Dossierbild Geschichte im Fluss

14.5.2012 | Von:
Bogdan Twardochleb

Ein Fluss auf der Suche nach sich selbst

Der Weg der Oder durch die Geschichte ist nicht geradlinig, sondern mäandernd. Das schützte den Fluss auch vor simplen Vereinnahmungen. Und es ließ ihm seinen eigentümlichen Charakter, seine Mythen und Geschichten.

Die Quelle der Oder im mährischen OdergebirgeDie Quelle der Oder im mährischen Odergebirge (© Inka Schwand)

Es gibt Einfacheres, als über die Oder zu schreiben. Fast überall fließt sie in Mäandern, bildet Sandbänke, überall sah sie einmal anders aus und nahm einen anderen Weg. Die Menschen, die an ihr leben, versuchen auch, ihrer Bedeutung auf die Spur zu kommen, was wahrlich nicht einfach ist, weil sie auch in Mäandern durch ihre Geschichte floss.

Etwas zur Geographie

Die Oder hat eine Länge von 854,3 Kilometer und ist ein Fluss dreier Länder: Tschechien, Deutschland und Polen. Sie beginnt ihren Lauf im Olmützer Land in Mähren, auf dem Fidlhübel, dem höchsten Gipfel der Oderberge in den Ostsudeten, auf einer Höhe von 633 Meter. Im Polnischen geografischen Wörterbuch aus dem späten 19. Jahrhundert, herausgegeben in Warschau, damals bereits unter russischer Herrschaft, kann man lesen, dass die Quelle der Oder "in einem kleinen Sumpf inmitten eines Tannenwaldes liegt". Der Autor dieses Eintrags, Bronisław Gustawski, schrieb überaus bildlich: "Eine unbedeutende Quelle befreit sich aus dem Sumpf, entweicht einer bewaldeten Schlucht in unerwarteter Neigung dem Norden entgegen."
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Meter hoch ist der Fidlhübel (Fidlův kopec) im mährischen Odergebirge, in dem die Oder entspringt.

Weiter führt die Oder durch Schluchten und Hohlwege und nimmt immer mehr Wasser auf. Auf der einen Seite die Karpaten, genauer gesagt, die Troppauer Beskiden, auf der anderen Seite die Sudeten, fließt sie durch die Mährische Pforte, nimmt das Wasser zahlreicher Zuflüsse auf und nach hundertzehn Kilometern, wenn sie die Opava/Troppau passiert hat, wird sie zum tschechisch-polnischen Grenzfluss – und strömt ins polnische Schlesien. Fast fünfzig Kilometer geht es nun nach Nordwesten, immer größere Nebenflüsse nimmt die Oder auf, und wenn sie durch Oppeln und Breslau strömt, wendet sie sich hinter Uraz nach Westen und trifft auf Dyhernfurth. Hinter Maltsch ändert sie ihre Richtung nach Norden, am Fuße des Klosters Leubus und bei Radosz fließt sie immer mehr Richtung Westen, trifft auf Glogau, Beuthen an der Oder und dreht erneut Richtung Norden, Neusalz zu. Danach versucht sie es mal Richtung Osten, dann wieder nach Westen, um sich dann endgültig für den Westen zu entscheiden und hinter Crossen an der Oder bei Ratzdorf auf die Lausitzer Neiße zu treffen.

Von da an ist die Oder der Grenzfluss zwischen Polen und Deutschland. Zu ihrer Linken liegt Brandenburg, zur Rechten die Ziemia Lubuska, das Lebuser Land. Sie trifft auf Eisenhüttenstadt, die Universitätsstadt Frankfurt und ihren alten Stadtteil, heute Słubice, anschließend die Bischofsstadt Lebus, fließt an Küstrin vorbei, und unterhalb Küstrins begegnet sie ihrem größten Nebenfluss, der Warthe. Weiter strömt sie nach Norden und Nordwesten durch eine feuchte Niederung, die schon mehrere Kilometer breit ist. Sie durchschneidet die Oderwiesen, auf der linken Seite das tiefer gelegene Oderbruch, vor Hohenwutzen dreht sie nach Norden, hinter Bielinka nach Nordwesten und erreicht das sumpfige Tal zwischen Criewen und Schwedt, und die bewaldeten Hänge entlang der Dörfer Raduń, Zatoń Dolna und Krajnik.

