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Dossierbild Geschichte im Fluss
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14.5.2012 | Von:
Monika Stefanek

Mit alten Flößen in die Zukunft

Mit dem Oderfloß hat Elżbieta Marszałek eine touristische Attraktion geschaffen. Und den Anwohnern an der Oder das Gefühl gegeben, an ein und demselben Strom zu leben. Gleichzeitig war es der Startschuss für die touristische Entwicklung an der Oder.
Das Oderfloß hat die Odergemeinden zusammengebracht.Das Oderfloß hat die Odergemeinden zusammengebracht. (© Marcin Bieliecki)

Drei Kilo Nägel, eine lange Kette und 65 Quadratmeter Kiefernholz. Ungefähr so viel braucht man, um ein Floß zu bauen. Dann geht es los – von Oława bei Breslau bis nach Stettin. Seit 16 Jahren legen polnische Flößer diese Strecke im Rahmen der Oder-Floßfahrt (Flis Odrzański) zurück.

"Das ist mein ganzes Leben." Mieczysław Łabędzki zögert keine Sekunde mit der Antwort auf die Frage, welche Bedeutung für ihn das Floß hat. Łabędzki ist einer der wenigen Flößer in Polen, der sich den obersten Rang in der Flößerhierarchie verdient hat – man darf ihn "Retman" nennen. Auf dem Floß entspricht Retman dem Kapitän.

Bereits vor 30 Jahren machte sich der Flößer aus Ulanów in der Woiwodschaft Podkarpackie im Südosten Polens mit dem ausgestorbenen Beruf vertraut. Seit dieser Zeit legte er mit dem Floß etwa 10.000 Kilometer zurück – viele davon auf der Oder. Seit Jahren nimmt Łabędzki an der jährlichen Floßfahrt "Flis Odrzański" teil – und gibt die Flößertradition weiter an die Jüngeren.

Alles begann in Stettin

Erfunden hat die Floßfahrt Elżbieta Marszałek. Sie ist Rektorin der Hochschule für Ökonomie und Touristik in Stettin, privat ist sie eine leidenschaftlicher Seglerin. "Alles begann im Jahr 1996, als der damalige Vorsitzende der Meeres- und Flussliga uns dazu aufgefordert hat, mehr für die Werbung der polnischen Flüsse zu sorgen", erzählt Marszałek. "Da ich an der Oder lebe, war ich für diesen Fluss zuständig. So bin ich auf die Idee gekommen, eine Floßfahrt zu organisieren." Der Vorsitzende der Meeres- und Flussliga hieß Bronisław Komorowski, heute ist er Staatspräsident der Republik Polen.

Zuerst sollte der Flis Odrzański eine einmalige Unternehmung sein. An der ersten Fahrt nahmen nur 15 Personen teil – die meisten Schüler des Ökonomischen Gymnasiums in Stettin. Doch es stellte sich schnell heraus, dass das Interesse am Fluss und seiner Entwicklung größer war als erwartet. "Als die Schüler von der Flussfahrt zurückgekommen sind, haben sie erzählt, wie schön die Oder ist und gleichzeitig, in welch fatalen Zustand sie sich befindet", erinnert sich Marszałek. "Da war mir schnell klar, dass das nicht die letzte Fahrt war. Die Schüler haben mich motiviert, weiterzumachen."

So wurde aus der einmaligen Floßfahrt bald eine Tradition. Von Jahr zu Jahr sammelten sich rund um den Flis Odrzański mehr Leute, die es sich zum Ziel setzten, die Oder für Touristen, aber auch für die Binnenschifffahrt befahrbar zu machen. Einfach war das nicht. Die Oder war nicht nur verwildert, sondern auch verschmutzt. Infrastruktur für Wassertouristen gab es so gut wie keine. Doch langsam gelang es in jedem Ort an der Oder, an dem die Teilnehmer der Floßfahrt an Land gingen, Verbündete für die Idee zu gewinnen.

