Dossierbild Geschichte im Fluss
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Theresienstadt sucht seine Zukunft


6.5.2014
Nach dem Abzug des tschechischen Militärs kämpft Terezín an der Mündung der Eger in die Elbe mit der Frage: Darf ein ehemaliges NS-Konzentrationslager eine ganz normale Stadt sein?

Hier wurde die Asche der Toten aufbewahrt.Hier wurde die Asche der Toten aufbewahrt. (© Uwe Rada)

Asche in die Eger



Im November 1944 verwandelte sich die Eger in einen Fluss des Todes. Vor dem Kolumbarium, dem Verlies, in dem die Asche der Toten in Papierurnen aufbewahrt wurde, fuhren Traktoren auf. Sämtliche Häftlinge, auch Frauen und Kinder, mussten Hand anlegen und die Urnen auf die Hänger laden. Dann ging es durch das "Untere Wassertor" hinab zur Eger. Einige hundert Meter marschierte die Kolonne neben den Traktoren. Dann war die Stelle erreicht, an der die Eger schmaler wird und Fahrt aufnimmt.

In der Dämmerung waren noch die Türme von Leitmeritz und die Basaltkegel des Böhmischen Mittelgebirges zu erkennen. Doch die unfreiwilligen Totengräber, die an diesem Novembertag ans Untere Wassertor abkommandiert waren, hatten keinen Blick für die Schönheit der Eger und ihrer Landschaft an der Mündung in die Elbe. Sie hatten den Befehl, die Asche von 22.000 verstorbenen oder ermordeten Bewohnern des Ghettos Theresienstadt und des Gestapo-Gefängnisses in der benachbarten Kleinen Festung in den Fluss zu schütten.

Auch Susanne Stern war damals an der Eger dabei:

"Wie wir später erfuhren, lautete der Befehl dahin, im Schutze der Dunkelheit die Asche in den Fluss zu werfen. Von Zeit zu Zeit öffnete sich eine der Büchsen, und die Asche verstreute sich. Kalt und feucht war es (...), und dazu kam noch der schreckliche Modergeruch. Viele Stunden arbeiteten wir so. Dann kam die Dunkelheit, und wir waren sehr müde. Petroleumlampen wurden angezündet. Jetzt wurde der Ort wirklich furchterregend. Die Asche der Toten in den Händen und die Schatten der Lebenden an den Mauern."

Susanne Stern, geborene Fall, lebte vor dem Einmarsch der Deutschen in die so genannte "Rest-Tschechei" in Mährisch-Ostrau. 1943 wurde sie zusammen mit ihrer Mutter Else nach Theresienstadt deportiert. Als das Ghetto und das KZ befreit wurden, war sie 25 Jahre alt. Sie starb 2003. Ihre Hinterlassenschaft befindet sich heute im Archiv des Beth Theresienstadt in Givat Chaim in Israel.

In ihren Erinnerungen erzählt Susanne Stern nicht nur von den Belohnungen, die es für die Arbeit am Ufer der Eger gab: ein Stück Zucker, der sogleich "Aschezucker" genannt wurde. Sie stellt auch die Frage nach dem Warum an diesem und den folgenden drei Novembertagen: "Ist es möglich, dass die Deutschen glauben, auf diese Weise irgendwelche Spuren verwischen zu können?"

Theresienstadt als Sonderfall



Im Erinnern an die Schoah nimmt Theresienstadt bis heute eine besondere Rolle ein. Schon die unmittelbare Nachbarschaft von Ghetto und Gestapo-Gefängnis war eine Besonderheit in der Vernichtungsarchitektur der Nazis. Aber auch der Standort war laut Wolf Murmelstein, Sohn des letzten Judenrat-Ältesten von Theresienstadt, ein "Sonderfall in der Geschichte der Schoah". Theresienstadt befand sich südlich der Elbe – und gehörte damit zum von Hitlerdeutschland besetzten "Protektorat Böhmen und Mähren". Leitmeritz dagegen, am nördlichen Elbufer gelegen, war nach dem Münchner Abkommen vom 30. September 1938 "heim ins Reich" geholt worden. Weil die Einrichtung von Ghettos im Reich nicht vorgesehen war, so Wolf Murmelstein, fiel die Wahl auf das nur drei Kilometer von der Reichsgrenze entfernte Theresienstadt. "Dort konnte eine alte Garnisonstadt als 'jüdisches Siedlungsgebiet' deklariert werden."

