Dossierbild Geschichte im Fluss
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Ein versunkenes Paradies


30.4.2013
Die Ada Kaleh war eine Insel in der Donau, auf der Christen und Moslems friedlich zusammenlebten. Sie lag am Eisernen Tor an der Grenze zwischen Serbien und Rumänien, war aber bis 1912 eine Exklave des Osmanischen Reiches. Als Rumänien und Jugoslawien 1968 den Djerdap-Stausee und das Kraftwerk am Eisernen Tor bauten, verschwand die Insel in den Fluten der Donau.

Der Basar auf der Ada KalehDer Basar auf der Ada Kaleh (© Wikimedia)

Der Geruch des Orients



Durch die Ornamente am Fenster, die die Worte Ada Kaleh umrahmen, fallen die Strahlen der Novembersonne und beleuchten einen großen Raum, in dem jedes Detail Orient atmet – die geschnitzten Stühle, die niedrigen Tische, die Fliesen mit Arabesken auf dem Boden, die Kronleuchter. Die Luft ist schwer, abgestanden, man fühlt, dass der Raum lange nicht gelüftet wurde. Emil Popesku bringt den Kaffee und gießt ihn in die Mokka-Tasse. Ein Geruch verbreitet sich, den ich kenne, der Geruch von Kaffee, der aus Bohnen gekocht wurde, die jemand selbst geröstet und in einer Handmühle gemahlen hat.

Ich habe ihn lange nicht mehr gerochen, aber ich habe ihn nach vierzig Jahren immer noch in der Nase. Ich war sieben Jahre alt, als meine Tante mich auf den Markt von Višegrad zu Besuch bei befreundeten Muslimen mitnahm. Zu Türken, wie man, damals ohne Boshaftigkeit, in den serbischen Dörfern sagte, wenn man von der anderen Seite der Donau sprach. Damals habe ich zum ersten Mal den Orient geschmeckt. Seitdem ist er in mir, dieser Geschmack. Er treibt mich dazu, ihn zu suchen, egal wo ich bin.

Das Café von Emil Popesku



Von Gerüchen spricht auch Emil Popesku: "Als ich hörte, dass mit dem Bau des Staudamms die Insel untergehen würde, wollte ich wenigstens etwas von dem retten, was uns Leute aus Turnu Severin mit diesem Ort verbindet. Ich habe nicht auf der Insel gelebt, aber als Kind bin ich oft dort gewesen, auch als junger Mann. Ich weiß es noch, als wäre es gestern gewesen: Die Ada Kaleh war ein Korb voller Blumen in der Donau, Rosen, Feigen, Trauben, Oliven, Leute."

Popesku setzt sich. "Ich hatte dort viele Freunde, ich wollte ihnen helfen, damit sie, wenn sie sie die Insel verlassen müssen, wissen wohin. Und auch, dass sie dann tun können, was sie dort getan haben. Sie stellten Lokum her, also türkischen Honig, Marmelade aus Rosen, und diesen Kaffee. Das letzte Mal führte ich meinen Sohn dorthin, als er vier Jahre alt war. Er sagt bis heute, dass er sich an alles erinnert."

Das Café in Turnu Severin, der rumänischen Donau- und Grenzstadt zu Serbien, hat Popesku 1968 eröffnet, dem Jahr, in dem der Staudamm gebaut und die Leute auf der Insel umgesiedelt wurden. Ihr zu Ehren hat er sein Café Ada Kaleh genannt. Auch sein Café ist nicht mehr da, wo es einmal war. "Das alte Café war irgendwie schöner, aber sie haben das Haus und noch ein paar andere zerstört, als sie den Springbrunnen im Stadtzentrum gebaut haben, diesen großen aus Metall. Danach bin ich hierher umgezogen. Vier Jahre lang habe ich es eingerichtet, mich um jedes Detail gekümmert."

Während er erzählt, zündet sich Emil eine Zigarette an und ascht in eine große, rostige Dschezva, den kleinen Topf, in dem normalerweise türkischer Kaffee gekocht wird. "Diese Dschezva", erklärt er, "benutze ich nicht mehr, aber damals wurden in ihr zehn Kaffees auf einmal gekocht. In mein Café kamen ganz unterschiedliche Gäste, sowohl wegen des Kaffees als auch wegen der Süßigkeiten und wegen alles anderen auch. Manchmal kam ein ganzer Autobus Arbeiter direkt aus der Fabrik, aber auch die Reicheren kamen, zwei Präsidenten Rumäniens waren hier, als sie Turnu Severin besuchten."

