Dossierbild Geschichte im Fluss
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Palimpsest an der Memel


10.5.2012
Eine Stadt, viele Vergangenheiten: Grodno, mit 328.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt an der Memel, war ein Ort, an dem Polnisch, Jiddisch und Weißrussisch gesprochen wurde, später Deutsch und Russisch. Engagierte Bürger wollen die verschütteten Schichten der Geschichte wieder freilegen.

Das weißrussische Grodno ist nach Kaunas in Litauen die zweitgrößte Stadt an der Memel.Das weißrussische Grodno ist nach Kaunas in Litauen die zweitgrößte Stadt an der Memel. (© Inka Schwand)

Freundliche Begrüßung



Am Bahnhof begrüßt mich der weißrussische Schauspieler Wiktor Szalkiewicz und klopft mir auf die Schultern: "Was macht Du schon wieder hier, was suchst Du hier? Du weißt doch: Der Sozialismus ist der langweiligste von allen Ismen."

Das 1989 errichtete Bahnhofsgebäude sieht tatsächlich aus wie ein sowjetischer Flughafen. Bis 1991 gab es noch einen durchgehenden Zug von Paris nach Leningrad – mit Grodno als Haltepunkt. Hier betraten die wenigen ausländischen Gäste zum ersten Mal sowjetischen Boden. Hier fand die Zollabfertigung statt.

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Atomkraftwerk entsteht derzeit an der Memel und zwar in Neman/Ragnit im zu Russland gehörenden Kaliningrader Gebiet.



"Warum gehst Du nicht zurück in den Westen, wo die Welt noch in Ordnung ist. Hier passiert nichts, nichts auf der Straße, nichts im Theater, nichts bei den Leuten zu Hause. Stillstand. Niedergang. Untergang." Mein Bekannter setzt seine halb ernst und halb ironisch gemeinte Litanei fort. Ich erinnere ihn daran, dass ich immer wieder an das Ufer der Memel zurückkehre, um meine Dissertation über Ethnizität und Erinnerung im Grodno des 20. Jahrhunderts abzuschließen. "Guck lieber nicht genau hin, es ist ein trauriges Spektakel das hier gegeben wird. Ich flehe Dich an, bleib nicht hier, komm am besten nie wieder!"

Szalkiewicz hat gut Lachen. Er spielt in den staatlichen Filmproduktionen immer die deutschen Offiziere, weil er so groß ist und strahlend blaue Augen hat. Seine Lieder über die lustigen Seiten der Welt der einstigen Schtetl singt er auf Weißrussisch, Polnisch und Jiddisch. Im Puppentheater spielt er in einer legendären Inszenierung einen "Hiesigen", der im Zuge der immer wieder wechselnden Besatzungsmächte nicht so recht weiß, wohin er eigentlich gehört. "Na gut, Du willst bleiben, aber dann lass Dich nicht ein mit den ganzen Pseudopolen, lass die Juden in Ruhe und glaub bloß nicht den Weißrussen. Sie sind alle Kommunisten."

„Niemen, mein Heimatstrom! Wo sind die Wogen? Mit ihnen so viel Glück und sel’ges Wähnen Wohin ist meiner Kindheit Lust verflogen?“

Adam Mickiewicz, 1826

„Die Dzimken, die Flößer, die mit den Hölzern stromab aus Russland kommen, sitzen in ihren langen, grauen Hemden auf der Floßkante und baden sich die Füße. Hinter ihnen rauchen die Kessel zum Frühstücksbrot.“

Hermann Sudermann, 1917

„Die weiße Küste ist schön geschwungen, man könnte glauben in Nordafrika zu sein.“

Thomas Mann, 1929

„Aus der Finsternis kommst du, mein Strom, aus den Wolken. Wege fallen dir zu und die Flüsse, Jura und Mitwa, jung, aus Wäldern, und lehmschwer, Szeszupe.“

Johannes Bobrowski, 1961

„Zu schreiben habe ich begonnen am Ilmsee 1941, über russische Landschaft, aber als Fremder, als Deutscher. Daraus ist ein Thema geworden, ungefähr: die Deutschen und der europäische Osten. Weil ich um die Memel herum aufgewachsen bin, wo Polen, Litauer, Russen, Deutsche miteinander lebten, unter ihnen allen die Judenheit.“

Johannes Bobrowski, 1961

„Diese Grenzen sind temporäre Grenzen. Früher oder später bringt uns der Fluss wieder zusammen.“