Die ersten Juden, die am 24. November und am 4. Dezember 1941 in Theresienstadt eintrafen, gehörten dem so genannten Aufbaukommando AK1 an. Unter ihnen war auch Jakob Edelstein, der erste Vorsitzende des Judenrats. Edelstein gehörte in Prag zur Jüdischen Kultusgemeinde, die auch im Protektorat zunächst weiter arbeiten konnte. Doch bereits im Oktober 1941 hatte Hitler verkündet: "Alle Juden müssen aus dem Protektorat entfernt werden, und zwar nicht erst ins Generalgouvernement, sondern weiter nach Osten. Mit den Protektoratsjuden sollen gleichzeitig alle Juden aus Berlin und Wien verschwinden."

Da nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion an großangelegte Transporte in den Osten nicht zu denken war, musste eine Zwischenlösung gefunden werden. Vier Tage nach Hitlers Ankündigung lud Reinhard Heydrich, Leiter des Reichssicherheitshauptamtes und stellvertretender Reichsprotektor in Böhmen und Mähren, die wichtigsten Besatzungsbehörden auf die Prager Burg. Dort wurde beschlossen, ein Sammel- und Durchgangslager für die Protektoratsjuden einzurichten. Theresienstadt lag nicht nur nahe an der Grenze, als ehemalige Festung der Österreicher am Zusammenfluss von Eger und Elbe war es auch gut zu bewachen.

Das "Familienlager", das Jakob Edelstein und den Angehörigen des AK1 in Aussicht gestellt wurde, war also kein sicherer Ort, an dem die Juden aus dem Protektorat das Ende der Hitlerherrschaft herbeisehnen konnten. Es war ein Wartesaal des Todes oder, wie es der Marburger Kulturwissenschaftler Karl Braun formulierte, "ein schlau angelegtes, in die praktische Organisierung des Genozids verwobenes Täuschungsmanöver." Allerdings machten die Nazis aus dieser Täuschung kaum ein Hehl, wie ein Wort von Adolf Eichmann zeigt, der beim Reichssicherheitshauptamt verantwortlich für die Judendeportationen war. Nachdem Eichmann auf dem Weg zur Wannseekonferenz im Ghetto Halt gemacht hatte, sagte er, Theresienstadt sei dazu da, "nach außen das Gesicht zu wahren".

Das angebliche Vorzeigelager



Auf der Wannseekonferenz am 20. Januar 1942 wurde nicht nur die "Endlösung der Judenfrage" beschlossen, sondern auch der damit verbundene detaillierte Fahrplan zur Vernichtung der europäischen Juden. Zu dem gehörte, als erster Schritt, auch die Einrichtung eines Ghettos für prominente Juden aus Deutschland und Österreich. Auch da fiel die Wahl auf Theresienstadt, das im Februar 1942 als Stadtgemeinde aufgelöst wurde. Nicht nur in den Kasernen der Festung wurden die Juden nun untergebracht, sondern auch in den Wohnhäusern, deren bisherige Eigentümer dürftig entschädigt worden waren.

