Dossierbild Geschichte und Erinnerung

3.6.2008 | Von:
Christoph Kleßmann

Zeitgeschichte als wissenschaftliche Aufklärung

Die öffentliche Resonanz wissenschaftlicher Forschung ist stark von Konjunkturen der gesellschaftlichen und politischen Großwetterlage abhängig. Das heißt auch: Zeithistoriker werden als Wissenschaftler und Zeitzeugen – die sie ja auch noch oft selbst sind – in der Auswahl ihrer Themen von solchen Konjunkturen mitbestimmt.

Teil einer Personenakte, in der ein Schiessbefehl für einen Grenzsoldaten entdeckt wurde, fotografiert am Freitag, 17. August 2007, in der Aussenstelle Chemnitz der Beauftragten der Stasiunterlagen der ehemaligen DDR.Teil einer Personenakte, in der ein Schiessbefehl für einen Grenzsoldaten entdeckt wurde, fotografiert am Freitag, 17. August 2007, in der Aussenstelle Chemnitz der Beauftragten der Stasiunterlagen der ehemaligen DDR. (© AP)

I. Schwierigkeiten der Aufklärung


Die berühmteste Definition der europäischen Aufklärung hat 1784 Kant formuliert: Aufklärung als Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!" [1] Dass Geschichtswissenschaft generell, aber insbesondere auch die Disziplin Zeitgeschichte und die politische Bildung, eine wichtige aufklärerische Funktion haben, scheint unstrittig und schon so selbstverständlich, dass sie kaum noch thematisiert wird. Konjunktur haben andere und systematisch erst in den letzten Jahre erschlossene Felder, die zwar keineswegs immer so ganz neu sind, wie sie daherkommen, aber aus der Postmoderne starke Anstöße erhalten haben: Geschichtskultur, Geschichtspolitik, Erinnerung und Gedächtnis. Der naiv erscheinende Glaube des Historismus, herauszufinden, "wie es eigentlich gewesen" (Ranke), ist uns nicht erst angesichts postmoderner Höhenflüge in die neue Innerlichkeit abhanden gekommen. Hier wird jedoch bisweilen das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Im Extremfall reduzieren einige Adepten des "linguistic turn" die Geschichte auf Texte, auf sprachliche Formen ihrer Überlieferung und Darstellung; die Grenzen zwischen Fakten und Fiktionen zerfließen. [2]

In der moderaten Variante hat die Postmoderne ohne Frage auch der Zeitgeschichte wichtige neue Impulse geliefert. Der Erwartung wissenschaftlicher Objektivierbarkeit wird hier bewusst die Vielfalt divergierender Geschichten und Erfahrungen gegenübergestellt. Damit werden neue Dimensionen in die Forschung einbezogen, die früher kaum ins Blickfeld kamen. Das jetzt auch in Deutschland eindrucksvoll dokumentierte Konzept der "Erinnerungsorte" - der Formen diffuser, aber wirksamer kollektiver Erinnerungen an Personen, Sachen und schlagwortartig kondensierte Zusammenhänge - ist ein Beispiel für die Ergiebigkeit neuer Fragestellungen, die freilich weit über die Zeitgeschichte hinausgreifen. [3] Geschichtsbewusstsein ist und bleibt ein wichtiges Feld der historischen Forschung, in der klassisch gewordenen Formulierung von Karl-Ernst Jeismann verstanden als "Zusammenhang von Vergangenheitsdeutung, Gegenwartsverständnis und Zukunftsperspektive" [4]

Auch wer große Vorbehalte gegen manche überspannten postmodernen Zugänge zu historischen Themen hat, wird vor allem eine wichtige Errungenschaft nicht leugnen: die prinzipielle Skepsis gegen universale Theorien und ihre umfassenden Erklärungs- und Deutungsansprüche. Der Glaube an die Brüchigkeit der Moderne und des Fortschritts ist nicht mehr nur Teil konservativer Kulturkritik, sondern auch konstitutiv für die Postmoderne. Andererseits erschweren solche berechtigten Zweifel aber die auf den ersten Blick so selbstverständlich erscheinende Unterscheidung von Wahrheit und Lüge. Darauf zielt vermutlich der hintersinnige und von der Kommunismuserfahrung eines ungarischen Autors geprägte erste Satz aus dem hochgelobten Roman von Peter Esterhazy "Harmonia Caelestis": "Es ist elend schwer zu lügen, wenn man die Wahrheit nicht kennt." [5]