„Die Passagierboote gehen von Frankfurt aus zweimal wöchentlich, Mittwoch und Sonnabend, und machen die Fahrt nach Küstrin in zwei, nach Schwedt in acht, nach Stettin in zehn Stunden. Die Benutzung erfolgt mehr stationsweise und auf kleineren Strecken als für die ganze Tour. Schon deshalb, weil die Eisenbahnverbindung die Reisenden eher und sicherer ans Ziel führt. Eher und allen Umständen, und zwar umso mehr, als es bei niedrigem Wasserstande vorkommt, dass die Fahrt auf Stunden unterbrochen oder gar wohl ganz eingestellt werden muss. (…) Flussregulierungen sind nicht unsre starke Seite.“

Theodor Fontane, 1863

„Die Oder ist ein edles Bauernweib. Mit stillen, sicheren Schritten geht sie durch ihre Lande. Kalk- und Kohlestaub liegen manchmal auf ihrem Kleid, zu ihrem einförmigen Lied klopft der Holzschläger den Takt. Sie hat immer Arbeit, schleppt ihren Kindern Kohle und Holz, Getreide und hundertfachen Lebensbedarf ins Haus. Zu Grünberg nippt sie ein gutes, bescheidenes Haustränklein. Die bei ihr wohnen, sind geborgen und glücklich, und wenn sie ans Meer kommt, breitet sie angesichts der Ewigkeit weit und fromm ihre Arme aus.

Paul Keller, 1912

„Die Oder, der Fluss, der von weither kommt (…) Hier geschieht das Vollkommene nicht, hier bändigt niemand zu edlem Maße das Ungebärdige, und das Dunkle ist wie vor der Schöpfung ungeschieden vom Hellen.“

Günter Eich, 1951

„Ich ging weiter über die Brücke. Rechts neben mir war ein Gitter. Unter mir war ein Fluss. Ich ahnte sofort, dass der Fluss Oder hieß, und ich stellte mich erst mal an das Gitter, um in die Oder zu spucken. Nach Möglichkeit spucke ich von jeder Brücke, vorausgesetzt, unter der Brücke ist Wasser.“

Rolf Schneider, 1974

„Die Oder ist wie eine Enzyklopädie. Zwischen Mährischer Pforte und Oderhaff bekommt man fast alles zu sehen, was die Welt Mitteleuropas zu bieten hat.“

Karl Schlögel, 1997

„Es flanieren viele Leute entlang der Oder. In Frankfurt sind das eher Rentner, die viel Zeit haben und die schönen Aussichten und den schönen Boulevard genießen. In Slubice sind es eher Leute, die Hunde haben, da der Oderdamm eine hervorragende Hundespazierstätte ist. Mit der Zeit wird es sich so entwickeln, nehme ich an, dass die Strecken sich verzweigen werden. Die Rentner werden über die Brücke gehen und ihren Spaziergang auf der polnischen Seite fortsetzen. Und die Hundefreunde werden in den Hundeladen in den Oderturm gehen, wo sie gutes Futter kaufen können. Und das ist auch richtig so.“

Krzysztof Wojciechowski, 2011
Nach 162 Kilometern Entfernung von der Mündung der Lausitzer Neiße, fließt die Oder nun durch Westpommern, teilt sich unterhalb von Widuchowa in die Ostoder (Regalica) und die Westoder, die auf weiteren 17 Kilometern die Grenze bildet. Vor dem Dorf Pargowo trennen sich Oder und Grenze. Letztere wendet sich nach Nordwesten, und die beiden großen Oderarme, gelegen zwischen Berghängen, bilden ein weites Tal, das Zwischenoderland. Langsam strömt die Oder dann nach Nordosten Stettin entgegen, wo die Westoder in Betonmauern gezwängt ist, mitten durch das Zentrum der Stadt und die Łasztownia, die größte Insel im Hafen, der weitere kleinere Inseln folgen. Die Regalica fließt zunächst parallel zur Oder, wendet sich dann nach Nordosten und trifft unterhalb des Zwischenoderlands auf Góry Bukowe, einen Stadtteil Stettins, ihr zur Linken liegt der Hafen, dann bildet die Regalica den abgelegenen und flachen Dammschen See. Im Norden, hinter Police, tritt sie wieder aus dem See heraus und vereint sich mit der Westoder. Nach einem Kilometer wird Roztoka Odrzańska erreicht, dann mündet die Oder, jetzt noch mächtiger, ins Stettiner Haff, das man früher Oderhaff genannt hat.

