Dossierbild Geschichte im Fluss
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10.5.2012 | Von:
Nijole Strakauskaitė

Stadt der zwei Namen

Bomben zerstörten 1945 den Körper der Stadt. Mit den Deutschen ging ihre Seele davon. Heute erinnert man sich in Klaipėda wieder an Memel.
Der Hafen von Klaipėda – Litauens "Tor zur Welt".Der Hafen von Klaipėda – Litauens "Tor zur Welt". (© Inka Schwand)

Klaipėda – der einzige Hafen Litauens – wird nicht selten auch ein "Tor zur Welt" genannt, eine Metapher, die verdeutlicht, dass diese Stadt schon immer eine verbindende Funktion hatte. Bereits in der Livländischen Reimchronik wird der Name "Memel" in diesem Zusammenhang erwähnt. Beschrieben wird die Geschichte von Eberhard Seyne, Deutschmeister und Statthalter des Hochmeisters in Livland und Kurland, der in den Süden Kurlands zog, um dort 1252 eine Burg errichten zu lassen: "Der Meister aber mit einem Heere/Auf dem Strande bei dem Meere/Wandte hin sich gen Kurland./Die Reise glatt ging von der Hand./Gar balde er bei der Memel war,/da war alle froh der Fahrt./Der Meister weit und weiter fort/Ritt bis an der Dangen Ort,/Wo sich die Wasser schlieβen/und zusammenflieβen,/bis das Haus zu Strande kam."

Die Burg erhielt den Namen "Memelburg", weil, wie aus dem Zitat hervorgeht, der Zufluss des Haffs ins Meer irrtümlich für die Mündung der Memel (litauisch Nemunas) gehalten wurde. Diese geografische Fehlannahme sollte Konsequenzen haben. Denn nicht nur für die Stadt selbst hatte die Memel eine Bedeutung. Sie beeinflusste auch deren weiteres Schicksal. So kann man annehmen, dass sich Polen nicht so aktiv an den Friedensverhandlungen von Versailles beteiligt hätte, wenn die Memel kein attraktiver Handelsweg bis zum Hafen der gleichnamigen Stadt gewesen wäre.

„Niemen, mein Heimatstrom! Wo sind die Wogen? Mit ihnen so viel Glück und sel’ges Wähnen Wohin ist meiner Kindheit Lust verflogen?“

Adam Mickiewicz, 1826

„Die Dzimken, die Flößer, die mit den Hölzern stromab aus Russland kommen, sitzen in ihren langen, grauen Hemden auf der Floßkante und baden sich die Füße. Hinter ihnen rauchen die Kessel zum Frühstücksbrot.“

Hermann Sudermann, 1917

„Die weiße Küste ist schön geschwungen, man könnte glauben in Nordafrika zu sein.“

Thomas Mann, 1929

„Aus der Finsternis kommst du, mein Strom, aus den Wolken. Wege fallen dir zu und die Flüsse, Jura und Mitwa, jung, aus Wäldern, und lehmschwer, Szeszupe.“

Johannes Bobrowski, 1961

„Zu schreiben habe ich begonnen am Ilmsee 1941, über russische Landschaft, aber als Fremder, als Deutscher. Daraus ist ein Thema geworden, ungefähr: die Deutschen und der europäische Osten. Weil ich um die Memel herum aufgewachsen bin, wo Polen, Litauer, Russen, Deutsche miteinander lebten, unter ihnen allen die Judenheit.“

Johannes Bobrowski, 1961

„Diese Grenzen sind temporäre Grenzen. Früher oder später bringt uns der Fluss wieder zusammen.“

Krzysztof Czyzewski, 2009

Memel oder Klaipėda?

