Dossierbild Geschichte im Fluss
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14.5.2012 | Von:
Felix Ackermann

Zwei Städte, ein Fluss

Nach dem Zweiten Weltkrieg Krieg wurde Frankfurt an der Oder zur geteilten Stadt. Lange kehrten das deutsche Frankfurt und das polnische Słubice einander den Rücken zu. Nun aber verbindet sie der Fluss in ihrer Mitte. Ein Spaziergang
Auf der Stadtbrücke herrscht normaler innerstädtischer Verkehr. Im Hintergrund die Oderpromenade in Frankfurt.Auf der Stadtbrücke herrscht normaler innerstädtischer Verkehr. Im Hintergrund die Oderpromenade in Frankfurt. (© Inka Schwand)

Untergang einer Stadt - Neubeginn zweier Städte



Geht man vom Frankfurter Marktplatz in Richtung Oder, hat man kaum das Gefühl, eine der wichtigen alten Verbindungsachsen zwischen Stadtzentrum und Flussufer abzuschreiten. Die Bischofstraße führte einst dicht bebaut direkt zur Oder. Heute liegt sie unscheinbar da, und nur eine Illusionsmalerei der Fassade des Bolfrashauses erinnert – neben der Marienkirche, dem Rathaus und dem heutigen Kleistmuseum – an das Antlitz der untergegangenen Stadt. Blickt man von hier zur Oder hinunter, scheint sie am Rand zu fließen. Das Schwemmland am anderen Ufer liegt wie eine Traumlandschaft weit hinter der Stadt.

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Kilometer lang ist die Grenze, die die Oder zwischen Deutschland und Polen bildet. Dennoch war die Oder als Oder-Neiße-Grenze lange Zeit Synonym für einen Grenzfluss.



Mit dem Kriegsende im Frühjahr 1945 wurde Frankfurt nicht geteilt – es ging unter. Die Stadt zerbrach infolge des verheerenden Brandes der Innenstadt in sich. Ihr altes, gewachsenes Zentrum verschwand, und in die zerstörte Stadt kehrten nur wenige der alten Bewohner zurück. Dieses Schicksal ereilte auch die Dammvorstadt. Sie war nun aufgrund einer neuen Grenze, die seit Ende der Kriegshandlungen durch die Stadt führte, vom alten Frankfurt abgeschnitten. Die neue Stadt Frankfurt verlor damit ihr Zentrum im städtebaulichen Sinne, die neue Stadt Słubice war in jeder Hinsicht von diesem abgeschnitten. Mit der Zerstörung der Stadtbrücke waren die Straßenbahnlinie 2 sowie die Versorgung des östlichen Stadtteiles mit Trinkwasser, Strom und Gas unterbrochen. Die Kanalisation, vor dem Krieg an das Frankfurter Netz angeschlossen, endete nun in der Oder. Doch auch Frankfurt war vom Niedergang gezeichnet. Beide Städte gründeten sich damals neu: Die eine auf den Trümmern des ehemaligen Zentrums, die andere abseits davon.

Glocke des Kalten Krieges



Wenn wir uns nun vom Ufer zur 1953 eingeweihten Friedensglocke wenden, stehen wir vor einem Monument, das vorgibt Zeugnis der Freundschaft und des Friedens zu sein. In ihm lassen sich aber die frühen Züge des Kalten Krieges erkennen. Die heutige Oder-Neisse-Linie wurde von der Deutschen Demokratischen Republik mit dem Görlitzer Abkommen bereits 1950 besiegelt, aber die Bundesrepublik Deutschland verweigerte sich bis zur Wiedervereinigung 1990 einer endgültigen Anerkennung.

Die Glocke des Friedens wurde von den Verantwortlichen in der DDR als symbolische Kampfansage an die bundesdeutsche Ostpolitik verstanden. Sie sollte als Gegenentwurf zur West-Berliner Freiheitsglocke "für die Überwindung der Kriegsgefahr wirksam werden". Die Einweihung der Glocke gehörte zu den frühen Manifestationen "verordneter deutsch-polnischer Freundschaft". Zu einem solchen Ritual wurden "unter Teilnahme Hunderter polnischer Freunde", wie es in zeitgenössischen Medienberichten hieß, die beiden Nationalhymnen von einem Blasorchester vorgetragen, Reden verlesen und gemeinsam das Weltfriedenslied gesungen. Hinter den Kulissen dieser organisierten Freundschaftsbekundungen waren die Beziehungen zwischen der Deutschen Demokratischen Republik und der Volksrepublik Polen stark belastet.

