Dossierbild Geschichte im Fluss

6.8.2012 | Von:
Uwe Rada

Basel feiert den Rhein

Das Tram mit der Nummer acht

Wer mit dem Tram Nummer 8 – die Straßenbahnen sind in Basel sächlich, wie so vieles Putzige auch, dem man einfach die Endung -li angehängt hat – vom Marktplatz in Basel in Richtung Kleinhüningen fährt, durchmisst alle Vorhers und Nachhers der Basler Stadt- und Rheingeschichte. Durch die Großbaseler Altstadt mit ihren teuren Restaurants und Einkaufsmeilen geht es vorbei an der Schifflände, wo die Ausflugsschiffe mit dem Slogan "R(h)ein ins Vergnügen" werben, auf die Mittlere Brücke. Basels Brückenschlag über den Rhein wurde 1225 mit einer hölzernen Konstruktion begonnen und begründete die Karriere der Stadt als Handelszentrum, dem bald der Buchdruck, Erasmus von Rotterdam und die Reformation folgten. Ganz so weltoffen und liberal aber war Basel nicht immer, wie die kleine Kapelle "Käppelijoch" mitten auf der Brücke vermuten lässt: Hier wurden noch im 16. Jahrhundert Ehebrecherinnen oder vermeintliche Hexen gefesselt in den Rhein "geschwemmt". Einen Wickelfisch und eine mobile Strandkabine hatten sie nicht dabei.

Weiter nimmt die Acht ihren Weg durch Kleinbasel, zur Seite öffnet sich immer wieder ein Blick auf die Gassen des rechtsrheinischen Basels, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts schließlich zum Industriebasel wurde. Schon hinter dem Claraplatz, an dem das Tram links abbiegt und von nun an parallel zum Ufer fährt, sind die Straßen und Gassen nicht mehr verwinkelt, sondern schachbrettartig angelegt. Die Klybeckstraße mit ihren Seitenstraßen ist das gründerzeitliche Basel der Mietshäuser, Szene- und Armeleuteviertel zugleich.

So ging das, bis in den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts die Dreirosenbrücke, die nördlichste der Basler Rheinbrücken, gebaut wurde. Sie trennte das Stadtgebiet fortan vom Hafenareal, das auf dem Gelände des einstigen Fischerdorfes Kleinhüningen entstand. Nach dem Ersten Weltkrieg war die Wasserstraße Rhein stromaufwärts bis Basel verlängert worden – und Kleinhüningen, das Fischerdorf, verband die Industrie- und Handelsstadt fortan mit Rotterdam und der großen weiten Welt. Heute werden 18 Prozent des Schweizer Außenhandels über den "Port of Switzerland" abgewickelt. Eine Straßenbahn, zwei Welten. Bald werden es sogar drei: 2013 soll die Acht nach Weil am Rhein in Deutschland verlängert werden.

Die Baseler Riviera

Es werden immer mehr. Bald unterscheide ich die Orangen von den Nichtorangen. Die Orangen sind die mit dem Wickelfisch. Meist in Gruppen pilgern sie bedächtig die Kleinbasler Rheinpromenade, die sie die Riviera nennen, stromaufwärts. Die Nichtorangen sitzen auf den Stufen, die von der Promenade hinunter zum Wasser führen. Die Nichtorangen kennt man auch aus anderen Städten. Aus Paris, wo der "Paris Plage" 2001 zur Mutter aller Stadtstrände wurde. Oder aus Berlin, wo das "Strandbad Mitte" inzwischen fest in der Hand der Touristen ist. In Basel sind auch die Nichtorangen Basler, man hört es. Andächtig blicken sie auf das Konzertfloß, das fest im Rhein vertäut ist. In Basel ist mal wieder "Im Fluss", das Umsonst und Draußen Event des Sommers.

Bin ich jetzt ein Basler? Rasch die Schuhe ausgezogen, lässig werfe ich den Wickelfisch um die Schulter. Ich mische mich unter die Orangen und ordne mich dem Rivieratempo unter – und schon bin ich Teil des Basler Pilgerstroms. Meine Vorfreude ist groß. Immer mehr sind es, die im Rhein an mir vorbei in die Gegenrichtung treiben. Menschliches Treibgut im Fluss. Ein Sommervergnügen, dem sich, wie ich bald merke, ganze Familien hingeben.

Strandwärts geht es nun. Unterhalb der Mittleren Brücke trifft sich das Szenebasel an der "Kasernen-Buvette", es folgen die Restaurants am Oberen Rheinweg, dann die Wohnhäuser wie der "Rheinblick", hinter der Wettsteinbrücke dünnt Kleinbasel aus. Flacher wird das Ufer nun, es beginnt ein Kiesstrand, wie man ihn sonst von Gebirgsbächen kennt. Vielleicht auch deshalb heißt das organisierte Rheinbaden, das jedes Jahr im August stattfindet, "dr Bach ab", den Bach hinab.