Der Fluss Memel, dessen Name auf die Stadt übertragen wurde, hatte aber auch für die kulturelle Identität der Preußischen Litauer eine besondere Bedeutung: Von 1884 bis 1887 erschien in Ragnit (auf litauisch Ragainė) und später in Tilsit (Tilžė) die Wochenzeitschrift Nemuno sargas (Wächter der Memel). Sie gehörte zu den frühesten periodischen Veröffentlichungen in litauischer Sprache, die in Ostpreußen herausgegeben wurden. In der Zwischenkriegszeit, als Litauen seinen politischen und wirtschaftlichen Einfluss im autonomen Memelgebiet zu stärken suchte, bezog man sich ebenfalls auf die kulturellen Traditionen der Preußischen Litauer. Damals gab es offiziell zwei Bezeichnungen für die Stadt – Memel und Klaipėda. Das Memelstatut und der Status des Memelgebiets als autonome Region im litauischen Stadt sorgten dafür, dass beide Sprachen im öffentlichen Raum gleichwertig waren. Allerdings benutzten die Preußischen Litauer traditionell die Bezeichnung"Klaipėda".

Die parallele Existenz von Memel und Klaipėda ist aber älter. Sie findet sich bereits in den Erlassen der preußischen Regierung, die seit dem 16. bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts ins Litauische übersetzt wurden. So wird in einem Erlass vom 28. März 1794 zur Grenzverstärkung von Memel bis Soldau beispielsweise der Name "Klaipėda" und nicht "Memel" verwendet. Es war diese jahrhundertealte Tradition der Preußischen Litauer, die dazu führte, dass Litauen auf der Versailler Friedenskonferenz den Anschluss des Memelgebiets forderte. Allerdings folgte bald auch eine neue Begrifflichkeit. Das Wort "Kleinlitauer" (lietuvininkai) verdrängte die Bezeichnung "Preußische Litauer". Damit sollte die nationale Integration des Memelgebiets nach Großlitauen erleichtert werden, nicht ohne dabei die Gelegenheit verstreichen zu lassen, die Folgen der Germanisierung in Kleinlitauen als ein Hindernis auf diesem Weg zu betonen. Die in der Zwischenkriegszeit verfestigten ideologischen Klischees lebten nach dem Krieg wieder auf.

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Namen hat die Memel bis 1945 in Deutschland gehabt: Memel und Njemen. Memel nannte man den Abschnitt des Stroms, der durch Ostpreußen floss. Den Mittel und Oberlauf in Litauen, Polen und Weißrussland nannte man beim slawischen Namen: Njemen. Heute heißt der Fluss in Belarus Njoman, in Litauen Nemunas, in Polen Niemen und in Russland Neman.



Das Nebeneinander von "Klaipėda" und "Memel" endete am 23. März 1939, als Hitler den "Anschluss" des Memelgebiets ans Deutsche Reich anordnete. Allerdings war die Zugehörigkeit des Memelgebiets zu Litauen von 1923 bis 1939 für Stalin ein wichtiges Argument dafür, dieses Territorium nach dem Zweiten Weltkrieg der Litauischen Sozialistischen Republik zuzuteilen.

Klaipėda wird sowjetisch



Das Ende des Zweiten Weltkriegs, als Memel zu Klaipėda wurde, war eine Zäsur; sie bedeutete den Bruch der Stadt mit ihrer Geschichte. Nach den Bombardierungen in der ersten Oktoberhälfte 1944 und der Sprengung zahlreicher Gebäude durch die sich zurückziehende Wehrmacht verwandelte sich Klaipėda Ende Januar 1945 in eine "Labyrinth aus Ruinen". 28 Prozent der städtischen Gebäude waren zerstört, 36 Prozent stark beschädigt. Während der "Körper" der Stadt solchermaßen erstarb, zog seine Seele gemeinsam mit den Zivilisten am 30. Juli 1945 davon. Die Stadt büßte auch die wichtigsten Stützen ihrer jahrhundertealten Tradition und kulturellen Identität ein: Die ältesten Kirchen (Reformierte Kirche, Jakobuskirche, Apostelkirche), das alte Rathaus, der "Elefantenspeicher" – ein eindrucksvoller Fachwerkspeicher mit einem Walmdach – sowie der den Geist des alten Hafens atmende Bezirk Bommelsvitte wurden zerstört.