Die Floßfahrt als Fest

"Heute können wir uns in vielen Orten sowohl auf der polnischen als auch auf der deutschen Seite der Oder ohne Probleme aufhalten." Stolz präsentiert Elżbieta Marszałek eine "Oderkarte", markiert sind die Häfen entlang des Flusses, in denen Wassertouristen bekommen, was sie brauchen. "Diese Karte zeigt, wie viel Energie investiert wurde, um den schlechten Zustand der Oder zu ändern und die entsprechende Infrastruktur zu schaffen."

Was hat sich noch innerhalb der letzten 16 Jahre verändert? "Wir sind inzwischen zu einer großen Familie geworden", sagt Marszałek. "Inzwischen ist es viel einfacher als noch zu Beginn unserer Arbeit." Mittlerweile ist das Oderfloß keine pädagogische Veranstaltung mehr, sondern ein riesiges Event. An jedem Ort, an dem das Floß anlegt, wird gefeiert. Die Flößer werden empfangen wie Helden.

Bei der Floßfahrt geht es allerdings nicht nur um Spaß. Jedes Jahr begleitet die Flößer ein Motto während der Fahrt. 2011 war es das ökologische Bewusstsein unter den Einwohnern der an der Oder liegenden Gemeinden und bei den Teilnehmern der Floßfahrt. Schülerinnen und Schüler bereiteten ein künstlerisches Programm vor, in dem mit Augenzwinkern Themen wie Mülltrennung und Umweltschutz dargestellt wurden.

„Die Passagierboote gehen von Frankfurt aus zweimal wöchentlich, Mittwoch und Sonnabend, und machen die Fahrt nach Küstrin in zwei, nach Schwedt in acht, nach Stettin in zehn Stunden. Die Benutzung erfolgt mehr stationsweise und auf kleineren Strecken als für die ganze Tour. Schon deshalb, weil die Eisenbahnverbindung die Reisenden eher und sicherer ans Ziel führt. Eher und allen Umständen, und zwar umso mehr, als es bei niedrigem Wasserstande vorkommt, dass die Fahrt auf Stunden unterbrochen oder gar wohl ganz eingestellt werden muss. (…) Flussregulierungen sind nicht unsre starke Seite.“

Theodor Fontane, 1863

„Die Oder ist ein edles Bauernweib. Mit stillen, sicheren Schritten geht sie durch ihre Lande. Kalk- und Kohlestaub liegen manchmal auf ihrem Kleid, zu ihrem einförmigen Lied klopft der Holzschläger den Takt. Sie hat immer Arbeit, schleppt ihren Kindern Kohle und Holz, Getreide und hundertfachen Lebensbedarf ins Haus. Zu Grünberg nippt sie ein gutes, bescheidenes Haustränklein. Die bei ihr wohnen, sind geborgen und glücklich, und wenn sie ans Meer kommt, breitet sie angesichts der Ewigkeit weit und fromm ihre Arme aus.

Paul Keller, 1912

„Die Oder, der Fluss, der von weither kommt (…) Hier geschieht das Vollkommene nicht, hier bändigt niemand zu edlem Maße das Ungebärdige, und das Dunkle ist wie vor der Schöpfung ungeschieden vom Hellen.“

Günter Eich, 1951

„Ich ging weiter über die Brücke. Rechts neben mir war ein Gitter. Unter mir war ein Fluss. Ich ahnte sofort, dass der Fluss Oder hieß, und ich stellte mich erst mal an das Gitter, um in die Oder zu spucken. Nach Möglichkeit spucke ich von jeder Brücke, vorausgesetzt, unter der Brücke ist Wasser.“

Rolf Schneider, 1974

„Die Oder ist wie eine Enzyklopädie. Zwischen Mährischer Pforte und Oderhaff bekommt man fast alles zu sehen, was die Welt Mitteleuropas zu bieten hat.“

Karl Schlögel, 1997

„Es flanieren viele Leute entlang der Oder. In Frankfurt sind das eher Rentner, die viel Zeit haben und die schönen Aussichten und den schönen Boulevard genießen. In Slubice sind es eher Leute, die Hunde haben, da der Oderdamm eine hervorragende Hundespazierstätte ist. Mit der Zeit wird es sich so entwickeln, nehme ich an, dass die Strecken sich verzweigen werden. Die Rentner werden über die Brücke gehen und ihren Spaziergang auf der polnischen Seite fortsetzen. Und die Hundefreunde werden in den Hundeladen in den Oderturm gehen, wo sie gutes Futter kaufen können. Und das ist auch richtig so.“

