Dossierbild Geschichte im Fluss

10.5.2012 | Von:
Felix Ackermann

Palimpsest an der Memel

Grodnianie und Grodnienzy

Altes Grodno trifft auf sowjetisches Grodno.Altes Grodno trifft auf sowjetisches Grodno. (© Inka Schwand)
Es gibt Grodnianie und es gibt Grodnienzy. Die ersteren werden immer weniger, sie leben in der ganzen Welt verstreut, sprechen neben Polnisch einige andere Sprachen und kennen noch den Stadtplan von 1937, auf dem so viele jüdische Unternehmer ihre Werbung platziert hatten. Die letzteren werden immer mehr, sie leben in Grodno erst in zweiter Generation, und sie kennen nur die sowjetische Stadt, mit dem T-34 am russischen Theater, ohne die 1961 gesprengte Pfarrkirche. Fast alle, die sich zwischen beiden Gruppen hin- und her bewegen, sind heute im Alten Schloss versammelt. Studenten, Hobbyhistoriker, arbeitslose Architekten, leidenschaftliche Sammler und einige alte Bürger der Stadt betrachteten die ausgestellten Postkarten voller Erfurcht, Neugierde und Aufregung. Es handelt es sich um Ikonen einer untergegangenen Stadt, die doch weiterexistiert: in der Erinnerung der Überlebenden und Enthusiasten sowie im weitgehend erhaltenen städtebaulichen Ensemble.

Feliks Woroszylski, der Macher der Ausstellung, ist eigentlich weder Grodnianin noch Grodnienez. Der Sohn eines polnisch-jüdischen Schriftstellers, der in einer Grodnoer Ärztefamilie groß geworden war, lebt heute in Hamburg, aufgewachsen ist er in Warschau. Nach dem Tod seines Vaters hatte er begonnen, sich für das Schicksal der Familie zu interessieren. So fand er das dreistöckige Gründerzeithaus, das sein Urgroßvater 1928 gekauft hatte, um die erste private Entbindungsklinik der Stadt zu gründen. Hier wuchs sein Vater auf, hier arbeiteten und lebten die Großväter. "Wie es früher war, findest Du nur noch auf alten Postkarten", riet ihm ein Bekannter. So wurde er zum Sammler. Heute besitzt er mit über 1.300 Postkarten die umfangreichste Grodnoer Kollektion weltweit.

Die meisten Postkarten aber befinden sich noch immer in deutschen Familienarchiven. Die kaiserlichen Truppen hatten während des Ersten Weltkriegs über drei Jahre Zeit, an die daheim Gebliebenen Grüße zu senden. "Das war das goldene Zeitalter der Photographie. Viele Soldaten hatten einen eigenen Apparat dabei und haben bei den Photographen vor Ort eine kleine Auflage als Postkarten abziehen lassen. Wenn man eine solche findet, ist es ein großes Glück", erklärt Woroszylski. Er hat früh angefangen, bei eBay nach Grodnoer Zeugnissen zu suchen. Seit das Auktionshaus online ist, findet man sie wesentlich leichter als auf den Flohmärkten der Republik. Aber heute wird es auch für ihn schwieriger, mit den Geboten der Konkurrenz mitzuhalten. Manche Motive sind für Anhänger der Zarenfamilie von Bedeutung, andere gehen an Sammler von Judaica, weitere werden von Eisenbahnliebhabern ersteigert. "Seit neuestem gibt es in Belarus Leute mit richtig viel Geld, die um jeden Preis zuschlagen", meint der Hamburger.

