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Der kroatische Kampf um Vukovar


30.4.2013
Offiziell bekennt sich Kroatien zu den Minderheitenrechten der Europäischen Union. Tatsächlich aber kämpfen Nationalisten für ein Kroatien der Kroaten. Vor allem in Vukovar, wo nach dem Krieg wieder 35 Prozent Serben leben, wird der Kampf gegen das Kyrillische zu einem neuen Kreuzzug. Einzig die Donau macht Hoffnung.

Kyrillisch in Kroatien



Ein Denkmal in Vukovar.Das Denkmal als katholisches Kreuz. Ein Teil des Vukovar-Mythos. (© Inka Schwand)

Heute, mehr als zwanzig Jahre nach der Zerstörung der Stadt und der Vertreibung ihrer ehemaligen Bewohner, ist Vukovar das kroatische Kosovo, dessen Mythos immer wieder fortgeschrieben wird. Da sind sich die Dichter einig, die das Martyrium und Heldentum Vukovars beschwören, auf dass die kroatische Nation rekonstruiert werden wird, auch wenn dieser Mythos am Ende Vukovar zerstören wird. So muss das laufen, alles geht in diese Richtung. Uns bleibt nur, zuzusehen und vor Entsetzen zu erstarren.

Vor kurzem wurden die Ergebnisse einer Volkszählung aus dem Jahre 2011 veröffentlicht. Die Auszählung hatte lange gedauert, viel länger als in der Zeit, als es noch keine Computer gab, so wie im ehemaligen Jugoslawien. Vielleicht hat es auch deshalb so lange gedauert, weil das Statistische Amt einräumen muste, dass es diesem Zensus zufolge in Vukovar mehr als 35 Prozent Serben gibt.

Nach dem Gesetz über die nationalen Minderheiten, das in die kroatische Verfassung aufgenommen wurde, um mit der EU die Beitrittsverhandlungen beginnen zu können, haben diese 35 Prozent Mitglieder der serbischen Minderheit das Recht auf die Benutzung ihrer Sprache und Schrift. Das bedeutet, dass Vukovar wieder, wie vor 1991, eine Stadt sein wird, in der auch die Vukovarer Serben ihre Rechte haben. Alle öffentlichen Bekanntmachungen müssten nun in beiden Alphabeten veröffentlicht werden, auf lateinisch und auf kyrillisch. Die Sprache selbst ist eher zweitrangig, die unterscheidet sich ohnehin kaum voneinander.

Natürlich wird Vukovar – oder das, was davon übrig geblieben ist – in Kroatien bleiben. Die Stadt kann ja nirgendwo anders hingehen, und ein Wunder – wie in den Filmen von Emir Kusturica oder den Romanen von Gabriel Garcija Marquez – ist auch nicht möglich, etwa dass Vukovar über Nacht mit Hilfe des Kyrillischen über die Donau setzt und auf ihre östliche, serbische Seite umzieht.

Wütende Öffentlichkeit



Allein die Möglichkeit, dass dieses Gesetz angewandt wird und die Serben in Vukovar tatsächlich ihre Rechte einfordern und bekommen, hat die Öffentlichkeit elektrisiert. Wütende Proteste gab es nicht nur bei der nationalistischen Rechten und innerhalb der radikal katholischen Hälfte der Gesellschaft. Auch die politische Opposition lief Sturm, sekundiert von den herrschenden politischen und kulturellen Eliten, angetrieben von der aggressiven Rechten, aber noch mehr von der Furcht, dass in Kroatien noch jemand – im buchstäblichen Sinne des Begriffs – existieren könnte außer Kroaten.

Branka Kamenski, Redakteurin beim öffentlich-rechtlichen Kroatischen Fernsehen, erklärte in einer ihrer Sendungen, dass die Kroaten mit dem Kyrillischen so vorsichtig sein müssten wie die Israelis mit Richard Wagner. Das ist genau das bei den Rechtsextremen in den Transformations-Demokratien Osteuropas so beliebte Muster: Immer wieder wird die eigene Minderheitenpolitik mit der Politik Israels begründet oder kritisiert.

Dabei steht – natürlich – hinter jedem dieser kroatischen (oder moldawischen oder ungarischen) Fans des jüdischen Staates und seiner Politik gegenüber den Arabern eine heimlicher Antisemit. Fragen Sie mal einen, der so argumentiert, wo die Juden in Jugoslawien nach 1941 blieben. Die Antwort wird immer diesselbe sein, weil die Frage tief am Nationalstolz der Kroaten, Ungarn und Rumänen kratzt. Also heißt es: Wenn es schon einen Holocaust gab, dann seien einzig Hitler und die Deutschen schuld daran.

Aber Branka Kamenski ist keine moldawische Rechte, sondern ein Günstling der derzeitigen sozialdemokratischen, linksliberalen Regierung in Zagreb, die sich gegenüber Brüssel mit ihrem Kosmopolitismus brüstet. Wenn diese Politiker jedoch aus Brüssel zurückkehren, stören auch sie sich am Vukovarer Kyrillisch.