Durch das Haff führt eine Wasserstraße, die die Häfen von Stettin und Swinemünde verbindet. Westlich davon befindet sich die deutsch-polnische Grenze, wiederum im Wasser, im Norden liegen zwei Inseln, die den Weg in die Ostsee versperren. Die westliche davon, Usedom, gehört zum größten Teil zu Deutschland. Die östliche, Wollin, gehört zu Polen. Den Weg in die Ostsee finden schließlich drei Mündungsströme: die Swine (zwischen Usedom und Wollin), die Peene (zwischen Usedom und dem Festland) und die Dievenow (zwischen Wollin und dem Festland).

Das Einzugsgebiet der Oder misst eine Fläche von 118.860 Quadratkilometern. Davon entfallen auf Tschechien nur 7.217 und auf Deutschland lediglich 5.578 Quadratkilometer.

Der Name der Oder

Auf Tschechisch und Polnisch heißt der Fluss Odra, auf Deutsch Oder. In der Geografie des Ptolemäus (Germania Magna) ist der Fluss Viados (andere Schreibweisen sind Viadus oder Viadrus) gleichbedeutend mit der Oder. Ptolemäus nannte auch noch den Fluss Suevus, von dem es ebenfalls heißt, dass es sich um die Oder handeln könnte. Im 19. Jahrhundert arbeitete der pommersche Chronist Thomas Kantzow am Hof der Herzöge und befasste sich mit diesem Streit. Nach ihm ist nicht der Suevus, sondern der Viadrus die Oder. Die Herkunft des Namens untersuchte vor kurzem Jürgen Udolph, der Namenskundler aus Leipzig; er meint, dass die älteste Schreibweise – Odera – aus dem Jahre 948 stammt. Im Dagome iudex, einem Dokument des polnischen Herzogs Mieszko I, ist die Oder als Oddera oder Odera erwähnt, man hat aber auch noch andere Namen entdeckt: Adora, Odagra, Oddara, Odora, Odore.

Das Wort "Odra" taucht erstmals im Jahre 1067 auf. Tatjana Schoffer schreibt, dass sein Ursprung nicht eindeutig zu klären sei. Wahrscheinlich ist aber, dass "Odra" aus dem vorindoeuropäischen "uodr" (Wasser) stammt und danach über das Awestische, eine altpersische Sprache, die dem Sanskrit ähnlich ist, ins Germanische kam. Wahrscheinlich gibt es auch eine zweite Entwicklungslinie: die vom Indoeuropäischen ins Urslawische. Im Illyrischen, einer ausgestorbenen Sprache auf dem Balkan, gab es das Wort "Vjord", aus dem sich das lateinische Viadrus ableiten könnte. Daneben existierte das Wort "adra", das, ähnlich wie im Sanskrit, "Wasserader" bedeutete. Wie auch immer: Nun heißt der Fluss auf Deutsch Oder und im slawischen Odra. Jürgen Udolph schreibt übrigens auch, dass das altdeutsche Wort "Ader" gleichbedeutend ist mit Gefäß, Blutgefäß, Rinnsal und Eingeweide, ähnlich wie das altgriechische "etor", also Herz, Lungen, Seele. Das slawische Odra trägt in sich darüber hinaus die Bedeutungen: reißen, durchdringen, vordrängen, also das Durchbrechen bis zum Meer.

Wenn man die germanische, also deutsche und die slawische Bedeutung des Wortes betrachtet, liegt die Vermutung nahe, dass die erste mehr mit dem Mythos zu tun hat, die zweite dagegen mit der Geschichte. Im deutschen schlesischen Dialekt heißt die Oder übrigens Uder, im polnischen Schlesisch Uodra, im Niederlausitzer Dialekt Wodra und in der Oberlausitz Wódra.