Die Friedensglocke ist dennoch als Monument der Freundschaft und des Friedens in die Geschichte eingegangen, so dass sie noch heute zu wichtigen Friedenskundgebungen geläutet wird. Da aber die ostdeutsche CDU als sozialistische Blockpartei aus Anlass ihres 6. Parteitages den Klangkörper in Apolda gießen ließ, gehört diese seit der Aufnahme der Blockpartei in die bundesdeutsche Union jener Partei, die sich einst ideologisch auf der Zielscheibe der Stifter der Friedensglocke befand. Wenn heute die Glocke zu Anlässen wie dem Gedenktag für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft oder zum 1. September geläutet wird, muss zuvor bei der Frankfurter Kreisgruppe der CDU eine Erlaubnis eingeholt werden.

„Die Passagierboote gehen von Frankfurt aus zweimal wöchentlich, Mittwoch und Sonnabend, und machen die Fahrt nach Küstrin in zwei, nach Schwedt in acht, nach Stettin in zehn Stunden. Die Benutzung erfolgt mehr stationsweise und auf kleineren Strecken als für die ganze Tour. Schon deshalb, weil die Eisenbahnverbindung die Reisenden eher und sicherer ans Ziel führt. Eher und allen Umständen, und zwar umso mehr, als es bei niedrigem Wasserstande vorkommt, dass die Fahrt auf Stunden unterbrochen oder gar wohl ganz eingestellt werden muss. (…) Flussregulierungen sind nicht unsre starke Seite.“

Theodor Fontane, 1863

„Die Oder ist ein edles Bauernweib. Mit stillen, sicheren Schritten geht sie durch ihre Lande. Kalk- und Kohlestaub liegen manchmal auf ihrem Kleid, zu ihrem einförmigen Lied klopft der Holzschläger den Takt. Sie hat immer Arbeit, schleppt ihren Kindern Kohle und Holz, Getreide und hundertfachen Lebensbedarf ins Haus. Zu Grünberg nippt sie ein gutes, bescheidenes Haustränklein. Die bei ihr wohnen, sind geborgen und glücklich, und wenn sie ans Meer kommt, breitet sie angesichts der Ewigkeit weit und fromm ihre Arme aus.

Paul Keller, 1912

„Die Oder, der Fluss, der von weither kommt (…) Hier geschieht das Vollkommene nicht, hier bändigt niemand zu edlem Maße das Ungebärdige, und das Dunkle ist wie vor der Schöpfung ungeschieden vom Hellen.“

Günter Eich, 1951

„Ich ging weiter über die Brücke. Rechts neben mir war ein Gitter. Unter mir war ein Fluss. Ich ahnte sofort, dass der Fluss Oder hieß, und ich stellte mich erst mal an das Gitter, um in die Oder zu spucken. Nach Möglichkeit spucke ich von jeder Brücke, vorausgesetzt, unter der Brücke ist Wasser.“

Rolf Schneider, 1974

„Die Oder ist wie eine Enzyklopädie. Zwischen Mährischer Pforte und Oderhaff bekommt man fast alles zu sehen, was die Welt Mitteleuropas zu bieten hat.“

Karl Schlögel, 1997

„Es flanieren viele Leute entlang der Oder. In Frankfurt sind das eher Rentner, die viel Zeit haben und die schönen Aussichten und den schönen Boulevard genießen. In Slubice sind es eher Leute, die Hunde haben, da der Oderdamm eine hervorragende Hundespazierstätte ist. Mit der Zeit wird es sich so entwickeln, nehme ich an, dass die Strecken sich verzweigen werden. Die Rentner werden über die Brücke gehen und ihren Spaziergang auf der polnischen Seite fortsetzen. Und die Hundefreunde werden in den Hundeladen in den Oderturm gehen, wo sie gutes Futter kaufen können. Und das ist auch richtig so.“

Krzysztof Wojciechowski, 2011

Der Fluss verbindet und teilt



Wenn wir nun weiter entlang der Oderpromenade in Richtung Stadtbrücke gehen, können wir vor dem Junkerhaus ein Denkmal aus einer ganz anderen Zeit entdecken. Auf der von den Gronefelder Keramikwerkstätten gefertigten Skulptur ist neben der Silhouette Frankfurts vor allem die Oder zu erkennen, deren Pegel langsam steigt, bis sie über die Ufer tritt und sich über das ganze Land ergießt. Damit erinnert das Werk an die Flutkatastrophe, die den Fluss und mit ihm die Region 1997 ins Bewusstsein der gesamtdeutschen und europäischen Öffentlichkeit rief. Damals kämpften Deutsche und Polen gemeinsam gegen die Flut. Während das Wasser in Frankfurt bereits über die Ufer getreten war und den Uferbereich überschwemmt hatte, war Słubice evakuiert und schaute gebannt auf den Pegelstand: Hätte der Deich nicht standgehalten, wäre die ganze Stadt überschwemmt worden.

