Dossierbild Geschichte im Fluss
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Donauland Bosnien


30.4.2013
1914 wurde der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand an der Miljacka in Sarajewo erschossen. Die Miljacka mündet in die Bosna, diese über die Save in die Donau. Das ist der Grund, warum sich Bosnien bis heute eher Mitteleuropa zugehörig fühlt und weniger dem Adriatischen Meer. Ganz anders sieht es in der Herzegowina aus.

Die Miljacka in Sarajewo. Hier wurde Österreichs Thronfolger Franz Ferdinand 1914 ermordet. Die Milkjacka verbindet Bosnien mit der DonauDie Miljacka in Sarajewo. Hier wurde Österreichs Thronfolger Franz Ferdinand 1914 ermordet. Die Milkjacka verbindet Bosnien mit der Donau (© Inka Schwand)

Bosnien und der Balkan



In einem der besten Bücher über die Donau erwähnt Claudio Magris Bosnien und mit ihm Sarajewo gleich zwei Mal. Das erste Mal, als er auf das Attentat von Sarajewo zu sprechen kommt. Mit der Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand, schreibt Magris, habe Sarajewo Geschichte geschrieben: "In diesen wenigen Augenblicken haben sich die Pistolenschüsse gelöst; hat Europa Selbstmord begangen."

An anderer Stelle, die Donau hat in Magris' Buch gerade Bratislava erreicht, erinnert sich Magris an den slowakischen Autor Ladislav Novomeský und eines seiner Gedichte, das von Friedhöfen handelt. "In vielen Dörfern zwischen den Bergen sind die Friedhöfe nicht abgegrenzt", schreibt Magris, "oder höchstens so, dass man die Umfriedung kaum bemerkt; sie sind offen und dehnen sich über grasbewachsene Wiesenlandschaften aus. (…) Diese epische Vertrautheit mit dem Tod – man findet sie übrigens in Bosnien bei den moslemischen Grabstellen wieder, die einfach im Garten vor dem Haus angelegt werden, während unsere Welt immer neurotischer den Tod zu verdrängen sucht – beweist ein rechtes Maß, ein Gefühl für das Verhältnis zwischen dem Individuum und den Generationen, der Erde, der Natur, den Elementen, aus denen sie sich zusammensetzt."

Den größten Teil der 20. Jahrhunderts waren Bosnien und die Herzegowina ein Teil Jugoslawiens, zuerst des Königreichs, dann der sozialistischen Föderation. Eines der Identitätsmerkmale Jugoslawiens war seine Zugehörigkeit zu drei großen Zivilisationen: der balkanischen, der mediterranen und der mitteleuropäischen.

Der balkanische Einfluss ist der dominante – aber auch derjenige, der in der öffentlichen Wahrnehmung negativ besetzt ist. Dieses balkanische Element ist auch das, was an Bosnien-Herzegowina nach dem Zerfall Jugoslawiens haften blieb. Seine Verbindungen zum Mittelmeer und zu Mitteleuropa sind hingegen in Vergessenheit geraten.

Vergessene Geografie



Ganz anders dagegen sah man Jugoslawien. Immer war der Staat der Südslawen mit der Adria verbunden und, über die Save und die Donau, mit Mitteleuropa. Für Bosnien-Herzegowina scheint das freilich nicht zu gelten, obwohl es bei Neum ein Gebiet besitzt, das sich auf einer Länge von etwas mehr als zwanzig Kilometern bis zum Adriatischen Meer erstreckt. Dennoch ist seine Zugehörigkeit zum mediterranen Raum in der Welt weit weniger bekannt als die Montenegros, Sloweniens und insbesondere Kroatiens.

Gleiches gilt für die Donau. In einer strengen geografischen Wahrnehmung fließt die Donau durch Kroatien und Serbien und verbindet diese mit Mitteleuropa. Und dennoch gehören Bosnien und auch die Herzegowina nicht nur zum Balkan und zum Mittelmeer. Sie sind auch fest mit der Donau und Mitteleuropa verbunden.

