Dossierbild Geschichte im Fluss

14.5.2012 | Von:
Jürgen Peters

Die Zukunft des Oderbruchs

Seit der Trockenlegung durch Friedrich II. im 18. Jahrhundert ist das Oderbruch eine einzigartige Kulturlandschaft. Sie zu unterhalten, ist allerdings sehr aufwändig. Schon gibt es Stimmen, die fordern, das Oderbruch der Natur zurückzugeben.

Das Oderbruch in Groß Neuendorf, dem ehemaligen Hafen der Niederung.Das Oderbruch in Groß Neuendorf, dem ehemaligen Hafen der Niederung. (© Inka Schwand)

Was ist das Besondere an diesem Landschaftsraum, der in der Eiszeit als Urstromtal geformt, später in bemerkenswerter Weise in einen Kulturraum transformiert wurde und heute politisch als Grenzbereich zwischen Deutschland und Polen eine neue Bedeutung im zusammenwachsenden Europa erfährt? Ist die Landschaft an Oder und Warthe ein Modellgebiet für zukünftige Flussrenaturierungen, gleichsam als späte Korrektur der Eindeichungen des 18. Jahrhunderts? Oder gehört der kulturellen Prägung des Oderbruchs mit seinen fruchtbaren Ackerflächen als Kornkammer, Gemüsegarten und neuerdings auch Energielandschaft die Zukunft? In kaum einen anderen Landschaftsraum Brandenburgs bündeln sich Zukunftsfragen wie diese.

Welche Leitbilder?

Immerhin handelt es sich beim Oderbruch um den größten Flusspolder Deutschlands. Er wird begrenzt durch die Hangkanten des Barnim und des Lebuser Landes im Südwesten sowie von ausgedehnten Waldgebieten auf polnischer Seite. Das Relief, durch die Erosionswirkung des Wassers als breites Urstromtal ausgebildet, hebt sich deutlich von den umliegenden Diluvialplatten ab. Das träge fließende Wasser der Flusssysteme von Oder und Warthe hat über Jahrhunderte hinweg fruchtbare Ton- und Schlammschichten abgelagert, die den späteren Reichtum als Gemüsegarten Berlins begründeten.

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Kilometer lang ist der Nationalpark Unteres Odertal. Er reicht von Schwedt bis kurz vor die Tore Stettins und ist der einzige Flußauennationalpark Deutschlands.



Die ursprüngliche – also nicht von Menschenhand beeinflusste – Vegetation ist unter diesen Bedingungen ausgesprochen vielseitig. Abhängig von der Dynamik des Flusses, der immer wieder seinen Lauf verändert hat und im jahreszeitlichen Verlauf mit Frühjahrs- und Sommerhochwasser erhebliche Schwankungen des Wasserstandes aufweist, bildet sich eine Zonierung von Pionierfluren und -gehölzen, Weich- und Hartholzauen aus, bestehend aus Weidengehölzen, Pappeln, Eichen und Eschen. Ein anschauliches Bild einer solchen Naturlandschaft bietet heute noch das Warthebruch, das im Mündungsbereich zur Oder nahezu unbesiedelt geblieben ist. In diesem Teil des Bruchs ist die Gewässerdynamik bis heute erhalten, da die Eindeichungen unvollendet geblieben sind.

Aber selbst dort, wo bei vordergründiger Betrachtung heute großflächige industrielle Landwirtschaft dominiert, hat sich die Flussdynamik ins Gedächtnis der Landschaft eingegraben. Mit den Methoden der Luftbildarchäologie lassen sich die früheren Flussschleifen auch auf den Mais- und Zuckerrübenäckern nachweisen. Sie geben wertvolle Anhaltspunkte für Renaturierungen und verdeutlichen die große Spannbreite zukünftiger landschaftlicher Leitbilder, die sich mit drei Schlagworten umreißen lassen: 1. Zurückeroberung durch die Natur. 2. Wiederentdeckung der friderizianischen Kulturlandschaft. 3. Intensivlandwirtschaft und neue Szenarien energetischer Nutzung

„Die Passagierboote gehen von Frankfurt aus zweimal wöchentlich, Mittwoch und Sonnabend, und machen die Fahrt nach Küstrin in zwei, nach Schwedt in acht, nach Stettin in zehn Stunden. Die Benutzung erfolgt mehr stationsweise und auf kleineren Strecken als für die ganze Tour. Schon deshalb, weil die Eisenbahnverbindung die Reisenden eher und sicherer ans Ziel führt. Eher und allen Umständen, und zwar umso mehr, als es bei niedrigem Wasserstande vorkommt, dass die Fahrt auf Stunden unterbrochen oder gar wohl ganz eingestellt werden muss. (…) Flussregulierungen sind nicht unsre starke Seite.“

Theodor Fontane, 1863

„Die Oder ist ein edles Bauernweib. Mit stillen, sicheren Schritten geht sie durch ihre Lande. Kalk- und Kohlestaub liegen manchmal auf ihrem Kleid, zu ihrem einförmigen Lied klopft der Holzschläger den Takt. Sie hat immer Arbeit, schleppt ihren Kindern Kohle und Holz, Getreide und hundertfachen Lebensbedarf ins Haus. Zu Grünberg nippt sie ein gutes, bescheidenes Haustränklein. Die bei ihr wohnen, sind geborgen und glücklich, und wenn sie ans Meer kommt, breitet sie angesichts der Ewigkeit weit und fromm ihre Arme aus.

