Dossierbild Geschichte im Fluss

14.5.2012 | Von:
Tina Veihelmann

Geteilte Dörfer

Aurith und Urad waren einst ein Dorf auf beiden Seiten der Oder. Nach dem Krieg trennte der Fluss die Menschen. Nun führt er sie wieder zusammen. Eine Reportage aus dem Mikrokosmos zweier Dörfer, in denen sich deutsch-polnische Geschichte bündelt wir unter dem Brennglas.

Der Fähranleger in Urad. Vor allem Jugendliche treffen sich dort.Der Fähranleger in Urad. Vor allem Jugendliche treffen sich dort. (© Roman Jocher)

Das Dorf Aurith liegt am Ufer der Oder – an der Grenze zu Polen. Es ist ein Dorf am Deich, eine Gegend am Rand der Welt. Östliches Brandenburg. Deutschland sieht hier nur hin, wenn die Handvoll Häuser in den Oderfluten untergeht. Wenn ein "Jahrhunderthochwasser" Katastrophengeschichten erzählen lässt. Sonst ist es hier so still, dass man ein Fahrradpedal quietschen hört. Strukturschwach wird diese Gegend in den Zeitungen genannt. Es gibt zwanzig ordentliche Häuser, eine Dorfstraße, zwei Gasthäuser und einen Spazierweg am Deich.

An manchen Tagen fühlt man sich am Aurither Oderufer wie an der See. Weil der Fluss so weit ist, wenn er viel Wasser führt. Weil er bei starkem Wind so viele Wellen treibt. Und weil man nicht auf die andere Seite gelangt. Ein Fähranlegesteg ragt hundert Schritt weit in die Oder. Man kann bis zur Spitze gehen, die Jacke enger um sich ziehen und hinüber sehen. Drüben zeigt ein anderer Fährsteg weit in den Fluss. Er sieht aus wie das Spiegelbild der Bühne, auf der man steht. 50 Meter fliegt ein Stein, den ein guter Werfer herüberschleudert.

633.000

Einwohner hat das polnische Wrocław/Breslau. Es ist damit die größte Stadt an der Oder. Es folgen Szczecin/Stettin mit 406.000 Einwohnern und Opole/Oppeln mit 126.000. Frankfurt (Oder) folgt mit 60.000 Einwohnern erst auf Rang sieben, ist aber die größte deutsche Oderstadt.



Früher hat eine Fähre Menschen, Kühe, Pferde und Wagen über den Fluss gefahren. Diesseits der Oder bestellte man die Felder, weil die Böden tiefer lagen, im Frühling oft Land unter standen und im Herbst bessere Ernte trugen. Drüben kaufte man ein, feierte Hochzeit und begrub die Toten. Ein silbergraues Dach, das man hinter den Pappeln erkennen kann, gehört dem Dorfschulhaus. Heute ist die andere Dorfhälfte ein anderes Dorf in einem anderen Land. Hier ist Deutschland, drüben ist Polen. Das polnische Dorf hat man Urad genannt, das deutsche Dorf behielt den Namen Aurith.

40 Kilometer muss man heute mit dem Auto fahren, wenn man von Aurith nach Urad gelangen will. Erst legt man 20 Kilometer Richtung Norden zurück, passiert in Frankfurt (Oder) den Grenzübergang und fährt dann ebenso viele Kilometer in die entgegengesetzte Richtung. Irgendwann erreicht man das Schulhaus mit dem silbergrauen Dach. Nicht weit davon sind die Kirche und ein Lebensmittelgeschäft, vor dem im Sommer die Männer ihr Bier trinken. Auch Urad liegt am Rande der Welt – nur von Polen aus gesehen. Die Häuser stehen seltsam verstreut, als habe ein Kind begonnen, aus Bauklötzen ein Dorf zu bauen und hätte auf halbem Wege keine Lust mehr gehabt. An sandigen Straßen sind die Höfe wie Perlen auf einer Kette aufgereiht, doch dann und wann öffnet sich ein freies Feld, groß wie ein Fußballplatz. Kleine Trampelpfade mäandern darüber. Ein Weg führt ans Ufer, an den Fährsteg, von dem kein Boot mehr ablegt. Möwen kreisen.

Wenn in Urad die Hunde bellen, schlagen auch in Aurith die Hunde an. Die beiden Dörfer sehen sich, hören sich und spüren sich. Aber kaum jemand ist je auf der anderen Seite gewesen. "Was soll ich bei den Polskis", sagt Thomas Jurke, der in Aurith in seiner Garage gerade sein Auto repariert.

Moddern und Wildern

Als Heinz Thurian 1946 nach Aurith kommt, wagt er nicht, an den Fluss zu gehen, denn das Ufer wird von russischen Reitern bewacht. Er hatte sich auf Aurith gefreut, das sein neues zu Hause werden sollte.