Die beiden zitierten Stellen aus Magris' Buch Donau. Biographie eines Flusses sind in mehrfacher Hinsicht aufschlussreich. Historisch und kulturgeschichtlich haben die vierzig Jahre, in denen Bosnien und die Herzegowina von 1878 bis 1918 Teil der Österreichisch-Ungarischen Monarchie waren, die Städte Sarajewo und Mostar Mitteleuropa einverleibt. Das gilt auch, obwohl es sich in den ersten drei Jahrzehnten um eine Besetzung handelte; erst im letzten Jahrzehnt, als Bosnien-Herzegowina von Österreich-Ungarn annektiert wurde, wurde es nicht nur de facto, sondern auch de jure Teil des Reichs. Das Attentat von Sarajewo markierte nicht nur das Ende dieser Zugehörigkeit, es bedeutete auch das Ende der österreichisch-ungarischen Donaumonarchie.

Was aber hat es mit den bosnisch-muslimischen Friedhöfen auf sich, die Magris erwähnt? In den Jahrhunderten bevor Österreich-Ungarn Bosnien und die Herzegowina besetzte, hatte sich das Osmanische Reich, an dessen Seite auch die bosnischen Muslime kämpften, in Richtung Mitteleuropa ausgedehnt. Mehrmals standen die Türken sogar vor Wien. Die Friedhöfe sind auch deshalb Teil des kollektiven Gedächtnisses, sie künden vom Hin und Her der Kulturen in Mitteleuropa und auf dem Balkan.
In der osmanischen Altstadt von Sarajewo.In der osmanischen Altstadt von Sarajewo. (© Inka Schwand)

Erste Begegnung mit der Donau



Meine erste und wohl auch ein wenig sentimentale Vorstellung von der Verbindung Bosniens mit der Donau stammt aus meiner frühen Kindheit. Durch meine Geburtsstadt Travnik fließt der Fluss Lašva. Auf halbem Weg zwischen Travnik und Sarajewo mündet die Lašva in den Fluss Bosna. Als Kind bin ich oft mit den Eltern nach Sarajewo gefahren. Die Mündung der Lašva in die Bosna liegt am Weg, und man sieht sie gut durch die Autoscheiben. Ich war wohl vier oder fünf Jahre alt, ich ging noch nicht zur Schule, als ich begann, meinen Eltern diese Frage zu stellen: Wenn die Lašva in die Bosna fließt, was wird dann mit der Bosna, wohin fließt sie? Die Antwort war: In den Fluss Save. Und was passiert mit dem Fluss Save? Der fließt in den Fluss Donau. Und was wird mit dem Fluss Donau? Na, der fließt ins Schwarze Meer.

Damals hatte ich natürlich noch keine Vorstellung von jenem Unterschied, den zum Beispiel die französische Sprache macht. Jene Flüsse, die sich in einen anderen Fluss ergießen, heißen rivière. Die aber, die ins Meer strömen, heißen fleuve. Gleichwohl war mir bewusst, dass die Donau irgendwie älter und wichtiger als die anderen Flüsse war, dass sie, wenn sie ins Meer mündet, in ihr das Wasser der Lašva und der Bosna und der Save und anderer mächtiger Flüsse trägt. Durch Sarajewo etwa fließt der Fluss Miljacka, und als mir als Junge erklärt wurde, dass der Fluss Miljacka ebenfalls in den Fluss Bosna fließt, war mir sofort klar, dass auch die Miljacka letztlich in der Donau endet.

Bosniens Flüsse



Nach Sarajewo fuhren wir mehrmals jährlich. Ans Meer dagegen nur einmal im Jahr, im Sommer. Meer, das bedeutete in einer jugoslawischen Kindheit das Adriatische Meer, und der Weg führte uns durch Städtchen wie Donji Vakuf und Bugojno, durch die der Fluss Vrbas fließt. Auf die Frage, wo der Vrbas mündet, war die Antwort: in die Save, und ich wusste – am Ende ist wieder die Donau.

