Dossierbild Geschichte im Fluss

30.4.2013 | Von:
Penka Angelova

Elias Canetti und Ruse

Die Stadt, in der er geboren wurde, hieß Rustschuck, Rousse oder Ruse. Für Elias Canetti, den späteren Literaturnobelpreisträger, war die Stadt an der Donau die bestmögliche aller Heimaten: vielsprachig, vielschichtig, europäisch. Das hat auch seine Literatur geprägt.

Rustschuk – Ruse

Das osmanische Rustschuk von der Donau betrachtet. Ein Gemälde von 1824.Das osmanische Rustschuk von der Donau betrachtet. Ein Gemälde von 1824. (© Wikimedia)

Auf einer Reise über den Balkan und ins Osmanische Reich aus dem Jahre 1843 hat Franz Grillparzer sich innerhalb von ein paar Stunden ein Bild von Rustschuk gemacht und seine Eindrücke niedergeschrieben:

"8. September. In Rustschuk findet sich endlich mein Reisegefährte ein. Besehe mit ihm die Stadt. Dieses Reich ist verloren. Der Untergang steht nicht bevor, er ist schon da. Ich wollte, unsere Staatsmänner reisten nur bis hierher, um die Nichtigkeit ihrer Hoffnungen der Wiederherstellung einzusehen. 800 Kanonen in der Festung mit verfaulten Lafetten ohne Bewachung, ohne Bedienung. Die Straßenbuben spielen mit den Kanonenkugeln und Bomben. Die Häuser Trümmer von Ruinen. Es ist aus, da hilft kein Gott…."

Zwei Jahrzehnte später, im Jahre 1864, wurde Rustschuk zum Verwaltungszentrum und zur Hauptstadt der im Osmanischen Reich gegründeten Donauregion (Tuna vilaet). Die Region umfasste sieben Bezirke (sandzhak): Tulcea, Varna, Rustschuk, Tarnovo, Sofia, Vidin und Niš. Als sein erster Verwalter wurde der in Rustschuk geborene Sultan Midhat Pascha ernannt – einer der Pioniere der jungtürkischen Ideologie und Erneuerer des untergehenden Osmanischen Reiches. Er reformierte das administrative und das juristische System und baute mehrere Institutionen um. Er führt den Gemeinsamen Vilaetrat (Regionalparlament) ein, an dem Vertreter der verschiedenen Religionen und Ethnien aus der Region teilnehmen.

Franz Grillparzer wäre aus dem Staunen nicht mehr herausgekommen. Unter Midhat Pascha wurde im Tuna Vilaet ein neues Verwaltungssystem eingeführt. Es folgten moderne Gerichte, ein neues Straßen- und Verkehrsnetz, Hotels, Krankenhäuser, eine Agrarsparkasse, aber auch eine neue Geheim- und Schutzpolizei. In der neu eröffneten Druckerei des Vilaets wurde nun die Regierungszeitung Tuna (Donau) in bulgarischer und türkischer Sprache gedruckt.

Den entscheidenden Entwicklungsschub für die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt gab die erste Eisenbahnlinie auf bulgarischem Boden – sie verband Rousse, wie die Stadt in Ablehnung des türkischen Rustschuk mehr und mehr genannt wurde, mit Varna. Die damals sicherste Handelsroute von Mitteleuropa zum Orient verlief entlang der Donau von Wien nach Rustschuk, dann mit der Eisenbahn nach Varna und schließlich mit dem Schiff nach Istanbul.

Schnell verwandelte sich die Stadt in ein Zentrum für den Transithandel. Darüber hinaus entstanden zwei Dampfmühlen, eine Brauerei, eine Gerberei, eine Schiffswerft. Auch das Finanzwesen entwickelte sich mit der Gründung einer Filiale der "Bank Ottoman". Dank der neuen Verkehrsverbindungen kamen bald auch viele Ausländer nach Rousse und eröffneten neue Handelsvertretungen. Österreich-Ungarn, Russland, Großbritannien, Frankreich und Italien eröffneten Konsulate, Preußen, Belgien, Holland, Spanien und Griechenland Honorarkonsulate. Auf den Straßen der internationalsten Stadt auf bulgarischem Boden konnte man die bulgarische, türkische, armenische, jüdische, walachische, griechische, deutsche, ungarische, englische und russische Sprache hören.

Der wirtschaftliche Aufschwung und Wohlstand in Rousse, seine Verbindungen mit den mitteleuropäischen Staaten sowie mit Russland und Rumänien, die Zuwanderung von Ausländern und der damit verbundene Zugang zu den bürgerlichen Ideen Europas übten einen unmittelbaren Einfluss auf das geistige Leben der lokalen Bevölkerung aus. Der aufgeklärteste Teil davon beteiligte sich aktiv am Kampf um die nationale bulgarische Renaissance und die Gründung einer unabhängigen Kirche. 1878 schließlich wurde Rousse, das nun auch Ruse hieß, bulgarisch.