Krzysztof Czyzewski, 2009

Der letzte Überlebende



Ein alter Mann sitzt mit wachen Augen im Eingangsraum des jüdischen Kulturvereins im ersten Stockwerk eines Neubaublocks. Vor dem Fenster stapelt sich humanitäre Hilfe aus Israel. An einer Wandzeitung hängen Fotos der jüdischen Partisanen, die in den Wäldern Weißrusslands den Holocaust überlebten. Hirsz Chossids Foto fehlt, er ist zu bescheiden. Im großen Saal erzählt er lächelnd von seinem Leben: Zu Hause, in der Kate am Ufer der Memel, sprach er mit seinen Eltern vor dem Krieg nur Jiddisch. Die Straßen waren in polnischer Sprache beschildert, auf dem Amt wurde Polnisch gesprochen. Auf dem Weg zur Schule wurde er von Kindern mit Steinen beworfen, eines Tages auch verprügelt – weil er Jude ist. In der Schule lernte er Hebräisch. Israel lag zwar in weiter Ferne, doch war ihm Jerusalem vertrauter als die Hauptstadt der Polnischen Republik, zu der Grodno damals gehörte. Seine Zeit in der zionistischen Jugendbewegung brach jäh ab, als nach dem Molotow-Ribbentrop-Pakt 1939 die Rote Armee in Grodno einmarschierte. Er trat in den Komsomol ein und lernte Russisch.

Im Sommer 1941 wurde die Stadt von der Wehrmacht eingenommen und Hirsz Chossid lernte erneut die Sprache der Besatzer. Als im November 1941 die jüdische Bevölkerung in zwei Ghettos getrieben wurden, war Deutsch ein Überlebensmittel. Im Herbst 1942 rettete er sich mit seinen Eltern aus dem Ghetto II in das Ghetto I im historischen jüdischen Viertel, gleich am Burgberg. Die, die keine Arbeitsbescheinigung hatten, wurden in einer Kolonne in Richtung Kielbasino, dem Konzentrationslager hinter der Stadt, abtransportiert.

Als auch das Ghetto I nach und nach aufgelöst wurde, wußte Hirsz bereits, wohin die Züge fahren: nach Treblinka und Auschwitz. So sprang er aus einem solchen Transport, überlebte die Flucht und schloss sich in den weißrussischen Wäldern einer jüdischen Partisanengruppe an. Nach dem Krieg kehrte er in die Stadt zurück. Doch der Freude über die Rückkehr folgte das Entsetzen. Von seiner Familie hatte er als einziger überlebt. Von neunundzwanzigtausend Grodnoer Juden waren zweihundert noch am Leben. Die jüdische Stadt hatte aufgehört zu existieren.

Fast alle Überlebenden der Shoa wanderten über Polen nach Israel und in die USA aus. Die anderen verbliebenen Bürger Grodnos waren Polen und beantragten bald Ihre Aussiedlung ins entstehende Volkspolen. Später wurde aus dem alten Grodno eine sowjetische Industriestadt, die Bevölkerung wuchs bald auf dreihunderttausend an. Chossid arbeitete als Lehrer – die Unterrichtssprache war Russisch. Zu Hause hörte er im Radio heimlich israelische Sender. Auf den Wellen von Radio Liberty lernte er Englisch. Während im sozialistischen Grodno bald alle Spuren der untergegangenen Stadt getilgt wurden, las er im Ausland erscheinende Memoiren und studierte die Akten der Prozesse gegen deutsche Gestapo-Offiziere, die den Tod in den Ghettos verwaltet hatten.

Als nach Jahrzehnten die Zeit des Umbruchs gekommen war, gründete Chossid mit den wenigen noch lebenden Grodnoer Juden und den jüdischen Einwanderern aus dem Inneren der Sowjetunion die kulturelle Vereinigung Menorah. Seit 1991 erinnert eine Gedenktafel auf Russisch und Hebräisch an das Ghetto I. Die Stadt gehörte nun zur Republik Belarus. Doch sie sprach weiter Russisch. Seither organisiert Hirsz Chossid religiöse Feste für die sechshundert Juden, die wieder in Grodno leben. Pessach findet in diesem Jahr in einer Turnhalle am Rande einer Neubausiedlung statt, in der Synagoge ist es noch zu kalt in dieser Jahreszeit. Erst wird eine kurze Fassung für all diejenigen zelebriert, die nicht gläubig sind. Und dann, im kleinen Kreise, das Fest nach allen Vorschriften. Die meisten Grodnoer Juden sprechen heute weder Jiddisch noch Hebräisch. Für sie ist Grodno eine neue Stadt. Für Hirsz Chossid ist es ein Friedhof ohne Gräber.