Im Café, erzählt Emil, hätten seine Freunde von der Insel gearbeitet – in türkischer Tracht, mit Fes auf dem Kopf. Dann begann das Geschäft schlechter zu laufen. "2009 habe ich schließlich zugemacht. Ich glaube nicht, dass ich wieder anfangen werde, jetzt gibt es neue Gesetze. Wenn du Kuchen machen willst, brauchst du eine Erlaubnis zur Herstellung, viele Genehmigungen. Viele Türken sind gegangen, es gibt nur noch ein paar in der Stadt, sie sind alt und krank wie ich. Die jungen suchen heute andere Dinge, sie trinken Espresso oder Nescafé. Wer trinkt schon türkischen Kaffee?"

Eine Insel, viele Namen



Die Festung auf der Ada KalehDie Festung auf der Ada Kaleh (© Wikimedia)
Doch noch vor dem Café verschwand die Insel, die ihm den Namen gegeben hatte. Das war zwei Jahre nachdem Emil Popesku sein Café eröffnet hatte. 1970 überflutete die Donau die 1.750 Meter lange, kaum einen halben Kilometer breite Insel, auf der sich Legenden und Geschichte für viele Generationen gesammelt hatten. Die Überlieferung besagt, dass eben dort, auf diesem Fleckchen Erde mitten in der Donau, wo das Klima so mild ist wie das ihrer Heimat weit im Süden, die Argonauten rasteten und das erste Mal Oliven sahen. Die nahmen sie von der Ada Kaleh mit in die antike Welt.

Reich an Geschichte war die Ada Kaleh schon allein wegen ihrer Lage. Wer ihr Herr war, beherrschte den unteren Lauf der Donau: Die Ada Kaleh war der Eingang zur Fahrt durch das Eiserne Tor. Erzählungen aus alten Zeiten berichten, dass der römische Kaiser Trajan an eben dieser Stelle seine Legionen über den Fluss setzte, als er in den Krieg gegen die Daker zog. Er hatte seine Boote so miteinander verbunden, dass eine Brücke entstand, mit der Insel in der Mitte. An der selben Stelle überquerten die Mongolen die zugefrorene Donau bei ihrem schrecklichen Zug nach Westen. Nach ihnen zogen durch die Jahrhunderte Westgoten, Hunnen, Slawen, Ungarn, Österreicher, Serben und Türken vorbei. Den längsten Kampf um die Kontrolle über die Ada Kaleh führten die Türkei und Österreich – er dauerte mehr als fünfhundert Jahre.

Auch der Name der Insel änderte sich. Lange hieß sie Sa’an, die Herkunft dieser Bezeichnung verliert sich irgendwo im Nebel der Geschichte. Später war sie als Karolina bekannt, nach der gleichnamigen österreichischen Festung, oder Neu Orschawa nach der Stadt Orschowa am rumänischen Flussufer. Manchmal hieß sie, in einer Mischung aus Arabisch, Persisch und Türkisch, auch Ada-i Kebir, die Große Insel. Den Namen Ada Kaleh, der so viel bedeutet wie befestigte Insel, erhielt sie nach dem Bau der großen türkischen Festung. Unter diesem Name sollte sie auch in der Donau versinken.

Befestigungen gab es auf ihr schon lange, noch von den Römern, aber die letzte, die größte Festung begannen die Österreicher zu bauen. 1689 war das, 1717 wurde sie fertig gestellt. Felix Philipp Kanitz, ein österreichischer Naturforscher, Archäologe und Völkerkundler, notierte, dass es auf der Insel "eine Kaserne, ein Krankenhaus, eine Kirche und einen Tunnel unter der Donau zum serbischen Flussufer" gab. Dieser führte zur Uferfestung, "die vom österreichischen Zoll Fort Elisabeth genannte wurde".

Um die Insel wurden zahlreiche Schlachten geschlagen, mehrmals nahmen Österreicher und Türken sie sich gegenseitig weg. Das erste, was jeder Sieger unternahm, war die Markierung des Territoriums durch eine Gebetsstätte. Als die Türken 1738 die Ada Kaleh eroberten, machten sie aus dem Gebäude der österreichischen Militärkommandantur eine Moschee. Die Österreicher besetzten die Insel erneut im Frühjahr 1790 und wandelten die Moschee in ein Franziskanerkloster um. Aber nach nur einem Jahr wurde die Ada Kaleh im Friedensvertrag den Türken zurück gegeben, die das Kloster routiniert in eine Moschee zurückverwandelten. Doch die Zeit der türkischen Herrschaft ging langsam zu Ende. Als 1867 die letzten sechs türkischen Festungen auf friedlichem Wege den Serben übergeben wurden, verlor die Ada Kaleh ihre Bedeutung für die Großmächte. Fortan war sie ein völkerrechtliche Skurrilität. Die Verwaltung der Insel übernahm Österreich-Ungarn, wobei die Insulaner offiziell Bewohner des Osmanischen Reichs blieben. Sie waren jedoch von Zoll und Militärdienst befreit.

