Dossierbild Geschichte im Fluss

11.5.2012 | Von:
Jean Klotz

Straßburg entdeckt den Rhein

Straßburg und Kehl sind Symbole des europäischen Zusammenwachsens. Doch städtebaulich sind beide Städte, trotz der Europabrücke über den Rhein, weit voneinander entfernt. In der Zwischenkriegszeit legte sich der Hafen wie ein Riegel zwischen Straßburg und den Rhein. Erst nach der Wende gelang es der Straßburger Politik, an den Fluss heranzurücken.

Der Garten zweier Ufer in Straßburg führt direkt auf den Rhein zu.Der Garten zweier Ufer in Straßburg führt direkt auf den Rhein zu. (© Inka Schwand)

Für Straßburg und das Elsass besitzen der wiedergefundene Frieden und die Freundschaft mit dem deutschen Nachbarn nach der wechselhaften Geschichte der letzten zwei Jahrhunderte eine tiefe Bedeutung. Dennoch hat die deutsch-französische Freundschaft nicht automatisch zu einer Kooperation zwischen Straßburg und Kehl geführt. Erst für das 1989 gewählte Rathaus, dem auch ich angehört habe, hat sich die Zusammenarbeit zwischen beiden Städten wie selbstverständlich angeboten. Das gleiche gilt für das gegenwärtige Rathaus. Inzwischen gehört die die Stadtachse Straßburg-Kehl, wie wir sie nennen, zu den Prioritäten dieser Zusammenarbeit.

Das Gelände der Stadtachse

Bei der Stadtachse handelt es sich um ein weites Gelände. Es erstreckt sich auf sechs Kilometern Länge von Osten nach Westen und umfasst eine Fläche von mehr als 250 Hektar. Der größte Teil des Gebiets befindet sich auf der französischen Seite des Rheins.

Das Areal ist von der Entwicklung des Hafens und den damit verbundenen Einrichtungen geprägt. Im Mittelpunkt steht also das Wasser und mit ihm eine Reihe von Kanälen und Hafenbecken, die in ihrer Summe am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Straßburger Hafen gebildet haben.

„Für die Nacktheit des verengten Rheinufers unterhalb Bingen erhält der Landschaftskenner keine Entschädigung. Die Hügel zu beiden Seiten haben nicht jene stolze, imposante Höhe, die den Beobachter mit einem mächtigen Eindruck verstummen heißt; ihre Einförmigkeit ermüdet endlich, und wenngleich die Spuren von künstlichem Anbau an ihrem jähen Gehänge zuweilen einen verwegenen Fleiß verraten, so erwecken sie doch immer auch die Vorstellung von kindischer Kleinfügigkeit. Das Gemäuer verfallener Ritterfesten ist eine prachtvolle Verzierung dieser Szene; allein es liegt im Geschmack ihrer Bauart eine gewisse Ähnlichkeit mit den verwitterten Felsspitzen, wobei man den so unentbehrlichen Kontrast der Formen sehr vermisst.“

Georg Forster, 1790

„Ja, mein Freund, der Rhein ist ein edler Fluss: aristokratisch, republikanisch, kaiserlich, würdig, sowohl Frankreich als auch Deutschland anzugehören.“

Victor Hugo, 1842

„Wo heute noch der laute und wirre Jahrmarkt der Eitelkeiten tummelt, kann morgen der Garten der deutsch-französischen Freundschaft im Licht stehen. Nur hier.“

René Schickele, 1932

„Geboren bin ich in Köln, wo der Rhein, seiner mittelrheinischen Lieblichkeit überdrüssig, breit wird, in die totale Ebene hinein auf die Nebel der Nordsee zufließt.“

Heinrich Böll, 1959
Eine Zäsur in der Entwicklung des Hafens war das Jahr 1924 – die Geburtsstunde des Port Autonome, des unabhängigen Hafens von Straßburg, der in einem Vertrag zwischen dem französischen Staat und der Stadt besiegelt wurde. Dabei stellte die Stadt das Gelände zur Verfügung, das für die Entwicklung des Hafens benötigt wurde; der Staat steuerte die finanziellen Mittel für den Ausbau bei.