Die "Neue Ära" der sowjetischen Zeit begann mit einer Immigrationswelle. 1947 lebten in Klaipėda bereits 46.700 Ankömmlinge aus verschiedenen, meist russischsprachigen Regionen der Sowjetunion. Darüber hinaus zogen auch Litauer in die Stadt. Ihr Name erhielt im öffentlichen Raum erneut einen doppelten Klang: auf Litauisch "Klaipėda" und auf Russisch "Klaijpeda". Nach und nach veränderte sich auch die Symbolik der Stadt. Denkmäler für Stalin und Lenin wurden gebaut, auf einem Postament auf dem ehemaligen Libauerplatz wurde eine Kanone errichtet, an Fabriken und öffentlichen Einrichtungen wurden Propagandatafeln angebracht.

Im Vordergrund der sowjetischen Politik standen der Wiederaufbau des Hafens, die Belebung des Handels sowie die Gründung von Schifffahrts- und Fischereiunternehmen. Eine Erinnerung an die Jahrhunderte alte Geschichte der Stadt gehörte nicht dazu, obwohl man in den ersten drei Nachkriegsjahren die deutsche Sprache noch in den Straßen hören konnte: bis 1948 räumten deutsche Kriegsgefangene Klaipėdas Trümmer beiseite und erneuerten die Kommunikationssysteme und das Kanalisationsnetz. Doch die Stimmung gegenüber den Deutschen war feindselig. Nun galt die sowjetische Parole "Deutscher gleich Faschist".

Klaipėda wurde zur Arbeiterstadt, in der die Bevölkerungszahl rasch anstieg. 1959 lebten bereits 90.500 Menschen in der Stadt, 1979 waren es 175.800. Im Zusammenhang mit der voranschreitenden Kollektivierung wuchs von Beginn der 1950er Jahre zudem die Anzahl von Einwanderern aus den ländlichen Gebieten Litauens. Diese Proletarisierung prägte auch das Geistesleben: Bis in die 1970er Jahre gab es in Klaipėda nur eine einzige Hochschule – eine Filiale des Polytechnischen Instituts Kaunas. Erst später wirkten sich drei neue Standorte litauischer Hochschulen positiv auf das Kulturleben aus – und schufen die Basis für das Entstehen einer litauischen Identität in Klaipėda. Das hatte nach Ansicht des Klaipėdaer Historikers Vasilijus Safronovas auch damit zu tun, dass es die Behörden nicht schafften, das intellektuelle Leben vollständig zu kontrollieren. So wurde es möglich, einzelne Vorstellungen von der Vergangenheit, die mit der litauischen Identität im Zusammenhang standen, im offiziellen Herrschaftsdiskurs unterzubringen.

Litauische oder sowjetische Identität?

Die deutsche Geschichte von Memel ist in Klaipėda heute kein Tabu mehr.Die deutsche Geschichte von Memel ist in Klaipėda heute kein Tabu mehr. (© Inka Schwand)
Eine Konstante aber gab es inmitten dieser komplizierten Suche nach Identität – die antideutschen Gefühle. Die sowjetische Variante bediente sich des Bildes von der "Aggression der deutschen Räuber". Die litauische Aversion konnte an den eigenen "Kampf gegen die Kreuzritter" anknüpfen. Vor diesem ideologischen Hintergrund ist auch die weit verbreitete Behauptung zu beurteilen, es seien, die "Hitleristen" gewesen, die bei ihrem Rückzug die Stadt zerstörten.

Die Ablehnung alles Deutschen korrelierte ihrerseits mit der offiziellen Beurteilung der Geschichte der Stadt: Ungeachtet der verbliebenen Straßennamen, Geschäftsschilder und der typisch deutschen Architektur wurde Klaipėda, bedingt durch die antideutsche Haltung und der Zugehörigkeit Klaipėdas zu Litauen 1923 bis 1939, schon in den ersten Nachkriegsjahren öffentlich als "unsere Stadt" oder als "Heimatstadt" bezeichnet.