Auf der geografischen Karte Bosniens und Herzegowinas enden vier etwas gewundene blaue Vertikalen in einer ebenfalls etwas gewundenen Horizontalen. Die vier Vertikalen sind (von West nach Ost gesehen) die Flüsse Una, Vrbas, Bosna und Drina, während die Horizontale die Save darstellt. Der Schriftsteller Branko Ćopić, irgendwo zwischen Una und Vrbas geboren, schrieb das wunderbare Gedicht Die bosnischen Läufer:

Jeden Tag, ob klar oder düster
läuft mein Wasser ein Rennen durch Bosnien.
Vier Pfade, jeder gewunden,
für jeden Läufer. Wer wird zuerst da sein?

Auf dem ersten Pfad die Jungfrau Una,
ewig jung, bekannt für ihre Aufmüpfigkeit,
ein geschmücktes Mädchen aus Martin Brod,
ihr Schmuck glänzt, grünes Wasser.
Sie hat Anlauf genommen von den Höhen der Lika
von den steilen Felsen des Wasserfalls von Štrbci.

Einen Pfad darunter rennt dröhnend
ein fröhlicher Bursche, kühn und laut,
der stolze Vrbas, lässigen Gangs,
der Bergsteiger Vrbas, eisiges Wasser,
unter seiner Kraft zerspringen die Felsen,
auf dem Grund flimmern goldene Perlen.

Auf dem dritten Pfad blitzt sonnig
die brausende Bosna aus Sarajewo,
ihre Augen brennen, Morgentau,
im Schaum erscheinen grüne Haare.
Sie dreht sich, tanzt, eilt durch Berge,
unruhig, rein und stolz.

Auf dem letzten Pfad zerreiben die Hindernisse
eine schwarze Jungfrau, Hochland-Blut,
mit steinigen Ufern, düsteren Weiten,
ewig traurig, die frostige Drina.
Mit Getöse stürzt sie ab, sie singt nichts,
eilt frenetisch über das Schlachtfeld.

Am Endziel, am blauen Morgen,
nimmt die verschlafene Save die Läufer auf.




 
Zum Weiterlesen

Die Donau

  • Claudio Magris: Die Donau. Biografie eines Flusses. Zsolnay Verlag (1996). Eine intellektuelle Reise durch die Geistesgeschichte an der Donau von der Quelle bis zur Mündung. Der Klassiker unter den Flussgeschichten.

  • Michael W. Weithmann: Die Donau. Geschichte eines europäischen Flusses. Böhlau Verlag (2012). Eine fundierte Geschichte des Donauraums von der Antike bis zur Gegenwart. "Die wohl beste Neuerscheinung der letzten Jahre zur Geschichte und Gegenwart des Donauraums." (Siebenbürger Zeitung)

  • Frank Gauditz: Warten auf Europa. Begegnungen an der Donau. Deutsches Kulturforum östliches Europa (2006). Der Fotograf Frank Gauditz reiste die Donau entlang und legt ein biografisches Porträt der Donau am Beispiel ihrer Menschen vor.

  • Christian Fridrich (Hg.): Europa Erlesen. Donau. Wieser Verlag (2012). Auch der Wieser-Verlag hat sich der Donau angenommen. Auf mehr als 600 Seiten bietet die Anthologie bekannte und unbekannte Texte über die Donau.

  • Michal Hvorecky: Tod auf der Donau. Tropen Verlag (2010). Der Thriller des slowakischen Autors spielt auf einem Kreuzfahrtsschiff auf einer Fahrt von Regensburg zum Schwarzen Meer. "Porträt und Chronik eines paneuropäischen Flusses" (Frankfurter Allgemeine Zeitung)