Dossierbild Geschichte im Fluss

30.4.2013 | Von:
Uwe Rada

Ulmer Donaugeschichten

Auf dem Schwal, der Donauinsel, begann die Auswanderung der Donauschwaben.Auf dem Schwal, der Donauinsel, begann die Auswanderung der Donauschwaben. (© Uwe Rada)

Stadt und Fluss

Annette Weinreich ist in Ulm geboren. Ihre Kindheit hat sie am Fluss verbracht, im Donaubad oder als Jugendliche dann am Donauufer unterhalb der Stadtmauer. Dennoch sagt sie: "Man spürt den Fluss in der Stadt nicht."

Für Weinreich ist das eine verpasste Chance. Auch die Grünen-Politikerin, die 2013 in den Bundestag möchte, weiß um die Faszination dieses Stromes, der wie kein anderer für das Scheitern und das Gelingen Europas steht. 2010 war sie, gemeinsam mit den anderen Mitgliedern des Ulmer Stadtrats, auf einer Donaufahrt dabei. "Wir sind mit dem Flieger nach Belgrad und dann auf einem Donau-Schiff hinunter nach Vidin." In der bulgarischen Stadt entsteht eine zweite Brücke hinüber nach Rumänien. Zuvor verband nur die ehemalige Brücke der Freundschaft zwischen dem bulgarischen Ruse und dem rumänischen Giurgiu die mehr als 400 Kilometer lange Flussgrenze der beiden EU-Mitgliedsländer. "Auf dieser Reise", sagt Weinreich, "habe ich gespürt, wie wichtig die Aktivitäten an der Donau sind. Die Leute in Rumänien und Bulgarien, aber auch in Serbien, haben sich gefreut, dass wir sie nicht vergessen."

Ein bisschen möchte sie vom Aufbruch an der Donau auch in Ulm spüren. "Das Donaufest ist eine tolle Sache, aber das reicht nicht", sagt Weinreich, die findet, dass das Stadtplanungsamt ruhig ein bisschen aktiver werden könnte. "Wir Grüne fordern seit Jahren einen Donaustrand unterhalb der Altstadt", sagt sie. "Und warum soll nicht die Promenade bis zum Park in der Friedrichsau verlängert werden? Warum stellt man da keine Beleuchtung hin, damit man auch noch am Abend joggen kann?" Es sind rhetorische Fragen, die Annette Weinreich stellt. Als Politikerin und Ratsmitglied kennt sie natürlich die Antworten von Volker Jescheck, dem Leiter des Stadtplanungsamtes. Viel zu teuer, sagt der, sei ein Donaustrand, lieber wolle man mit kleinen punktuellen Eingriffen das Donauufer aufwerten. Jescheck sagt, der Freizeitfluss in Ulm sei die Iller, der Gebirgsfluss mit seinen Kiesstränden, der oberhalb der Altstadt in die Donau mündet. Die Donau sei dagegen zum Spazieren gehen da, zum "Füße hinein tauchen".

Eines aber haben Weinreich und Jescheck gemeinsam: den Ärger über die da drüben am anderen Ufer des Flusses. "Auch die Donauinsel", findet Weinreich "hätte ein besseres Dasein verdient." Und dann sagt sie auch, warum die Sparkasse ihrer Meinung nach ausgerechnet an diesem Ort baut: "Das geht auf die Anlieger auf der Spitze zurück. Gute Wohnlagen. Die wollen ihre Ruhe haben." Dreihundert Jahre nach dem Aufbruch von 1712 ist der Schwal kein Hafen mehr, sondern eine so genannte 1-A-Lage.

Nachbau einer "Ulmer Schachtel" vor dem Donauschwäbischen Zentralmuseum.Nachbau einer "Ulmer Schachtel" vor dem Donauschwäbischen Zentralmuseum. (© Uwe Rada)

Die europäische Donaustadt

Wenn Peter Langer Bilanz zieht, denkt er nicht an den Schwal, sondern ans große Ganze – und das ist die Donau, die von der Quelle bei Donaueschingen fast 3000 Kilometer zurücklegt, bis sie ihr Delta bildet und dann ins Schwarze Meer mündet. Langer, der vor Sabine Meigel das Donaubüro geleitet hat, nun als Donau-Beauftragter der Städte Ulm und Neu-Ulm arbeitet und Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretzschmann in Europafragen berät, ist einer der Architekten der internationalen Beziehungen von Ulm. Noch gut erinnert er sich an die erste "Schachtelfahrt" des Stadtrats 1995. Die, sagt er, "gab den Impuls für die neuen Donauaktivitäten in den nächsten Jahren: "Die offenen Grenzen, die Begegnungen mit den Menschen und den politischen Partnern, das Interesse an einer gemeinsamen europäischen Zukunft, neue Freundschaften und Kontakte – all das führte in Ulm dazu, aus der Donau etwas für die Stadt zu machen."

