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Dossierbild Geschichte im Fluss

6.8.2014 | Von:
Frédéric Guelton

Die Marneschlachten 1914 und 1918

Gleich zweimal bedeutete die Marne eine Wende im Verlauf des Ersten Weltkriegs. 1914 wurde der Vormarsch der Deutschen gestoppt, aus dem Bewegungskrieg wurde ein Stellungskrieg. 1918 markierte die Marne den Anfang der deutschen Niederlage. Dass beide Schlachten den Namen Marne tragen sollen, war politisch gewollt.

Die MarneDie Marne (© Inka Schwand)

Der Name einer Schlacht

Die Namensgebung einer Schlacht ist mehr als nur die Notwendigkeit irgendeiner Benennung. Sie hat auch eine symbolische Bedeutung, vor allem wenn die Schlacht siegreich ist. Abgesehen davon, dass der Name zutreffend sein muss, soll er auch einfach und präzise sein, um Aufmerksamkeit zu schaffen. Dies gilt auch und vor allem für die beiden Schlachten an der Marne vom September 1914 und Juli 1918.

Sie finden im Großen und Ganzen auf einem Raum von 260 mal 120 Kilometer statt; begrenzt wir er im Westen von der Ile-de-France, im Osten von Verdun, im Norden von den Flussläufen der Aisne und der Seine und der Aube im Süden.

Zweifellos hätten die beiden Schlachten auch anders benannt werden können. Die Marne – wichtigster Zufluss der Seine, der den Raum in zwei Teile von ungefähr gleicher Größe teilt – ist nicht mehr ein Schauplatz der Kämpfe gewesen als der Ourcq, der Grand und Petit Morin oder die Sümpfe von Saint Gond. Dennoch ist die Marne ausgewählt worden. Denn die Schlacht von September 1914 hatte eine entscheidende Bedeutung inne.

Nach Kampfende stellte sich das französische Hauptquartier unter dem Oberbefehlshaber General Joffre als erstes die Frage, wie man die siegreiche Schlacht vom September 1914 benennen sollte. Ein enger Vertrauter von Joffre, General Belin, machte den Vorschlag "Schlacht von Paris-Verdun". Dieser Name spiegelteden Verlauf der Schlachten gut wider. Oberst Gamelin wandte jedoch ein, dass ein solcher Name eher den Gedanken an ein Autorennen als an einen Schlachtsieg wachriefe. Er schlug Joffre daher den Namen "Marne-Schlacht" vor, der sich dann auch durchsetzte. In den darauffolgenden Stunden schrieb Joffre ein Telegramm an Kriegsminister Alexandre Millerand. Sein Wortlaut: "Die Schlacht von der Marne endet mit einem unbestreitbaren Sieg." Ein Symbol war geboren.

Wie aber kam es zur zweiten Marneschlacht?

Fast fünf Jahre später beschloss im Mai 1919 Philippe Pétain, der Oberkommandierende der französischen Streitkräfte, dass die Zeit gekommen sei, alle Schlachten des Ersten Weltkrieges zu benennen. Denn nur so konnten sie auf die Fahnen und Standarten der Regimenter gedruckt werden. Pétains Generalstab fertigte eine erste Liste mit den Kämpfen vom Juli und August 1918 an, die zwischen Soissons, Château-Thierry und Reims ausgetragen worden waren. Alle Kämpfe vor dem 15. Juli wurden als Verteidigungsschlacht bezeichnet, alle nach dem Datum des 18. Juli als Angriffsschlacht.

Die Marne fehlte auf dieser Liste, wohingegen eine vierte Schlacht der Champagne, eine zweite Schlacht am Ourcq, eine Schlacht von Soissonais und eine von Tardenois erwähnt wurden. Diese provisorische Liste wurde allen Generälen zur Stellungnahme übermittelt, die während der Schlachten des Ersten Weltkrieges eine Armee oder Einheit unter ihrem Kommando befehligten.

Daraufhin wurden einige Namen geändert. Beispielsweise wurde angemerkt, dass die Gegenoffensive vom 18. Juli besser als "zweite Marneschlacht" bezeichnet werden sollte, um den Bogen zur ersten Schlacht an der Marne zu schlagen. Seitdem sind die Namen der beiden Schlachten im September 1914 und im August 1918 weniger geografischen als vielmehr politischen Ursprungs. Sie wurden zu Symbolen zweier großer Schlachten, die Frankreich wiederholt vor einer schweren Niederlage bewahrt haben.

Die Marne im September 1914

Was ist nun während der Kämpfe geschehen? Die erste Marneschlacht, die sich zwischen Paris und Verdun im September abspielt, ist zunächst ein Hinweis auf den Misserfolg der deutschen und französischen Strategien, die mehr oder weniger genau von den beiden Generalstäben ausgearbeitet worden waren.

