Dossierbild Geschichte im Fluss

14.5.2012 | Von:
Bogdan Twardochleb

Ein Fluss auf der Suche nach sich selbst

Nationales Pantheon Stettin

Das Stettin der Nachkriegszeit nimmt an der Oder einen besonderen Platz ein. Es ist der Ort der blutig niedergeschlagenen Proteste im Dezember 1970 und der Massenstreiks einen Monat später. Es ist die Stadt des Augusts 1980, aus dem – neben Danzig – die Solidarność hervorging. Bei beiden Ereignissen spielten die Arbeiter der Stettiner Werft und des Hafens die Hauptrolle – oder anders gesagt: die Arbeiter der Oder.

Zu Zeiten der Volksrepublik war die Stettiner Werft eine der größten in Europa, und der Hafen Stettin-Swinemünde hatte den größten Umschlag an der Ostseeküste. Zehn Jahre hielt die Werft nach der Wende noch durch, dann ging sie pleite. Noch immer existiert dagegen die weltweit agierende Reederei "Polska Żegluga Morska".

Man muss leider feststellen, dass Stettin, obgleich an der Oder gelegen, sich vom Fluss abgewandt hat anstatt im Zusammenspiel mit ihm eine neue Vision hervorzubringen. Ganz im Gegensatz zum Meer: Stettin wollte immer eine am Meer gelegene Stadt sein. So wurde das im Krieg zerstörte Bollwerk an der Oder nicht wieder aufgebaut. An seiner Stelle entstand eine Schnellstraße, und die Werft baute Meeres-, keine Flussschiffe. Die Meereslage war en vogue, die Flusslage wurde zur Nebensache, der Blick ging über die Oder hinweg zur Ostsee. Der Fluss war nur noch ein Vorgeschmack aufs Meer. Man sagte damals, Stettin läge "an der Grenze zwischen Land und Meer", es sei ein "Tor zur Welt". Unterstrichen wurde dies durch die Namen, die den an der Oder verlaufenden Straßen gegeben wurden. Gewidmet waren sie den großen Entdeckern und Weltenumseglern: Christoph Columbus, Vasco des Gama und dem fiktiven Jan z Kolna. Der größte Teil der Straßennamen jedoch entstammt aus der Geschichte und der polnischen Mythologie. Die Oderstadt Stettin wurde symbolisch zu einer nationalen Festung ausgebaut.

Inzwischen freilich verändert die Stadt ihre Beziehung zur Oder. Zwar wurden die Straßen nicht umbenannt, und noch immer sind die Stadtteile an der Oder ein symbolischer nationaler Pantheon. Aber es gibt nur noch wenige, die dem Ganzen eine Bedeutung zumessen. Der Geist einer "Wacht an der Oder" wird jedenfalls nicht wieder wachgerufen, stattdessen werden an der Oder alljährlich Picknicks und Marketingveranstaltungen organisiert – die Wirtschaft siegt über die Ideologie. Stettin wendet sich wieder der Oder zu, es kehrt zu ihr zurück, es schätzt die Vielzahl ihrer Werte. Entscheidend dafür war das Finale der weltweiten Regatta Tall Ship Races 2007. 2013 soll das Event wieder nach Stettin zurückkehren.

Die Oderlandschaft ist eine Bühne für beeindruckende Paraden und Festivals wie die "Tage des Meeres" oder die "Tage der Oder", für Open Air-Konzerte, Feuerwerk, Theatervorführungen, ein Schiffskorso, sie ist der Ort für die Erholung am Wochenende. Man hat wieder Boulevards an der Oder gebaut und die hohen Ufermauern niedergelegt. So können sich auch die Stettiner endlich wieder ihrem Fluss nähern.

Die Oder verbindet

Die Westverschiebung der polnisch-deutschen Grenze an die Oder bedeutete gleichzeitig eine Befestigung des Flusses. Von der Lausitzer Neiße bis Pargowa wurde sie Tag für Tag unüberwindbarer. Wer sie ohne Erlaubnis überqueren wollte, begab sich in Lebensgefahr. Gleichwohl wurde die Oder in der Propaganda der Volksrepublik Polen und der DDR zum Friedensfluss.

Im Lauf der Zeit aber wurden die Einschränkungen gelockert, und wenn man eine Genehmigung hatte, konnte man die Grenze überqueren. Zum Ende der DDR gab es sogar einige Fluchten vom Westen der Oder nach Polen. Das war der ziemlich riskante Teil eines Fluchtweges über Warschau nach Westdeutschland. Schließlich konnte die Flucht auch im Arrest enden, ob in der DDR oder beim polnischen Grenzschutz.