Der erste Transport aus dem "Altreich" traf am 2. Juni 1942 ein, es waren 50 Juden aus Berlin. Von da an riss der Zustrom von zumeist älteren Juden aus ganz Deutschland und Wien nicht mehr ab. Betrug das Durchschnittsalter des 1.000 Personen starken AK1 noch 31 Jahre, waren die Neuankömmlinge aus Berlin im Schnitt 69 Jahre alt, die aus Wien sogar 73. Unter ihnen waren auch verdiente Soldaten des Ersten Weltkriegs, Politiker und Prominente. Weil diese, so sagt es Murmelstein, "nicht so einfach im Osten verschwinden durften", deklarierten die Nazis Theresienstadt kurzerhand zum "Prominentenghetto".
In einem der so genannten "Prominentenhäuser" wurde auch Leo Baeck untergebracht. Der "bekannteste Vertreter des liberalen deutschen Judentums", wie ihn Arno Lustiger posthum nannte, traf mit dem Transport 1/87 am 8. Januar 1943 in Theresienstadt ein und erhielt die Häftlingsnummer 187.984. Der Rabbiner, der 1933 von den Nazis gezwungen wurde, die "Reichsvertretung der deutschen Juden" zu übernehmen, musste seine Deportation sogar noch selbst bezahlen. Für 15.200 Reichsmark musste er einen "Heimeinkaufvertrag" unterzeichnen, um in Theresienstadt untergebracht zu werden. Allerdings gelang es ihm, das Dokument zu verstecken – als Zeugnis der "Täuschungsmanöver", für die Theresienstadt später traurige Berühmtheit erlangen sollte.

Für weniger prominente Juden aus dem Reich wurde Theresienstadt zum "Altersghetto". Mit dem Versprechen, ihr Vermögen gegen einen Platz in "Theresienbad" zu tauschen, wurden auch sie mit "Heimeinkaufverträgen" an die Elbe-Eger-Mündung gelockt. So wurden in der Propaganda der Nazis aus dem Sammellager und der Durchgangsstation für die Protektoratsjuden nun das "Vorzeigelager" oder "Kulturlager" Theresienstadt.

Doch es war nur ein zynisches Postkarten-Versprechen. In Theresienstadt angekommen, stellten die Juden aus dem "Altreich" bald fest, dass ihnen nicht nur das Vermögen genommen wurde, sondern auch die Würde. Zwar blieben die "Reichsjuden" zunächst von den Deportationen verschont. Statt "Theresienbad" erwarteten sie aber Dachböden und Kasematten, die hoffnungslos überfüllt waren. Alleine im Juli 1942 waren 25.111 Neuankömmlinge in Theresienstadt angekommen, wo vor dem Krieg 7.000 Soldaten und Zivilisten gelebt hatten. Im September 1942 zählte das Ghetto mit 58.491 Bewohnern den Höchststand. 100 Häftlinge, auch das gehört zur traurigen Statistik, starben nun täglich, darunter vor allem Alte und Kranke. Viele von ihnen landeten in einer der papiernen Urnen, die im November 1944 von Susanne Stern und ihren Mithäftlingen schließlich in die Eger geworfen wurden.

Die Als-ob-Stadt

Die Festung Theresienstadt war eine Planstadt.Die Festung Theresienstadt war eine Planstadt. (© Uwe Rada)

Es gibt ein Gedicht von Leo Straus, das die ganze Camouflage von Tarnung und Täuschungsmanöver mit bitterer Ironie beschrieben hat. Es trägt den Titel Die Stadt als ob:

Ich kenn ein kleines Städtchen
Ein Städtchen ganz tiptop,
Ich nenn es nicht beim Namen,
Ich nenns die Stadt Als-ob.

Nicht alle Leute dürfen
In diese Stadt hinein,
Es müssen Auserwählte
Der Als-ob-Rasse sein.

Die leben dort ihr Leben,
Als obs ein Leben wär,
Und freun sich mit Gerüchten,
Als obs die Wahrheit wär. (...)

Es gibt auch ein Kaffeehaus
Gleich dem Café de l’Europe,
Und bei Musikbegleitung,
Fühlt man sich dort als ob. (...)

Man trägt das schwere Schicksal,
Als ob es nicht so schwer,
Und spricht von schönrer Zukunft,
Als obs schon morgen wär.


Leo Straus, Wiener Kabarettist und Dramaturg, wurde mit seiner Frau Myra Gruhenberg im Oktober 1944 47-Jährig nach Auschwitz deportiert, beide wurden dort ermordet. Theresienstadt, die Als-ob-Stadt, das Vorzeigelager: Das ist die Vorstellung, gegen die die nationale Gedenkstätte in Terezín bis heute ankämpfen muss.