Der Ausbau des Hafens erfolgte am Rhein entlang der Nord-Süd-Achse. In den 1960er Jahren einigten sich die Stadt Straßburg und der Port Autonome auf eine weitere Erschließung des Areals in der Nähe der Innenstadt (Fronts de Neudorf). Auf diesem Gebiet errichtete der kurz vorher gegründete Stadtverband auch sein neues Verwaltungsgebäude. Das war, wenn man so will, die erste Etappen einer Achse Strasbourg-Kehl. Weiter östlich befanden sich, abgesehen vom Hafengebiet, Kasernen, Militärgelände, Einrichtungen des Zolls und Eisenbahnflächen.

Unterschiedliche Geschichte

Das Zusammenwachsen von Straßburg und Kehl muss aber nicht nur die territorialen Herausforderungen meistern. Es muss sich auch der unterschiedlichen Geschichte beider Städte stellen. Straßburg ist eine alte Stadt. Sie hat sich zu Beginn der christlichen Zeitrechnung von einem römischen Lager auf einer Insel des Flusses Ill zu einer wichtigen Handelsstadt entwickelt. Kehl wurde dagegen erstmals im 11. Jahrhundert erwähnt. Im 17. Jahrhundert erlitt die freie und prosperierende Stadt Straßburg einen herben Rückschlag. Mit ihrer Eroberung durch das französische Königreich ließ Ludwig XIV. den Brückenkopf östlich des Rheins – nämlich Kehl – besetzen und ließ ihn parallel zum Bau der Zitadelle und der Verstärkung der Festungsanlagen um Straßburg befestigen. Aus der Handelsstadt war eine Festung geworden. Dabei blieb es bis in die napoleonische Zeit. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts ordnete Napoleon nämlich den Wiederaufbau der Festung Kehl an, die während der Französischen Revolution zerstört worden war. Jegliche zivile Nutzung wurde in ihrer Nähe dagegen verboten. Erst am Ende des ersten französischen Empires wurde Kehl 1815 wieder badische Stadt und begann ihrerseits mit dem Wiederaufbau.

Mitte des 19. Jahrhunderts erfolgte unter Leitung des Ingenieurs Johann Gottfried Tulla die Rheinbegradigung. Der Fluss wurde kanalisiert und schiffbar gemacht. Dabei wurden zahlreiche Flusschleifen durchschnitten, es entstanden die heutigen Ufer. Dies ermöglichte am Anfang des 20. Jahrhunderts auf den frei gewordenen Flächen den Bau der Rheinhäfen von Straßburg und Kehl.

In der Zwischenzeit war Straßburg, nach 1871 zur Landeshauptstadt im Deutschen Kaiserreich aufgestiegen, nach den Plänen des Architekten Conrath innerhalb seiner neuen Festungsmauer ausgebaut worden. Die westlich gelegenen Vororte Straßburgs entwickelten sich außerhalb der Ringmauern und der militärischen Pufferzone an den Zufahrtswegen zur Stadt hauptsächlich in Richtung Norden und Westen.

Zwar war der Rhein zwischen 1918 und 1939 wieder zur Grenze geworden. Dies hinderte die Einwohner beider Städte aber nicht daran, bei Feiern und Spaziergängen im Rheinpark zusammenzukommen, der über einen Spiel- und Konzertsaal, einen Biergarten und eine Pferderennbahn verfügte. Gleichzeitig wurde die wirtschaftliche und städtebauliche Entwicklung von Straßburg und dem Elsass, welche wieder zu einer Pufferzone geworden waren, aus strategischen Gründen von Paris, also der nationalen Ebene gebremst.