Lange freilich währte diese Phase nicht. Bereits nach 1946 war eine litauische Orientierung nicht mehr erwünscht. Als in Litauen der Partisanenkampf gegen die sowjetische Herrschaft geführt wurde, wurde alles Litauische mit den Gefahren eines „bourgeoisen Nationalismus“ in Verbindung gebracht. Der öffentliche Raum der Stadt war durchdrungen von der Atmosphäre der Formierung des "sowjetischen Bürgers". Aspekte eines Litauertums konnten nur dann integriert werden, wenn sie ins ideologische Konzept der "Völkerfreundschaft" passten.

In Nikita Chruschtschows "Tauwetter"-Periode in der Mitte der 1950er Jahre lockerte sich bis zu einem gewissen Grad der Griff der ideologischen "Zange". Nun war es möglich, bestimmte Sujets aus der nationalen Vergangenheit in den Rahmen der sozialistischen Kultur zu integrieren: 1955 wurde aus Anlass des 175. Todestages des preußisch litauischen Dichters Kristijonas Donelaitis (Christian Donalitius) die erste Mittelschule Klaipėdas nach ihm benannt. Dies war möglich, indem man jene Teile seines Schaffens hervorhob, die der damaligen Ideologie genehm waren – wie etwa die Schilderung des Lebens der von den Gutsherren ausgenutzten Leibeigenen.

Während die antideutsche Stimmung und die Angst vor einem "deutschen Revanchismus" bis zum Abschluss der Moskauer Verträge 1970 bestehen blieb, ließ der gemeinsame ideologische Hintergrund mit der Sowjetmacht seit der Mitte der 1950er Jahre hingegen eine dosierte Berufung auf die litauische Vergangenheit zu. Deutlich wurde das vor allem in denkmalpflegerischen und ethnografischen Aktivitäten. Diese orientierten sich freilich nur an der "eigenen" Vergangenheit. Was mit der deutschen Geschichte in Verbindung stand, fand keine Berücksichtigung. Treffend bemerkt Safronovas, dass die Litauer im Memelgebiet die einzige Stütze darstellten, auf die sich eine litauische Nachkriegsidentität aufbauen ließ. Die Preußischen Litauer mit ihrer eigenen Identität fanden in diesem nationalen und klassenkämpferischen Zugang zur Geschichte keine Beachtung.

Vier Jahrzehnte Geschichtspolitik

Auch in der Sprache machte sich die Geschichtspolitik bemerkbar. Die in der Zwischenkriegszeit benutzten Begriffe "Kleinlitauen" anstelle von "Preußisch Litauen" sowie "lietuvininkai" anstelle von "Preußischer Litauer" wurden wiederbelebt. Damit konnte man sich erneut von der preußischen und deutschen Geschichte mit ihren kulturellen Traditionen abgrenzen. Diese vier Jahrzehnte andauernde Politik konnte man noch 1986 in einem Bildband nachlesen, dessen Texte auf Litauisch, Russisch, Englisch, Deutsch und Französisch gedruckt wurden:

Der erste Akzent liegt auf Vorstellung Klaipėdas als litauischer Hafenstadt und "Wassertor zur Welt". Der Geschichte der Stadt bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts sind dagegen nur vier Seiten gewidmet, von denen wiederum nur ein Absatz die Erbauung der Memelburg erwähnt. Dabei wird betont, dass hier "die Stadt zu wachsen begann, Schiffe der Hanse anlegten und Handelsmärkte abgehalten wurden". Dies ist alles, was in der Veröffentlichung über das mittelalterliche Memel gesagt wird. Des Weiteren wird erwähnt, dass im 18. Jahrhundert mit dem Schiffsbau begonnen wurde, und im 19. Jahrhundert um die 800 Schiffe im Memeler Hafen anlegten. Auch wird die Bedeutung des König-Wilhelm-Kanals (benutzt wird der neue Name "Klaipėda-Kanal") erwähnt sowie die Einrichtung des ersten Elektrizitätswerks 1900 und die der Trambahn 1904. Der letzte Satz über die Geschichte der Stadt bis 1939 ist besonders charakteristisch: "Zu Zeiten der bourgeoisen Ordnung wurden am Ufer Industrie und Handel begründet, und es formierten sich Wirtschaftsbeziehungen zu ihrem Land."