Damals wurde besonders deutlich, dass der Fluss sowohl trennt als auch verbindet. So wurden die Hochwasserschutzprogramme von Deutschland, Polen und Tschechien zuvor nur mangelhaft koordiniert. Die Systeme zur Erhebung von geohydrologischen Daten waren nicht aufeinander abgestimmt, und die bereits in den 1960er und 1970er Jahren unternommenen Versuche, Absprachen zu treffen, stellten sich als unzureichend heraus. Mit dem Unglück der Jahrhundertflut rückte aber der Fluss wieder in den Mittelpunkt der Betrachtungen. Zuvor führte er über Jahrzehnte ein Randdasein. Durch die Grenzziehung in der Mitte des Flusses waren zwar beide Länder für das Schicksal des Flussbettes verantwortlich, aber die meisten Orte hatten sich zuvor aufgrund des hermetischen Charakters der Grenze und des städtebaulichen Wandels der Innenstädte von der Oder wegentwickelt. Erst mit der 750-Jahrfeier von Frankfurt und der Anlage des Europagartens wurden die Uferpromenaden als parallele Achsen der Doppelstadt neu entdeckt.

Die Brücke als Symbol



Betrachten wir vom hiesigen linken Ufer aus noch einmal die Brücke. Sie wurde im Jahre 2002 parallel zu der 1952 errichteten Stadtbrücke fertig gestellt und dann an deren Stelle gerückt. Sie steht auf neu errichteten Pfeilern, nur das Widerlager auf der deutschen Seite ruht noch an dem Ort, an dem schon die Ende des 19. Jahrhunderts errichtete Steinbrücke begann. Bemerkenswert an der neuen Brücke ist vor allem der Bogen, der den Pfeiler am deutschen Ufer mit dem Pfeiler in der Flussmitte verbindet. Dieser Bogen ist, obwohl ingenieurtechnisch kaum vonnöten, an das Antlitz der alten Oderbrücke von 1952 angelehnt, die auch "Brücke der Freundschaft" genannt wurde. Diese besaß ebenfalls einen charakteristischen Stahlbogen, der im Laufe der Jahre zum Symbol von Frankfurt als "Brückenstadt", als "Tor zum Osten" und "Stadt der Begegnung" wurde.

Eine Vielzahl von Initiativen und Institutionen, die sich in den 1990er Jahren in der Oderstadt gegründet hatten, beziehen sich explizit auf die Brücke mit jenem Bogen als Symbol. Zu ihnen gehören an erster Stelle die Europa-Universität Viadrina, die den Bogen in ihrem Logo aufgriff, der Verein Frankfurter Brücke und auch Studenteninitiativen wie Spotkanie, auf Deutsch Begegnung. So wurde bei der Ausschreibung des Brückenneubaus die Beibehaltung der Bogenform favorisiert. Das ist nicht ohne eine gewisse Ironie. Schließlich entsprang der Bogen zu Beginn der 1950er Jahre der Not – die Brücke sollte innerhalb kürzester Zeit fertig gestellt werden; die nötige Menge Stahl, um den Abstand zwischen den beiden Pfeilern zu überbrücken, stand aber nicht zur Verfügung. So musste auf zwei Eisenbahnbrückenteile zurückgegriffen werden, die notdürftig verbunden wurden. Zur Stabilisierung wurde der Bogen angeschweißt.

Grenze ist nicht gleich Grenze

Die Brücke mit dem charakteristischen Bogen über die Oder verbindet Frankfurt und Słubice.Die Brücke mit dem charakteristischen Bogen über die Oder verbindet Frankfurt und Słubice. (© Inka Schwand)
Wenn wir uns nun direkt zum Skelett des einst nachts hell erleuchteten und tags lichtdurchfluteten Grenzabfertigungsgebäudes begeben, können wir uns eine Vorstellung von den städtebaulichen Eingriffen der ehemaligen EU-Außengrenze ins Weichbild der Stadt machen. So wirkte das Areal noch kurz vor dem EU-Beitritt Polens abweisend und verstellte den Blick auf die Brücke, den Fluss und das andere Land dahinter. Doch nicht nur die Grenzanlagen prägten das einstige Zentrum der Stadt, sondern auch der Grenzverkehr. So wurden beim Bau der Brückenrampe gleich mehrere Wartespuren geplant. Allerdings war das Verkehrsaufkommen aufgrund des strengen Grenzregimes noch gering. Darüber hinaus oblag die Grenze bis zum Ende des Jahres 1955 der Aufsicht der Sowjetischen Militäradministration.