"Zu Hause" war bis vor kurzem Saude, ein Dorf in Schlesien. Dann war Saude polnisch geworden, und der 14-jährige Thurian lief mit seiner Mutter, den Geschwistern und der Großmutter eine weite Strecke, um schließlich im Sammellager Fünfeichen zu sitzen, wo die neuen Heimatorte zugeteilt wurden. Man konnte sich leise die Namen vorsagen und sich vorstellen, wie es dort aussehen würde. Aurith, Ziltendorf, Vogelsang. Die Orte seien leer, hatte es geheißen. Alle früheren Bewohner seien geflüchtet. In Aurith gebe es ein Gutshaus, und die Oder fließe direkt vor der Tür. Thurian hatte sich in einem Fluss schwimmen sehen. Die Sonne kitzelte ihn im Gesicht und trocknete kleine Wassertröpfchen.

Es wird nichts aus der Idee, baden zu gehen. Die Reiter haben Pistolen und sehen unfreundlich aus. Eine Fähre ist gesprengt, das Gutshaus ist abgebrannt. Von Aurith ist nicht mehr als eine Halde Ziegel geblieben, und das Land ist beinhoch mit Disteln bewachsen. Zu Hause muss man sich selbst bauen.

Thurian ist heute 75. Er sitzt im "Bauernstübchen", wo hinter ihm eine Gerichtsshow im Fernsehen läuft, und trinkt ein Bier und einen Klaren. "Eine Einheit", sagt er dazu. Sein Haar sieht immer aus wie gerade nach hinten gekämmt und trotzdem störrisch, und er strahlt eine gelassene Heiterkeit aus. "Ging alles", sagt er. Und "Gehungert haben wir nie."

„Die Passagierboote gehen von Frankfurt aus zweimal wöchentlich, Mittwoch und Sonnabend, und machen die Fahrt nach Küstrin in zwei, nach Schwedt in acht, nach Stettin in zehn Stunden. Die Benutzung erfolgt mehr stationsweise und auf kleineren Strecken als für die ganze Tour. Schon deshalb, weil die Eisenbahnverbindung die Reisenden eher und sicherer ans Ziel führt. Eher und allen Umständen, und zwar umso mehr, als es bei niedrigem Wasserstande vorkommt, dass die Fahrt auf Stunden unterbrochen oder gar wohl ganz eingestellt werden muss. (…) Flussregulierungen sind nicht unsre starke Seite.“

Theodor Fontane, 1863

„Die Oder ist ein edles Bauernweib. Mit stillen, sicheren Schritten geht sie durch ihre Lande. Kalk- und Kohlestaub liegen manchmal auf ihrem Kleid, zu ihrem einförmigen Lied klopft der Holzschläger den Takt. Sie hat immer Arbeit, schleppt ihren Kindern Kohle und Holz, Getreide und hundertfachen Lebensbedarf ins Haus. Zu Grünberg nippt sie ein gutes, bescheidenes Haustränklein. Die bei ihr wohnen, sind geborgen und glücklich, und wenn sie ans Meer kommt, breitet sie angesichts der Ewigkeit weit und fromm ihre Arme aus.

Paul Keller, 1912

„Die Oder, der Fluss, der von weither kommt (…) Hier geschieht das Vollkommene nicht, hier bändigt niemand zu edlem Maße das Ungebärdige, und das Dunkle ist wie vor der Schöpfung ungeschieden vom Hellen.“

Günter Eich, 1951

„Ich ging weiter über die Brücke. Rechts neben mir war ein Gitter. Unter mir war ein Fluss. Ich ahnte sofort, dass der Fluss Oder hieß, und ich stellte mich erst mal an das Gitter, um in die Oder zu spucken. Nach Möglichkeit spucke ich von jeder Brücke, vorausgesetzt, unter der Brücke ist Wasser.“

Rolf Schneider, 1974

„Die Oder ist wie eine Enzyklopädie. Zwischen Mährischer Pforte und Oderhaff bekommt man fast alles zu sehen, was die Welt Mitteleuropas zu bieten hat.“

Karl Schlögel, 1997

„Es flanieren viele Leute entlang der Oder. In Frankfurt sind das eher Rentner, die viel Zeit haben und die schönen Aussichten und den schönen Boulevard genießen. In Slubice sind es eher Leute, die Hunde haben, da der Oderdamm eine hervorragende Hundespazierstätte ist. Mit der Zeit wird es sich so entwickeln, nehme ich an, dass die Strecken sich verzweigen werden. Die Rentner werden über die Brücke gehen und ihren Spaziergang auf der polnischen Seite fortsetzen. Und die Hundefreunde werden in den Hundeladen in den Oderturm gehen, wo sie gutes Futter kaufen können. Und das ist auch richtig so.“

Krzysztof Wojciechowski, 2011
Er berichtet, wie sie anfangs im Keller einer Ruine wohnen. Wie sie alle gemeinsam das Feld bestellen, und auch die einarmige Großmutter auf dem Acker herum läuft und Disteln aus dem Boden zieht – auf dieser Arbeit habe sie immer bestanden. Er erinnert sich, wie sie bei Niedrigwasser halb bewusstlose Fische aus den schlammigen Schwemmseen holen – moddern nennen sie es. Wie sie Schlingen legen, um Rehe zu fangen. Wie sie das Chaos der Nachkriegsjahre nutzen, und die Ernte in der Scheune behalten, statt sie plangemäß abzugeben. Es sind Geschichten aus einer anarchischen Zeit, die von Raffinesse und kleinen Finten handeln, den schlechten Zeiten ein Schnäppchen zu schlagen. Nie geht es um die verlorene Heimat – und immer wieder geht es um das Improvisieren.