Ihren Höhepunkt erreichten Tarnung und Täuschung während des Besuchs einer Delegation des Komitees vom Internationalen Roten Kreuz im Juni 1944. Schon in den Wochen und Monaten zuvor hatte die Lagerleitung die so genannte "Verschönerungsaktion" angeordnet. Auf dem bis dahin für die Häftlinge gesperrten Hauptplatz der Festung wurden Rasen gesät, Rabatte angelegt, Parkbänke aufgestellt. Auch ein Café und ein Musikpavillon entstanden, das Als-ob-"Café de l'Europe" im Gedicht von Leo Strauss. Ganze Kolonnen von Häftlingen machten sich an die Renovierung der Fassaden.

Um den Eindruck der Überbelegung zu vermeiden, wurden kurz vor dem Eintreffen der Delegation 15.000 Häftlinge ins so genannte Familienlager nach Auschwitz transportiert. Zufrieden notierte der Schweizer Leiter der Delegation, Maurice Rossel, nach seinem Besuch am 23. Juni 1944: "Wir werden sagen, dass unser Erstaunen außerordentlich war, im Ghetto eine Stadt zu finden, die fast ein normales Leben lebt; wir haben es schlimmer erwartet." Zuvor hatten die Vertreter der Delegation noch einer Aufführung der Kinderoper Brundibár von Hans Krása beigewohnt.

Kurz nach dem Besuch Rossels und seiner Delegation begannen die Dreharbeiten für den Film Theresienstadt. Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet. In dem Streifen, bis heute unter seinem zynischen Titel Der Führer schenkt den Juden eine Stadt bekannt, ist unter anderem ein Fußballspiel auf dem großen Hof der Dresdner Kaserne zu sehen. Eine "Albtraumfabrik" nennen Uta Fischer und Roland Wildberg die Filmkulisse in ihrem Buch Theresienstadt. Eine Zeitreise. Nach dem Ende des Filmaufnahmen wurden der Regisseur und die Schauspieler zusammen mit 18.000 Häftlingen nach Auschwitz deportiert. In Theresienstadt selbst blieben nur noch 11.000 Insassen. Von den mehr als 140.000 Gefangenen in Theresienstadt wurden 33.456 ermordet und 88.202 in Vernichtungslager, vor allem nach Auschwitz, deportiert. 16.832 überlebten die Befreiung am 9. Mai 1945. Seitdem ist der Name Theresienstadt untrennbar mit Ghetto und KZ, mit Tarnung und Täuschung verbunden.



 
Zum Weiterlesen

Die Elbe

  • Uwe Rada: Die Elbe. Europas Geschichte im Fluss. Siedler Verlag (2013). Konrad Adenauer hat einst behauptet, hinter der Elbe beginne Asien. Tatsächlich treffen an der Elbe das barocke, sinnesfreudige und das preußisch-nüchterne Europa aufeinander. "Uwe Rada versteht es, vergessene Geschichte wieder zum Leben zu erwecken." (Deutschland Radio Kultur)

  • Sabine Tacke/Eckart W. Peters (Hg.): Kulturlandschaft Elbe. Anlässlich der Internationalen Bauausstellung 2010 in Sachsen Anhalt hat der Verlag Janos Stekowics diesen opulente Anthologie herausgegeben. Eine wahre Fundgrube.

  • Hansjörg Küster: Die Elbe. Landschaft und Geschichte. Verlag C.H. Beck (2007). Nach seinen Büchern über die Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa, die Ostsee und den Wald, widmet sich Küster nun den Landschaften an der Elbe.

  • Karen Nölle-Fischer: Die Elbe. Ein literarischer Reiseführer von der Mündung bis zum Riesengebirge. Klett Cotta (1999). Ein ungewöhnliches Reisebuch, das "gegen den Strom" schwimmt.

  • Deutsches Historisches Museum (Hg.): Die Elbe. Ein Lebenslauf/ Labe. Život řeky. Der Katalog zur deutsch-tschechischen Ausstellung zur Elbe im DHM 1992 und dem Nationalmuseum in Prag.