Dossierbild Geschichte im Fluss

11.5.2012 | Von:
Gunda Schwantje

Das Tor zur Welt

Die Stadt, die nie schläft

Der Hafen in Rotterdam ist auch eine Attraktion für Touristen.Der Hafen in Rotterdam ist auch eine Attraktion für Touristen. (© Gunda Schwantje)
"Der Hafen ist einfach ständig in Bewegung", berichtet Rob Visser, der seit mehr als 20 Jahren in der Nähe des Stadtzentrums mit Blick auf das Wasser an der Nieuwe Maas lebt. "Selbst mitten in der Nacht hört man dauernd die Geräusche laufender Schiffsmotoren und nie enden wollender Löscharbeiten, das Knallen von Hämmern auf Metall", erzählt der Journalist. Und so manch einen erfülle es mit Stolz, dass seine Stadt nie schläft, hat Rob Visser wahrgenommen.

Eine besondere Verbundenheit mit den Anwohnern flussaufwärts, mit den Menschen am Rhein in Deutschland, Frankreich oder der Schweiz, empfindet auch Rob Visser nicht. Wohl aber spürt er durch das Treiben im Hafen eine Öffnung zur Welt. Wenn er einen jener Ozeanriesen sehe, denke er automatisch daran, dass dieses Schiff in nur wenigen Wochen auf der anderen Seite der Erde sein kann. Außerdem begegne man in Rotterdam einfach der ganzen Welt, weil auf dem Hafengelände so viele multinationale Unternehmen operieren.

Rotterdam ist eine internationale Stadt. Auch seine Einwohner kommen von überall her. Menschen aus 173 Nationen sind hier zu Hause. Rund die Hälfte der gegenwärtig gut 612.500 Einwohner hat einen Migrationshintergrund. Früher hat Rob Visser auch häufig Seeleute in der Stadt getroffen. "Aber die Seemänner sind schon seit geraumer Zeit aus dem Stadtbild verschwunden."

Wer hinausfährt in den Hafen, sieht auf den stählernen Ozeanriesen vereinzelt Seeleute arbeiten. Winzig wirken diese Männer, wenn sie zum Beispiel die vielen Treppen zur Kommandobrücke hochsteigen. Alles an diesem Hafen ist groß. Die Terminals. Die Kräne. Die Containerstapel. Die Tanklager der Raffinerien. Die Größe und Anzahl der Hafenbecken.

"Wirtschaftlich geht es dem Hafen und dem Standort im Delta gut", weiß Rob Visser. "Rotterdam ist lange Zeit ein Motor der niederländischen Wirtschaft gewesen, mit einem gewaltigen Spin-Off für den Rest des Landes. Außerdem haben wir durch den Rhein eine bedeutende Verbindung mit den Ländern flussaufwärts." Deutschland ist der wichtigste und größte Handelspartner der Niederlande, und ein Großteil der Güter, die in Rotterdam anlanden, ist für den Nachbarn im Osten bestimmt. Die Güter werden im Hafen von den Ozeanfrachtern auf die Binnenschiffe verladen und über die gut ausgebauten Wasserschnellwege, die Rheinarme, landeinwärts verschifft. Wenn Rob Visser in seiner Wohnung aus dem Fenster schaut, hat er, egal zu welcher Uhrzeit, immerzu Schiffslichter im Blick, die sich gemächlich durch seinen Bildausschnitt vom breiten Strom schieben. "Manchmal treibt ein enormer Kran auf einem Ponton vorbei", erzählt er. "Das erinnert mich dann an einen Weihnachtsbaum mit Festbeleuchtung. Ein solcher Anblick beruhigt und ruft zugleich Respekt hervor."

Eine Wasserstraße wie eine Autobahn

Der Rhein ist sein Zuhause. 135 Meter lang und 14,20 Meter breit ist der Arbeits- und Lebensraum von Richard Kruisinga. "Der Fluss ist mir sehr vertraut, ich fühle mich ihm aufs Engste verbunden", sagt der Rotterdamer Schiffer. Kruisinga ist auf einem Schiff geboren und aufgewachsen, er ist Binnenschiffer in der dritten Generation. Etwas anderes zu tun, als auf einem Kahn zu fahren, kann er sich gar nicht vorstellen. "Darüber habe ich mir noch nie wirklich Gedanken gemacht", erzählt er. "Das Fahren auf dem Rhein ist mein Leben, es macht mir Freude."

Mit der MS Duricha befördert Richard Kruisinga Container aus Antwerpen und Rotterdam den Rhein hinauf. Er schippert alles Mögliche zu den deutschen Häfen, zum Beispiel Computer und Bier. "Ich fahre gerne auf dem Rhein in Deutschland", sagt er. Die Schönheit der Natur dort am Fluss und die hübschen deutschen Städtchen entlang des Stroms gefallen ihm. Der Rheinschiffer fühlt sich mit Deutschland verbunden. Nicht nur des Flusses wegen, auf dem er fährt, sondern auch aus wirtschaftlichen Gründen. Er verdient einen Großteil seines Einkommens in Deutschland. Und was ihm am deutschen Rhein außerdem noch gefällt, hat praktische Gründe: Der Strom fließt dort ruhiger, auf Waal und Merwede hat ein Binnenschiffer mit Wellen zu kämpfen.

Wer sich auf den Armen des Rheins flussaufwärts begibt, spürt sofort, dass die Waal eine stark befahrene Wasserstraße ist. Da geht es zu wie auf einer Autobahn. Riesige Schubkähne werden dort stromaufwärts Richtung Deutschland bugsiert oder kehren zurück aus den Häfen weiter oben am Fluss. Tanker und Containerschiffe liegen vollbeladen tief im Wasser des breiten, schnell fließenden Hauptarms. Auf Nederrijn und IJssel hingegen geht es im Vergleich zur Waal eher ruhig und beschaulich zu. Nur dann und wann fährt ein Binnenschiffer vorbei, und der Kahn wirft bescheidene Wellen ans Ufer. Und auch hier lesen die Anwohner ihren Fluss – und schauen, was so vorbeitreibt.


Zum Weiterlesen

Der Rhein

  • Lucien Febvre: Der Rhein und seine Geschichte. Campus Verlag (2006): Der Klassiker der Rheinliteratur. Febvre beschreibt den Rhein erstmals aus einer übernationalen Perspektive. "Lucien Febvre ist der Aufklärung verpflichtet." (Die Zeit)

  • Horst Johannes Tümmers: Der Rhein. Ein europäischer Fluss und seine Geschichte. Beck Verlag München (1994). Tümmers hat sich die Geschichte des Stromes zu Fuß erlaufen. Noch immer ein Standardwerk. "Ein generalistisches, im besten Sinne gelehrtes, informatives und nicht zuletzt aufrüttelndes Buch." (Sehepunkte)

  • Gertrude Cepl-Kaufmann/Antje Johanning: Mythos Rhein. Kulturgeschichte eines Stromes. Primus Verlag (2003). Die Geschichte des Rheins als literarische Geschichte. "Ein origineller Ansatz zu einer Kulturgeschichte." (NZZ)

  • Karen Denni: Rheinüberschreitungen. Grenzüberwindungen. UVK-Verlag (2008). Karen Denni schreibt die Geschichte der Brücken zwischen Straßburg und Kehl und mit ihr ein Stück deutsch-französische Geschichte.