Was aber war das für eine Grenze, für die die geteilte Stadt Frankfurt und Słubice bald berühmt wurde? Trotz des Görlitzer Vertrags und der Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze durch Ostberlin herrschte in der DDR und der Volksrepublik Polen bis 1956 eine Politik der Abschottung entlang der Grenze. Erst in den sechziger Jahren kann überhaupt von einem Grenzverkehr gesprochen werden. 1966 wurde ein Vertrag unterzeichnet, der die Bedingungen zur Beschäftigung von Arbeitern im grenznahen Bereich regelte – die rechtliche Grundlage für den Einsatz von polnischen Frauen im Frankfurter Halbleiterwerk. Schon bald fuhren diese jeden Morgen in Bussen von Słubice nach Markendorf, und passierten dabei wie selbstverständlich die Grenze, obwohl dies zu jener Zeit noch nicht zur Normalität gehörte. Erst mit der Einführung des visafreien Grenzverkehrs am 1. Januar 1972 wurde die Oderbrücke von den Massen erobert.

Zu einem Höhepunkt der offiziellen Zusammenarbeit kam es 1977 beim "Treffen der Freundschaft", bei dem Zehntausende Jugendliche aus beiden Ländern unter wehenden roten Fahnen die immer noch staatlich verordnete, aber oft auch persönliche Freundschaft bekundeten. Neben der Grenz- und Verkehrsfunktion der Brücke kam nun die als verbindendes Band. Die "Brücke der Freundschaft" wurde zum symbolischen Ort der Begegnung und des sprichwörtlichen gemeinsamen Brückenschlags, wovon heute noch viele Bilder zeugen.

Diese Phase der offenen Grenze endete im Oktober 1980 jäh. Aus Furcht vor der polnischen Solidarność-Bewegung führte die DDR erneut die Visumpflicht ein. Zwar blieb die Grenze in den folgenden Jahren für bereits bestehende Kooperationen weiter durchlässig. So fuhren noch immer polnische Frauen ins Halbleiterwerk zur Arbeit, und die Zusammenarbeit von Schulen und Kindergärten konnte zum Teil fortgesetzt werden. Insgesamt aber waren die 1980er Jahre eine Periode der erneuten Abschottung.

Mit der Auflösung des Warschauer Paktes sowie der Wiedervereinigung Deutschlands und der damit verbundenen Verschiebung der Außengrenzen der Europäischen Gemeinschaft entstand 1991 eine völlig neue Grenzsituation. Die Kontrollen und Beschränkungen wurden zumindest für Bürger der Polnischen Republik und der Europäischen Union minimal. An der Grenze bildeten sich schon bald lange Schlangen von Touristen, die aus Neugierde, aber vor allem zum Einkaufen auf die andere Seite strömten. Mit der offenen Grenze und den politischen Veränderungen wurde auch eine selbstständige Zusammenarbeit auf kommunaler Ebene möglich. Auch wenn in den 1990er Jahren noch viele Vorbehalte und Barrieren zu spüren waren: Es war eine Zeit des Booms und des explosionsartigen Anstiegs des grenzüberschreitenden Verkehrs. Die Brücke wurde zum ersten Mal zu einer tatsächlichen Verkehrsachse.

Mit der Erweiterung der Europäischen Union 2004, dem Beitritt Polens zum Schengenverbund 2007 und der Einführung der vollen Arbeitnehmerfreizügigkeit 2011 fielen an der Oder die letzten Grenzen.

Die Zigarettenstraße als Meile der 1990er Jahre

Wenn wir uns nun zum Słubicer Brückenkopf begeben, können wir uns kurz einen Überblick über die hiesige städtebauliche Situation machen: Die Bebauung entlang des einstigen Prinzenufers, heute ulica Nadodrzańska, stammt aus der Gründerzeit. Das gleiche gilt die Fußgängerzone, früher Friedrichstraße, heute ulica Jedności Robotniczej, Straße der Arbeitereinheit. Betreten wir diese, können wir uns ein Bild machen, warum sie auf der deutschen Seite auch als Zigarettenstraße bekannt ist. Zumindest in den 1990er Jahren waren hier neben Wechselstuben und Friseuren vor allem Zigarettenläden entstanden. Sie ist somit zum Ausdruck eines zweifachen Booms zum Ende des Jahrhunderts geworden. An ihr kann man auch aufzeigen, dass die Stadträume von Frankfurt Oder und Słubice nicht vollständig durch die Grenze getrennt sind.