Postmoderne Skepsis erschütterte lange vor dem Epochenbruch von 1989/90 den Glauben an die Möglichkeit der Objektivität der historischen Wissenschaften. Die Forderung nach Objektivität und Aufklärung, die wissenschaftlichen Regularien folgt, ist damit jedoch keineswegs obsolet geworden. Im Gegenteil: Die dramatische Aktualität einer scheinbar einfachen Maximen verpflichteten Aufklärung wird nicht zuletzt beim Blick auf die Geschichte der Diktaturen des 20. Jahrhunderts sichtbar. Der friedlich und in unspektakulärer Hartnäckigkeit verfolgte Kampfruf der osteuropäischen Dissidenten vom "Leben in Wahrheit" ist dafür ebenso ein eindrucksvolles Beispiel wie das verzweifelte und vergebliche Bemühen von Widerstandsgruppen im "Dritten Reich", den Goebbels'schen Lügengespinsten wahre Informationen entgegenzusetzen und so das verblendete Volk von seinem Führer zu trennen oder zumindest der Welt zu signalisieren, dass es noch ein "anderes Deutschland" gab. Eine deutsch-polnische Ausstellung in Kreisau, heute Krzyzowa, trug daher nicht zufällig den Titel "In der Wahrheit leben" und wollte damit den Bogen von einer Widerstandsgruppe des 20. Juli 1944 - dem "Kreisauer Kreis" - zu den osteuropäischen Bürgerrechtsbewegungen schlagen.

In einem essayistischen Rückblick auf Brüche und Zäsuren in Ostmitteleuropa im 20. Jahrhundert hat Wolfgang Eichwede die Bürgerrechtler als "Kinder der Aufklärung" charakterisiert, die Europas Freiheitsgeschichte fortgesetzt haben und die Verwirklichung der Zivilgesellschaft, die ihnen vorenthalten wurde, auf ihre Fahnen schrieben. Dies ist in der Tat eines der faszinierendsten Kapitel der von Gewalt und Brutalität in nie gekanntem Ausmaß geprägten Geschichte des 20. Jahrhunderts. "Wenn irgendwo in dem geteilten Europa Keimformen der ,civil society' existiert haben," so Eichwede, "dann waren es die diskutierenden Dissidentenzirkel in Prag oder Leningrad, in Krakau oder Budapest. In ihrem Vertrauen auf die Öffentlichkeit und die Kraft des Beispiels, der Einsicht und des Arguments waren sie ganz und gar Kinder der europäischen Aufklärung. Interessenanalysen und Machtkalküle waren nicht ihre Sache."[6]

Aber auch westliche Demokratien, die sich dem Ideal der Zivilgesellschaft und der ständigen Einmischung in öffentliche Belange verpflichtet fühlen, sind in keiner Weise gegen die Manipulation der Regierenden und die suggestive Verführung selektiver, politisch passfähig gemachter Erinnerungen gefeit. Die erdrückende Konkurrenz einer auf Spektakuläres oder leicht Verdauliches ausgerichteten Informationsstrategie vieler Massenmedien macht daher zeithistorische Aufklärung zu einem mühsamen Unternehmen. Nicht mehr die Freiheit der Information ist das Problem, sondern Gehör für diese in der Öffentlichkeit zu finden, sobald es nicht mehr nur um punktuelle Neuigkeiten oder sensationelle Enthüllungen geht, sondern um komplexere Zusammenhänge und differenzierte Urteile. Wer die emotionalen Stellungnahmen zur Eröffnung des Speziallagermuseums in Sachsenhausen verfolgt hat [7] oder sich die Geschichte der Pfingsttreffen der Sudetendeutschen vor Augen hält, die fast seit Jahrzehnten nach ähnlichem Muster ablaufen und Versuche einer historisch-kritischen Differenzierung mit ablehnender Kritik begleiten, [8] weiß, wie schwer es die historische Vernunft gegenüber emotionsgeladenen Zeitzeugen und ihren Nachkommen hat. Man wird unter solchen Auspizien sehr bescheiden, was die Möglichkeiten einer kritischen Fachwissenschaft und der Verbreitung ihrer Erkenntnisse anbelangt.

