Dossierbild Geschichte im Fluss

11.5.2012 | Von:
Karen Denni

Europa aus Beton

1960 wurde die Europabrücke über den Rhein gebaut. Seitdem gelten Straßburg und Kehl als Symbol der deutsch-französischen Aussöhnung und als Vorbild für die europäische Integration. Ins Herz haben Straßburger und Kehler aber eine andere Brücke geschlossen: Die Passerelle des deux Rives.

Die Passerelle des deux rives zwischen Kehl (Foto) und Straßburg.Die Passerelle des deux rives zwischen Kehl (Foto) und Straßburg. (© Inka Schwand )

"Heute ist der Rhein keine Grenze mehr. Er ist die Hauptschlagader Europas, ein Träger von Reichtum und Kultur. Aber dazu braucht es Brücken und Übergänge"

Der elsässische Grafiker, Schriftsteller und Illustrator Tomi Ungerer weiß um die Rolle von Brücken für den deutsch-französischen Handel, aber auch für den Kulturtransfer zwischen beiden Ländern. Brücken sind schließlich die Voraussetzung für Brückenschläge. Und sie sind Indikatoren für den Austausch zwischen zwei Ländern.

Das gilt auch für die Europabrücke zwischen Straßburg und Kehl. Sie ist beides: baulicher Ausdruck der deutsch-französischen Beziehungen wie auch Symbol der europäischen Integration. Das gilt im übrigen auch für ihre Vorgängerbrücken. So ist der Brückenschlag zwischen Straßburg und Kehl auch ein Teil der deutsch-französischen Beziehungsgeschichte.

„Für die Nacktheit des verengten Rheinufers unterhalb Bingen erhält der Landschaftskenner keine Entschädigung. Die Hügel zu beiden Seiten haben nicht jene stolze, imposante Höhe, die den Beobachter mit einem mächtigen Eindruck verstummen heißt; ihre Einförmigkeit ermüdet endlich, und wenngleich die Spuren von künstlichem Anbau an ihrem jähen Gehänge zuweilen einen verwegenen Fleiß verraten, so erwecken sie doch immer auch die Vorstellung von kindischer Kleinfügigkeit. Das Gemäuer verfallener Ritterfesten ist eine prachtvolle Verzierung dieser Szene; allein es liegt im Geschmack ihrer Bauart eine gewisse Ähnlichkeit mit den verwitterten Felsspitzen, wobei man den so unentbehrlichen Kontrast der Formen sehr vermisst.“

Georg Forster, 1790

„Ja, mein Freund, der Rhein ist ein edler Fluss: aristokratisch, republikanisch, kaiserlich, würdig, sowohl Frankreich als auch Deutschland anzugehören.“

Victor Hugo, 1842

„Wo heute noch der laute und wirre Jahrmarkt der Eitelkeiten tummelt, kann morgen der Garten der deutsch-französischen Freundschaft im Licht stehen. Nur hier.“

René Schickele, 1932

„Geboren bin ich in Köln, wo der Rhein, seiner mittelrheinischen Lieblichkeit überdrüssig, breit wird, in die totale Ebene hinein auf die Nebel der Nordsee zufließt.“

Heinrich Böll, 1959

Die Rheinbrücken im Grenzraum Straßburg-Kehl

Die Existenz der Europahauptstadt Straßburg und ihrer kleinen deutschen Nachbarstadt Kehl ist aufs Engste mit den Rheinbrücken verbunden. Nachdem bereits 1225 in Basel und 1283 in Breisach Brücken über den Rhein gebaut worden waren, entschlossen sich die Bürger von Straßburg 1388 zum Bau der so genannten "Langen Bruck". Bis zur Errichtung einer Brücke in Mainz 1661 war sie die nördlichste Brücke am Rhein.

Seit ihrer Eroberung durch Ludwig XIV. 1681 hat Straßburg, von Albert Demangeon und Lucien Febvre "die Stadt der zwei Gesichter" und "Vermittlungsraum zwischen zwei Ländern und zwei Zivilisationen" genannt, fünfmal die Herrschaft gewechselt, der Brückenkopf Kehl im selben Zeitraum gar zwölfmal. Straßburg bekam daher früh zu spüren, dass sich mit dem Rheinübergang nicht nur Geld einnehmen ließ. Er stellte auch eine Bedrohung für die Stadt dar, da viele Armeen auf diese Weise ins Land eindringen konnten. Im Dreißigjährigen Krieg stand die Rheinbrücke im Feuergefecht von kaiserlichen und schwedischen, französischen und badischen Truppen.

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Meter lang ist die Hohenzollernbrücke in Köln. Die Eisenbahnbrücke wiegt 24.000 Tonnen. Die so genannten Liebesschlösser, die an der Brücke hängen, haben ein Gesamtgewicht von zwei Tonnen.



Erst Napoleon I. ließ 1808 eine feste Rheinbrücke bauen, die sogenannte Napoleon-Brücke. Davor sind die Rheinübergänge keine fixierten Bauwerke gewesen. Über Jahrhunderte hinweg musste man die Brücke zwischen Kehl und Straßburg immer aufs Neue verlegen, weil der Rhein nicht in seinem heutigen Bett floss, sondern sich in verschiedenen Armen schlängelte. Auf den dadurch entstandenen Inseln konnten die Brückenjoche errichtet werden. Seit der Rheinbegradigung durch Tulla im Jahr 1817 war nicht mehr die Natur der größte Feind der Brücke, sondern der Mensch. In den Kriegen, in denen sich Deutsche und Franzosen gegenüberstanden, sind die Rheinbrücken beschädigt oder zerstört worden.

