Dossierbild Geschichte im Fluss

30.4.2013 | Von:
Svetlana Kirova

Die Donaubrücke zwischen Giurgiu und Ruse

Sie ist die einzige Brücke zwischen Bulgarien und Rumänien. Als sie in den fünfziger Jahren gebaut wurde, hieß sie Brücke der Freundschaft. Später kehrten beide Länder einander den Rücken zu. Erst seit ihrem Beitritt zur Europäischen Union proben Bulgarien und Rumänien wieder ein Stück Normalität.

Hilfe aus der Sowjetunion

Am Straßenrand wird gegrillt.Auf dem Weg von Bukarest nach Giurgiu. (© Uwe Rada)

Die Stadt Ruse liegt an der Donau und ist mit rund 170.000 Einwohnern die fünftgrößte Stadt Bulgariens. Ihr gegenüber liegt die rumänische Stadt Giurgiu mit 70.000 Einwohnern. Beide Städte sind über eine Donaubrücke miteinander verbunden. Sie ist zurzeit die einzige Brücke entlang der fast 500 Kilometer langen gemeinsamen bulgarisch-rumänische Donaugrenze.

Und sie ist eine späte Brücke. Erste Überlegungen hatte es bereits im 19. Jahrhundert gegeben. 1878 war Bulgarien unabhängig vom Osmanischen Reich geworden. Gleich darauf hatten die Verhandlungen mit Rumänien über den Bau einer Donaubrücke begonnen. Nicht nur Ruse und Giurgiu kamen in Betracht, sondern auch andere Orte an der gemeinsamen Donaugrenze. Allerdings kam es zu keinem Ergebnis. Beide Länder konnten sich nicht über einen gemeinsamen Brückenbau einigen.

Der kam erst nach dem Zweiten Weltkrieg zustande. 1948 unterzeichneten die sozialistischen Staaten Bulgarien und Rumänien ein "Abkommen für Freundschaft, Zusammenarbeit und gegenseitige Hilfe". Auch der Plan der Donaubrücke stand nun wieder auf der Agenda.

Wie viele wichtige Infrastrukturprojekte in sozialistischen Zeiten wurde auch diese Brücke mit technologischer Unterstützung aus der Sowjetunion gebaut. Zahlreiche Ingenieure und zweihundert LKW mit technischem Gerät schickte Moskau an die Donau. Der Brückenbau hatte große Priorität. Bereits zwei Jahre nach dem Baubeginn 1952 wurde die Brücke eröffnet, sieben Monate vor der geplanten Fertigstellung.

Für die Bauarbeiten in Bulgarien hatte man viele Leute aus Orten in der Umgebung mobilisiert, auch Soldaten waren beteiligt. Darüber hinaus leisteten Arbeiter aus Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei Unterstützung. Es wurde in drei Schichten gearbeitet. Um die Produktivität zu steigern, wurden Wettbewerbe organisiert. Wer den besten Vorschlag zur Optimierung der Arbeitsabläufe einreichte, gewann. Das Ergebnis: Nach Angaben der sozialistischen Behörden wurde der Plan 1952 mit 30 Prozent überschritten, 1953 und 1954 sogar mit mehr als 50 Prozent. Letzten Endes kostete die Brücke fast 12 Millionen Lewa weniger als geplant.

Zu ihrer Zeit war die zweistöckige Stahlbetonbrücke für den Straßen- und Eisenbahnverkehr eine große technische Leistung – und sie war die längste Brücke über die Donau. Ein 85 Meter langer Mittelteil der Brücke konnte hochgefahren werden, um größeren Überseeschiffen, die die Werft in Ruse baute, eine Passage zu ermöglichen. Mein Großvater, der damals in der Werft arbeitete, erinnert sich, dass die Passage zumindest zweimal im Jahr für den Transport von neuen Schiffe benutzt wurde. Inzwischen passiert das selten – die Kapazitäten der Werft in Ruse wurden deutlich reduziert.

Die Grenzabfertigung an der rumänischen Grenze in Giurgiu.Die Grenzabfertigung an der rumänischen Grenze in Giurgiu. (© Uwe Rada)

Europäischer Korridor

Heute ist die Brücke zwischen Giurgiu und Ruse ein wichtiger Transportkorridor für Europa. Sie ist Teil des Paneuropäischen Verkehrskorridors 9, der Finnland mit Griechenland verbindet. Die beiden Städte befinden sich auch auf dem Verkehrskorridor 7 – die transeuropäische Rhein-Main-Donau-Wasserstraße. Die strategische Lage der Nachbarstädte spielte immer eine wichtige Rolle für ihre Entwicklung.

Dank seiner Lage an der Donau entwickelte sich Ruse zu einem Handelszentrum und erreichte am Anfang des 20. Jahrhunderts seine Blütezeit. Zwischen Ruse und Varna an der Schwarzmeerküste wurde die erste Eisenbahnlinie Bulgariens gebaut – und auch sonst passierte vieles im Land erstmals in Ruse. Unter anderem wurde hier die erste bulgarische Privatbank gegründet, und auch die erste Filmvorführung fand in der Donaustadt statt.

Aber auch Giurgiu profitierte auch von seiner Verkehrslage und der Nachbarschaft mit Ruse an der Donau. So verband die erste Eisenbahnlinie Rumäniens die Stadt mit der 70 Kilometer entfernten Hauptstadt Bukarest.


Zum Weiterlesen

Die Donau

  • Claudio Magris: Die Donau. Biografie eines Flusses. Zsolnay Verlag (1996). Eine intellektuelle Reise durch die Geistesgeschichte an der Donau von der Quelle bis zur Mündung. Der Klassiker unter den Flussgeschichten.

  • Michael W. Weithmann: Die Donau. Geschichte eines europäischen Flusses. Böhlau Verlag (2012). Eine fundierte Geschichte des Donauraums von der Antike bis zur Gegenwart. "Die wohl beste Neuerscheinung der letzten Jahre zur Geschichte und Gegenwart des Donauraums." (Siebenbürger Zeitung)

  • Frank Gauditz: Warten auf Europa. Begegnungen an der Donau. Deutsches Kulturforum östliches Europa (2006). Der Fotograf Frank Gauditz reiste die Donau entlang und legt ein biografisches Porträt der Donau am Beispiel ihrer Menschen vor.

  • Christian Fridrich (Hg.): Europa Erlesen. Donau. Wieser Verlag (2012). Auch der Wieser-Verlag hat sich der Donau angenommen. Auf mehr als 600 Seiten bietet die Anthologie bekannte und unbekannte Texte über die Donau.

  • Michal Hvorecky: Tod auf der Donau. Tropen Verlag (2010). Der Thriller des slowakischen Autors spielt auf einem Kreuzfahrtsschiff auf einer Fahrt von Regensburg zum Schwarzen Meer. "Porträt und Chronik eines paneuropäischen Flusses" (Frankfurter Allgemeine Zeitung)