Dossierbild Geschichte im Fluss

21.1.2019 | Von:
Christian Jakob

An Europas Außengrenze

Der Evros, auf Türkisch Meriç, auf Bulgarisch Maritsa, bildet auf 180 Kilometern die Grenze zwischen Griechenland und der Türkei. Für manche Flüchtlinge aus Syrien oder Afghanistan beginnt an diesem Fluss Europa. Griechenland hat deshalb einen Zaun gebaut. Doch immer wieder gelingt es Menschen, über die Landroute in die EU zukommen. Eine Chronik.

Griechischer Grenzzaun an der türkisch-griechischen Grenze nahe der Kleinstadt Nea Vyssa.Griechischer Grenzzaun an der türkisch-griechischen Grenze nahe der Kleinstadt Nea Vyssa. (© picture-alliance, epa)

Der Krieg war kurz, der Frieden währte für damalige Verhältnisse lang. In Adrianopel einigten sich 1568 das Heilige Römische Reich und das Osmanische Reich, ihre Feindseligkeiten auf Jahrzehnte hin einzustellen. Heute heißt Adrianopel Edirne und ist die westlichste Großstadt der Türkei. Doch ob diese und die Europäische Union Partner sind oder Gegner, entscheidet sich ein Stück weit auch jetzt noch an dieser Stelle.

Hunderte Kilometer weit schwemmt der Fluss, der in Bulgarien Maritsa heißt, in Griechenland Evros und in der Türkei Meriç, Kalium aus dem bulgarischen Rila-Gebirge in die thrakische Tiefebene. Seit Jahrhunderten düngt er so die Felder für Wassermelonen, Sonnenblumen und Sesam rund um Edirne. Den Menschen, die heute aus Syrien und Afghanistan, aus Iran und Irak, aus Pakistan und Eritrea hierherkommen, muss das Europa, in das sie wollen, als fruchtbarer, wirtlicher Ort erscheinen.

Auf einer Länge von 180 Kilometern trennt der Fluss die Türkei und Griechenland. Für die EU-Grenzschutzagentur Frontex ist die Region vor allem als "östliche Mittelmeerroute" für illegale Migration von Interesse. Diese besteht aus zwei Teilen: Die Landgrenze am Evros und die Seegrenze an den Ägäischen Inseln weiter südlich. Vor dem Anstieg der Flüchtlingszahlen 2015 kamen hier die meisten Menschen unerlaubt in die EU: Ab 2008 waren es zwischen 40.000 und 60.000 im Jahr.

Drei Umstände kamen ihnen dabei zugute: Erstens liegen viele Länder, aus denen Menschen fliehen, im Nahen und Mittleren Osten und damit in direkter Nachbarschaft zur Türkei. Diese gewährt, zweitens, Visa-Freiheit für Angehörige mehrheitlich muslimischer Länder. Drittens war das Verhältnis zwischen der Türkei und der EU lange Zeit überaus ambivalent und dynamisch. Und der Grad der Durchlässigkeit der Grenze zu Griechenland und der EU war ein überaus zuverlässiges Barometer für die politischen Beziehungen zwischen Ankara und Brüssel.

Ankara und Brüssel

Schon vor dem Flüchtlingsabkommen zwischen Ankara und Brüssel 2016 war die Türkei als NATO-Mitglied und – zumindest lange Zeit – EU-Beitrittskandidat ein willkommener Partner für das Migrationsmanagement der EU. Und schon damals nutzte sie – wie die Länder Nordafrikas – die Zusammenarbeit bei der Migrationskontrolle als politische Verhandlungsmasse: für den EU-Beitritt als lang- und die Visa-Freiheit für Türkinnen und Türken in der EU als kurzfristiges Ziel. Zugeständnisse aus Europa wurden mit Zugeständnissen bei der Grenzsicherung honoriert. Ging es der Türkei nicht schnell genug voran, ließ ihre Motivation, als Außenposten der EU-Grenzsicherung herzuhalten, meist spürbar nach.