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und der deutschen Wiedervereinigung wurden die Vorschriften wesentlich einfacher – das Oderland wurde zum Ort auch spontaner Kontakte zwischen beiden Ländern, auch wenn es in deutschen Grenzorten zu antipolnischen Zwischenfällen kam. Das wirkliche Symbol dieser Zeit aber stellten die Basare an der Grenze dar: in Krajnik Dolny und in Słubice, später auch in Kostrzyn und Osinów Dolny. Heute gibt es zahlreiche deutsch-polnische Kontakte über die Oder hinweg, der Verkehr geht nur so über die Brücken hin und her, all das ist das Werk der deutsch-polnischen Verträge, aber auch der Europäischen Union und des Schengen-Vertrags. Diese Regelungen ersetzen die Grenze nicht, aber sie wird auch nicht mehr zementiert, vielmehr öffnet sie sich den Bürgern. Sie setzen auch nicht die Rechtsprechung beider Länder außer Kraft, was einige Konflikte im Umgang mit dem Grenzregime zeigen. Das Schicksal der Oder als Grenze, die nach 1945 zwei Völker und Staaten getrennt hat, zwei Sprachen und Kulturen, Traditionen und Bräuche, wird umso deutlicher, je mehr diese Grenze verschwindet. Die Kulturgrenze ist dort umso spürbarer, wo die Nachkriegspolitik dieser Grenze nicht die Entwicklung zu einem Grenzland mit all dem dazugehörenden Austausch ermöglichte.

Gegenwärtig gibt es sehr viele gesellschaftliche Verbindungen über die Oder hinweg, womit sich auch das Bild der Oder als Grenzland verändert. Über viele Jahre hinweg waren die Denkmäler, die an den Zweiten Weltkrieg erinnerten, zu ihrem Symbol geworden, heute sind es die zahlreichen Gesten und der Wille, diese Grenze zu überwinden.

Die Verbindungen über die Oder, die Verbindungen über sein Wasser, sind inzwischen so zahlreich, dass es schwierig ist, sie alle zu erwähnen. Ihren Symbolwert bekamen sie von Zdzisław Morawski in einem denkenswerten und sehr poetischen Brief an Helmut Preissler. Er schrieb, dass Deutsche und Polen die Oder überwinden müssten, weil der Weg entlang der Oder ein sehr viel dauerhafterer Weg sei. Kurzum: Sie sollen selbst ihre schwierigsten Probleme der gemeinsamen Vergangenheit aufarbeiten, um eine gemeinsame Zukunft bauen zu können.

Oder sagen wir es mit einer Metapher: Selbst wenn es einmal wieder so viele Verbindungen über die Oder gäbe wie früher: Die Aufteilung der Oder in verschiedene Abschnitte wäre damit nicht beendet. Für die Städte und Regionen am Fluss ist sie immer noch kein Bindeglied, und wenn, dann zeigt es sich in Gestalt von Katastrophen und Hochwassern. Entlang der Oder gibt es noch immer keine gemeinsame Oder. In zahlreichen Städten gibt es ähnliche Unternehmungen, aber jeder organisiert sie für sich selbst.

Hotelhinweis am Oder-Neiße-RadwegDie „zivile“ Oder: Hotelhinweis am Oder-Neiße-Radweg (© Inka Schwand)
Auch kann man die Oder nicht in ihrer ganzen Länge bereisen, was die Teilnehmer einer literarischen Reise erfahren mussten, als sie einen Teil der Fahrt nicht auf dem Schiff fortsetzen konnten, sondern an Land weiterfahren mussten. Eine Ausnahme ist das Oderfloß, das Flis odrzański, ein Projekt, das den ganzen Lauf der Oder von Brzeg Dolny bis nach Stettin führt. Erstmals wurde es 1996 von der Meeres- und Flussliga in Stettin durchgeführt. Die Reisen dienten dazu, die Oder besser kennenzulernen, um damit auch für sie werben zu können. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Inzwischen sind überall an der Oder kleine Anleger für Boote und Paddler entstanden, andere wurden saniert. Doch das ist erst der Anfang. Bislang schippern die meisten Ausflugsboote und Yachten nur vom Oder-Havel-Kanal bis Stettin und ins Oderhaff. Seit noch gar nicht allzu langer Zeit ist ihr Symbol auch der Viadrus von Güstebieser Loose, der den Weg zur Fähre "Ohne Grenzen", "bez granic" zeigt und den Blick dabei nach Stettin richtet. Entlang der gesamten Grenzoder hat man Hinweisschilder auf den Oder-Neiße-Radweg aufgestellt, zumindest auf der deutschen Seite. Auf der polnischen Seite ist die Zeitschrift Odra zu einer kulturellen Verbindung geworden, aber ebenso schnell hat man sich davon auch verabschiedet.