Multikulti auf der Donau



An der Donau, dieser ewigen Grenze zwischen den Welten, köchelte schon immer eine dickflüssige Mischung von Völkern und Religionen. Einen Trennungsstrich zu ziehen war da schwer. Erst recht auf der Ada Kaleh, die nach dem Ersten Weltkrieg noch einmal aufblühte. Sie hatte die schwere Last, immer wieder Kriegsbeute gewesen zu sein, von sich geschüttelt. Nach 1918 entschieden die Einwohner dafür, sich Rumänien anzuschließen. Im Frieden begann das Goldene Zeitalter der Ada Kaleh.

Noch immer wirkte die Insel wie ein vergessener Teil der Türkei in Europa, doch nicht nur Türken hatten sich dort angesiedelt. Im Dokumentarfilm Geschichten von der Ada Kaleh des Regisseurs Ismet Arasan erinnern sich in der Türkei verstreut lebende Bewohner der Insel, dass die Leute von überall herkamen, einige auch als Exilanten, Flüchtlinge und Abenteurer verschiedener Religionen und Nationen. Sie erzählen, dass sie zusammen lebten, sich vermischten, dass es nicht unüblich war, dass eine Jüdin einen Imam beerdigte oder ein Muslim einen orthodoxen Priester. An Hidrelez, einem muslimischen Feiertag, der auf Serbisch Djurdjevdan heißt, hatten alle frei. Die Insulaner waren wie eine Familie, sie achteten sich gegenseitig, trugen die selbe Kleidung, vor allem die traditionell türkische. Jeden Abend wurde getrunken, meist einheimischer Schnaps aus Maulbeeren, beim Schlafen wurden die Türen offen gelassen. Niemand konnte sich erinnern, dass jemals Diebstahl oder Streit verzeichnet worden wäre.

1931 besuchte der rumänische König Carol II. die Insel. Er trank Kaffee aus der Schale, aus der auch sein Vater getrunken hatte, hörte sich unter Gelächter die Legende an, nach der vor Zeiten jemand auf der Insel vorhergesagt haben soll, dass in eben diesem Jahr ein Herrscher auf die Insel kommen sollte, der den Inselbewohnern ihre Privilegien zurückgeben würde und sie zudem vom Zoll für die Einfuhr von Tabak und vier Waggons voller Zucker befreien würde und von der Steuer auf Souvenirs. Auf der Insel gab es eine Zigarrenfabrik, von deren Zigarren es hieß, sie könnten mit kubanischen konkurrieren. Sowohl Mitglieder der englischen Königsfamilie rauchten sie als auch der rumänische König selbst.

Jedes Jahr kamen zehntausende Touristen, um durch die schmalen, gepflasterten Gassen zu streifen, Ratluk mit Haselnüssen, Feigen- und Rosenmarmelade zu genießen, Halva, Wasserpfeifen. Auf einigen Schwarzweiß-Fotografien sieht man eine Fußballmannschaft, von der Kleidung her könnte es sich um die Fünfzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts handeln. Hinter dem Spielfeld schimmert die Donau. Manche sagen, das größte Problem sei gewesen, dass der Ball oft in den Fluss fiel und dass Zuschauer oder Spieler ihm hinterher schwimmen mussten.



 
Zum Weiterlesen

Die Donau

  • Claudio Magris: Die Donau. Biografie eines Flusses. Zsolnay Verlag (1996). Eine intellektuelle Reise durch die Geistesgeschichte an der Donau von der Quelle bis zur Mündung. Der Klassiker unter den Flussgeschichten.

  • Michael W. Weithmann: Die Donau. Geschichte eines europäischen Flusses. Böhlau Verlag (2012). Eine fundierte Geschichte des Donauraums von der Antike bis zur Gegenwart. "Die wohl beste Neuerscheinung der letzten Jahre zur Geschichte und Gegenwart des Donauraums." (Siebenbürger Zeitung)

  • Frank Gauditz: Warten auf Europa. Begegnungen an der Donau. Deutsches Kulturforum östliches Europa (2006). Der Fotograf Frank Gauditz reiste die Donau entlang und legt ein biografisches Porträt der Donau am Beispiel ihrer Menschen vor.

  • Christian Fridrich (Hg.): Europa Erlesen. Donau. Wieser Verlag (2012). Auch der Wieser-Verlag hat sich der Donau angenommen. Auf mehr als 600 Seiten bietet die Anthologie bekannte und unbekannte Texte über die Donau.

  • Michal Hvorecky: Tod auf der Donau. Tropen Verlag (2010). Der Thriller des slowakischen Autors spielt auf einem Kreuzfahrtsschiff auf einer Fahrt von Regensburg zum Schwarzen Meer. "Porträt und Chronik eines paneuropäischen Flusses" (Frankfurter Allgemeine Zeitung)