Paul Keller, 1912

„Die Oder, der Fluss, der von weither kommt (…) Hier geschieht das Vollkommene nicht, hier bändigt niemand zu edlem Maße das Ungebärdige, und das Dunkle ist wie vor der Schöpfung ungeschieden vom Hellen.“

Günter Eich, 1951

„Ich ging weiter über die Brücke. Rechts neben mir war ein Gitter. Unter mir war ein Fluss. Ich ahnte sofort, dass der Fluss Oder hieß, und ich stellte mich erst mal an das Gitter, um in die Oder zu spucken. Nach Möglichkeit spucke ich von jeder Brücke, vorausgesetzt, unter der Brücke ist Wasser.“

Rolf Schneider, 1974

„Die Oder ist wie eine Enzyklopädie. Zwischen Mährischer Pforte und Oderhaff bekommt man fast alles zu sehen, was die Welt Mitteleuropas zu bieten hat.“

Karl Schlögel, 1997

„Es flanieren viele Leute entlang der Oder. In Frankfurt sind das eher Rentner, die viel Zeit haben und die schönen Aussichten und den schönen Boulevard genießen. In Slubice sind es eher Leute, die Hunde haben, da der Oderdamm eine hervorragende Hundespazierstätte ist. Mit der Zeit wird es sich so entwickeln, nehme ich an, dass die Strecken sich verzweigen werden. Die Rentner werden über die Brücke gehen und ihren Spaziergang auf der polnischen Seite fortsetzen. Und die Hundefreunde werden in den Hundeladen in den Oderturm gehen, wo sie gutes Futter kaufen können. Und das ist auch richtig so.“

Krzysztof Wojciechowski, 2011

Kaum Kritik

Kaum ein anderer europäischer Strom ist in so kurzer Zeit "gebändigt" worden wie die Oder. In einer Zeitspanne von nur sechs Jahren wurde der ehemals ständig wechselnde Lauf der zahlreichen Flussmäander von 1747 bis 1753 durch ein striktes wasserbauliches Programm mit Durchstichen und Eindeichungen scheinbar für alle Zeiten festgelegt. Damit verbunden war eine komplette Veränderung der Landschaft und ihrer tradierten Nutzungsformen. Die vormalige "Sumpf- und Wasserwüste" mit wenigen eingestreuten Fischersiedlungen wurde in einen geometrisch geordneten, hochproduktiven Kulturraum mit ausgedehnten Landwirtschaftsflächen und regelhaften Plansiedlungen verwandelt. Nur wenige geistige Größen jener Zeit, wie Rousseau, Novalis und Klopstock, kritisierten diese Eingriffe in die Natur. Bis in die 1970er Jahre war das Prinzip der Naturbeherrschung gesellschaftspolitisch weithin unumstritten.

Die "Peuplierung" unter Friedrich dem Großen, der in den 1750er Jahren Siedler aus der französischsprachigen Schweiz, Österreich und Südwestdeutschland ins Land holte, hat diesen Prozess der Flussbändigung für lange Zeit besiegelt. Die Ortsnamen Vevais und Beauregard zeugen noch heute von der französischen Sprachkultur. Das Oderbruch war zu jener Zeit ein Schmelztiegel unterschiedlichster europäischer Kulturen. Die preußische Staatsraison der religiösen Toleranz bewirkte ein weitgehend friedvolles Miteinander.

Trotz "Zähmung der Natur" blieb das Wasser die bestimmende landschaftsgestaltende Kraft. Die Reliefausprägung mit einem Süd-Nord-Gefälle von 14 Meter über Normal Null (NN) im Süden auf vier Meter über NN im Norden und einem Ost-West-Gefälle von zwei bis drei Metern führt dazu, dass große Teile des Oderbruchs – vergleichbar mit der Situation in Holland – ständig unterhalb des Wasserspiegels der Oder liegen. Immer wieder kam es im Laufe der Geschichte zu Hochwasserereignissen, die viele Siedlungsbereiche existenziell bedrohten. Durch eine kluge Standortwahl und angepasste Siedlungsformen konnten die Gefahren des Wassers wenngleich nie ganz beherrscht, so doch einigermaßen gebändigt werden. In den speziell für diese Region entwickelten Grabendörfern mit Entwässerungsgraben in der Mitte des Straßenraums wurde der Aushub verwendet, um die Häuser etwas erhöht und damit hochwassersicherer anzulegen. Kleine Geländekuppen wurden für die Ansiedlung der Dörfer genutzt. Das Oderbruch ist nur vordergründig eine völlig flache Landschaft, die gestaltende Kraft des Wassers hat kleinere Sandinseln und Anhöhen hinterlassen.


Zum Weiterlesen

Die Oder

  • Uwe Rada: Die Oder. Lebenslauf eines Flusses. Siedler Verlag (2009). Die erste Biografie des Stromes, der Deutsche und Polen verbindet und nicht mehr trennt. "Dieses Buch ist längst fällig gewesen" (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

  • Karl Schlögel/Beata Halicka (Hg.): Oder-Odra. Blicke auf einen europäischen Strom. Peter Lang Verlag (2007). Autoren aus Tschechien, Polen und Deutschland über die Rekonstruktion des Kulturraums Oder. "Das Buch ist mehr als nur ein Konferenzband." (Inter Finitimos)

  • Wolfgang Tschechne: Große Oder, großer Strom. Bergstadt Verlag Wilhelm Gottlieb Korn (2006). Eine Reise entlang des Stroms von der Quelle bis zur Mündung.

  • Institut für angewandte Geschichte (Hg.): Terra Transoderana. Zwischen Neumark und Ziemia Lubuska. Bebra Verlag (2008). Ein Almanach zu einer Brückenregion, deren Geschichte wieder entdeckt wird. "Und der Reiz dieses Buches nun liegt auch darin, die Widersprüchlichkeit aufzuzeigen und nach Wegen zu suchen, um zwei zumeist getrennt bestehenden Perspektiven zu verbinden." (Kulturradio)