Die deutsche Bibliothek



Als sich Wehrmacht, SS und Gestapo im Sommer 1944 auf das linke Ufer der Memel zurückzogen, hinterließen sie eine rauchende, elende Stadt. Jeder zweite Bürger war von hier nach Treblinka oder Auschwitz deportiert worden. Tausende Kriegsgefangene verhungerten in den Stalags am Rande der Stadt. Hunderte Zwangsarbeiter wurden verschleppt. Und doch war Grodno in das Deutsche Reich eingegliedert worden. So gehörte es drei Jahre lang zur Provinz Ostpreußen, Bezirk Bialystok.

Nach dem abrupten Verklingen der jüdischen Stimmen verwalteten deutsche Beamte die nun vorwiegend polnisch sprechende Stadt, als ob Grodno immer im Reich gelegen hätte. Bei ihrem eiligen Abzug haben sie, zusammen mit einem Großteil der Akten, die Buchbestände des Kreiskommissariats, der Finanz- und Zollämter zurückgelassen. Heute stehen die Bücher nebeneinander im Handapparat des Grodnoer Bezirksarchivs. Diese "deutsche Bibliothek" ist heute die wichtigste Hinterlassenschaft deutscher Kultur in Grodno.

In einem Regal stehen: Regelungen des Finanz- und Steuerrechts. Die Zeitschrift für Elektrotechnik. Ein Monatsheft für deutsche Ingenieure. Europa und der Osten, erschienen 1939 mit einem Vorwort des Reichsleiters Alfred Rosenberg. Darin wird der Generalplan Ost verständlich für ein breites Publikum dargestellt. Der heilige Anspruch der Deutschen auf den Osten des Kontinents, ihre Mission im Kampf gegen das Böse und die Vorherrschaft der weißen Rasse werden für Jung und Alt illustriert. Daneben eine Anleitung zur Gymnastik für deutsche Kinder. Anweisungen zum Aufbau von HJ-Gruppen im Bezirk Bialystok.

Von der deutschsprachigen Encyclopedia Judaica aus der Privatbibliothek des Rechtanwalts O. Neubauer sind noch drei Bände erhalten. Ein Ratgeber für jüdische Ehefrauen gibt Auskunft über Erziehungsfragen. Aus einer hebräischen Leihbücherei befindet sich hier ein schmales Zionimus-Bändchen Jahrgang 1919. Die Telefonbücher von Königsberg und Gumbinnen wurden noch 1944 in blaues Kunstleder gebunden. Daneben reihen sich: Eine in Leinen gebundene Sammlung des deutschen Zivilrechts. Kinderliteratur über den Polenfeldzug. Mein Kampf. Dostojewskis Werke in 17 Bänden. Das SS-Leitheft. Einige Ausgaben der Sirene, der deutschen Zeitschrift für Luftschutz. Zwei Jahrgänge der Bialystoker Zeitung. Freude und Leistung. Die Kölner Illustrierte. Hitlerjugend im Krieg.

Das 1942 erschienene Soldatenbändchen Zwiegespräche im Osten von Martin Raschke beginnt mit einem Novalis-Zitat: "Es sind die ersten Wehen. Jeder setzte sich in Bereitschaft zur Geburt."

Grodnianie und Grodnienzy



Altes Grodno trifft auf sowjetisches Grodno.Altes Grodno trifft auf sowjetisches Grodno. (© Inka Schwand)
Es gibt Grodnianie und es gibt Grodnienzy. Die ersteren werden immer weniger, sie leben in der ganzen Welt verstreut, sprechen neben Polnisch einige andere Sprachen und kennen noch den Stadtplan von 1937, auf dem so viele jüdische Unternehmer ihre Werbung platziert hatten. Die letzteren werden immer mehr, sie leben in Grodno erst in zweiter Generation, und sie kennen nur die sowjetische Stadt, mit dem T-34 am russischen Theater, ohne die 1961 gesprengte Pfarrkirche. Fast alle, die sich zwischen beiden Gruppen hin- und her bewegen, sind heute im Alten Schloss versammelt. Studenten, Hobbyhistoriker, arbeitslose Architekten, leidenschaftliche Sammler und einige alte Bürger der Stadt betrachteten die ausgestellten Postkarten voller Erfurcht, Neugierde und Aufregung. Es handelt es sich um Ikonen einer untergegangenen Stadt, die doch weiterexistiert: in der Erinnerung der Überlebenden und Enthusiasten sowie im weitgehend erhaltenen städtebaulichen Ensemble.

