromab aus Russland kommen, sitzen in ihren langen, grauen Hemden auf der Floßkante und baden sich die Füße. Hinter ihnen rauchen die Kessel zum Frühstücksbrot.“

Hermann Sudermann, 1917

„Die weiße Küste ist schön geschwungen, man könnte glauben in Nordafrika zu sein.“

Thomas Mann, 1929

„Aus der Finsternis kommst du, mein Strom, aus den Wolken. Wege fallen dir zu und die Flüsse, Jura und Mitwa, jung, aus Wäldern, und lehmschwer, Szeszupe.“

Johannes Bobrowski, 1961

„Zu schreiben habe ich begonnen am Ilmsee 1941, über russische Landschaft, aber als Fremder, als Deutscher. Daraus ist ein Thema geworden, ungefähr: die Deutschen und der europäische Osten. Weil ich um die Memel herum aufgewachsen bin, wo Polen, Litauer, Russen, Deutsche miteinander lebten, unter ihnen allen die Judenheit.“

Johannes Bobrowski, 1961

„Diese Grenzen sind temporäre Grenzen. Früher oder später bringt uns der Fluss wieder zusammen.“

Krzysztof Czyzewski, 2009
Aus Sicht der Partei handelte Bachtin damit subversiv. Die Vergangenheit der Region war vermintes Gelände – und in seinem Alltag konnte Bachtin feststellen, dass dies mitunter wörtlich zu verstehen war: So entpuppte sich das Metallstück neben dem Eingang seines Elternhauses, an dem sich die Besucher den Schlamm von den Füßen abzukratzen pflegten, erst nach Jahren als Leitschwanz einer nicht explodierten Mörsergrante aus den Tagen des Kampfes um die "Festung Königsberg".

Während sich allerdings solche Blindgänger entsorgen ließen, blieb die Frage, wie die Vorkriegsgeschichte der Region zu interpretieren sei, aus Sicht der Ideologen eine ebenfalls explosive Angelegenheit. Noch vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs verlegte sich die Parteiführung daher darauf, das deutsche Erbe der Region zu einer Art "feindlichen Vergangenheit" zu erklären.

Die Annexion des nördlichen Teils Ostpreußens hatte Moskau mit der angeblichen "Wiederherstellung der historischen Gerechtigkeit" gerechtfertigt. Man orientierte sich damit paradoxerweise an den Argumentationslinien der polnischen Nachkriegsregierung; diese hatte die von Stalin erzwungene Westschiebung ihres Staates offiziell als Erfolg verkauft, da man auf diese Weise slawische Siedlungsgebiete "wiedergewonnen" hätte. Auch das nördliche Ostpreußen wurde nach 1945 zum "urslawischen" Gebiet erklärt, das nach 700-jähriger Fremdherrschaft endlich zu seinen rechtmäßigen Herren zurückgekehrt sei. Und ebenso wie diese vermeintliche Fremdherrschaft per definitionem als temporär und unrechtmäßig galt, so galten auch die Hinterlassenschaften aus dieser Zeit als temporär und wertlos. Das alte Königsberg wurde von den neuen Machthabern als eine böse Stadt gezeichnet, die "all jene Vorstellungen verkörpert, die uns sowjetischen Menschen fremd sind". So formulierte dies der erste Chefarchitekt Kaliningrads, Dimitrij Navalichin, wenige Jahre nach Kriegsende.

1807

nach Christus wurde in Tilsit an der Memel der gleichnamige Friede zwischen Frankreich und Russland geschlossen. Preußen verlor ein Drittel seines Gebietes. Berühmt wurde der Friede durch den Bittgang der Königin Luise bei Napoleon.



Seine von 1947 an entwickelten Pläne sahen vor, das weitgehend kriegszerstörte Stadtzentrum vollständig einzuebnen und eine verkleinerte Kopie der sowjetischen Hauptstadt zu errichten. Der "Erinnerungsort Königsberg" sollte ausgelöscht werden. Vergleichbare Pläne für anderen Städte im Gebiet, darunter Sowjetsk, das ehemalige Tilsit an der Memel, wurden wohl vor allem aufgrund des akuten Ressourcenmangels nicht entwickelt.

Doch ungeachtet der letztlich auch in Kaliningrad weitgehend gescheiterten Zukunftsvisionen, blieb die Vorkriegsvergangenheit des Gebiets tabuisiert. Wenn Anatolij Bachtin in seinem Büro die Ordner zeigt, in denen er die vor 1989 gesammelten Unterlagen abgeheftet hat, erblickt man vor allem Nachkriegsfotos von Ruinen und halbzerstörten Gebäuden aus deutscher Zeit – historisches Bildmaterial war selbst für Archivmitarbeiter wie ihn kaum zugänglich, da ein wissenschaftlicher Austausch zu diesem Thema unerwünscht blieb. Das Studium von Fotos und Plänen aus der Vorkriegszeit blieb tabu.

Buntes Völkchen im Ordensschloss



Katharinenkirche im früheren Arnau, heute Marjino.Katharinenkirche im früheren Arnau, heute Marjino. (© Inka Schwand)
Der Zusammenbruch des Kommunismus stieß auch im Kaliningrader Gebiet die Fenster weit auf und ermöglichte einen offenen Blick auf die zuvor tabuisierte Vergangenheit. Zugleich aber schuf das Auseinanderbrechen der Sowjetunion in der Kaliningrader Bevölkerung ein gesteigertes Bedürfnis nach Rückversicherung der eigenen Identität: Das "am weitesten im Westen" gelegene Gebiet ist nach 1991 eine von souveränen Staaten umschlossene Exklave. Die Frage, wie "russisch" die Region eigentlich sei, bekam für viele ihrer Bewohner eine ganz praktische Bedeutung. Bezeichnenderweise sorgte der zeitweilige Wegfall des Gebietes von den Wetterkarten des ersten Fernsehkanals in dem vom "großen Russland" abgeschnittenen Territoriums für große Aufregung, während die Moskauer Regierung sich umgekehrt übertriebene Sorgen wegen der Gründung einer separatistischen Splitterpartei machte.