Verschiedene Akteure

Auch heute haben wir es beim Projekt der Achse Straßburg-Kehl mit verschiedenen Akteuren und Ebenen zu tun. Die erste davon ist die europäische Ebene. Sie ist in Straßburg präsent durch die Ansiedlung internationaler Institutionen wie der internationalen Rhein- und Schifffahrtskommission, dem Europarat, dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, dem Europäischen Pharmakopöe, dem Europäischen Parlament.

Zur lokalen und regionalen Ebene zählen der Präsident des elsässischen Regionalrates (Conseil Régional), für den es heißt: Was für Straßburg gut ist, ist auch für das Elsass gut. Auch der Kehler Oberbürgermeister gehört dazu. Für ihn gilt: Was für Straßburg gut ist, ist ebenfalls für Kehl von Nutzen. Natürlich ist auch der Straßburger Bürgermeister ein wichtiger lokaler Vertreter.

Die Nationalstaaten Frankreich und Deutschland sind unter dem Dach der Internationalen Rheinkommission zuständig für alles, was mit dem Rhein bei Straßburg und Kehl zusammenhängt. Bei den Brücken, von denen es immer noch viel zu wenige gibt, hat sich das geändert. Zwar waren bis zum Karlsruher Abkommen vom 23. Januar 1996 auch hier die Nationalstaaten zuständig. Das Abkommen zur grenzüberschreitenden Zusammenarbeit hat jedoch die Initiativen der Gebietskörperschaften beiderseits des Rheins erleichtert.

Anlässlich des 40-jährigen Jubiläums des deutsch-französischen Freundschaftsvertrags haben die beiden Staatschefs im Januar 2003 zur Gründung eines so genannten „Eurodistrikts“ aufgerufen. Der Gründungsvertrag wurde am 17. Oktober 2005 zwischen dem Stadtverband Straßburg und dem Ortenaukreis unterschrieben.

Was aber bedeutet dieser Eurodistrikt, der eine Million Einwohner beiderseits des Rheins umfasst? Der Eurodistrikt greift in den Alltag der Bürger ein, ins Gesundheitsweisen, in die Sportbereiche, in die Kultur, aber nicht in den Urbanismus.

Städtebauliche Themen bleiben den beiden Städten und dem Stadtverband vorbehalten, die direkt vom Projekt der Achse Straßburg-Kehl betroffen sind. Dabei ist zu betonen, dass die Kompetenzen auf deutscher Seite allein bei der Stadtverwaltung Kehl liegen; auf französischer Seite ist dagegen der Stadtverband zuständig, der insgesamt 27 Kommunen umfasst. Allerdings hat diese asymmetrische Struktur niemals Probleme bereitet.


Zum Weiterlesen

Der Rhein

  • Lucien Febvre: Der Rhein und seine Geschichte. Campus Verlag (2006): Der Klassiker der Rheinliteratur. Febvre beschreibt den Rhein erstmals aus einer übernationalen Perspektive. "Lucien Febvre ist der Aufklärung verpflichtet." (Die Zeit)

  • Horst Johannes Tümmers: Der Rhein. Ein europäischer Fluss und seine Geschichte. Beck Verlag München (1994). Tümmers hat sich die Geschichte des Stromes zu Fuß erlaufen. Noch immer ein Standardwerk. "Ein generalistisches, im besten Sinne gelehrtes, informatives und nicht zuletzt aufrüttelndes Buch." (Sehepunkte)

  • Gertrude Cepl-Kaufmann/Antje Johanning: Mythos Rhein. Kulturgeschichte eines Stromes. Primus Verlag (2003). Die Geschichte des Rheins als literarische Geschichte. "Ein origineller Ansatz zu einer Kulturgeschichte." (NZZ)

  • Karen Denni: Rheinüberschreitungen. Grenzüberwindungen. UVK-Verlag (2008). Karen Denni schreibt die Geschichte der Brücken zwischen Straßburg und Kehl und mit ihr ein Stück deutsch-französische Geschichte.