Feliks Woroszylski, der Macher der Ausstellung, ist eigentlich weder Grodnianin noch Grodnienez. Der Sohn eines polnisch-jüdischen Schriftstellers, der in einer Grodnoer Ärztefamilie groß geworden war, lebt heute in Hamburg, aufgewachsen ist er in Warschau. Nach dem Tod seines Vaters hatte er begonnen, sich für das Schicksal der Familie zu interessieren. So fand er das dreistöckige Gründerzeithaus, das sein Urgroßvater 1928 gekauft hatte, um die erste private Entbindungsklinik der Stadt zu gründen. Hier wuchs sein Vater auf, hier arbeiteten und lebten die Großväter. "Wie es früher war, findest Du nur noch auf alten Postkarten", riet ihm ein Bekannter. So wurde er zum Sammler. Heute besitzt er mit über 1.300 Postkarten die umfangreichste Grodnoer Kollektion weltweit.

Die meisten Postkarten aber befinden sich noch immer in deutschen Familienarchiven. Die kaiserlichen Truppen hatten während des Ersten Weltkriegs über drei Jahre Zeit, an die daheim Gebliebenen Grüße zu senden. "Das war das goldene Zeitalter der Photographie. Viele Soldaten hatten einen eigenen Apparat dabei und haben bei den Photographen vor Ort eine kleine Auflage als Postkarten abziehen lassen. Wenn man eine solche findet, ist es ein großes Glück", erklärt Woroszylski. Er hat früh angefangen, bei eBay nach Grodnoer Zeugnissen zu suchen. Seit das Auktionshaus online ist, findet man sie wesentlich leichter als auf den Flohmärkten der Republik. Aber heute wird es auch für ihn schwieriger, mit den Geboten der Konkurrenz mitzuhalten. Manche Motive sind für Anhänger der Zarenfamilie von Bedeutung, andere gehen an Sammler von Judaica, weitere werden von Eisenbahnliebhabern ersteigert. "Seit neuestem gibt es in Belarus Leute mit richtig viel Geld, die um jeden Preis zuschlagen", meint der Hamburger.

Es ist nicht bei der Faszination für Postkarten geblieben. Mit der Suche nach Spuren der Familie lernte Feliks Woroszylski in Weißrussland, Polen, Israel, Amerika und Frankreich Grodnianie kennen, mit denen er bis heute befreundet ist. Unter ihnen sind einige wenige Überlebende der Shoa. Heute kann er im Traum durch die alte Stadt wandeln, die Straßennamen der Vorkriegsstadt kennt er besser als die der heutigen. So ist er selbst zum Grodnianin geworden, erklärt unterwegs im kleinen Pendelzug, der von der nahen polnischen Grenze nach Grodno fährt, polnischen Touristen, wie sie ihr Hotel finden. Da er Russisch spricht, verständigt er sich auch mit den heutigen Bewohnern – den Grodnienzy. Diese feiern ihn während der Ausstellungseröffnung als Helden. Die einen wollen die Grodnoer Medizingeschichte schreiben und suchen nach Rat, andere bieten Postkarten zum Tausch an. Journalisten stehen Schlange, der Stadtpräsident bedankt sich persönlich, erst der Museumsdirektor macht der Belagerung ein Ende, indem er zum Umtrunk in sein Kabinett lädt.

Die Ausstellung ist innerhalb weniger Tage entstanden. Woroszylski hat seine gesamte Kollektion mitgebracht und gemeinsam mit den Museumsmitarbeitern dreihundert Postkarten ausgesucht sowie topographisch und thematisch sortiert. Bestimmte Motive wiederholen sich – so kann man die Veränderungen zwischen Russischem Reich, deutscher Besatzung und Polnischer Republik gut nachvollziehen. Einige Themen, wie das untergegangene jüdische Grodno, die einst berühmte Tabakfabrik und der zerstörte deutsche Soldatenfriedhof, sind für viele Grodnienzy wahre Entdeckungen. Sie geben nicht die Wirklichkeit von damals wieder, aber sie vermitteln einen Hauch von Historizität, und sie entfesseln die Fantasie jener, die immer aufs Neue versuchen, eine Brücke zur Vergangenheit zu schlagen. Der Kollektionär hat vor, seine Sammlung zu vervollständigen und mit einer Ausstellung um die Welt zu reisen: Die Menschen in Hamburg, New York und Buones Aires sollen erfahren, wie schön Grodno einst gewesen ist.

