Dossierbild Geschichte im Fluss
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Vukovar und die Serben


30.4.2013
Die Belagerung des kroatischen Vukovar war der Anfang vom Ende Jugoslawiens. Im kollektiven Gedächtnis der Serben ist die Stadt an der Donau bis heute ein weißer Fleck.

Der zerschossene Wasserturm ist das Wahrzeichen des Krieges in Vukovar.Der zerschossene Wasserturm ist das Wahrzeichen des Krieges in Vukovar. (© Inka Schwand)

Erinnerungen an Wasser



Meine frühesten Erinnerungen sind mit Wasser verbunden. Das Wasser ist das Element meiner Vergangenheit. Immer wieder spült es Bilder hervor. Ich bin vier Jahre alt. Ich stehe auf dem Deck eines Schiffes im Belgrader Hafen. Mein Vater, Offizier der jugoslawischen Kriegsmarine, steht neben mir. Dieses Boot, den Monitor Sava, Teil der Kriegsentschädigung, die Jugoslawien nach dem Zweiten Weltkrieg erhalten hatte, habe ich zum letzten Mal Anfang der neunziger Jahre auf dem Schiffsfriedhof an der Donau in Neu-Belgrad gesehen.

Damals spazierte ich mit meinem sechsjährigen Sohn auf der üblichen Route vom Museum der Modernen Kunst bis nach Zemun. An einer Stelle muss man einen Umweg nehmen. Dort befindet sich militärisches Sperrgebiet. Doch der Posten ließ uns passieren. Wir gingen an den vor Anker liegenden Schiffen vorbei. Laut lasen wir einander ihre Namen vor. Plötzlich, inmitten dieser vor sich hin rostenden Eisenkörper, erblickte ich einen Bug mit der Aufschrift: Sava. Für einen Augenblick sah ich den Flussmonitor wieder, wie er die Donau entlang glitt. Ich rief mir die Namen der Häfen in Erinnerung, in denen mein Vater weilte, wenn er in den fünfziger Jahren mal wieder unterwegs war: Kladovo, Smederevo, Pančevo, Novi Sad, Apatin, Vukovar.

Vukovar und das Ende Jugoslawiens



Die letzte Stadt in dieser Reihe gibt es so nicht mehr. Auch meine Erinnerung bringt nur Ruinen hervor. Es sind Bilder aus Zeitungen und Fernsehbilder. Sie zeigen das Grauen auf den Gesichtern der Überlebenden nach der drei Monate langen Belagerung durch das jugoslawische Heer und die serbischen paramilitärischen Einheiten. Damals hieß es, Vukovar sei befreit worden. Ein Absurdum der serbischen Kriegspropaganda.

Heute frage ich mich: Was war da befreit worden? Von wem wurde es befreit? Wer waren die Befreier? Wer die Befreiten?

Ich spreche aus der Perspektive einer Person, die in Jugoslawien geboren und aufgewachsen ist. Die nie Mitglied der Kommunistischen Partei war, aber auch kein aktiver Oppositioneller. Im Grunde genommen erschöpfte sich mein ganzes Engagement, mein ganzes jugendliches Opponieren in ironischen Kommentaren zum Regime Titos und dem sozialistischen Block. Die Ironie rührte auch daher, das man mit dem jugoslawischen Reisepass ohne Visa sowohl in den Westen als auch in den Osten reisen konnte. Wir kannten damals beide Seiten der Medaille.

Ende der fünfziger Jahre tauschte mein Vater die Donau gegen das Adriatische Meer. Unsere Familie zog von Belgrad nach Pula um. Ich habe auf Serbisch sprechen gelernt und wurde in Kroatien eingeschult. Aber das spielte keine Rolle. Im Grunde war es ein- und dieselbe Sprache, Serbokroatisch oder Kroatoserbisch.
Denkmal in Vukovar: Der Krieg ist in der Donaustadt noch präsent.Denkmal in Vukovar: Der Krieg ist in der Donaustadt noch präsent. (© Inka Schwand)

Den Zerfall Jugoslawiens habe ich nicht als eine territoriale Ausgrenzung erlebt. Menschen, zumindest die meisten von ihnen, sind keine Viehherden, die man, nur weil es einer befiehlt, einzäunen kann. Die menschliche Existenz ist viel mehr als Nation, als Hymne, Flagge oder Reisepass.

Was hat das mit Vukovar zu tun? Aus der Perspektive der in Vukovar "Befreiten" wäre es geschmacklos, über die eigenen Widersprüche zu reden, die ich damals durchlebte. Über all die Jahre des Krieges gab es drei Seiten: zwei, die gegeneinander Krieg führten, und eine, eine angeblich neutrale – die internationale Gemeinschaft. Ich wählte für mich das Niemandsland. Von dieser Position ausgehend, schreibe ich diesen Text.

Wie der Wahnsinn beginnt



Heute, nunmehr älter und erfahrener, weiß ich, wie der Wahnsinn beginnt. Wie die mediale Vorbereitung funktioniert. Wie die Kriegstreiber das Terrain für die Schlachten vorbereiten, und was bleibt, wenn die Worte der populistischen Führer und ihre Mythen über die ruhmreiche Vergangenheit verhallt sind. Es geht um Interessen, um den eigenen Vorteil, um Geld. So war es seit jeher. Von den einen sagt man, dass sie kämpften, von den anderen, dass sie mordeten.