Krzysztof Wojciechowski, 2011

Alte Tradition

Im Jahr 2011 nahmen an der Floßfahrt etwa 120 Personen und rund 25 Flöße sowie andere Schiffe teil. Die größte Attraktion war das nachgebaute Originalfloß, das jedes Jahr von Flößern aus Ulanów gebaut wird. Ulanów gilt in Polen als die Hauptstadt der Flößer. Holz wurde hier seit dem 16. Jahrhundert geflößt. "Meine Vorfahren beschäftigten sich mit der Flößerei bereits seit 1726", erzählt Łabędzki. Die Geheimnisse der Flößerkunst wurden von Vater zu Sohn vermittelt. So hatte auch Łabędzki die Flößerei gelernt und später seinem Sohn beigebracht. "Ein Floß zu bauen, ist nicht schwer. Die ganze Kunst besteht darin, das Floß auf dem Fluss zu steuern."

Gerade die Oder, meint der Herr der Flöße, sei tückisch. "Es gibt Strudel und Strömungen, die das Floß mitreisen wollen. Und zum Steuern hat man nur einen Floßhaken, also ein lange Holzstange, die zum Drehen, Wenden und Heben des Floßes benutzt wird."

Während der Floßfahrt erzählt Łabędzki den Jugendlichen gern Geschichten vom Fach. Auch das ist eines der Ziele des Flis Odrzański – alte Tradition den nächsten Generationen zu vermitteln: "Die Flößerei ist ein ausgestorbener Beruf. Zum letzten Mal wurde 1939 Holz von Ulanów nach Danzig über den San und die Weichsel transportiert. Auf kürzeren Strecken wurden Floßfahrten noch bis 1968 unternommen. Seitdem ist das kein Beruf mehr. Aber es leben noch Leute, die sich mit der Flößerei beruflich beschäftigt haben." Łabędzki spinnt seine Erzählung weiter.

Man könnte denken, dass es nach 30 Jahren Berufserfahrung für Łabędzki keine Überraschungen mehr gibt. Doch je länger und öfter er mit dem Floß unterwegs ist, desto mehr Demut habe er für die Flößerei. "Auf dem Wasser sollte man sich nie zu sicher fühlen", weiß Łabędzki.

Neue Verbundenheit

Heute dient das Floß anderen Zielen als ursprünglich geplant. Es sorgt für Neugierige, zieht Leute an, die sich mit der Oder und dem Flis Odrzański vertraut machen wollen. Und mit den Bräuchen, die wieder ins Leben gerufen werden. Ein solcher Brauch ist die Taufe jener Personen, die zum ersten Mal an der Oder-Floßfahrt teilnehmen. Früher wurde der Novize ins Wasser geworfen – und zwar genau an Kilometer 444 der Floßfahrt. Heute geht man mit dem Täufling etwas milder um. Es reicht, wenn er alle Häfen an der Oder nennt, die im Rahmen der jährlichen Oder Floßfahrt besucht werden.

Manche von diesen Häfen sind erst in den letzten Jahren entstanden. So wie in Nowa Sól (Neusalz an der Oder), eine Stadt, die sich über Jahrzehnte hinweg von der Oder abgewandt hat. Heute steht in der Stadt ein moderner Hafen, und immer mehr Einwohner nutzen die vorhandene Wasserinfrastruktur. Mit Nowa Sól als gutem Beispiel wandten sich die Organisatoren der Oder-Floßfahrt auch an die anderen Oderstädte. Der Ausbau der Infrastruktur sollte Schule machen.

Die Oder den Touristen

Seit dem ersten Flis Odrzański hat sich auch in Bytom Odrzański (Beuthen an der Oder) vieles verändert. Bürgermeister Jacek Sauter gibt offen zu: "Die Beschwerden der Flößer über mangelnde Wasserinfrastruktur haben dazu geführt, dass wir tätig geworden sind." Heute stehen in Bytom ein 120 Meter langer Kai und eine Wasseranlegestelle zur Verfügung.