Ungefähr zehn Sätze und ein geschliffener Stil sollten helfen, das Problem der Geschichte Klaipėdas bis zur sowjetischen Zeit zu lösen. Es ist interessant, dass im russischen und litauischen Text die Geschichte der Stadt zwischen 1923 und 1939 nur in dem einen, oben zitierten Satz beschrieben ist, sie im Deutschen und Englischen hingegen folgendermaßen interpretiert wird: "1923 wurde das ganze Gebiet Klaipėda mit der Hafenstadt als Verwaltungscentrum an Litauen abgeschlossen". "In 1923 the Klaipėda Territory and its administrative centre joined to Lithunia thus putting an and to the ages long occupation by Germany". Der Großteil des Textes aber widmet sich dem Ziel, die Vorteile des sowjetischen Klaipėda herauszustellen.

Bezogen auf das Kulturleben der Stadt, wurden nur die Personen genannt, die mit der litauischen kulturellen Tradition in Preußisch Litauen und dem Klaipėda der Zwischenkriegszeit verbunden waren: "Auf die reichen kulturellen Traditionen der Gegenwart blickend, gedenken die Bürger der Stadt mit Dankbarkeit und Hochachtung der Persönlichkeiten, die in diesem Gebiet die litauische Kultur verteidigt und gepflegt haben: K. Donelaitis, L. Rėza, A. und F. Kuršaitis, G. Sauerwein, E. Jagomastas, Vydūnas u.a."

Das Ännchen von Tharau als Wendepunkt

Das Ännchen von Tharau - Denkmal für Simon Dach auf dem Theaterplatz in Klaipėda.Das Ännchen von Tharau - Denkmal für Simon Dach auf dem Theaterplatz in Klaipėda. (© Inka Schwand)
Diese Stereotype blieben auch während des Untergangs der Sowjetunion sichtbar. So wurde die erste freie Zeitung in Klaipėda Mažoji Lietuva (Kleinlitauen) genannt, und das Landeskundliche Museum wurde zum Museum der Geschichte Kleinlitauens (so heißt es bis heute). Von Preußisch Litauen und Preußischen Litauern war zunächst keine Rede.

Allerdings setzte sich bald schon eine offenere Erzählung über die Geschichte der Stadt durch. Beispielhaft dafür war die Wiedererrichtung des Denkmals für Simon Dach. Noch im Jahre 1988 behauptete Antanas Stanevičius, Redakteur der während der Sowjetzeit einzigen in der Stadt herausgegebenen Tageszeitung Klaipėda, dass "in ganz Litauen nur der ein oder andere Mensch etwas von ihm gehört" habe. Gleichwohl gehörte Stanevičius zu den Initiatoren der Denkmalsinitiative. Am 18. November 1989 wurde schließlich auf dem Theaterplatz das wiedererrichtete Denkmal für Simon Dach mit der symbolischen Skulptur des Ännchens von Tharau enthüllt. Dieses Denkmal symbolisiert einen Wendepunkt bei der Suche nach der kulturellen Identität der Bewohner Klaipėdas. Es steht für die Annäherung an eine regionale Identität – trotz der "traditionellen Angst" vor einem deutschen Revanchismus, den es zu dieser Zeit noch gab. Die Atmosphäre dieser Zeit drückte der Titel eines Artikels von Stanevičius aus: "Ar sugrįš Onutė iš Taravos?" ("Kehrt das Ännchen aus Tharau zurück?"). Darin stecken sowohl die Zweifel, als auch die Hoffnung, die mit dem Denkmal verbunden waren. Um sicher zu gehen, wurde das Ännchen im Litauischen nicht beim regional üblichen Namen "Anikė" genannt, sondern mit dem litauschen "Onutė".