Bei Kriegsausbruch glaubte der deutsche Generalstabschef Helmuth von Moltke, den Krieg im Westen innerhalb weniger Wochen gewinnen zu können. Dafür hatte er einen Schlachtplan entworfen, der sich einerseits am Schlieffen-Plan anlehnte, andererseits aber auch an Moltkes Persönlichkeit und an die verfügbaren Mittel und die militärische Situation vor Ort angepasst war. Mit dem Vordringen der deutschen Armeen Anfang August versuchte er, die französische Armee und das britische Korps zu überrumpeln, zu umzingeln und zu besiegen, indem er sie dazu zwingen wollte, entweder die Waffen niederzulegen, oder aber er würde den Feind gnadenlos niederzustrecken.

Der belgische Widerstand, die eigenen Grenzkämpfe gegen die Franzosen und Briten, durch die sich das deutsche Vordringen verzögerte, der russische Sieg in der Schlacht bei Gumbinnen in Ostpreußen, aber auch die Erschöpfung der Soldaten und die Rivalitäten unter von Moltkes Generälen und die schlechte Organisation seines Kommandosystems verhinderten jedoch diesen schnellen Sieg.

Ähnlich sah es für die Franzosen aus. Joffre hatte zwar keinen präzisen Schlachtplan, er besaß jedoch eine genaue Vorstellung davon, wie er Frankreich zum Sieg führen wollte: Vom Durchmarsch der Deutschen durch Belgien überzeugt, wollte er die absehbare Dehnung zwischen den deutschen Armeen Richtung Südosten ausnutzen, um ihre Flanke anzugreifen. Er nahm an, dass diese Flanke in den Ardennen ungeschützt sein wüde.

Aber Joffre glaubte nicht, genauso wenig wie sein Generalstab, an die sofortige Einberufung der gesamten aktiven Streitkräfte und der Reserve. Diese Fehleinschätzung hatte katastrophale Folgen. Joffres Plan erwies sich als ein absoluter Fehlschlag. Mitten im August musste er den Befehl zum allgemeinen Rückzug geben, den von Moltke als Flucht interpretierte. Während der letzten Augusttage 1914 versuchte der marschierende deutsche Flügel, der sich aus der 1. und 2. Armee unter den deutschen Generälen Alexander von Kluck und Karl von Bülow zusammensetzte, die Entscheidung zu bringen.

Von Kluck beschloss, Paris rechts liegen zu lassen, um die Marne zu überschreiten und den nahe geglaubten Sieg zu erringen. Nachdem Joffre seinerseits das Manöver durchschaute, verlegte er so viele Soldaten wie möglich aus dem Osten Frankreichs nach Norden, um zwei neue Armeekorps aufzubauen: die 6. Armee unter Maunourys und die 9. Armee unter Fochs Kommando. Eine Armee stellte er im Osten von Paris auf und die andere als Barriere, um die geschwächte Südfront zu verstärken.

Als er aus verschiedenen Quellen (Kavallerie, Luftaufklärung) informiert wurde, dass von Kluck seinen Marsch deutlich nach Südosten jenseits der Marne einschlug, beschloss er am 4. September 1914, alles auf eine Karte zu setzen. Am nächsten Tag begann die Marne-Schlacht, als Maunourys neue Armee den Kampf gegen eine Einheit der deutschen Reserve aufnahm.

In den folgenden fünf Tagen kämpften die Armeen zwischen Paris und Verdun unerbittlich um den Sieg. Die Deutschen waren sich bewusst, dass sie bei einem Misserfolg zum Rückzug gezwungen waren. Die französisch-britische Armee wusste, dass bei einer Niederlage der ganze Krieg verloren sein könnte. Nach fast einer Woche ununterbrochener Kämpfe winkte schließlich dem französisch-britischen Heer der Sieg Die deutsche Armee trat den Rückzug an den Aisne-Fluss an, wo sie ihre Verteidigungsstellung einnahm.

Vier Jahre später folgt eine andere Schlacht in derselben Region, aber in einem begrenzteren Raum.

Die zweite Marneschlacht

Die Marne im GrünenDie Marne im Grünen (© Inka Schwand)
Juni 1918: Seit dem 21. März hatte Erich Ludendorff, der Chef der Obersten Heeresleitung und de facto der Machthaber Deutschlands, eine Reihe von Offensiven unter dem Sammelbegriff Frühlingsoffensive eingeleitet; eine pro Monat, jede von ihnen erwies sich als siegreich. Die Oisne, Aisne und Marne wurden allesamt überschritten. Die letzte Offensive vom 27. Mai hatte sich zwischen Reims im Osten, Soissons im Westen und Château-Thierry im Süden festgesetzt. Dieser Gürtel konnte aber nur schwer gehalten werden, da die Verbindungslinien zum Nachschub kaum funktionierten.

Ludendorff versuchte diesem ungünstigen Umstand mit einer Offensive am 15. Juli im Gebirge bei Reims entgegenzuwirken, um den Gegner in die Zange zu nehmen. Bei dieser Operation, die auf den Namen Marneschutz-Reims getauft wurde, waren zwei Armeekorps vertreten (die 7. und 3. Armee). Mit ihr verbunden war die Operation Hagen, die in Flandern ausgetragen wurde; zusammen bildeten sie den "Friedenssturm".