Die Belagerung von Vukovar war der Anfang vom Ende Jugoslawiens. Kaum einer wollte dem Ruf der Jugoslawischen Volksarmee folgen, um in Vukovar zu kämpfen. Die Belagerung von Vukovar hat bei einer großen Anzahl serbischer Bürger keinerlei patriotische Gefühle geweckt. Im Gegenteil: In einigen Belgrader Stadtbezirken meldeten sich kaum zwanzig Prozent in den Rekrutierungsstellen der Armee.

Es gab jedoch genügend Freiwillige, die sich den paramilitärischen Truppen anschlossen. Sie nannten sich "Adler", "Tiger", "Panter". Es waren Raubtiere, die zu diesem Zweck aus den Gefängnissen freigelassen wurden und das Schlachtfeld von Vukovar betraten. Vukovar war ihr Schlachtfeld, und die jugoslawische Armee, also Serbien, baute auf sie.

Vukovar und die Serben



Und heute? Welche Bedeutung hat Vukovar heute auf der serbischen Seite der Donau?

Für einen kleineren Teil der Bevölkerung ist Vukovar ein Ort der Schande. Für eine andere, ebenfalls kleine Minderheit, ist es ein Ort des Sieges des serbischen, damals noch jugoslawischen Heeres. Für die Mehrheit dagegen ist es ein weißer Fleck, ein Teil der Geschichte, den man am besten vergisst. Auch zwei Jahrzehnte danach gibt es keine Aufarbeitung, keine Katharsis.

In Kroatien ist es übrigens nicht anders. Dieser Tage wird dort wieder der Fall von Milan Dedaković, genannt der Habicht, diskutiert. Dedaković, der Held von Vukovar, der heute schwer krank ist. Er war einer von jenen, die die Stadt verteidigten, bis er begriff, dass die kroatische Militärführung Vukovar längst zum Opfer bestimmt hatte. Die Verteidiger von Vukovar wurden bis zum bitteren Ende belogen. Milan Dedaković, der Habicht, genoss hohes Ansehen bei jenen gewöhnlichen Verteidigern, die bis zur letzten Stunde glaubten, es würde Hilfe von der obersten kroatischen Heeresführung kommen. Diese Hilfe kam nicht. Die Helden von Vukovar wurden zum Kanonenfutter. Wer überlebte, hat noch heute an den Folgen zu tragen. Den Habicht hat man nach einigen seiner öffentlichen Auftritten, bei denen er die heikle Fragen stellte, angeblich mit Prügeln "zur Vernunft" gebracht, so dass er im Krankenhaus für längere Zeit still hielt. Man gab ihm eine ordentliche Rente und den Orden eines Volkshelden, er geriet in Vergessenheit. Krank und enttäuscht hat er heute dennoch wieder das Interesse der kroatischen Medien geweckt.

Die Verantwortung des Einzelnen



Vukovar ist ein blinder Fleck, genau so wie Srebrenica. Ein Ort der Schande für Europa und die Menschheit. Im Namen welcher Freiheit werden solche Verbrechen begangen? Mich interessiert, was der Einzelmensch tun kann, wenn der Wahnsinn beginnt?

Ich erinnere mich an einen Bekannten, einen Burschen aus Belgrad, ein zwanzig Jahre alter Musiker, der während der Belagerung von Vukovar nachts aus seiner Wohnung geholt wurde, um sich schon am nächsten Tag auf dem Schlachtfeld wiederzufinden. Als ich ihm etwa ein Jahr später auf der Straße begegnete, habe ich ihn nicht sofort erkannt. Im ersten Augenblick glaubte ich, er sei schwer krank. Er murmelte nur etwas von der Art: Ich war dort. Ich brauchte einige Zeit, um dieses "dort" einzuordnen.

Dieses "dort" ist für Kroatien bis heute ein Symbol des Leidens im Vaterländischen Krieg. Und es stellt eines der wichtigsten Heiligtümer der neueren kroatischen Geschichte dar. Was aber bedeutet Vukovar für Serbien, und was wird der Name dieser Stadt, wenn überhaupt, jenen Generationen bedeuten, die damals noch nicht geboren waren?



 
Zum Weiterlesen

Die Donau

  • Claudio Magris: Die Donau. Biografie eines Flusses. Zsolnay Verlag (1996). Eine intellektuelle Reise durch die Geistesgeschichte an der Donau von der Quelle bis zur Mündung. Der Klassiker unter den Flussgeschichten.

  • Michael W. Weithmann: Die Donau. Geschichte eines europäischen Flusses. Böhlau Verlag (2012). Eine fundierte Geschichte des Donauraums von der Antike bis zur Gegenwart. "Die wohl beste Neuerscheinung der letzten Jahre zur Geschichte und Gegenwart des Donauraums." (Siebenbürger Zeitung)

  • Frank Gauditz: Warten auf Europa. Begegnungen an der Donau. Deutsches Kulturforum östliches Europa (2006). Der Fotograf Frank Gauditz reiste die Donau entlang und legt ein biografisches Porträt der Donau am Beispiel ihrer Menschen vor.

  • Christian Fridrich (Hg.): Europa Erlesen. Donau. Wieser Verlag (2012). Auch der Wieser-Verlag hat sich der Donau angenommen. Auf mehr als 600 Seiten bietet die Anthologie bekannte und unbekannte Texte über die Donau.

  • Michal Hvorecky: Tod auf der Donau. Tropen Verlag (2010). Der Thriller des slowakischen Autors spielt auf einem Kreuzfahrtsschiff auf einer Fahrt von Regensburg zum Schwarzen Meer. "Porträt und Chronik eines paneuropäischen Flusses" (Frankfurter Allgemeine Zeitung)