Ankara hatte in diesem Spiel vor allem zweierlei zu bieten: Zum einen hatte es die Möglichkeit, den Weg zur Grenze, also die Strände in Sichtweite der Ägäis-Inseln und den Weg zum Evros-Fluss zu kontrollieren und Migranten mit Polizeigewalt an der Ausreise in Richtung Türkei zu hindern. Das war rechtlich allerdings nicht unproblematisch. Die meisten Menschen, die nach Europa wollen, halten sich legal in der Türkei auf. Die Syrien-Krise hat diesen Umstand allerdings teilweise geändert: Die rund zwei Millionen Syrerinnen und Syrer in der Türkei dürfen sich dort nicht frei bewegen. Sie auf dem Weg nach Europa aufzuhalten, ist deshalb rechtlich theoretisch gedeckt. Gleichzeitig ist freilich das Interesse der Türkei an einer Abwanderung der Syrerinnen und Syrer erheblich gestiegen.

Der zweite Beitrag, den die Türkei bei der Abwehr unerwünschter Migranten zu leisten vermochte, war die Rücknahme abgelehnter Asylbewerber, die über die Türkei in die EU gekommen sind – einer der Kernpunkte des späteren EU-Türkei-Abkommens vom März 2016. Die Vorteile für die EU liegen auf der Hand: Statt die Menschen mühselig und teuer in ihre teils weit entfernten Herkunftsländer zurückschieben zu müssen, kann sie sie bequem an der türkischen Grenze abgeben. Doch beide Formen der Kooperation setzt die Türkei – aus naheliegenden Gründen – überaus strategisch ein. Für die Lage am Evros hatte dies teils dramatische Folgen.

Das Dilemma der Flüchtlinge

Ein Teil der Migranten aus Asien und Afrika beantragten in der Türkei Asyl. Das Land hat die UN-Flüchtlingskonvention unterschrieben. Anträge aber prüft es absurderweise nur, wenn diese von Europäern oder Menschen aus dem Kaukasus gestellt werden. Alle anderen können in der Türkei nur versuchen, vom UNHCR als Flüchtlinge anerkannt und in einen Drittstaat umgesiedelt zu werden – das so genannte Resettlement. Eine dauerhafte Niederlassung gestattet die Türkei nicht. Die vom UNHCR anerkannten Flüchtlinge unterliegen strengen Auflagen. Ihnen bleibt nur das Warten auf Resettlement. Anderen bleibt die Illegalität. Die meisten wollen deshalb weiter.

Auf der griechischen Seite sieht es für sie allerdings nicht besser aus. Im Land gibt es kein funktionierendes Asylsystem, fast kein Migrant, der hier ankommt, will bleiben. Das EU-Recht aber bestimmt, dass jeder Flüchtling in dem Land, in dem sie oder er in die EU einreist, einen Asylantrag stellen muss. Wer weiterreist, handelt illegal und kann theoretisch zurückgeschickt werden. Schon vor der Krise hatte Griechenland größte Schwierigkeiten, mit der großen Zahl an Flüchtlingen zurechtzukommen. Die Antwort war: Abschreckung durch möglichst schlechte Behandlung. Meist bedeutete dies Internierung.

In der Evros-Region geschah dies in Fylakio. Das Lager wurde 2010 vom Anti-Folter-Komitee des Europarats besucht. Die Menschen seien "wie Käfig-Tiere" untergebracht, erklärten die Expertinnen und Experten, viele müssten mehrere Monate in Haft bleiben. In Filakyo seien zum Zeitpunkt der Visite 146 Männer in einem 110 Quadratmeter großen Bereich eingepfercht gewesen. Für alle Häftlinge habe es nur eine Dusche und eine Toilette gegeben. Gleichzeitig mit dem Bau der Internierungslager erhöhte Griechenland die Strafen für Schlepper auf 15 Jahre für die erste Person und zwei weitere Jahre für jede weitere Person. Die Zahl der Flüchtlinge aber nahm nicht ab. Nach dem EU-Türkei-Abkommen wurde das Lager in ein so genanntes "Pre-Removal-Center" umgewandelt: dies bedeutete Internierung vor der Abschiebung.

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Autor: Christian Jakob für bpb.de
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Evros - Meriç - Maritsa

Evros heißt er auf Griechisch, Meriç auf Türkisch und Maritsa auf Bulgarisch. Einst war dieser nur 515 Kilometer lange Fluss die Verbindung Europas zum Osmanischen Reich. Davon kündet zum Beispiel die Architektur im bulgarischen Plovdiv. Heute aber ist der Fluss vor allem eines: die Außengrenze der Europäischen Union.

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