Die Entdeckung der Oder

Die Teilnehmer des Oderfloßes entdecken die Oder, in dem sie sich auf ihr fortbewegen. Zu dieser Kultur des Entdeckens gehören auch Künstler, und oft sind sie auch persönlich an der Oder engagiert, so wie zum Beispiel beim Projekt "Dialog loci" auf den Ruinen der Festung Küstrin, bei "Transrobota" in Stettin, bei Theaterprojekten auf der Stettiner Insel Łasztownia, in Gryfino, in Słubice und Frankfurt, in Breslau. Etwas ganz besonderes sind die virtuellen, deutsch-polnischen Kulturprojekte von Michael Kurzwelly: "Słubfurt" und "Nowa Amerika". Das erste verbindet Frankfurt und Słubice, das zweite geht um die Verbindung verschiedener Zentren, die entlang der deutsch-polnischen Grenze und damit auch an der Grenzoder liegen.

Die Städte wenden sich wieder der Oder zu. Breslau richtet seinen Blick auf die Oderinsel, auch Glogau, Crossen und Neusalz haben den Fluss wiederentdeckt. Besonders intensiv war die Debatte in Stettin als es um eine Bebauung der Oderinsel ging, inspiriert vom Beispiel der Hafencity in Hamburg.

Immer öfter zieht der Fluss auch Besucher an. In Frankfurt wurde ein Park auf der bis dahin verlassenen Insel Ziegenwerder errichtet, auch die neue Aula der Europauniversität Viadrina wurde an der Oder gebaut. In Gryfino wird eine neue Siedlung am Fluss geplant, auch das Tal der Liebe, ein Park an der Oder, wird erneuert, und immer mehr Touristen kommen ins Untere Odertal.

Nicht nur in Stettin wurde die Oder zur natürlichen Kulisse für große Events, Openair-Spektakel und Konzerte, Feuerwerk und Opernvorführungen, zum Beispiel in Breslau, oder historischer Inszenierungen wie in Wietszyce, Cigacice oder Cedynia. Auch im Internet gibt es immer mehr Projekte, die sich auf die Oder beziehen, wie Portale, Internetseiten, Fotoalben. Derzeit entsteht das Museum des Oderraums in Breslau. Es gibt Odervereine, die Mythologie der Oder wird wieder ins Leben gerufen. So wird die Oder auch zum Gegenstand einer Leidenschaft, so wie beim Jugendmusikorchester, das sich in Stettin gründete und Ode an die Oder nannte.

Bücher werden verlegt, die auch die Probleme an der Oder nicht verschweigen, wie etwa Die Oder als Kulturlandschaft aus dem Jahre 1997, dem weitere folgten wie Oder. Odra. Panorama eines europäischen Flusses. Uwe Rada schrieb die erste Biographie der Oder Die Oder. Lebensflauf eines Flusses. So entsteht langsam eine Monografie der Oder. Sie muss entstehen, weil der Fluss es wert ist. Schließlich schrieb einmal Karl Schlögel: "Die Oder ist eine Enzyklopädie. Zwischen Mährischer Pforte und Oderhaff bekommt man fast alles zu sehen, was die Welt Mitteleuropas zu bieten hat."

Die Oder fließt in Mäandern – fast hat man den Eindruck, sie ist auf der Suche nach sich selbst. Die Menschen, die an ihr leben, versuchen auch, ihrer Bedeutung auf die Spur zu kommen, was wahrlich nicht einfach ist, weil sie auch in Mäandern durch ihre Geschichte floss.

Übersetzt aus dem Polnischen von Uwe Rada


Zum Weiterlesen

Die Oder

  • Uwe Rada: Die Oder. Lebenslauf eines Flusses. Siedler Verlag (2009). Die erste Biografie des Stromes, der Deutsche und Polen verbindet und nicht mehr trennt. "Dieses Buch ist längst fällig gewesen" (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

  • Karl Schlögel/Beata Halicka (Hg.): Oder-Odra. Blicke auf einen europäischen Strom. Peter Lang Verlag (2007). Autoren aus Tschechien, Polen und Deutschland über die Rekonstruktion des Kulturraums Oder. "Das Buch ist mehr als nur ein Konferenzband." (Inter Finitimos)

  • Wolfgang Tschechne: Große Oder, großer Strom. Bergstadt Verlag Wilhelm Gottlieb Korn (2006). Eine Reise entlang des Stroms von der Quelle bis zur Mündung.

  • Institut für angewandte Geschichte (Hg.): Terra Transoderana. Zwischen Neumark und Ziemia Lubuska. Bebra Verlag (2008). Ein Almanach zu einer Brückenregion, deren Geschichte wieder entdeckt wird. "Und der Reiz dieses Buches nun liegt auch darin, die Widersprüchlichkeit aufzuzeigen und nach Wegen zu suchen, um zwei zumeist getrennt bestehenden Perspektiven zu verbinden." (Kulturradio)