Ein weiterer Schritt in Richtung einer regionalen Erinnerungskultur war die internationale Konferenz zum 400. Geburtstag von Simon Dach, die im Sommer 2005 an der Universität Klaipėda stattfand. Auf ihr tauschten sich Wissenschaftler aus Litauen, Polen und Deutschland zu unterschiedlichen Aspekten des literarischen und gesellschaftlichen Wirkens Dachs aus. Diese Konferenz, wie auch das Simon-Dach-Haus, eine 1996 gegründete Institution zur Pflege der deutsch-litauischen Kulturbeziehungen, standen ganz im Zeichen einer Idee, die der Mitinitiator des Dach-Denkmals, Heinz Radziwill, so formulierte: Er hoffte, dass die Wiederaufstellung "ein Werk der deutsch-litauischen Freundschaft" sei und dass dies "einen Neuanfang der Kulturbeziehungen zwischen den vorherigen und den heutigen Bewohnern dieser Stadt" bedeute. Damit markiert die Wiedererrichtung des Denkmals 1989 in Klaipėda zweifellos einen Wendepunkt in der Debatte um regionale Identität. Nun brauchte man nicht mehr zwischen "deutschen" und "litauischen" Spuren der Geschichte unterscheiden, sondern konnte sich einlassen auf die Geschichte Klaipėdas und mit ihr die Geschichte Preußisch Litauens.

Die Königin Luise und ihre “lieben Litauer”

Inzwischen weiß die Mehrheit der Einwohner Klaipėdas, dass die Stadt, wenn auch nur kurz, die Hauptstadt des preußischen Königreichs war. Während der Napoleonischen Kriege lebte das preußische Königspaar im Memeler Exil. Zu dieser Kenntnis beigetragen hat auch eine am 30. Juli 1999 enthüllte Erinnerungstafel. Sie wurde am ehemaligen Rathaus angebracht, wo König Friedrich Wilhelm III. und die Königin Luise von 1807 bis 1808 lebten. Zudem erinnerte das Relief an das von Gerhard von Kügelgen gemalte Porträt Luises, das ehedem im Sitzungsaal des Rathauses hing.

Was aber bedeutet die preußische Königin für die Bewohner von Klaipėda heute? Eine Antwort darauf gab der Historiker Wolfgang Stribrny in seiner Ansprache zur Enthüllung der Tafel. Er unterstrich, dass wir uns an die Königin Luise nicht deshalb erinnern, weil sie in einer schweren Zeit in Memel gelebt habe, und auch nicht deswegen, weil sie eine schöne Frau gewesen sei, deren Erscheinung nicht wenige Zeitgenossen verzaubert habe. Bewunderung habe vielmehr der sich in ihrem Verhalten beständig ausdrückende Wunsch nach Frieden hervorgerufen sowie ihre unerschütterliche Heimatliebe. Darüber hinaus würde ihr tief empfundenes Rechtsgefühl auch heute dazu anregen, nicht zu vergessen, das diejenigen Völker, die sich an solchen Werten orientierten, einander besser verstünden. In diesem Sinne könne die Königin Luise in Klaipėda als Vorbild gelten, denn während sie in Memel wohnte, interessierte sie sich besonders für das Schicksal der Preußischen Litauer und versuchte ihnen zu helfen, im Rahmen ihrer Möglichkeiten, und "ihre lieben Litauer" verehrten sie dafür. Die Enthüllungszeremonie der Erinnerungstafel wurde in der Presse Klaipėdas breit behandelt und trug zweifellos zu einem vertieften Interesse der Bewohner der Stadt für ihre Geschichte bei.

