Dossierbild Geschichte im Fluss

14.5.2012 | Von:
Bogdan Twardochleb

Ein Fluss auf der Suche nach sich selbst

Der Odergott Viadrus

Noch vor kurzem hat kaum einer über den Viadrus gesprochen, den Odergott, den die Renaissance kannte und der sich vom lateinischen Namen des Flusses ableitet. Dr. Ernst-Otto Denk aus Bad Freienwald, ein Arzt und Hobbyhistoriker, erinnert daran, dass sich die Namen Odera und Viadrus auf einer Karte des berühmten Kartografen Martin Waldseemüller über die Umgebung von Frankfurt an der Oder und Bad Freienwalde aus dem Jahre 1513 finden. 1543 taucht der Name Viadrus in einer Arbeit von Professor Jodocus Willich (1501-1552) auf, einem, der sich wie kein anderer um die Hervorbringung der individuellen Persönlichkeit in der Renaissance verdient gemacht hat.

Auf den Zeichnungen wird der Viadrus als Mann dargestellt, mit Schilfsträhnen in den Haaren, eingehüllt in einen griechischen Himation, eine Art Toga, mit einem Paddel in der einen Hand und einem Füllhorn, aus dem Quellwasser strömt, in der anderen. Unten befindet sich der Umschlag mit einem Werk des berühmten Barockdichters Martin Opitz aus dem Jahre 1625 und einer Bearbeitung aus Crossen an der Oder, datiert auf das Jahr 1689.

Der fürsorgliche Odergott entsprach den Vorstellungen des Barock. 1725 wurde er auf einem Fries am Berliner Tor (heute Hafentor) in Stettin abgebildet, das von einem holländischen Architekten, Gerhard Wallrave, errichtet wurde. Sieben Jahre später taucht der Viadrus in Breslau auf, auf dem Gewölbe der jesuitischen Aula Leopoldina, gemalt von Johann Christoph Handke aus Olmütz. Auch im Treppenhaus eines der Gebäude der Breslauer Universität findet er sich. Allerdings gibt es nicht viele Darstellungen des Viadrus, was wohl bedeutet, dass er nicht populär war und bald wieder in Vergessenheit geriet – bis sich schließlich im Jahre 1990 die Europauniversität in Frankfurt an der Oder den Namen Viadrina gab ("die an der Oder gelegene") und damit wieder an den Odergott erinnerte.

Und der Viadrus lebt. Horst Engelhardt aus dem Oderbruch schuf eine, etwas traditionelle, Skulptur, die über dem Eingang des Oderlandmuseums in Bad Freienwalde angebracht ist, und im Jahre 2009 stellte er eine große, zeitgenössische Skulptur auf dem Weg zur Oderfähre "Ohne Grenzen" auf, die seit 2008 zwischen Güstebieser Loose und Gozdowice verkehrt und wieder beide Ufer der Oder miteinander verbindet. Der Viadrus dort ist aus Metall, rot, witzig und sieht aus, als würde ihm kein Hochwasser etwas anhaben können.

Seit 2009 wird in Bad Freienwalde unter anderem auf Initiative von Ernst-Otto Denk das regionale Jahrbuch Viadrus. Heimatbuch für Bad Freienwalde und Umgebung et Terra Transoderana herausgegeben. Ursprünglich hatte es den Titel Freienwaldia, der wurde aber zugunsten des Odergottes zurückgezogen. Unter seinem Patronat finden nun eine jährliche Oderkonferenz und ein Festival in Oderberg statt. Unter dem Motto "Viadrus 2011" gab es eine Fahrt der Absolventen des Breslauer Technikums der Binnenschifffahrt und das erste Motorbootfestival in Brzeg Dolny. Seit 2011 befindet sich der "altertümliche Odergott" auf dem Giebel der an der Oder gelegenen Uckermärkischen Bühnen in Schwedt inmitten zeitgenössisch präsentierter Gestalten aus dem deutschen und polnischen Pantheon der Kultur und Wissenschaften.