Hinter der Wettsteinbrücke sind die Orangen in der Mehrheit, die Bikini und Badehosen-Orangen. Ob ich in Jeans und T-Shirt komisch ausschaue? Ein älterer Herr beruhigt mich. "In Basel können sie rumlaufen, wie sie wollen. Sie dürfen am Strand Jeans anhaben und auf dem Marktplatz einen Bikini." Eine Stadt, in der Badekleidung zum Dresscode gehört – was für ein Alleinstellungsmerkmal. Und was für ein Trotz gegen den Trend. Wo die Städte immer gleichförmiger werden, feiert Basel seine schrullig-schräge Lokalkultur.

Die neue Rheininsel

Nein, sagt Marc Keller, hier darf man nicht baden. "An der Dreirosenbrücke beginnt der Hafen, da gelten andere Gesetze." Fast klingt es so, als wären das zwei paar Schuhe: Basel und der Hafen. Als hätten sich beide voneinander abgewandt, als sei der Gesprächsfaden gerissen, seitdem die Industrie, zu dem ja auch der Hafen gehört, den Rhein erst domestiziert und dann verseucht hat.

Marc Keller und seine Behörde haben den Gesprächsfaden wieder aufgenommen. Der 44-Jährige ist Sprecher des Bau- und Verkehrsdepartements des Kantons Basel-Stadt und zeigt mir in Kleinhüningen das Modell des neuen Alleinstellungsmerkmals Basels, dem die Architekturzeitschrift Hochparterre bereits das Label "Rheinhattan" verpasst hat.

"Bisher gehört die Uferstraße zum Hafen, doch das wird sich bald ändern". Weit beugt sich der Behördensprecher über ein Stadtmodell, das im Parterre des Bürokomplexes Uferstraße 90 ausgestellt ist. Anstelle der Hafenbahn soll bald wieder der einst zugeschüttete Arm des Alten Rheins entstehen – und die Uferstraße läge auf der "neuen Rheininsel", die das Herz der Planer höher schlagen lässt. "Das wird das größte Stadtentwicklungsprojekt Basels der vergangenen Jahrzehnte sein", verspricht Keller.

Allerdings auch eines der schwierigsten. Noch gehört das Gelände dem Hafen. Der Hafen boomt. Will wachsen. "Ohne Ausgleich wird der Hafen keine Flächen hergeben", weiß Keller. Doch der Durchbruch ist wohl geschafft. Nahe der Autobahn könnte ein neues, ungleich größeres Hafenbecken entstehen. "Ein trimodularer Hafen", sagt Keller, "mit Containerumschlag vom Schiff auf die Bahn und auf die LKW." Die Bahn, der das neue Gelände gehört, hat bereits Zustimmung signalisiert. Der Weg für die Rheininsel scheint frei.

Die Schweizer und das Wasser



Übers Baden dichtete einst Bertolt Brecht: "Im Sommer, wenn die Winde oben nur in dem Laub der großen Bäume sausen, muss man in den Flüssen leben oder Teichen." Vom Schwimmen in Seen und Teichen nannte Brecht sein Gedicht und befand sich damit in einer Art Traditionslinie, die schon Friedrich Schiller faszinierte als er seinen Wilhelm Tell rufen lässt: "Es lächelt der See, er ladet zum Bade".

Vor allem in der Schweiz hat das Baden in Teichen und Seen Tradition, und auch das Baden in den Flüssen. Zürich zum Beispiel kann fünf Flussbäder sein eigen nennen, mit insgesamt 40 Badeanstalten ist die Schweizer Wirtschaftsmetropole die Großstadt mit der höchsten Dichte an Bädern. In Bern lädt das "Badi Marzili" zum Schwimmen in die Aare, zumindest offiziell. Inoffiziell wird im Sommer der ganze Fluss zur Badeanstalt, dann rauschen Tausende in atemberaubender Geschwindigkeit an der Ufern der Schweizer Hauptstadt vorbei. Ganz offensichtlich gehören die Schweizer zu jenen Völkchen, die mangels eigenen Meers, ihr Verhältnis zum kühlenden Nass besonders innig pflegen.