So ist die Straße, die im Zuge der territorialen Ausdehnung Frankfurts in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts angelegt und in den 1890er und 1910er Jahren bebaut worden war, direkt auf das vormalige Stadtzentrum am anderen Ufer ausgerichtet. Damals war die Straße für die Frankfurter eine Einkaufsmeile, man konnte auf dem Damm entlang spazieren und an der einstigen Seidenfabrik, an deren Stelle heute die Bibliothek des Collegium Polonicum steht, einen Kaffee trinken. Eine ähnliche Funktion erfüllt sie unter neuen Umständen hundert Jahre später. Und wieder erfolgte der Boom in den neunziger Jahren. Vormals mit dem Bau der Straßenbahn, und dann mit der Öffnung der Grenze.

Das grün-gelbe Gebäude der Stadtbibliothek zeigt, einem Monument gleich, wie sich Słubice nach dem Krieg von Frankfurt weg entwickelt hat. Obwohl sich zur Oder hin die Silhouette der einstigen Altstadt öffnet, wurde die Bibliothek leicht versetzt mit der Fassade zur Straße hin gebaut. Nach Frankfurt hin öffnen sich nur schmale Schlitze, die kaum einen Blick auf die benachbarte Stadt zulassen. Wenn wir nun die ulica Kościuszki überqueren, können wir das Collegium Polonicum genauer betrachten. Es ist im Gegensatz zur Stadtbibliothek Ausdruck einer viel späteren Stilepoche – einer polnischen Version der Postmoderne. Aber auch die Forschungseinrichtung öffnet sich nicht zum Fluss und somit zur gegenüberliegenden Seite, sondern über einen Innenhof zum Kreisverkehr, auf dem ein Straßenschild den Weg nach Frankfurt weist.

Chronologie

1945: Mit der Westverschiebung der polnischen Grenzen werden Oder und Lausitzer Neiße zu Grenzflüssen.

1950: Im Vertrag von Görlitz, der im polnischen Zgorzelec unterzeichnet wurde, erkennt die DDR die neue Grenze an.

1972-1980: Visafreier Reiseverkehr zwischen der DDR und Volkspolen. Polnische Staatsangehörige können aber schon länger nach West-Berlin reisen.

1990: Nach dem Mauerfall und der deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 wird die Grenze bis zu einer vertraglichen Regelung zwischen Polen und der EU für den visafreien Verkehrs geschlossen und erst im Juli 1991 wieder geöffnet.

1990: Im deutsch-polnischen Grenzvertrag vom 14. November erkennt die Bundesrepublik die Oder-Neiße-Grenze endgültig an.

1991: Deutsch-polnischer Nachbarschaftsvertrag. Neugründung der Viadrina als Europa-Universität.

2004: Beitritt Polens zur EU, die Zollkontrollen fallen weg.

2007: Mit dem Beitritt Polens zum Schengen-Abkommen am 21. Dezember fallen auch die Passkontrollen weg.
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Zum Weiterlesen

Die Oder

  • Uwe Rada: Die Oder. Lebenslauf eines Flusses. Siedler Verlag (2009). Die erste Biografie des Stromes, der Deutsche und Polen verbindet und nicht mehr trennt. "Dieses Buch ist längst fällig gewesen" (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

  • Karl Schlögel/Beata Halicka (Hg.): Oder-Odra. Blicke auf einen europäischen Strom. Peter Lang Verlag (2007). Autoren aus Tschechien, Polen und Deutschland über die Rekonstruktion des Kulturraums Oder. "Das Buch ist mehr als nur ein Konferenzband." (Inter Finitimos)

  • Wolfgang Tschechne: Große Oder, großer Strom. Bergstadt Verlag Wilhelm Gottlieb Korn (2006). Eine Reise entlang des Stroms von der Quelle bis zur Mündung.

  • Institut für angewandte Geschichte (Hg.): Terra Transoderana. Zwischen Neumark und Ziemia Lubuska. Bebra Verlag (2008). Ein Almanach zu einer Brückenregion, deren Geschichte wieder entdeckt wird. "Und der Reiz dieses Buches nun liegt auch darin, die Widersprüchlichkeit aufzuzeigen und nach Wegen zu suchen, um zwei zumeist getrennt bestehenden Perspektiven zu verbinden." (Kulturradio)