Dossierbild Geschichte im Fluss

14.5.2012 | Von:
Felix Ackermann

Zwei Städte, ein Fluss

Grenze ist nicht gleich Grenze

Die Brücke mit dem charakteristischen Bogen über die Oder verbindet Frankfurt und Słubice.Die Brücke mit dem charakteristischen Bogen über die Oder verbindet Frankfurt und Słubice. (© Inka Schwand)
Wenn wir uns nun direkt zum Skelett des einst nachts hell erleuchteten und tags lichtdurchfluteten Grenzabfertigungsgebäudes begeben, können wir uns eine Vorstellung von den städtebaulichen Eingriffen der ehemaligen EU-Außengrenze ins Weichbild der Stadt machen. So wirkte das Areal noch kurz vor dem EU-Beitritt Polens abweisend und verstellte den Blick auf die Brücke, den Fluss und das andere Land dahinter. Doch nicht nur die Grenzanlagen prägten das einstige Zentrum der Stadt, sondern auch der Grenzverkehr. So wurden beim Bau der Brückenrampe gleich mehrere Wartespuren geplant. Allerdings war das Verkehrsaufkommen aufgrund des strengen Grenzregimes noch gering. Darüber hinaus oblag die Grenze bis zum Ende des Jahres 1955 der Aufsicht der Sowjetischen Militäradministration.

Was aber war das für eine Grenze, für die die geteilte Stadt Frankfurt und Słubice bald berühmt wurde? Trotz des Görlitzer Vertrags und der Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze durch Ostberlin herrschte in der DDR und der Volksrepublik Polen bis 1956 eine Politik der Abschottung entlang der Grenze. Erst in den sechziger Jahren kann überhaupt von einem Grenzverkehr gesprochen werden. 1966 wurde ein Vertrag unterzeichnet, der die Bedingungen zur Beschäftigung von Arbeitern im grenznahen Bereich regelte – die rechtliche Grundlage für den Einsatz von polnischen Frauen im Frankfurter Halbleiterwerk. Schon bald fuhren diese jeden Morgen in Bussen von Słubice nach Markendorf, und passierten dabei wie selbstverständlich die Grenze, obwohl dies zu jener Zeit noch nicht zur Normalität gehörte. Erst mit der Einführung des visafreien Grenzverkehrs am 1. Januar 1972 wurde die Oderbrücke von den Massen erobert.

Zu einem Höhepunkt der offiziellen Zusammenarbeit kam es 1977 beim "Treffen der Freundschaft", bei dem Zehntausende Jugendliche aus beiden Ländern unter wehenden roten Fahnen die immer noch staatlich verordnete, aber oft auch persönliche Freundschaft bekundeten. Neben der Grenz- und Verkehrsfunktion der Brücke kam nun die als verbindendes Band. Die "Brücke der Freundschaft" wurde zum symbolischen Ort der Begegnung und des sprichwörtlichen gemeinsamen Brückenschlags, wovon heute noch viele Bilder zeugen.

Diese Phase der offenen Grenze endete im Oktober 1980 jäh. Aus Furcht vor der polnischen Solidarność-Bewegung führte die DDR erneut die Visumpflicht ein. Zwar blieb die Grenze in den folgenden Jahren für bereits bestehende Kooperationen weiter durchlässig. So fuhren noch immer polnische Frauen ins Halbleiterwerk zur Arbeit, und die Zusammenarbeit von Schulen und Kindergärten konnte zum Teil fortgesetzt werden. Insgesamt aber waren die 1980er Jahre eine Periode der erneuten Abschottung.

Mit der Auflösung des Warschauer Paktes sowie der Wiedervereinigung Deutschlands und der damit verbundenen Verschiebung der Außengrenzen der Europäischen Gemeinschaft entstand 1991 eine völlig neue Grenzsituation. Die Kontrollen und Beschränkungen wurden zumindest für Bürger der Polnischen Republik und der Europäischen Union minimal. An der Grenze bildeten sich schon bald lange Schlangen von Touristen, die aus Neugierde, aber vor allem zum Einkaufen auf die andere Seite strömten. Mit der offenen Grenze und den politischen Veränderungen wurde auch eine selbstständige Zusammenarbeit auf kommunaler Ebene möglich. Auch wenn in den 1990er Jahren noch viele Vorbehalte und Barrieren zu spüren waren: Es war eine Zeit des Booms und des explosionsartigen Anstiegs des grenzüberschreitenden Verkehrs. Die Brücke wurde zum ersten Mal zu einer tatsächlichen Verkehrsachse.