Das europäische Tor



Die Altstadt Grodnos ist einer der wenigen urbanen Komplexe in Belarus, der weder dem Zweiten Weltkrieg noch der sowjetischen Industrialisierung zum Opfer gefallen ist. Die engen Gassen, die Adelspalais, die barocken Kirchen, die Choralsynagoge, die beiden Schlösser und die Brücke zum Ufer der Memel. Alles wirkt für Besucher aus Minsk wie das Versprechen Europas. Und doch tun sich die Bewohner schwer zu sagen, wo ihre Stadt heute liegt. Für einen Artikel über meine Forschungen im Vechernyj Grodno formuliert der Redakteur als Titel: "Brücken nach Europa" – so als wäre Belarus nicht Bestandteil des Kontinents, seiner Geschichte und Gegenwart. Meine Wirtsleute, überzeugte Weißrussen und engagierte Lokalhistoriker, erinnern sich an eine Formulierung des russischen Historikers Bobrovkskij aus dem Jahr 1863: Grodno sei ein "europäisches Tor", weil hier die Kulturen aus dem Osten und Westen zusammenstießen und sich vermengten. Und doch ist es eine Provokation, wenn ich von Grodno als mitteleuropäischer Stadt schreibe: Müsste man nicht wenigstens wissenschaftlich korrekt ostmitteleuropäisch verwenden? Auch für den Westen hat die fünf Jahrzehnte währende sowjetische Herrschaft einen Unterschied gemacht. Die Teilung in Ost und West im Kalten Krieg wirkt weiter fort.

Heute ist die Frage nach Europa und dem sowjetischen Erbe in Grodno aber mehr als eine wissenschaftliche Fußnote. Im Zuge von Sanierungsarbeiten rund um den einstigen Marktplatz, der noch immer Sovetskaja Ploschtschad heißt, wurden mehrere Häuser in einer Weise "rekonstruiert", dass sich junge Aktivisten herausgefordert fühlten: Das europäische Erbe der Stadt werde bedroht durch die postsowjetischen Abrissbirnen, denen Ordnung und weite Sichtachsen wichtiger seien, als historisches Mauerwerk, archäologische Forschungen und historischer Baumbestand. Die Proteste der Jahre 2006 und 2007 verhallten: Der einstige Marktplatz wurde um ein großes bereits zum Beginn der deutschen Besatzung zerstörtes Viertel erweitert, das nach dem Krieg Park geworden war.

Im Ergebnis entstand eine riesige Fläche vom Ufer der Memel, wo noch immer der T-34 Panzer in Richtung Westen zeigt, bis hin zur Leerstelle der katholischen Kirche Fara Witolda aus dem 14. Jahrhundert, die 1961 auf Beschluss des Stadtrats gesprengt wurde. Weitere historische Gebäude wurden abgetragen oder, leicht verändert, wieder errichtet. Andere verschwanden ganz. Noch immer kämpfen Studenten, Historiker, Archäologen und andere Bürger mit öffentlichen Aktionen, Eingaben an den Bürgermeister und ihrer eigenen Informationsplattform im Internet www.harodnia.com für den Erhalt des Kulturerbes.

Ich habe dieses Engagement in meinen Forschungen als "Palimpsestieren" beschrieben, weil wie bei einem antiken Pergament immer wieder alte Schichten neu gelesen werden. Allerdings wird von den Aktivisten für das europäische Grodno die Nachkriegsgeschichte nicht als eigene Kulturschicht anerkannt, so dass sie dadurch langsam in Vergessenheit gerät. Niemand in der Stadtverwaltung hält den Schutz von in den 1930er Jahren errichteten Holzvillen polnischer Offiziere und Lehrer im Internationalen Stil für notwendig. Auch die abwechslungsreiche sowjetische, moderne Typenbebauung der Gorki-Straße aus den frühen 1980er Jahren ist noch nicht ins Blickfeld der lokalen Auseinandersetzungen um das Kulturerbe der Stadt geraten.