Der Brief der Flößer sollte den Verantwortlichen auch verdeutlichen, dass die Zukunft der Oder auch ihre gemeinsame Zukunft ist – ganz egal, ob man in einer Stadt mit großem Hafen lebt oder in einem kleinem Dorf. Auch, von welcher Seite der Oder man stammt, spielte keine Rolle. Das ist den Initiatoren des Flis Odrzański besonders wichtig. Seit Jahren laden sie auch ausländische Teilnehmer zur gemeinsamen Floßfahrt ein, unter ihnen Jugendliche aus der Slowakei und Tschechien. Und natürlich aus Deutschland. "Das ist eine wunderbare Gelegenheit zur Integration," freut sich Elżbieta Marszałek. "Gemeinsam können wir etwas Gutes für die Oder tun und uns vor allem näher kennen lernen. Solche Gelegenheiten gibt es nicht jeden Tag."

Polnisch-deutsche Kooperation

Trotz der vielen Bemühungen ist das wassertouristische Potenzial der Oder noch lange nicht ausgeschöpft. Doch langsam ändert sich das, auch dank der Zusammenarbeit der Organisatoren der Oder-Floßfahrt mit den deutschen Gemeinden. Die Kunde von der jährlichen Fahrt hat sich auch am deutschen Ufer verbreitet. Immer mehr Teilnehmer kommen aus dem Nachbarland, so wie eine Gruppe Skipper, die sich der 16. Oder-Floßfahrt angeschlossen hat. Organisiert wurde das deutsch-polnische Treffen von Skippern aus Nowa Sól und Eisenhüttenstadt.

Zwar legte die Gruppe nur einen kleinen Teil der gesamten Strecke mit dem Flis zurück. Doch das hat gereicht, um sich kennenzulernen und vor allem, um gemeinsame Pläne zu schmieden. So ist die Idee entstanden, einen deutsch-polnischen Oderführer herauszugeben, in dem touristischen Sehenswürdigkeiten, Anlegestellen und Marinas zwischen Bytom Odrzański und Eisenhüttenstadt beschrieben werden. Die Publikation soll bald fertig sein und mit einer Auflage von 500 Exemplaren auf Polnisch und Deutsch erscheinen.

Dass die Oder eine Fahrt wert ist, weiß auch Ireneusz Kiryk. Als Stellvertreter des Oderforstrates im Forstamt Gryfino (Greifenhagen), war er von Anfang an bei der Floßfahrt dabei und nahm auch am Bau der Flöße teil. "Unvergesslich", beschreibt Kiryk seine Eindrücke von der Floßfahrt. "Ich kann mich nur freuen, dass sich die Städte entlang der Oder langsam dem Fluss zuwenden und die Probleme der Oder wahrnehmen. So können immer mehr Leute den Fluss entdecken."
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Zum Weiterlesen

Die Oder

  • Uwe Rada: Die Oder. Lebenslauf eines Flusses. Siedler Verlag (2009). Die erste Biografie des Stromes, der Deutsche und Polen verbindet und nicht mehr trennt. "Dieses Buch ist längst fällig gewesen" (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

  • Karl Schlögel/Beata Halicka (Hg.): Oder-Odra. Blicke auf einen europäischen Strom. Peter Lang Verlag (2007). Autoren aus Tschechien, Polen und Deutschland über die Rekonstruktion des Kulturraums Oder. "Das Buch ist mehr als nur ein Konferenzband." (Inter Finitimos)

  • Wolfgang Tschechne: Große Oder, großer Strom. Bergstadt Verlag Wilhelm Gottlieb Korn (2006). Eine Reise entlang des Stroms von der Quelle bis zur Mündung.

  • Institut für angewandte Geschichte (Hg.): Terra Transoderana. Zwischen Neumark und Ziemia Lubuska. Bebra Verlag (2008). Ein Almanach zu einer Brückenregion, deren Geschichte wieder entdeckt wird. "Und der Reiz dieses Buches nun liegt auch darin, die Widersprüchlichkeit aufzuzeigen und nach Wegen zu suchen, um zwei zumeist getrennt bestehenden Perspektiven zu verbinden." (Kulturradio)