Mit der Erweiterung der Europäischen Union 2004, dem Beitritt Polens zum Schengenverbund 2007 und der Einführung der vollen Arbeitnehmerfreizügigkeit 2011 fielen an der Oder die letzten Grenzen.

Die Zigarettenstraße als Meile der 1990er Jahre

Wenn wir uns nun zum Słubicer Brückenkopf begeben, können wir uns kurz einen Überblick über die hiesige städtebauliche Situation machen: Die Bebauung entlang des einstigen Prinzenufers, heute ulica Nadodrzańska, stammt aus der Gründerzeit. Das gleiche gilt die Fußgängerzone, früher Friedrichstraße, heute ulica Jedności Robotniczej, Straße der Arbeitereinheit. Betreten wir diese, können wir uns ein Bild machen, warum sie auf der deutschen Seite auch als Zigarettenstraße bekannt ist. Zumindest in den 1990er Jahren waren hier neben Wechselstuben und Friseuren vor allem Zigarettenläden entstanden. Sie ist somit zum Ausdruck eines zweifachen Booms zum Ende des Jahrhunderts geworden. An ihr kann man auch aufzeigen, dass die Stadträume von Frankfurt Oder und Słubice nicht vollständig durch die Grenze getrennt sind.

So ist die Straße, die im Zuge der territorialen Ausdehnung Frankfurts in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts angelegt und in den 1890er und 1910er Jahren bebaut worden war, direkt auf das vormalige Stadtzentrum am anderen Ufer ausgerichtet. Damals war die Straße für die Frankfurter eine Einkaufsmeile, man konnte auf dem Damm entlang spazieren und an der einstigen Seidenfabrik, an deren Stelle heute die Bibliothek des Collegium Polonicum steht, einen Kaffee trinken. Eine ähnliche Funktion erfüllt sie unter neuen Umständen hundert Jahre später. Und wieder erfolgte der Boom in den neunziger Jahren. Vormals mit dem Bau der Straßenbahn, und dann mit der Öffnung der Grenze.

Das grün-gelbe Gebäude der Stadtbibliothek zeigt, einem Monument gleich, wie sich Słubice nach dem Krieg von Frankfurt weg entwickelt hat. Obwohl sich zur Oder hin die Silhouette der einstigen Altstadt öffnet, wurde die Bibliothek leicht versetzt mit der Fassade zur Straße hin gebaut. Nach Frankfurt hin öffnen sich nur schmale Schlitze, die kaum einen Blick auf die benachbarte Stadt zulassen. Wenn wir nun die ulica Kościuszki überqueren, können wir das Collegium Polonicum genauer betrachten. Es ist im Gegensatz zur Stadtbibliothek Ausdruck einer viel späteren Stilepoche – einer polnischen Version der Postmoderne. Aber auch die Forschungseinrichtung öffnet sich nicht zum Fluss und somit zur gegenüberliegenden Seite, sondern über einen Innenhof zum Kreisverkehr, auf dem ein Straßenschild den Weg nach Frankfurt weist.


Zum Weiterlesen

Die Oder

  • Uwe Rada: Die Oder. Lebenslauf eines Flusses. Siedler Verlag (2009). Die erste Biografie des Stromes, der Deutsche und Polen verbindet und nicht mehr trennt. "Dieses Buch ist längst fällig gewesen" (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

  • Karl Schlögel/Beata Halicka (Hg.): Oder-Odra. Blicke auf einen europäischen Strom. Peter Lang Verlag (2007). Autoren aus Tschechien, Polen und Deutschland über die Rekonstruktion des Kulturraums Oder. "Das Buch ist mehr als nur ein Konferenzband." (Inter Finitimos)

  • Wolfgang Tschechne: Große Oder, großer Strom. Bergstadt Verlag Wilhelm Gottlieb Korn (2006). Eine Reise entlang des Stroms von der Quelle bis zur Mündung.

  • Institut für angewandte Geschichte (Hg.): Terra Transoderana. Zwischen Neumark und Ziemia Lubuska. Bebra Verlag (2008). Ein Almanach zu einer Brückenregion, deren Geschichte wieder entdeckt wird. "Und der Reiz dieses Buches nun liegt auch darin, die Widersprüchlichkeit aufzuzeigen und nach Wegen zu suchen, um zwei zumeist getrennt bestehenden Perspektiven zu verbinden." (Kulturradio)