Mitteleuropa reicht mit seinen vielschichtigen polnisch-jüdisch-weißrussischen Bezügen und der verheerenden Geschichte einer doppelten Zerstörung im Zweiten Weltkrieg durch deutsche und sowjetische Besatzer bis Grodno. Und das Erbe der Sowjetunion wird noch lange die Gegenwart Grodnos prägen. Beides sind nur unterschiedliche Schichten eines Palimpsests, das die heutigen Bewohner der Stadt aktiv entdeckten und neu beschreiben.


Chronologie



1128: Erste Erwähnung von Grodno als Burg im Fürstentum Polozk.

1391: Der litauische Großfürst Vytautas verleiht Grodno die Stadtrechte.

1569: Mit der Gründung der polnisch-litauischen Adelsrepublik gewinnt die Stadt an Bedeutung. Jeder dritte Sitzung des Sejm, des Parlamentes, findet in der Memelstadt statt.

18. Jahrhundert: Reformen und Bau zahlreicher Wohnungen durch Antoni Tyzenhaus.

1793: Zweite Teilung Polen-Litauens auf dem Sejm in Grodno.

1795: Dritte und letzte Teilung, Grodno wird russisch.

1862: Bau der Warschau-Sankt Petersburger Eisenbahn, an die auch Grodno angeschlossen wird.

1887: Die Grodnoer Schriftstellerin Eliza Orzeszkowa veröffentlicht ihren großen Roman Nad Niemnem (An der Memel).

1915-1919: Grodno gehört während des Ersten Weltkriegs zum Gebiet Ober Ost.

1919-1939: Grodno ist ein wichtiges Zentrum der neu gegründeten polnischen Republik. Die Mehrheit der Bewohner sind Polen und Juden.

1939: Einmarsch der Roten Armee.

1941: Einmarsch der Wehrmacht. Vernichtung des jiddischen Grodno. Anschluss der Stadt an das Deutsche Reich.

1944: Grodno wird sowjetisch.

1961: Die Pfarrkirche wird auf Veranlassung der Sowjetbehörden gesprengt, um den Marktplatz zu erweitern.

1991: Auflösung der Sowjetunion. Grodno wird weißrussisch. Bis heute lebt eine große polnische Minderheit in der Stadt, die von den Behörden teilweise in die Illegalität getrieben wird.

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Zum Weiterlesen

Die Memel

  • Uwe Rada: Die Memel. Kulturgeschichte eines europäischen Stromes. Siedler Verlag (2010). Ein Buch, das einen vergessenen Strom im östlichen Mitteleuropa wieder zum Leben erweckt. "Uwe Rada rehabilitiert die Memel als Zukunftsort eines Europas der Völker – nicht der Nationen." (Der Tagesspiegel)

  • Ulla Lachauer: Paradiesstraße. Rowohlt Verlag (2007). Ein wunderbares Porträt der ostpreußischen Bäuerin Lena Grigoleit und mit ihr des Memellandes. "Wer diese Seiten liest, hat eine andere Welt kennengelernt." (Die Zeit)

  • Ulla Lachauer: Die Brücke von Tilsit. Begegnungen mit Preußens Osten und Russlands Westen. Rowohlt (1995). Mit diesem Reiseessay wurde Lachauer zur Pionierin der Wiederentdeckung des ehemaligen Ostpreußen.

  • Martin Rosswog/Ulla Lachauer: Menschen an der Memel. Edition Braus (2009). Einfühlsame Porträts von Menschen im Memelland durch die Autorin Ulla Lachauer und den Fotografen Martin Rosswog.

  • Andreas Kossert: Ostpreußen. Geschichte und Mythos. Pantheon Verlag (2007). Kossert beschreibt Ostpreußen als multikulturelles Grenzland zwischen Polen, Deutschen und Litauern. "Kossert wirft einen ganz neuen und für viele überraschenden Blick auf das Land der dunklen Wälder und kristallnen Seen." (Die Zeit)

  • Ruth Leiserowitz: Sabbatleuchter und Kriegerverein. Juden in der ostpreußisch-litauischen Grenzregion 1812-1942. Fibre Verlag (2010). Die Autorin, bekannt über ihre Studien zu Ostpreußen und den Wolfskindern, berichtet über den Beginn und das Ende jüdischen Lebens im Memelland.