Den Wunsch, die Bedeutung der Verdienste von Königin Luise für die Entwicklung der Kultur und Bildung in Stadt und Region zu würdigen, spiegelt eine Bitte an städtische Politiker vom Herbst 2006 wieder: Ein Jugendzentrum, das im Gebäude des ehemaligen Luisen-Gymnasiums gegründet werden sollte, sollte nach der Königin benannt werden. Die Bemühungen nach 1990, Luise wieder in die historische und kulturelle Landschaft Klaipėdas zurückzuführen, wurden schließlich von der Ausstellung "Königin Luise in Ostpreußen. Zwischen Zar und Kaiser" gekrönt, die vom 5. bis 27. Juli 2009 im Kleinlitauen-Museum stattfand. Zwar heißt das Jugendzentrum bis heute nicht nach Luise. Am 30. Juli dieses Jahres wurden aber vom Bürgermeister zwei restaurierte Gaslampen in einer feierlichen Zeremonie am Eingang des Gebäudes entzündet. Sie gehören zu den originalen Leuchtern des 1891 erbauten Gebäudes, die damals den Schülern des Königin-Luise-Gymnasiums den Weg wiesen und können als ein in jedem Wortsinn "leuchtendes" Symbol für die Rückkehr der Geschichte Klaipėdas gelten. Einer Geschichte, die nicht mehr zwischen einer "litauischen" und einer "deutschen" unterscheidet.

Übersetzung aus dem Litauischen: Eva Pluhařová-Grigiene

Chronologie

1252: Gründung der Memelburg durch den Livländischen Orden

1410: Niederlage der Kreuzritter gegen ein polnisch-litauisches Heer in der Schlacht von Tannenberg

1525: Aus dem Ordensstaat wird das weltliche Herzogtum Preußen.

1807: Die Königin Luise bittet vor dem Frieden von Tilsit bei Napoleon um eine Verschonung Preußens

1807 bis 1808: Exil des preußischen Königshauses in Memel/Klaipėda

1918: Nach dem Ersten Weltkrieg kommt das Memelland unter die Verwaltung des Völkerbundes

1923: Litauen besetzt das Memelland, das nun autonomer Teil der Litauischen Republik wird

1939: Hitler holt das Memelland "zurück ins Reich"

1945: Am 19. Januar übernimmt die Rote Armee die Stadt. Das Memelland gehört nun zur Litauischen Sozialistischen Sowjetrepublik

1989: Noch vor der Auflösung der Sowjetunion und der Unabhängigkeit Litauens wird auf dem Theaterplatz von Klaipėda das Simon Dach-Denkmal mit dem Ännchen von Tharau wieder aufgestellt.
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Zum Weiterlesen

Die Memel

  • Uwe Rada: Die Memel. Kulturgeschichte eines europäischen Stromes. Siedler Verlag (2010). Ein Buch, das einen vergessenen Strom im östlichen Mitteleuropa wieder zum Leben erweckt. "Uwe Rada rehabilitiert die Memel als Zukunftsort eines Europas der Völker – nicht der Nationen." (Der Tagesspiegel)

  • Ulla Lachauer: Paradiesstraße. Rowohlt Verlag (2007). Ein wunderbares Porträt der ostpreußischen Bäuerin Lena Grigoleit und mit ihr des Memellandes. "Wer diese Seiten liest, hat eine andere Welt kennengelernt." (Die Zeit)

  • Ulla Lachauer: Die Brücke von Tilsit. Begegnungen mit Preußens Osten und Russlands Westen. Rowohlt (1995). Mit diesem Reiseessay wurde Lachauer zur Pionierin der Wiederentdeckung des ehemaligen Ostpreußen.

  • Martin Rosswog/Ulla Lachauer: Menschen an der Memel. Edition Braus (2009). Einfühlsame Porträts von Menschen im Memelland durch die Autorin Ulla Lachauer und den Fotografen Martin Rosswog.

  • Andreas Kossert: Ostpreußen. Geschichte und Mythos. Pantheon Verlag (2007). Kossert beschreibt Ostpreußen als multikulturelles Grenzland zwischen Polen, Deutschen und Litauern. "Kossert wirft einen ganz neuen und für viele überraschenden Blick auf das Land der dunklen Wälder und kristallnen Seen." (Die Zeit)

  • Ruth Leiserowitz: Sabbatleuchter und Kriegerverein. Juden in der ostpreußisch-litauischen Grenzregion 1812-1942. Fibre Verlag (2010). Die Autorin, bekannt über ihre Studien zu Ostpreußen und den Wolfskindern, berichtet über den Beginn und das Ende jüdischen Lebens im Memelland.