Dossierbild Geschichte im Fluss
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Die Natur kehrt zurück

11.5.2012
Die Natur hat sich den Rhein in den Niederlanden zurückgeholtDie Natur hat sich den Rhein in den Niederlanden zurückgeholt (© Gunda Schwantje)
Wie sich die "neue Natur" in der Gelderse Poort entwickelt hat, ist dokumentiert in einem Film des World Wide Fund For Nature (WWF), den Besucher des Naturgebiets im Informationszentrum in Millingen aan de Rijn anschauen können. Hier erfährt man, dass zunächst die Lehmschicht, die der Rhein herangeschwemmt und abgelagert hat, bis auf den Sand abgegraben wird. Dabei kommt das Relief aus Wasserrinnen und Inseln zum Vorschein. Auf dem Pionierboden Sand bildet sich bereits im ersten Jahr ein Pflanzensee mit 200 Sorten und viele Brennesseln und Disteln. Der Fluss bringt die Samen mit, legt Bäume an, Auenwälder wachsen. Auch der Wind ist beteiligt, er verweht den Sand der breiten, langen Sandstrände am Flussufer zu Dünen. In der Millingerwaard sind diese Flussdünen bis zu zehn Meter hoch. Und bei den periodischen Hochwassern wütet der Strom in seinen Auen. Spült Sand weg, nimmt Bäume mit, jagt die Tiere auf, die am Fluss leben. Manche kommen um. Durch die Dynamik des Stroms ist mit den Jahren wieder eine abwechslungsreiche und robuste Flusslandschaft entstanden.

Positive Bilanz



"Wir wussten nicht, was geschehen würde, als wir mit dem Projekt begannen. Heute können wir feststellen, es ist ein Erfolg", sagt Ranger Van Scherrenburg. "Seltene Pflanzen sind in die Auen zurückgekehrt, beispielsweise der Ehrenpreis, die kleine Wiesenraute, die blaue Ochsenzunge." Pflanzen, Vögel, Fische, Frösche, Schmetterlinge, Insekten siedelten sich an, von denen manche seit Jahrzehnten nicht mehr gesichtet wurden. Insbesondere eine große Vielfalt an Wasser-, Wald- und Wiesenvögeln sind nun in der Gelderse Poort heimisch. Wer in dieser neuen Wildnis herumstreunt, hat die Chance Trauerseeschwalben, Blaukehlchen, Schilfrohrsänger, Rohrdommeln, Löffler, Silberreiher, den Wachtelkönig anzutreffen. Jüngst wurden schwarze Störche in der Millingerwaard gesichtet.

Auch der Biber ist zurück in den Niederlanden. Dabei hat der Mensch tatkräftig Schützenhilfe geleistet. Die putzigen Nager tummeln sich nun wieder in den Flüssen und Gewässern. In der Millingerwaard stößt man beim Streifzug auf ihre Spuren: auf abgenagte Weiden, die in einen See gesunken sind. Bei Kerkerdom ist vom Deich aus eine Biberburg zu sehen. Wer die scheuen Holzfäller beobachten will, muss Glück und Geduld haben und wissen, in welchem Domizil aus aufgeschichteten Ästen und Zweigen sie gerade wohnen. Dass Biber wieder am Fluss leben, freut Gerrit van Scherrenburg besonders. "Wie viele Biber mittlerweile in der Gelderse Poort leben, wissen wir nicht genau. So an die Hundert", vermutet er. Die emsigen Nager mit dem wertvollen Pelz waren Ende des 19. Jahrhunderts in den Niederlanden ausgerottet. Genau wie in vielen anderen Ländern Europas. An der Elbe, im Osten Deutschlands, hatte eine kleine Population den Raubzug des Menschen überlebt. Von dort kommen die Biber, die in der neuen Natur, in den flachen Seen, an den Ufern mit Wildwuchs, in den jungen Weidenwäldern und dem rauen Grasland ein prima Biotop vorgefunden haben. "Inzwischen sind unsere Biber auch weitergewandert", weiß der Ranger, "den Nederrijn und die IJssel hoch."

