Dossierbild Geschichte im Fluss
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Amazonas an der Donau


30.4.2013
An den Nebenflüssen der Donau haben sich europaweit einmalige Flusslandschaften erhalten, die kurz vor ihrer Zerstörung stehen. Doch es gibt noch Hoffnung. Inzwischen gibt es Pläne zur Einrichtung eines länderübergreifenden Biosphärenreservats.

Die Zeit vor dem Beitritt nutzen



Das Naturschutzgebiet Kopački Rit am Zusammenfluss von Drau und Donau.Das Naturschutzgebiet Kopački Rit am Zusammenfluss von Drau und Donau. (© Rüdiger Schacht)

Die Mittagshitze hängt schwer über der Baranja-Ebene Ost-Kroatiens. Von einem makellos blauen Himmel strahlt die Sonne auf eine der letzten noch weitgehend naturbelassenen Flusslandschaften Europas: die Ufer- und Auebereiche der Zusammenflussregionen der Flüsse Mur, Drau und Donau. Schimmel schauen schläfrig aus ihren Boxen, und auf den Höfen verströmen zum Trocknen aufgehängte Knoblauchknollen, Paprika und Kräuter ihren würzigen Duft. Als Mitteleuropäer hat man unwillkürlich das Gefühl, als wäre hier die Zeit stehen geblieben – Puszta-Idylle.

War die Urwüchsigkeit der Landschaft an diesen Flüssen bisher auch durch Hinterlassenschaften des "Eisernen Vorhangs" und des Balkankriegs vor der menschlichen Bau- und Regulierungswut noch weitgehend geschützt, so gefährden jetzt Wasserbauarbeiten die Flüsse und Flusslandschaften. Bettregulierungen und -begradigungen sowie Staustufen sollen einer bislang noch kaum existenten Schifffahrt einen Aufschwung bescheren und Wasserkraftwerke die Elektrizitätsversorgung der Region sichern.

Was zunächst nur nach dem unachtsamen, aber alltäglichen Umgang des Menschen mit seiner Umwelt aussieht, ist auf den zweiten Blick jedoch noch viel mehr. So wurde nach Auskunft der gemeinnützigen Stiftung EURONATUR in Kroatien mit Hilfe von Fördermitteln für Beitrittskandidaten der EU, den so genannten IPA-Funds, nicht nur die unwiederbringliche Zerstörung der Natur geplant, sondern auch gegen (auf dem Balkan noch nicht geltendes) EU-Recht verstoßen. Nach dem Beitritt müssten viele der Maßnahmen wieder zurückgebaut werden – natürlich auch mit Hilfe von EU-Geldern. Ein Schelm, der hier Arges denkt!

Die wilde Baranja



Eine Gruppe von internationalen Pressevertretern steht auf dem Steilufer der Drau und blinzelt in der flirrenden Hitze über der Ebene. Uferschwalben und die bunten Bienenfresser zwitschern um die Wette, Kameras klicken, und Aufnahmegeräte surren leise.

"Vor Ihnen liegt eine der letzten noch weitgehend erhaltenen, natürlichen Flusslandschaften Europas", erläutert der Biologe Martin Schneider-Jacoby von EURONATUR. Zusammen mit dem WWF versucht die gemeinnützige Stiftung mit langfristig angelegten, länderübergreifenden Projekten den Naturschutz mit einer nachhaltigen Entwicklung der Region zu vereinbaren. "Anfang der 90er Jahre begann das Projekt Biosphärenreservat Mur-Drau genau an dieser Stelle", sagt der Biologe. "Unsere Idee war, diese einmalige Landschaft zu bewahren und der ländlich geprägten Region eine wirtschaftliche Perspektive durch sanften Tourismus zu geben."

Doch was ist das für eine Landschaft? Die Drau nimmt in der Baranja noch weitgehend unreguliert ihren Lauf und mäandert durch die Ebene. Seit den Eiszeiten trägt sie an einer Stelle das Ufer ab und landet es an anderer Stelle wieder an. Über die Jahrhunderte bildete sich so eine natürliche Flusslandschaft mit wilden Bruch- und Auwäldern, die eines der letzten Rückzugsgebiete für gefährdete Tierarten in Europa darstellt. Gerade etwa im Ausbau von Radwegen und geführten Wanderungen für Naturbegeisterte sieht Schneider-Jacoby eine gute Möglichkeit, die Region touristisch zu erschließen und die Natur zu bewahren. "Ein Beispiel für die Umsetzung eines solchen Konzepts wäre etwa das Naturschutzgebiet der Müritz", sagt der Biologe. "Zu den Arbeitsplätzen im Hotel- und Gaststättengewerbe kämen auch hier neue Jobs, etwa als Park-Ranger, Naturführer oder Fahrer."