Aus dieser Zeit – um die Jahrhundertwende des 19. und 20.Jh. – stammt das neue Stadtzentrum. Zu ihm gehört das Freiheitsdenkmal, die erste Skulptur Bulgariens, die keine historische Figur darstellt, sondern die Freiheit als symbolische Frauenfigur repräsentiert, und das Theatergebäude, ein typischer Jahrhundertwendebau. Nino Rossetti, Georg Lang, Eduard Winter, Spiros Valsamaki, Negohos Bedrossian, Edwin Petricki gehörten zu den Architekten, die das moderne Antlitz von Ruse schufen. Hier fanden die verschiedensten Stile – Barock, Gotik, Renaissance, Empire, Rokoko, Biedermeier – zu einer Melange zusammen.

Aber nicht nur die Architektur in Rousse war importiert, schrieb später Elias Canetti, der berühmteste Sohn der Stadt: "Rousse wurde Ende des 19. und Anfang des 20. Jh. von den Bulgaren 'klein Wien' genannt wegen der starken kulturellen Einflüsse der österreichischen Hauptstadt nicht nur im Bereich der Architektur, sondern auch hinsichtlich der Mode – Kleider, Stadtbälle, Manieren, Innenausstattung und Gegenstände zum alltäglichen Gebrauch."

Die Freiheitsstatue in Ruse. Die Stadt wurde 1878 bulgarisch.Die Freiheitsstatue in Ruse. Die Stadt wurde 1878 bulgarisch. (© Wikimedia)

Die Familie Canetti

In dieser Zeit, in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts, zog die Familie Canetti von Edirne nach Rustschuk um. Schnell wurde sie ein aktiver Teil der jüdischen Gemeinde, beteiligte sich am wirtschaftlichen, politischen, kulturellen und gemeinnützigen Leben der im Aufschwung begriffenen Stadt. Elias Canetti, der Großvater des Nobelpreisträgers, baute dort seine Großhandelsniederlassung auf. Am österreichischen k.u.k. Generalkonsulat diente Abraham Canetti, der Großonkel des Schriftstellers. Ihm wurde von Kaiser Franz Josef am 16. März 1876 das "Goldene Verdienstkreuz" verliehen..Ein an-derer Onkel, Solomon Canetti, beteiligte sich an der Bildungskommission für eine Schulreform.

In Rustschuk heirateten die Eltern von Elias Canetti – Mathilda Arditti (ihre Familie war schon am Anfang des 19. Jahrhunderts hierher gezogen) und Jacques Canetti am 22. August 1904, hier wurde der spätere Literaturnobelpreisträger am 25. Juli 1905 geboren, hier verlebte er die ersten sechs Jahre seines Lebens. Die autobiographischen Erinnerungen an die Stadt schrieb er aber erst 65 Jahre später – und es ist erstaunlich, wie genau diese Kindheitserinnerungen sich bei ihm eingeprägt hatten.


Zum Weiterlesen

Die Donau

  • Claudio Magris: Die Donau. Biografie eines Flusses. Zsolnay Verlag (1996). Eine intellektuelle Reise durch die Geistesgeschichte an der Donau von der Quelle bis zur Mündung. Der Klassiker unter den Flussgeschichten.

  • Michael W. Weithmann: Die Donau. Geschichte eines europäischen Flusses. Böhlau Verlag (2012). Eine fundierte Geschichte des Donauraums von der Antike bis zur Gegenwart. "Die wohl beste Neuerscheinung der letzten Jahre zur Geschichte und Gegenwart des Donauraums." (Siebenbürger Zeitung)

  • Frank Gauditz: Warten auf Europa. Begegnungen an der Donau. Deutsches Kulturforum östliches Europa (2006). Der Fotograf Frank Gauditz reiste die Donau entlang und legt ein biografisches Porträt der Donau am Beispiel ihrer Menschen vor.

  • Christian Fridrich (Hg.): Europa Erlesen. Donau. Wieser Verlag (2012). Auch der Wieser-Verlag hat sich der Donau angenommen. Auf mehr als 600 Seiten bietet die Anthologie bekannte und unbekannte Texte über die Donau.

  • Michal Hvorecky: Tod auf der Donau. Tropen Verlag (2010). Der Thriller des slowakischen Autors spielt auf einem Kreuzfahrtsschiff auf einer Fahrt von Regensburg zum Schwarzen Meer. "Porträt und Chronik eines paneuropäischen Flusses" (Frankfurter Allgemeine Zeitung)