Ganz besonders innig ist dieses Verhältnis in Basel und am Rhein, der "Basler Küste", wie die Basler Zeitung das Kleinbasler Rheinufer nennt. Lange aber währt die Tradition an dieser Schweizer Nabelschnur zur Nordsee noch nicht. "Es ist heute kaum mehr vorstellbar, dass dieses Vergnügen bis ins 18. Jahrhundert verboten war", heiß es im Basler Stadtblog Uferlos. "Nicht etwa, weil es damals des reißenden, noch nirgendwo gestauten Stroms wegen noch ziemlich gefährlich war, sich in die Fluten zu stürzen, sondern weil es – spätestens seit der Reformation, unter dem sittenstrengen Regime der Zünfte – unvorstellbar war, sich im Freien unbekleidet zu zeigen, genauso wie öffentlich sichtbar zum reinen Vergnügen zu baden."

Die erste offizielle Rheinbadeanstalt in Basel wurde 1831 eingeweiht. 1847 folgte bereits die zweite. In diesen "Rhybadhysli" wurde, streng getrennt nach Damen und Herren, noch in Unterwäsche gebadet. Ende des 19. Jahrhunderts folgte dem Baden die Bademode, doch es sollte noch bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts dauern, bis die Baseler Behörden das Zurschaustellen jener Mode im Stadtraum nicht unter Strafe stellte. Doch da wollte schon keiner mehr baden im stinkenden und blubbernden Rhein.

Brecht, Schiller, Basler Bademode: Ich habe das alles gelesen, als sich der ICE der Schweizer Grenze näherte. Soll ich, oder soll ich nicht? Aus der Ferne betrachtet, war die Sache klar. Lieber ein gutes Foto als selbst ein – womöglich lächerliches – Fotomotiv.

Dreiland

Von Kleinhüningen und dem Hafen in Basel ist es nicht mehr weit nach Frankreich und Deutschland.Von Kleinhüningen und dem Hafen in Basel ist es nicht mehr weit nach Frankreich und Deutschland. (© Inka Schwand)
Marc Keller kann sich gar nicht so weit übers Modell bücken, so weit geht sein Blick jetzt. "Die erste Testplanung für die Rheininsel war ein Basler Projekt", betont er. Den Anstoß hatten zwei Architektinnen aus Stuttgart gegeben, die in ihrer Masterarbeit Basel Waterfront erstmals von der neuen Rheininsel gesprochen hatten, die Anfang des 20. Jahrhunderts dem Hafenbau zum Opfer gefallen war.

"Bald schon haben wir gemerkt, dass wir als Basel alleine da nicht weiter kommen". Marc Keller wäre froh, wenn er nun einen Zeigestock hätte. "Da drüben", sagt er, und deutet über das Rheinufer, "könnte in Huningue ein neuer Stadtteil entstehen." Und dann sind da noch die Deutschen, die in Basel bereits den Badischen Bahnhof betreiben. "Weil am Rhein hat noch immer keinen richtigen Zugang zum Fluss." Auch das ließe sich ändern, wenn die Rheininsel zu einer trinationalen Planung gehörte, wie sie das Architektenteam MVRDV/Cabane/Josephy 2011 unter dem Namen "3Land" vorgeschlagen hat.

Think Big, das wäre nicht nur nach dem Geschmack der Investoren. Am Rhein in Basel gäbe es dann nicht nur die schrullig-schräge Lokalkultur des Rheinbadens, sondern auch ein Central-Business-District. Rheinhattan: Ein bisschen haben es die Basler noch immer nicht verwunden, dass ihnen Genf den zweiten Rang nach Zürich abgelaufen hat. Mit der Rheininsel könnte sich Basel dann mit den anderen Städtebauprojekten am Fluss messen: Der Hafencity in Hamburg, dem Innenhafen in Duisburg oder dem Medienhafen in Düsseldorf.


Zum Weiterlesen

Der Rhein

  • Lucien Febvre: Der Rhein und seine Geschichte. Campus Verlag (2006): Der Klassiker der Rheinliteratur. Febvre beschreibt den Rhein erstmals aus einer übernationalen Perspektive. "Lucien Febvre ist der Aufklärung verpflichtet." (Die Zeit)

  • Horst Johannes Tümmers: Der Rhein. Ein europäischer Fluss und seine Geschichte. Beck Verlag München (1994). Tümmers hat sich die Geschichte des Stromes zu Fuß erlaufen. Noch immer ein Standardwerk. "Ein generalistisches, im besten Sinne gelehrtes, informatives und nicht zuletzt aufrüttelndes Buch." (Sehepunkte)

  • Gertrude Cepl-Kaufmann/Antje Johanning: Mythos Rhein. Kulturgeschichte eines Stromes. Primus Verlag (2003). Die Geschichte des Rheins als literarische Geschichte. "Ein origineller Ansatz zu einer Kulturgeschichte." (NZZ)

  • Karen Denni: Rheinüberschreitungen. Grenzüberwindungen. UVK-Verlag (2008). Karen Denni schreibt die Geschichte der Brücken zwischen Straßburg und Kehl und mit ihr ein Stück deutsch-französische Geschichte.