Auch in der Geschichte der Zunft selber gibt es noch mancherlei Minenfelder. Die auf dem Historikertag in Frankfurt 1998 vehement geführte Debatte um "Ostforscher" und braune Ursprünge westdeutscher Sozialhistoriker, die jahrzehntelang überhaupt nicht zur Kenntnis genommen wurden, ist ein Beispiel für fatale Formen der prinzipiell unvermeidlichen und auch wünschenswerten Nähe von historischer Wissenschaft und Politik sowie für die enormen Schwierigkeiten ihrer nachträglichen Aufarbeitung in politischen Konstellationen, die für eine solche Aufarbeitung wenig geeignet sind. [9] Dass in diesem Fall die Suche nach unbequemen Wahrheiten zusätzlich durch die Konfrontation zweier Geschichtswissenschaften in Deutschland blockiert wurde, machte die Sache noch komplizierter. Auf die "versäumten Fragen" der Bundesrepublik gab die DDR lautstarke und bereits im Vorfeld feststehende Antworten. [10] Die massiven Proteste gegen die sog. Wehrmachtsausstellung haben auf andere Weise dokumentiert, welche Hürden längst bekannte Forschungsergebnisse bei der Umsetzung für eine breite Öffentlichkeit nehmen müssen, wenn sie gegen lieb gewordene Mythen verstoßen. Das gilt trotz inakzeptabler Schlampereien bei der Bildeinordnung in der ersten Fassung der Ausstellung. [11] Wie dreist Beteiligte an der öffentlichen Rechtfertigung bzw. Bagatellisierung ihrer kriminellen Rolle gegen alle breit dokumentierte wissenschaftliche Einsicht arbeiten, mag schließlich das umfängliche Pamphlet von 20 hochrangigen Stasi-Offizieren belegen, das vor einigen Monaten erschienen ist. Es hat zwar vernichtende Presserezensionen erhalten, wird aber vermutlich auch erhebliche "klammheimliche Freude" beim Heer der Ehemaligen ausgelöst haben. [12]

Diese beliebig zu vermehrenden Beispiele zeigen, wie stark die öffentliche Resonanz wissenschaftlicher Forschung von Konjunkturen der gesellschaftlichen und politischen Großwetterlage abhängig ist, wie sehr Zeithistoriker als Wissenschaftler und Zeitzeugen - die sie ja auch noch oft selbst sind - in der Auswahl ihrer Themen von solchen Konjunkturen mitbestimmt werden und in welchem Ausmaß Publikationen interessengeleitet sein können. Alle Beispiele unterstreichen aber gerade deswegen auch, wie notwendig die scheinbar so selbstverständliche Aufklärung durch professionelle Forschung ist und bleibt. Sie ist auch für andere Epochen bedeutsam, aber doch ungleich mehr für die Zeitgeschichte, die nach der Formulierung von Barbara Tuchman "noch qualmt", sodass die klare Sicht häufig verstellt wird, Folgen und Wirkungen nur mühsam erkennbar werden, weil die Beobachter noch zu nahe an den Ereignissen sind.