Im 25.000 Einwohner zählenden Bohumín in Mähren, wo die Olza in die Oder mündet, gibt es ebenfalls einen Viadrus – so lautet der Name einer Fabrik, die Heizkörper und Armaturen herstellt.

Die Oder in der Kunst

Betrachtet man die literarische Belletristik, die von verschiedenen Orten an der Oder erzählt, ist ihre Zahl eher gering. In der polnischen Literatur handelt es sich vor allem um historische Romane, oft mit einem antideutschen Gestus. Unter ihnen sind meist Werke, die vom Zweiten Weltkrieg handeln. Hervorzuheben wären die Romane und Erzählungen von Ryszard Liskowacki, der die Tragödie des Kampfes an der Oder bei Gozwdowice und Siekerki eindrucksvoll beschrieben hat. Er schrieb auch zwei heute allerdings vergessene Kinderromane – Wodzu, wyspa jest twoje (1965) sowie Powrót na wyspę (1967), die vom Zwischenoderland an der unteren Oder handeln. Ein kompliziertes Bild der Oder und der deutsch-polnischen Beziehungen beschreibt Henryk Bereska, ein Reisender entlang der Oder und gleichzeitig ein Mensch beider Kulturen und ihr Brückenbauer. Eine große Rolle spielt die Oder auch im Werk des 1964 geborenen Michael Lentz sowie in der polnischen Gegenwartsliteratur bei Olga Tokarczuk, die an der Oder aufgewachsen ist.

Eher unbekannt sind auch die Gedichte. Interessant war aber ein poetischer Dialog, den Zdzisław Morawski und Helmut Preissler 1992 über die Oder führten. In ihren Gedichten ist der Fluss das Symbol einer fließenden Zeit, der Beständigkeit der Welt, die Oder ist die Wächterin der moralischen Werte und ein gemeinsamer Strom, der zum Dialog anregt. Ähnlich verhält es sich mit den gesammelten Erzählungen von Barbara Erdmann aus dem Jahre 2010 Und weiter fließt die Oder.

Demgegenüber steht eine große Anzahl von Bildern und Grafiken, die mit der Oder zu tun haben. Allerdings hat sie bislang noch niemand systematisiert und bearbeitet. Es scheint auch, dass die Oder Einfluss hatte auf die Erbauer der Hakenterrassen in Stettin. Es wäre interessant, die Aufzeichnungen zu untersuchen, falls sie noch erhalten sind.

Der Zusammenhang, in dem überhaupt von der Oder die Rede ist, ist ein weites Feld. Immerhin hatten die ersten polnischen Computer, die in Breslau Anfang der sechziger Jahre produziert wurden, den Namen "Odra".

Ein neues Phänomen sind die zeitgenössischen religiösen Brauchtümer, die im Zusammenhang mit der Oder stehen. Ihr Symbol ist das Sanktuarium der Mutter Gottes und des königlichen Friedens an der Oder, das seit einem Vierteljahrhundert in Siekerki existiert.

Die Oder als Grenzland

Panzerdenkmal in Siekierki zu Ehren der Grenzziehung 1945Panzerdenkmal in Siekierki zu Ehren der Grenzziehung 1945 (© Wikimedia)
Zu Zeiten des Heiligen Römischen Reiches war die Oder ein Grenzland. Die ersten Piasten, Mieszko I., Bolesław Chrobry und Bolesław Krzywousty, befestigten die westliche Grenze ihres Staates an der Oder, obwohl sie immer wieder auch über die Oder hinaus vorgedrungen sind: in die Lausitz, ins Erzgebirge, ins Lebuser Land, nach Stettin und darüber hinaus (was zu Konflikten mit den deutschen Herzögen führte), nach Schlesien und Pommern.