Weiter stromabwärts, in der Zusammenflussregion der Drau und Donau, findet sich ein wahres Kleinod der Natur: das "Kopački Rit". Ein periodisch überflutetes, wildes Feuchtgebiet, das aufgrund seines Artenreichtums und der Allgegenwart von Wasser vom WWF "Amazonas Europas" getauft wurde. Große Teile des Gebiets stehen bereits seit 1967 unter Naturschutz. Gut drei Monate pro Jahr wird das mit uralten Bäumen und seltenen Pflanzen bestandene, rund 240 Quadratkilometer große Gebiet vom Wasser der Drau und Donau überflutet. Über zweitausend Tierarten sind hier zuhause. Neben den seltenen Seeadlern, Seidenreihern, Moorenten und Schwarzstörchen findet sich hier auch eine bedeutende Anzahl heimischer Schildkröten und vom Aussterben bedrohter Amphibien, wie etwa Kreuzottern und Rotbauchunken. Biber bevölkern die Ufer des Bruch- und Auenwaldes, durch den das Rotwild stapft. Uralte Eichen und Pappeln recken ihre Zweige in den Himmel und bilden ein ideales Revier für die Gelege der seltenen Schwarzstörche, die hier mit rund achtzig Paaren brüten. "Hinzu kommt die enorme Bedeutung des Rieds als Rastplatz für Tausende von Zugvögeln, die hier auf ihrem Weg vom und zum Winterquartier Station machen", ergänzt der Pressesprecher des WWF-Österreich, Franko Petri.

Aber auch Touristen sind in dem Areal nicht mehr selten. So finden sich im "Kopački Rit" bereits erste Ansätze zur touristischen Erschließung des Naturreservats: Informationsstellen und organisierte Bootsfahrten durch das Ried kanalisieren den noch überschaubaren Touristenstrom und schützen gleichzeitig die Natur.

Ihre Ursprünglichkeit verdankt die Region insbesondere der Tatsache, das in ihr die ehemalige Grenze zwischen den politischen Systemen des Ostens und Westens lag: der "Eiserne Vorhang". "In der Mitte der Drau und Mur verlief die Grenze zwischen dem Stalinismus und dem blockfreien Jugoslawien", sagt Schneider-Jacoby. "Durch die Grenzabsperrungen in Ungarn gelangte kaum ein Mensch in das Gebiet, und so etablierte und erhielt sich entlang der ehemaligen Systemgrenze eine einzigartige Naturlandschaft."



 
Zum Weiterlesen

Die Donau

  • Claudio Magris: Die Donau. Biografie eines Flusses. Zsolnay Verlag (1996). Eine intellektuelle Reise durch die Geistesgeschichte an der Donau von der Quelle bis zur Mündung. Der Klassiker unter den Flussgeschichten.

  • Michael W. Weithmann: Die Donau. Geschichte eines europäischen Flusses. Böhlau Verlag (2012). Eine fundierte Geschichte des Donauraums von der Antike bis zur Gegenwart. "Die wohl beste Neuerscheinung der letzten Jahre zur Geschichte und Gegenwart des Donauraums." (Siebenbürger Zeitung)

  • Frank Gauditz: Warten auf Europa. Begegnungen an der Donau. Deutsches Kulturforum östliches Europa (2006). Der Fotograf Frank Gauditz reiste die Donau entlang und legt ein biografisches Porträt der Donau am Beispiel ihrer Menschen vor.

  • Christian Fridrich (Hg.): Europa Erlesen. Donau. Wieser Verlag (2012). Auch der Wieser-Verlag hat sich der Donau angenommen. Auf mehr als 600 Seiten bietet die Anthologie bekannte und unbekannte Texte über die Donau.

  • Michal Hvorecky: Tod auf der Donau. Tropen Verlag (2010). Der Thriller des slowakischen Autors spielt auf einem Kreuzfahrtsschiff auf einer Fahrt von Regensburg zum Schwarzen Meer. "Porträt und Chronik eines paneuropäischen Flusses" (Frankfurter Allgemeine Zeitung)