Fußnoten

1.
Gekürzte Fassung eines Vortrags auf der Konferenz des Zentrums für Zeithistorische Forschung (ZZF): "Zeitgeschichte als Streitgeschichte. Historische Kontroversen und politische Kultur nach 1945", Potsdam, 20. Juni 2002. Immanuel Kant, Was ist Aufklärung?, in: Berlinische Monatsschrift, 1784, S. 516.
2.
Vgl. Georg G. Iggers, Zur "linguistischen Wende" im Geschichtsdenken und in der Geschichtsschreibung, in: Geschichte und Gesellschaft, 21 (1995), S. 557-570; Peter Schöttler, Wer hat Angst vor dem "linguistic turn"?, in: ebd., 23 (1997), S. 134-151. Eine differenzierte Kritik bei Richard J. Evans, Fakten und Fiktionen. Über die Grundlagen historischer Erkenntnis, Frankfurt/M. 1998.
3.
Vgl. Etienne François/Hagen Schulze (Hrsg.), Deutsche Erinnerungsorte, 2 Bde., München 2001.
4.
Karl-Ernst Jeismann, Geschichtsbewusstsein, in: Handbuch der Geschichtsdidaktik, hrsg. von Klaus Bergmann u. a., Düsseldorf 1985, S. 40.
5.
Peter Esterhazy, Harmonia Caelestis, Berlin 2001.
6.
Wolfgang Eichwede, Kinder der Aufklärung, in: Kafka. Zeitschrift für Ostmitteleuropa, (2001) 3, S. 8 - 13; ders., Archipel Samizdat, in: Forschungsstelle Osteuropa (Hrsg.), Samizdat. Alternative Kultur in Zentral- und Osteuropa. Die 60er bis 80er Jahre, Bremen 2000, S. 15.
7.
Vgl. Opferverbände kritisieren Ausstellung. Presseerklärung der UOKG (Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft). Opfer des SED-Regimes warnen vor Geschichtsfälschung! Zur Eröffnung des Museums für das ehemalige "Speziallager 07" Sachsenhausen am 9. Dezember 2001, in: Oranienburger Generalanzeiger vom 6. 12. 2001.
8.
Z. T. reagiert man hier auch auf Provokationen der tschechischen Seite; vgl. Prag: Vertreibung eine gute Sache, in: Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 21. 5. 2002
9.
Vgl. Windfried Schulze/Gerhard Oexle (Hrsg.), Deutsche Historiker im Nationalsozialismus, Frankfurt/M. 1999.
10.
Vgl. Christoph Klessmann, DDR-Historiker und "imperialistische Ostforschung", in: Deutschland Archiv, 35 (2002), S. 13-31.
11.
Vgl. Bogdan Musial, Kritische Anmerkungen zur Wehrmachtsausstellung, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte (VfZG), 47 (1999), S. 563 - 591.
12.
Vgl. Reinhard Grimmer u. a. (Hrsg.), Die Sicherheit. Zur Abwehrarbeit des MfS, 2 Bde., Berlin 2002; vgl. die kritische Rezension von Karl Wilhelm Fricke in: Deutschland Archiv, 35 (2002), S. 856 ff.

Europäische Union - Bund - Land

Öffentliche Fördermöglichkeiten

Neben dem Bund fördern die Länder Fahrten zu Gedenkstätten durch teils sehr unterschiedliche Strukturen und Programme. Internationale Begegnungsprojekte werden vorrangig durch die internationalen Jugendwerke gefördert, aber auch eine Förderung durch die Europäische Union ist im Kontext größerer Projekte möglich.

Mehr lesen

Mediathek

Erinnern, aber wie?

Was kann an historischen Orten gelernt werden, was können Gedenkstätten leisten und wo liegen die Grenzen? Der Filmbeitrag lässt vielfältige Positionen zu Wort kommen, die Idee ist es, dass dieser Film in der Bildungsarbeit als Einstieg und/oder Vorbereitung auf einen Gedenkstättenbesuch eingesetzt werden kann

Jetzt ansehen

Dossier

Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg

Mit dem deutschen Überfall auf Polen begann am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg. Als er 1945 endete, lag Europa in Trümmern. Über 60 Millionen Menschen waren tot. Wie konnte es soweit kommen? Und wie sollte es weitergehen mit einem Land, das den größten Zivilisationsbruch der Geschichte begangen hatte?

Mehr lesen

Dokumentarfilm & Dossier

Die Wohnung

In der Wohnung seiner verstorbenen Großeltern entdeckt der israelische Filmemacher Arnon Goldfinger Spuren einer unbekannten Vergangenheit. Die jüdischen Großeltern waren mit einem SS-Offizier befreundet. Der Dokumentarfilm zeichnet Goldfingers Auseinandersetzung mit der Familiengeschichte nach.

Mehr lesen

Die 4. Internationale Konferenz zur Holocaustforschung widmete sich dem Fokus "Volksgemeinschaft – Ausgrenzungsgemeinschaft. Die Radikalisierung Deutschlands ab 1933". Hier finden Sie die Veranstaltungsdokumentation.

Mehr lesen