Es ist nicht bei der Faszination für Postkarten geblieben. Mit der Suche nach Spuren der Familie lernte Feliks Woroszylski in Weißrussland, Polen, Israel, Amerika und Frankreich Grodnianie kennen, mit denen er bis heute befreundet ist. Unter ihnen sind einige wenige Überlebende der Shoa. Heute kann er im Traum durch die alte Stadt wandeln, die Straßennamen der Vorkriegsstadt kennt er besser als die der heutigen. So ist er selbst zum Grodnianin geworden, erklärt unterwegs im kleinen Pendelzug, der von der nahen polnischen Grenze nach Grodno fährt, polnischen Touristen, wie sie ihr Hotel finden. Da er Russisch spricht, verständigt er sich auch mit den heutigen Bewohnern – den Grodnienzy. Diese feiern ihn während der Ausstellungseröffnung als Helden. Die einen wollen die Grodnoer Medizingeschichte schreiben und suchen nach Rat, andere bieten Postkarten zum Tausch an. Journalisten stehen Schlange, der Stadtpräsident bedankt sich persönlich, erst der Museumsdirektor macht der Belagerung ein Ende, indem er zum Umtrunk in sein Kabinett lädt.

Die Ausstellung ist innerhalb weniger Tage entstanden. Woroszylski hat seine gesamte Kollektion mitgebracht und gemeinsam mit den Museumsmitarbeitern dreihundert Postkarten ausgesucht sowie topographisch und thematisch sortiert. Bestimmte Motive wiederholen sich – so kann man die Veränderungen zwischen Russischem Reich, deutscher Besatzung und Polnischer Republik gut nachvollziehen. Einige Themen, wie das untergegangene jüdische Grodno, die einst berühmte Tabakfabrik und der zerstörte deutsche Soldatenfriedhof, sind für viele Grodnienzy wahre Entdeckungen. Sie geben nicht die Wirklichkeit von damals wieder, aber sie vermitteln einen Hauch von Historizität, und sie entfesseln die Fantasie jener, die immer aufs Neue versuchen, eine Brücke zur Vergangenheit zu schlagen. Der Kollektionär hat vor, seine Sammlung zu vervollständigen und mit einer Ausstellung um die Welt zu reisen: Die Menschen in Hamburg, New York und Buones Aires sollen erfahren, wie schön Grodno einst gewesen ist.

Das europäische Tor

Die Altstadt Grodnos ist einer der wenigen urbanen Komplexe in Belarus, der weder dem Zweiten Weltkrieg noch der sowjetischen Industrialisierung zum Opfer gefallen ist. Die engen Gassen, die Adelspalais, die barocken Kirchen, die Choralsynagoge, die beiden Schlösser und die Brücke zum Ufer der Memel. Alles wirkt für Besucher aus Minsk wie das Versprechen Europas. Und doch tun sich die Bewohner schwer zu sagen, wo ihre Stadt heute liegt. Für einen Artikel über meine Forschungen im Vechernyj Grodno formuliert der Redakteur als Titel: "Brücken nach Europa" – so als wäre Belarus nicht Bestandteil des Kontinents, seiner Geschichte und Gegenwart. Meine Wirtsleute, überzeugte Weißrussen und engagierte Lokalhistoriker, erinnern sich an eine Formulierung des russischen Historikers Bobrovkskij aus dem Jahr 1863: Grodno sei ein "europäisches Tor", weil hier die Kulturen aus dem Osten und Westen zusammenstießen und sich vermengten. Und doch ist es eine Provokation, wenn ich von Grodno als mitteleuropäischer Stadt schreibe: Müsste man nicht wenigstens wissenschaftlich korrekt ostmitteleuropäisch verwenden? Auch für den Westen hat die fünf Jahrzehnte währende sowjetische Herrschaft einen Unterschied gemacht. Die Teilung in Ost und West im Kalten Krieg wirkt weiter fort.

Heute ist die Frage nach Europa und dem sowjetischen Erbe in Grodno aber mehr als eine wissenschaftliche Fußnote. Im Zuge von Sanierungsarbeiten rund um den einstigen Marktplatz, der noch immer Sovetskaja Ploschtschad heißt, wurden mehrere Häuser in einer Weise "rekonstruiert", dass sich junge Aktivisten herausgefordert fühlten: Das europäische Erbe der Stadt werde bedroht durch die postsowjetischen Abrissbirnen, denen Ordnung und weite Sichtachsen wichtiger seien, als historisches Mauerwerk, archäologische Forschungen und historischer Baumbestand. Die Proteste der Jahre 2006 und 2007 verhallten: Der einstige Marktplatz wurde um ein großes bereits zum Beginn der deutschen Besatzung zerstörtes Viertel erweitert, das nach dem Krieg Park geworden war.