Schreiben über die Oder

Es gibt Einfacheres, als über die Oder zu schreiben. Fast überall fließt sie in Mäandern, bildet Sandbänke, überall sah sie einmal anders aus und nahm einen anderen Weg. Oberhalb von Widuchowa verliert sie ihren einheitlichen Lauf und teilt sich in zwei Arme, fließt dann durch einen großen See, und am Ende ergießt sie sich nicht ins Meer, sondern ins Papenwasser und in das Stettiner Haff. Wenn ein starker Wind von Norden weht, fließt sie sogar rückwärts – bis Stettin. Früher war es bedrohlich, wenn sich das Meereswasser staute und träge nach einem Abfluss sucht.

Karl Schlögel und Uwe Rada richten, wie andere auch, ihr Augenmerk darauf, dass sich der Blick auf die Oder bis heute voneinander unterscheidet, je nachdem, von wo man auf den Fluss schaut – und vor allem: welcher Abschnitt des Flusses beschrieben wird. Man kann den Eindruck bekommen, schreibt Rada, dass es nicht nur eine Oder gibt, sondern gleich mehrere: in Mähren, Schlesien, dem Lebuser Land, in Brandenburg und Pommern. Schlögel betont, dass es an einer Wahrnehmung der Oder als einem einheitlich Raum fehlt, dass sie keine staatliche oder kulturraumbildende Achse sei. Eine natürliche Wasserstraße ist sie aber auch nicht. Immerzu wurde sie geteilt von quer zu ihr liegenden Furten und Sandbänken, Handels- und Kriegswegen, Staatsgrenzen und wirtschaftlichen Interessensgebieten der untereinander konkurrierender Städte. Es fehlt der Oder damit eine in der Kulturgeschichte bedeutende Rolle, obwohl sie in den verschiedenen Regionen durchaus von Bedeutung war.

Die Oder gehört zur Geschichte Tschechiens, Deutschlands und Polens, aber in keinem dieser Länder gibt es bis heute eine wissenschaftliche Odermonografie, obwohl es durchaus Bemühungen darum gab und gibt. Über die Oder schrieb Andrzej Piskoszub, ein Professor ein Danzig, der vor allem seine Vision einer Oderbiografie umreißt. Einer, der wie kaum ein anderer die Oder von der Quelle bis zur Mündung kennt, ist Uwe Rada, ein deutscher Journalist. Weitere Kenner der Oder sind Przemysław Konopka und Dietrich Schröder. Karl Schlögel (und nicht nur er) schreibt, dass der Oder bei weitem nicht dieser (metaphorische als auch sprichwörtliche) Geist zu eigen ist, der als Vater Rhein den Rhein inspiriert, oder als Danuvius die Donau. Gibt es ihn tatsächlich nicht? Oder hat man ihn nur nicht dort gesucht, wo man ihn finden könnte? Wo sucht man den Geist der Oder, fragt Andrzej Piskoszub, wenn nicht in den Mythen und Legenden, in der Geschichte, Kultur und Wirtschaft?


Zum Weiterlesen

Die Oder

  • Uwe Rada: Die Oder. Lebenslauf eines Flusses. Siedler Verlag (2009). Die erste Biografie des Stromes, der Deutsche und Polen verbindet und nicht mehr trennt. "Dieses Buch ist längst fällig gewesen" (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

  • Karl Schlögel/Beata Halicka (Hg.): Oder-Odra. Blicke auf einen europäischen Strom. Peter Lang Verlag (2007). Autoren aus Tschechien, Polen und Deutschland über die Rekonstruktion des Kulturraums Oder. "Das Buch ist mehr als nur ein Konferenzband." (Inter Finitimos)

  • Wolfgang Tschechne: Große Oder, großer Strom. Bergstadt Verlag Wilhelm Gottlieb Korn (2006). Eine Reise entlang des Stroms von der Quelle bis zur Mündung.

  • Institut für angewandte Geschichte (Hg.): Terra Transoderana. Zwischen Neumark und Ziemia Lubuska. Bebra Verlag (2008). Ein Almanach zu einer Brückenregion, deren Geschichte wieder entdeckt wird. "Und der Reiz dieses Buches nun liegt auch darin, die Widersprüchlichkeit aufzuzeigen und nach Wegen zu suchen, um zwei zumeist getrennt bestehenden Perspektiven zu verbinden." (Kulturradio)