Man kann es auch so sagen: Ulm hat den Fall der Mauer in Berlin und den des Eisernen Vorhangs in Europa nicht verschlafen, sondern als neue Herausforderung begriffen. Ulms Start in die europäische Zeit begann 1998 mit dem ersten Donaufest, das unter dem Motto "Neue Ufer" stand. Eröffnet hat das Festival der ungarische Schriftsteller György Konrád mit seiner in Ulm noch heute gerne erinnerten "Donau-Anhörung": "Seht mich an, sagt die Donau, groß bin ich, schön und weise, niemanden in Europa gibt es, der mir das Wasser reichen könnte. Lasst euch nieder zu beiden Seiten meines Ufers. Ich will eure Hauptstraße sein."

Gleichzeitig lud das Ulmer Rathaus 1998 zum ersten Treffen der Bürgermeister der Donaustädte – eine Tradition, die bis heute fortgesetzt wird. Ulm hat keine Partnerstädte, sondern baut ein Netzwerk entlang der Donau. Das gleiche gilt für die Schulen der 130.000 Einwohner zählenden Stadt. Jede von ihnen hat eine Kooperation mit einer Partnerschule im Donauraum. Der Schulaustausch an den Ulmer Schulen ist ein Donauaustausch.

Jedes Jahr findet seitdem in Ulm und Neu-Ulm das Donaufest statt. 2000 stand es unter dem Konrádschen Motto "Hauptstraße", zwei Jahre später "Traumfluss nach Europa". 2004, als mit der Slowakei und Ungarn auch zwei Donauländer der Europäischen Union beitraten, feierte man im "Café Europa", danach 2006 ganz persönlich "Meine Donau". Und so ging es weiter. 2008 hieß es "Heimat Europa", 2010 "Mama Duna" und 2012, zum 300-jährigen Jubiläum "Aufbruch und Begegnung".

Doch nicht nur gefeiert wird die Donau in Ulm. Nach der Gründung des Donaubüros 2001 engagierte sich Ulm aktiv in Brüssel – und gab die entscheidenden Anstöße für die Donaustrategie, die die EU als zweite Strategie neben der Ostseestrategie 2010 auf den Weg brachte. "Der Ulm-Prozess", bilanziert Peter Langer, "hat ganz wesentlich dazu beigetragen, die EU-Strategie für den Donauraum auf den Weg zu bringen."

Von Europa-Skepsis will Langer darum nichts hören. Er verweist auf den großen Horizont: "Noch vor wenigen Jahren war die Donau vor allem ein Grenz- und Kriegsfluss. Heute ist die Donau ein Friedensfluss." Den nächsten Schritt hat der große Donau-Architekt bereits im Visier: "Jetzt kann sie auch ein europäischer Bürger-Fluss werden."


Zum Weiterlesen

Die Donau

  • Claudio Magris: Die Donau. Biografie eines Flusses. Zsolnay Verlag (1996). Eine intellektuelle Reise durch die Geistesgeschichte an der Donau von der Quelle bis zur Mündung. Der Klassiker unter den Flussgeschichten.

  • Michael W. Weithmann: Die Donau. Geschichte eines europäischen Flusses. Böhlau Verlag (2012). Eine fundierte Geschichte des Donauraums von der Antike bis zur Gegenwart. "Die wohl beste Neuerscheinung der letzten Jahre zur Geschichte und Gegenwart des Donauraums." (Siebenbürger Zeitung)

  • Frank Gauditz: Warten auf Europa. Begegnungen an der Donau. Deutsches Kulturforum östliches Europa (2006). Der Fotograf Frank Gauditz reiste die Donau entlang und legt ein biografisches Porträt der Donau am Beispiel ihrer Menschen vor.

  • Christian Fridrich (Hg.): Europa Erlesen. Donau. Wieser Verlag (2012). Auch der Wieser-Verlag hat sich der Donau angenommen. Auf mehr als 600 Seiten bietet die Anthologie bekannte und unbekannte Texte über die Donau.

  • Michal Hvorecky: Tod auf der Donau. Tropen Verlag (2010). Der Thriller des slowakischen Autors spielt auf einem Kreuzfahrtsschiff auf einer Fahrt von Regensburg zum Schwarzen Meer. "Porträt und Chronik eines paneuropäischen Flusses" (Frankfurter Allgemeine Zeitung)