Brückenbau als nationale Aufgabe

Da der Brückenbau zwischen zwei Ländern bis in die jüngste Zeit in der Hand der Staaten lag, standen die Brücken nicht nur im Fokus lokaler, sondern auch nationaler und internationaler Politik. Die Rheinbrücke und der Brückenkopf Kehl wurden explizit in den internationalen Verträgen der Versailler Konferenz genannt, da sie ein wichtiges strategisches Objekt darstellten.

Während der Zeit des Nationalsozialismus bildeten die Rheinbrücken zwischen Kehl und Straßburg auch die letzte Fluchtmöglichkeit aus Deutschland in die Freiheit. Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges verließen über die Eisenbahnbrücke unter anderem Heinrich Mann und Sigmund Freud Deutschland, woran heute eine Gedenktafel im Kehler Bahnhof erinnert.

Allerdings haben weder die Eisenbahnbrücke noch die Straßenbrücke den Zweiten Weltkrieg überstanden. Ein Wiederaufbau ließ lange auf sich warten, denn dafür brauchte es nicht nur Geld. Es musste vor allem viel Vertrauen zwischen beiden Ländern zurückgewonnen werden.

So mussten vor dem Bau der heutigen Europabrücke im Jahr 1960 erst die tiefen Wunden, die die Nationalsozialisten mit ihren Verbrechen und der Zweite Weltkrieg gerade im Elsass verursacht hatten, gelindert werden. Die vielen Brückenprovisorien bis zum Bau der Europabrücke verraten viel über die fragilen Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland.

Namentlich die provisorische Brücke von 1951, die das erste gemeinsame Projekt zwischen Deutschland und Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg darstellte, war von zahlreichen zwischenstaatlichen Spannungen gekennzeichnet. Hinzu kam: Weder die Höhe, noch die Länge der Brückenhälften passten zusammen.

Dies zeigt auf treffliche Weise die Schwierigkeiten der Deutschen und Franzosen, gemeinsame Ziele festzulegen. Dass ein Brückenbau zwischen Frankreich und Deutschland auch heute noch keinen selbstverständlicher Akt darstellt, unterstreicht die Tatsache, dass noch nicht einmal halb so viele Brücken den Rhein zwischen Frankreich und Deutschland überqueren wie beispielsweise die Seine in Paris.

Der Bau der Europabrücke als neuer Hoffnungsträger



Nach Jahren provisorischer Behelfsbrücken und der Eröffnung der eingleisigen Eisenbahnbrücke im Jahre 1956 richteten sich die Hoffnungen einer friedlichen Koexistenz in Europa auf die neue Europabrücke. Der Grenzübergang zwischen Kehl und Straßburg wurde mit der Europabrücke zu einem "der wichtigsten Tore für den gesamteuropäischen Wirtschafts- und Personenverkehr". Mit der Europabrücke wurde nach dem Zweiten Weltkrieg die Hoffnung auf Frieden und die Einigung Europas verbunden, aber ein weiteres wichtiges Ziel bestand darin, den stark zugenommenen Autoverkehr aufzufangen, der allein zwischen 1959 und 1960 um 50 Prozent gestiegen war. Angesichts dieses hohen Verkehrsaufkommens war der Bau einer neuen Straßenbrücke dringend notwendig geworden.

Mit täglich ungefähr 30.000 Fahrzeugen bildet die Europabrücke auch im 21. Jahrhundert den am meisten genutzten Grenzübergang nach und von Frankreich. Äußerlich wenig ansprechend, entspricht die Europabrücke allen technischen Anforderungen und ist den funktionalen und wirtschaftlichen Erwartungen gerecht geworden. Nach dem Zweiten Weltkrieg stellte sie einen wichtigen Beitrag für den Wiederaufbau Westeuropas dar.


Zum Weiterlesen

Der Rhein

  • Lucien Febvre: Der Rhein und seine Geschichte. Campus Verlag (2006): Der Klassiker der Rheinliteratur. Febvre beschreibt den Rhein erstmals aus einer übernationalen Perspektive. "Lucien Febvre ist der Aufklärung verpflichtet." (Die Zeit)

  • Horst Johannes Tümmers: Der Rhein. Ein europäischer Fluss und seine Geschichte. Beck Verlag München (1994). Tümmers hat sich die Geschichte des Stromes zu Fuß erlaufen. Noch immer ein Standardwerk. "Ein generalistisches, im besten Sinne gelehrtes, informatives und nicht zuletzt aufrüttelndes Buch." (Sehepunkte)

  • Gertrude Cepl-Kaufmann/Antje Johanning: Mythos Rhein. Kulturgeschichte eines Stromes. Primus Verlag (2003). Die Geschichte des Rheins als literarische Geschichte. "Ein origineller Ansatz zu einer Kulturgeschichte." (NZZ)

  • Karen Denni: Rheinüberschreitungen. Grenzüberwindungen. UVK-Verlag (2008). Karen Denni schreibt die Geschichte der Brücken zwischen Straßburg und Kehl und mit ihr ein Stück deutsch-französische Geschichte.