Bald war also das ganze Oderland von slawischen Stämmen besiedelt. Allerdings gab es keine dauerhaften Kriege mit den Deutschen. Und die, die es gab, waren mittelalterliche Kämpfe, mit denen politische Angelegenheiten sowie Nachbarschaftskonflikte und Familienstreitigkeiten ausgetragen wurden.

Das Oderland im Mittelalter war also sehr dynamisch, allerdings lässt sich von einer dauerhaften Odergrenze nicht sprechen. In den Wirren der damaligen Zeit bildete sie allerdings als einzige ein tatsächlich militärisches Hindernis.

Im Jahre 1335 befand sich die gesamte Oder unter der Herrschaft des Heiligen Römischen Reiches. Dennoch forderten die Territorialstaaten an der Oder wie auch die mächtigen Hansestädte ihr Recht unter Hinweis auf besondere Abschnitte des Stroms.

Als die Hohenzollern 1701 das Königreich in Preußen ausriefen, deren Kernland die Mark Brandenburg war, und ihr 1720 auch Stettin und die Inseln Usedom und Wollin einverleibten, befand sich die mittlere und untere Oder im Zentrum eines Raumes, in dem ein einheitliches Rechtssystem herrschte. Im Jahre 1740 wurde es um Schlesien erweitert, nach der ersten polniscen Teilung sogar um das nahezu gesamte Oderland.

Dennoch war im 19. Jahrhundert in Polen die Vorstellung weit verbreitet, dass die Oder die ursprüngliche deutsch-slawische Grenze markiert. Unter dem Eintrag "Oder" notierte Bronisław Gustawicz 1886 im bereits in Vergessenheit geratenen Geografischen Wörterbuch des Königreichs Polen und anderer slawischer Länder: "Das linke Ufer der Oder bildete das 'deutsche Ufer', während das rechte polnisch blieb."

Und in Deutschland? Über die Oder als ethnisches Grenzland spricht bereits Theodor Fontane in seiner Erzählung Vor dem Sturm. Das Buch wurde 1878 herausgegeben, seine Handlung ist in den Jahren 1812 und 1813 im Oderbruch angesiedelt. Im Mittelpunkt steht der Streit zweier Freunde und erbitterter Gegner: der Handelsrat Turgany aus Frankfurt (Oder) und der Pastor Seidentopf aus der fiktiven Ortschaft Hohen Vietz. Der Pastor besteht darauf, dass schon früher auf beiden Seiten der Oder Deutsche verschiedener Stämme gelebt haben, hingegen behauptet Turgany, dass die Oder schon immer ein Grenzfluss war, die Deutschen lebten am linken Ufer, die Slawen am rechten.


Zum Weiterlesen

Die Oder

  • Uwe Rada: Die Oder. Lebenslauf eines Flusses. Siedler Verlag (2009). Die erste Biografie des Stromes, der Deutsche und Polen verbindet und nicht mehr trennt. "Dieses Buch ist längst fällig gewesen" (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

  • Karl Schlögel/Beata Halicka (Hg.): Oder-Odra. Blicke auf einen europäischen Strom. Peter Lang Verlag (2007). Autoren aus Tschechien, Polen und Deutschland über die Rekonstruktion des Kulturraums Oder. "Das Buch ist mehr als nur ein Konferenzband." (Inter Finitimos)

  • Wolfgang Tschechne: Große Oder, großer Strom. Bergstadt Verlag Wilhelm Gottlieb Korn (2006). Eine Reise entlang des Stroms von der Quelle bis zur Mündung.

  • Institut für angewandte Geschichte (Hg.): Terra Transoderana. Zwischen Neumark und Ziemia Lubuska. Bebra Verlag (2008). Ein Almanach zu einer Brückenregion, deren Geschichte wieder entdeckt wird. "Und der Reiz dieses Buches nun liegt auch darin, die Widersprüchlichkeit aufzuzeigen und nach Wegen zu suchen, um zwei zumeist getrennt bestehenden Perspektiven zu verbinden." (Kulturradio)