Thurians reparieren ein Haus mit Brettern und Steinen, die sie auf den Trümmerhaufen sammeln. Das Dach decken sie teils mit Schilf und teils mit Ziegeln. Regendicht ist es nicht. "Ging alles", sagt Thurian, und nimmt einen tiefen Schluck aus dem Glas. "Ging alles" ist sein Lieblingsspruch. Thurians Freund Karl lebt in einer Holzhütte, um die seine Eltern zur besseren Wärmedämmung Erde geschichtet haben. Es sieht aus wie ein keltischer Grabhügel, und oben ragt ein Schornstein aus Granathülsen heraus. Während sie an ihren Provisorien basteln, hören sie immer wieder, wie es am anderen Ufer poltert und kracht. Und manchmal sehen sie Höfe einstürzen. Thurian schüttelt den Kopf, als könne er es heute noch nicht fassen.

Als das so genannte "Neubauernprogramm" aufgelegt wird, dürfen sich die Siedler aus den Steinen der Ruinen neue Häuser bauen. Für Mörtel und Baumaterial erhalten sie einen günstigen Kredit. Die Siedler – ein Dutzend Familien, die alle aus schlesischen Dörfern kommen – zerlegen alles, was von der alten Domäne Aurith übrig ist. Sentimental sind sie nicht. Sie bauen gemeinsam ein schlesisches Dorf.

Goldgräberdorf

Stanisław und Zofia Kapica kommen im April 1946 in Urad an, weil sie aus der Bahn falsch ausgestiegen sind. Sie sind aus Baranowicze angereist, das heute in Weißrussland liegt. Mehrere Tage haben sie im Zug verbracht, haben geschwiegen, Scherze gemacht und sich immer wieder versichert, dass es ihnen egal sei, wie es da aussähe, wo sie siedeln würden – sie würden ja zurückkehren, sobald es möglich sei. Das Haus in Baranowicze war eben fertig geworden, als die Stadt sowjetisch und das Haus enteignet wurde. "Alles nicht von Dauer", dachten sie und packten ihre Sachen.

"Alles nicht von Dauer", denken sie noch immer, als sie mit diversen Tieren und einigem Mobiliar auf einer kleinen Bahnstation weit im Westen stehen. "Urad" ist auf dem Bahnhofsschild zu lesen. Eigentlich wollten sie nach "Rzepin" fahren. Urad oder Rzepin. Es ist ihnen gleich, und die örtliche Bürokratie nimmt es dieser Tage nicht sehr genau. Sie bekommen ein kleines Haus zugewiesen. Das Übergabeprotokoll lautet:

"Registrierte Habseligkeiten: Bettwäsche, Geschirr, ein Tisch, zwei Betten, ein Schrank, zehn Stühle.
Lebendes Inventar: Eine Kuh, ein Kalb, zwei Ferkel, sieben Hühner.
Übergeben wird: ein Haus, 0,3 Hektar Land, ein Schweinestall, eine Scheune, ein Brunnen, eine Dreschmaschine (kaputt)."

"Das alte Land der Piasten kehrt zum Mutterland zurück", steht darunter.


Zum Weiterlesen

Die Oder

  • Uwe Rada: Die Oder. Lebenslauf eines Flusses. Siedler Verlag (2009). Die erste Biografie des Stromes, der Deutsche und Polen verbindet und nicht mehr trennt. "Dieses Buch ist längst fällig gewesen" (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

  • Karl Schlögel/Beata Halicka (Hg.): Oder-Odra. Blicke auf einen europäischen Strom. Peter Lang Verlag (2007). Autoren aus Tschechien, Polen und Deutschland über die Rekonstruktion des Kulturraums Oder. "Das Buch ist mehr als nur ein Konferenzband." (Inter Finitimos)

  • Wolfgang Tschechne: Große Oder, großer Strom. Bergstadt Verlag Wilhelm Gottlieb Korn (2006). Eine Reise entlang des Stroms von der Quelle bis zur Mündung.

  • Institut für angewandte Geschichte (Hg.): Terra Transoderana. Zwischen Neumark und Ziemia Lubuska. Bebra Verlag (2008). Ein Almanach zu einer Brückenregion, deren Geschichte wieder entdeckt wird. "Und der Reiz dieses Buches nun liegt auch darin, die Widersprüchlichkeit aufzuzeigen und nach Wegen zu suchen, um zwei zumeist getrennt bestehenden Perspektiven zu verbinden." (Kulturradio)