Im Alltag war das untergegangene Ostpreußen wenige Jahre nach dem Ende der Sowjetunion omnipräsent – zunächst allerdings vorrangig auf dem Gebiet der Populärkultur. An den Zeitungskiosken wurden nun auf Postkartenserien all jene Fotografien des alten Königsbergs, Tilsits und Insterburgs verkauft, die Anatolij Bachtin in der kommunistischen Ära nicht zu Gesicht bekam. In den Geschäften waren Biersorten zu haben, die "Königsberg" hießen – oder auch "Ostmark". Dass es sich bei letzterem Begriff um eine politisch tatsächlich heikle Vokabel des "Volkstumskampfes" der Zwischenkriegszeit handelt, zeigt, wie ungezwungen die Erinnerung an die Vorkriegszeit in weiten Teilen der örtlichen Bevölkerung ist. Viele sind stolz auf die preußische Vergangenheit des Gebiets und sehen diese als eine Art Alleinstellungsmerkmal innerhalb der Russischen Föderation. Allerdings beeinflusst dies ihr politisches Bewusstsein ebenso wenig wie sich der Lokalpatriotismus von Rheinländern oder Schwaben vom Bezug auf die römische Vergangenheit ihrer jeweiligen Heimatregionen leiten lässt.

Dennoch blieb die Vergangenheit des Gebiets zwischen Memel und Pregel aus Sicht der politischen Eliten ein heikles Thema. Davon weiß Alexej Oglasnjew zu berichten, der 44-jährige Vorsitzende der Stiftung "Samok Insterburg" im ehemaligen Ordensschloss des heutigen Tschernjachowsk. Seit 1997 engagiert er sich gemeinsam mit Freunden für den Erhalt der Burg, deren älteste Teile aus dem 14. Jahrhundert stammen, 1999 konnten sie die Verwaltung der Immobilie offiziell übernehmen. Dieser Erfolg war hart erkämpft. Als Oglasnjew die Beamten der Moskauer Denkmalschutzbehörde erstmals mit seiner Stiftungsidee konfrontierte, stieß er auf wenig Begeisterung. Warum er denn unbedingt das Bauwerk einer fremden Kultur erhalten wolle, wurde er gefragt – es gebe im Moskauer Umland doch genügend russische Schlösser, die der Pflege bedürften. Ob man denn das Kaliningrader Gebiet zurückgeben wolle, entgegnete Oglasnjew. Ein entsetztes "Nein!" war die Antwort. Ob die Baudenkmäler dieser Region folglich nicht inzwischen Teil der russischen Kultur seien, hakte Oglasnjew nach. "Na klar!" wurde ihm beschieden. Damit war die Sache geklärt.

Bis heute hat die Burg in Tschernjachowsk etwas von einer Oase der Alternativkultur: Es ist ein buntes Völkchen, das dort in den Ateliers werkelt und ein kleines Heimatkundemuseum aufgebaut hat. In dem werden Fundstücke aus deutscher Zeit präsentiert und im Sommer im verwunschenen Hof Ritterfestspiele, Kunstausstellungen und Openair-Konzerte organisiert.


Zum Weiterlesen

Die Memel

  • Uwe Rada: Die Memel. Kulturgeschichte eines europäischen Stromes. Siedler Verlag (2010). Ein Buch, das einen vergessenen Strom im östlichen Mitteleuropa wieder zum Leben erweckt. "Uwe Rada rehabilitiert die Memel als Zukunftsort eines Europas der Völker – nicht der Nationen." (Der Tagesspiegel)

  • Ulla Lachauer: Paradiesstraße. Rowohlt Verlag (2007). Ein wunderbares Porträt der ostpreußischen Bäuerin Lena Grigoleit und mit ihr des Memellandes. "Wer diese Seiten liest, hat eine andere Welt kennengelernt." (Die Zeit)

  • Ulla Lachauer: Die Brücke von Tilsit. Begegnungen mit Preußens Osten und Russlands Westen. Rowohlt (1995). Mit diesem Reiseessay wurde Lachauer zur Pionierin der Wiederentdeckung des ehemaligen Ostpreußen.

  • Martin Rosswog/Ulla Lachauer: Menschen an der Memel. Edition Braus (2009). Einfühlsame Porträts von Menschen im Memelland durch die Autorin Ulla Lachauer und den Fotografen Martin Rosswog.

  • Andreas Kossert: Ostpreußen. Geschichte und Mythos. Pantheon Verlag (2007). Kossert beschreibt Ostpreußen als multikulturelles Grenzland zwischen Polen, Deutschen und Litauern. "Kossert wirft einen ganz neuen und für viele überraschenden Blick auf das Land der dunklen Wälder und kristallnen Seen." (Die Zeit)

  • Ruth Leiserowitz: Sabbatleuchter und Kriegerverein. Juden in der ostpreußisch-litauischen Grenzregion 1812-1942. Fibre Verlag (2010). Die Autorin, bekannt über ihre Studien zu Ostpreußen und den Wolfskindern, berichtet über den Beginn und das Ende jüdischen Lebens im Memelland.