Im Ergebnis entstand eine riesige Fläche vom Ufer der Memel, wo noch immer der T-34 Panzer in Richtung Westen zeigt, bis hin zur Leerstelle der katholischen Kirche Fara Witolda aus dem 14. Jahrhundert, die 1961 auf Beschluss des Stadtrats gesprengt wurde. Weitere historische Gebäude wurden abgetragen oder, leicht verändert, wieder errichtet. Andere verschwanden ganz. Noch immer kämpfen Studenten, Historiker, Archäologen und andere Bürger mit öffentlichen Aktionen, Eingaben an den Bürgermeister und ihrer eigenen Informationsplattform im Internet www.harodnia.com für den Erhalt des Kulturerbes.

Ich habe dieses Engagement in meinen Forschungen als "Palimpsestieren" beschrieben, weil wie bei einem antiken Pergament immer wieder alte Schichten neu gelesen werden. Allerdings wird von den Aktivisten für das europäische Grodno die Nachkriegsgeschichte nicht als eigene Kulturschicht anerkannt, so dass sie dadurch langsam in Vergessenheit gerät. Niemand in der Stadtverwaltung hält den Schutz von in den 1930er Jahren errichteten Holzvillen polnischer Offiziere und Lehrer im Internationalen Stil für notwendig. Auch die abwechslungsreiche sowjetische, moderne Typenbebauung der Gorki-Straße aus den frühen 1980er Jahren ist noch nicht ins Blickfeld der lokalen Auseinandersetzungen um das Kulturerbe der Stadt geraten.

Mitteleuropa reicht mit seinen vielschichtigen polnisch-jüdisch-weißrussischen Bezügen und der verheerenden Geschichte einer doppelten Zerstörung im Zweiten Weltkrieg durch deutsche und sowjetische Besatzer bis Grodno. Und das Erbe der Sowjetunion wird noch lange die Gegenwart Grodnos prägen. Beides sind nur unterschiedliche Schichten eines Palimpsests, das die heutigen Bewohner der Stadt aktiv entdeckten und neu beschreiben.



Zum Weiterlesen

Die Memel

  • Uwe Rada: Die Memel. Kulturgeschichte eines europäischen Stromes. Siedler Verlag (2010). Ein Buch, das einen vergessenen Strom im östlichen Mitteleuropa wieder zum Leben erweckt. "Uwe Rada rehabilitiert die Memel als Zukunftsort eines Europas der Völker – nicht der Nationen." (Der Tagesspiegel)

  • Ulla Lachauer: Paradiesstraße. Rowohlt Verlag (2007). Ein wunderbares Porträt der ostpreußischen Bäuerin Lena Grigoleit und mit ihr des Memellandes. "Wer diese Seiten liest, hat eine andere Welt kennengelernt." (Die Zeit)

  • Ulla Lachauer: Die Brücke von Tilsit. Begegnungen mit Preußens Osten und Russlands Westen. Rowohlt (1995). Mit diesem Reiseessay wurde Lachauer zur Pionierin der Wiederentdeckung des ehemaligen Ostpreußen.

  • Martin Rosswog/Ulla Lachauer: Menschen an der Memel. Edition Braus (2009). Einfühlsame Porträts von Menschen im Memelland durch die Autorin Ulla Lachauer und den Fotografen Martin Rosswog.

  • Andreas Kossert: Ostpreußen. Geschichte und Mythos. Pantheon Verlag (2007). Kossert beschreibt Ostpreußen als multikulturelles Grenzland zwischen Polen, Deutschen und Litauern. "Kossert wirft einen ganz neuen und für viele überraschenden Blick auf das Land der dunklen Wälder und kristallnen Seen." (Die Zeit)

  • Ruth Leiserowitz: Sabbatleuchter und Kriegerverein. Juden in der ostpreußisch-litauischen Grenzregion 1812-1942. Fibre Verlag (2010). Die Autorin, bekannt über ihre Studien zu Ostpreußen und den Wolfskindern, berichtet über den Beginn und das Ende jüdischen Lebens im Memelland.