Umgekehrt führte die Luftkontrolle der Alliierten dazu, dass die deutsche Oberste Heeresleitung die Stärke der Franzosen nicht exakt einschätzen konnte. Ludendorff unterschätzte sie. Zur gleichen Zeit leistete der französische Geheimdienst seine Arbeit. Die Franzosen kannten den gesamten deutschen Plan bis zum genauen Zeitpunkt des Angriffs am 15. Juli, morgens um zehn vor vier.

Dadurch konnten Pétain, der Oberkommandierende der französischen Streitkräfte, und Foch, der Oberkommandierende der Alliierten, ihre Streitkräfte nach dem gegnerischen Plan ausrichten. Der größte Teil der Reserve, der bisher zur Unterstützung der britischen Front im Westen gehalten worden war, wurde an die Marne verschoben. Schließlich gruppierten die Franzosen ihre Soldaten in zwei riesige Teile. Der eine, von der Armeeeinheit des Zentrums gebildet, sollte den Gürtel verteidigen und verhindern, dass er durchbrochen würde. Der andere, größere Teil, welcher von der Reservearmee gestellt wurde, sollte sich auf einen Gegenangriff der deutschen rechten Flanke vorbereiten. Das Ganze wurde von mehr als 1.000 schweren und leichten Panzern sowie einer Flugeinheit mit über 700 Flugzeugen unterstützt.

Während die Deutschen also ihren Angriff vorbereiteten, evakuieren die Franzosen nach dem defensiven Plan von Pétain fast ihre gesamten vorderen Stellungen, um sie hinten zum Widerstand aufzustellen. Die französische Artillerie setzte am Abend des 14. Juli eine Gegenwehr in Gang, die die Aufstellung der gegnerischen Angriffseinheiten beeinträchtigte. Am 15. Juli begann kurz nach Mitternacht der Angriff – und wurde zum totalen Fehlschlag.

Ludendorff richtete daher seine letzte Hoffnung auf die 7. Armee, die zwischen dem Gebirge von Reims und der Marne kämpfte. Die Marne wurde auf einer Frontlinie von 15 Kilometern überschritten und die Adre im Osten auf fünf Kilometer Länge. Am 16. und 17. Juli versuchten die Deutschen, den Bergkamm jenseits der beiden Wasserläufe zu halten. Die Brücken wurden jedoch ständig von den Franzosen bombardiert. Munition und Verpflegung erreichten nicht mehr die vordersten Reihen. In manchen Einheiten waren 50 Prozent Verluste zu verzeichnen.

Am 18. Juli begannen die Franzosen ihre Gegenoffensive. Zwei Armeen mit 600 Panzern und 700 Flugzeugen wurden eingesetzt. Es wurde ein klarer Sieg, obwohl die Deutschen ihre Stellungen erbittert verteidigten. Überall war der Einsatz der Panzer erfolgreich, aber die materiellen Verluste erreichen ebenfalls bis zu 50 Prozent. Am 19. Juli wurden die Angriffe wiederholt. Am 20. Juli schließlich gingen auch die Verteidigungseinheiten mit 300 Panzern zum Angriff auf die Deutschen über.

Ludendorff blieb nichts anderes übrig, als den Rückzug anzuordnen. Erneut wurde die Marne von den Deutschen überschritten, diesmal in umgekehrter Richtung. Am 3. August erreichten die Deutschen die Vesle. Der Oberkommandierende Foch beharrte nicht auf der Fortsetzung des Kampfes, da er wusste, dass die Schlacht gewonnen war. Er zog es vor, später eine neue Offensive in der Picardie nördlich von Paris zu beginnen. Am 7. August wurde er zum Marschall erhoben, da er "die glorreichen alliierten Armeen […] in einem einzigen siegreichen Schwung von den Ufern der Marne bis zur Aisne" geworfen habe.

Das Vermächtnis der Marneschlachten

Die beiden Schlachten an der Marne, welche tatsächlich nur unwesentlich an der Marne stattfanden, haben den Verlauf des Ersten Weltkriegs stark beeinflusst.

Die erste Marne-Schlacht steht noch ganz im Zeichen der Kriege des 19. Jahrhunderts, bei denen sich große Menschenmassen gegenüberstehen, die von endlosen Märschen erschöpft und deren Soldaten meist nur mit einem Gewehr sowie einigen Maschinengewehren und Kanonen ausgestattet sind.

Die zweite Marne-Schlacht charakterisiert hingegen noch mehr als die Schlacht von Verdun eine Schlacht des 20. Jahrhunderts. Der Mensch hat zwar immer noch eine zentrale Rolle inne, aber seine Stärke ist durch Maschinen ums Zehnfache gestiegen. Die schwere Artillerie greift nunmehr auf Schienen, Panzer oder Flugzeuge zurück.

Aus dem Französischen von Karen Denni