Der Nachkrieg ist noch nicht zu Ende



Als im Januar 2013 Demonstrationen gegen das Kyrillische in Vukovar organisiert wurden, kamen die Teilnehmer zu Tausenden in Autobussen aus ganz Kroatien. Im Večernji List, der auflagenstärksten Zeitung, hieß es, es sei ein Unglück für Kroatien, dass der Krieg in Vukovar mit der sogenannten "friedlichen Reintegration" der serbischen Minderheit unter Aufsicht der Vereinten Nationen geendet habe. Es wäre laut der Zeitung besser gewesen, wenn der Krieg mit einer weiteren "Aktion Sturm" beendet worden wäre. Auch wenn die rechten Kommentatoren – ebenso wie die gesamte politische Nomenklatura im Staat – nicht zugeben, dass die tatsächliche "Aktion Sturm" eine Vertreibung von Serben aus Teilen Kroatiens war, suggerieren sie nun genau das: Man hätte sie aus Vukovar vertreiben sollen!

Nach den ersten Demonstrationen gegen das Kyrillische meldete sich der Bürgermeister Vukovars, der linke Politiker Željko Sabo, zu Wort. Er gab offen zu, dass auch er gegen das Kyrillische sei. Er gestand sogar, dass er vor einigen Jahren selbst im Schutz der Nacht kyrillische Aufschriften in der Stadt entfernt habe. Empörung? Fehlanzeige. Und natürlich fragte auch niemand, was das denn für eine Sozialdemokratie ist, die sich mit solchen Taten brüstet.

Noch immer weiß die Regierung in Zagreb nicht, was sie tun soll. Aus Brüssel heißt es unmissverständlich, dass die in der Verfassung verankerten Rechte der nationalen Minderheiten in die Praxis umgesetzt werden müssen. Falls dies unterbleibe, bedeute dies, dass Kroatien bei den Verhandlungen über den Beitritt zur Europäische Union mit falschen Karten gespielt habe und die politische und kulturelle Elite im Staat alles daran setze, europäisches Recht in Vukovar zu hintertreiben.

Auf der anderen Seite stehen die Kriegsveteranen. Auch sie drohen. Wenn die Regierung auf das Anbringen kyrillischer Schilder besteht, müsse sie gewaltsamen gestürzt werden. Stolz verkünden die Veteranen dann in den Nachrichten des kroatischen Fernsehens, dass sie 1991 "in den Krieg gegen das Kyrillische gezogen sind" und nun nicht zulassen würden, dass sie diesen Krieg zwei Jahrzehnte später ohne jeden Kampf verlieren. Obwohl das kroatische Fernsehen von der Regierung kontrolliert wird, mit deren Sturz sie drohen, will diese Regierung nichts tun, um diese Art der Verbreitung von Hass und Angst im Staat zu unterbinden.

Den Herrschenden gefallen die Drohungen sogar, auch wenn sie gegen sie selbst gerichtet sind. Sie wissen, dass die wachsende Wut der Volksmassen, stimuliert von der Wirtschaftskrise und einer steigenden Arbeitslosigkeit, dann nicht dem politischen Zagreb gelten würde, sondern zum Beispiel jenen Intellekturellen und Journalisten, die rationale Gründe für die Einführung des Kyrillischen vorzubringen. Und natürlich richtet sich die Wut des Mobs auch gegen die Serben in Vukovar selbst.

Das einzige, was der Regierung Sorgen machte, war der Zeitpunkt des Ausbruchs der Demonstrationen gegen das Kyrillische - nur sechs Monate vor dem Beitritt zur Europäischen Union im Juni 2013. Wäre Kroatien zu diesem Zeitpunkt bereits in der EU gewesen, hätten sie ohne Federlesens gezeigt, wie sie mit dem Kyrillischen und den Rechten der nationalen Minderheiten umgegangen wären. Das Ungarn Viktor Orbáns hat es schließlich vorgemacht.



 
Zum Weiterlesen

Die Donau

  • Claudio Magris: Die Donau. Biografie eines Flusses. Zsolnay Verlag (1996). Eine intellektuelle Reise durch die Geistesgeschichte an der Donau von der Quelle bis zur Mündung. Der Klassiker unter den Flussgeschichten.

  • Michael W. Weithmann: Die Donau. Geschichte eines europäischen Flusses. Böhlau Verlag (2012). Eine fundierte Geschichte des Donauraums von der Antike bis zur Gegenwart. "Die wohl beste Neuerscheinung der letzten Jahre zur Geschichte und Gegenwart des Donauraums." (Siebenbürger Zeitung)

  • Frank Gauditz: Warten auf Europa. Begegnungen an der Donau. Deutsches Kulturforum östliches Europa (2006). Der Fotograf Frank Gauditz reiste die Donau entlang und legt ein biografisches Porträt der Donau am Beispiel ihrer Menschen vor.

  • Christian Fridrich (Hg.): Europa Erlesen. Donau. Wieser Verlag (2012). Auch der Wieser-Verlag hat sich der Donau angenommen. Auf mehr als 600 Seiten bietet die Anthologie bekannte und unbekannte Texte über die Donau.

  • Michal Hvorecky: Tod auf der Donau. Tropen Verlag (2010). Der Thriller des slowakischen Autors spielt auf einem Kreuzfahrtsschiff auf einer Fahrt von Regensburg zum Schwarzen Meer. "Porträt und Chronik eines paneuropäischen Flusses" (Frankfurter Allgemeine Zeitung)