Erholungsraum Fluss



Die erfolgreiche Naturentwicklung und die verbesserte Wasserqualität hat die Flüsse für die Menschen wieder attraktiv gemacht. Die Gelderse Poort ist ein Publikumsmagnet. "Besucher können frei herumstreifen", so der Ranger. "So können sie die lebendige Flussnatur unmittelbar erleben und haben Freude daran. Dadurch, dass die Auen immer wieder überflutet sind, ist die Landschaft sehr dynamisch, ist sie permanent in Bewegung.“ Das zieht viele Besucher an. 600.000 kommen inzwischen pro Jahr in die Gelderse Poort. Damit ist Renaturierung nicht nur ökologisch interessant, sondern auch wirtschaftlich. Gastronomie hat sich angesiedelt in den umliegenden Orten. Landwirte betreiben Naturcampings und bieten Bed & Breakfast an. "So haben die Landwirte auch was davon", sagt Gerrit van Scherrenburg. Schließlich hätten sie für die Gelderse Poort fruchtbares Land abgegeben.

Insgesamt sieht die Planung "Raum für die Flüsse" vor, den Flüssen Waal, Nederrijn und IJssel im Rhein-Delta an mehr als 30 Stellen mehr Raum zu geben. Es werden Rinnen gegraben, Hindernisse beseitigt, Deiche zurückverlegt und mancherorts Menschen umgesiedelt. So sollen die etwa vier Millionen Niederländer, die an den Flüssen leben, sicherer sein hinter den Deichen.

In die Herde Wildpferde ist inzwischen Bewegung gekommen. Zwei Hengste messen ihre Kräfte. Sie haben sich auf die Hinterbeine gestellt und wirbeln mit den Vorderhufen. Die Herde zieht weiter übers Grasland, in Richtung natürlicher Tränke, zum Fluss. Am gegenüberliegenden Ufer sind die Wildpferde, die in der kleinen Wildnis Klompenwaard laufen, am Strand zu sehen.

Wie so oft ist auf der Waal reger Betrieb. Kähne pflügen sich durchs Wasser, manchmal mehrere nebeneinander, als seien sie auf einer vierspurigen Autobahn unterwegs. Die kleine Fähre, die seit acht Jahren in der warmen Jahreszeit in Betrieb ist, setzt Radfahrer und Fußgänger über. Der alte Fährmann schippert erfahren zwischen den großen Booten über den breiten Strom. Ein Trampelpfad verliert sich schließlich am Strand eines Sees. Silberreiher staksen am Ufer. Eine Idylle, die Ruhe nahelegt. Aber vom Fluss her erklingt leise der tiefe Brummton der Dieselmotoren.



 
Zum Weiterlesen

Der Rhein

  • Lucien Febvre: Der Rhein und seine Geschichte. Campus Verlag (2006): Der Klassiker der Rheinliteratur. Febvre beschreibt den Rhein erstmals aus einer übernationalen Perspektive. "Lucien Febvre ist der Aufklärung verpflichtet." (Die Zeit)

  • Horst Johannes Tümmers: Der Rhein. Ein europäischer Fluss und seine Geschichte. Beck Verlag München (1994). Tümmers hat sich die Geschichte des Stromes zu Fuß erlaufen. Noch immer ein Standardwerk. "Ein generalistisches, im besten Sinne gelehrtes, informatives und nicht zuletzt aufrüttelndes Buch." (Sehepunkte)

  • Gertrude Cepl-Kaufmann/Antje Johanning: Mythos Rhein. Kulturgeschichte eines Stromes. Primus Verlag (2003). Die Geschichte des Rheins als literarische Geschichte. "Ein origineller Ansatz zu einer Kulturgeschichte." (NZZ)

  • Karen Denni: Rheinüberschreitungen. Grenzüberwindungen. UVK-Verlag (2008). Karen Denni schreibt die Geschichte der Brücken zwischen Straßburg und Kehl und mit ihr ein Stück deutsch-französische Geschichte.