Dossierbild Geschichte und Erinnerung
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Regieren nach Auschwitz


22.4.2008
Von Konrad Adenauer bis Angela Merkel: Jeder Kanzler musste sich dem deutschen Verbrechen stellen. Am 18. März 2008 sprach die Bundeskanzlerin vor der Knesset. Dort hob sie hervor, dass für sie als deutsche Kanzlerin Israels Sicherheit "niemals verhandelbar" sei.

Als erster deutscher Regierungschef überhaupt spricht Bundeskanzlerin Angela Merkel am 18. März 2008 vor der Knesset.Als erster deutscher Regierungschef überhaupt spricht Bundeskanzlerin Angela Merkel am 18. März 2008 vor der Knesset. (© AP)

Vielleicht geht es gar nicht anders, vielleicht muss jeder deutsche Kanzler, auch jeder Präsident sich das Verhältnis zu Israel, zu Auschwitz und der Vergangenheit neu erobern. Bei dem Gedanken jedenfalls ertappte man sich, als Angela Merkel am 18. März 2008 vor dem israelischen Parlament, der Knesset, sprach. Als Ouvertüre war es gedacht, ganz ausdrücklich, dass die Deutschen noch vor Beginn der offiziellen Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag der Gründung des Staates Israel ein öffentliches Bekenntnis zu ihrer "immerwährenden Verantwortung für die moralische Katastrophe in der deutschen Geschichte" ablegen. Beispiellos nannte sie den Zivilisationsbruch durch die Shoah. Mehr noch: Israels Sicherheit sei für sie als deutsche Kanzlerin "niemals verhandelbar", und wenn das so sei, "dann dürfen das in der Stunde der Bewährung keine leeren Worte bleiben", die Deutschen garantierten also das Existenzrecht. In Israel schließlich wiederholte sie auch ihr Wort, die Verantwortung, die sich aus der unhintergehbaren Vergangenheit ableite, gehöre zur deutschen "Staatsraison".

Zuvor, auch daran muss man erinnern, hatten Teile des israelischen und deutschen Kabinetts gemeinsam getagt. Das sollte auf einer gewissen Ebene "Normalität" signalisieren. Häufig war daraufhin von einem "Neuanfang" die Rede, beide Länder blickten nun gemeinsam in die Zukunft, wenn auch auf der Basis ihrer "einzigartigen" Beziehungen. Das alles soll hier auch gar nicht in Frage gestellt werden. Aber selbst hocherfreute israelische Kommentatoren erinnerten ausdrücklich daran, dass die deutsche Regierungschefin sich allein schon auf Grund ihrer Biographie das Verhältnis zu Israel noch einmal ganz grundsätzlich erschließe. Die ersten 35 Jahre ihres Lebens, so hatte sie tatsächlich in der Knesset selbst formuliert, habe sie in einem Teil Deutschlands – der DDR – verbracht, die den Nationalsozialismus als westdeutsches Problem betrachtete. Und das mag denn auch eines der Motive gewesen sein, die sie bewegten, mit einem Besuch in dem Kibbbuz Sde Boker mit dem Grab David Ben Gurions ausdrücklich zurückzukehren zu den Anfängen dieser Beziehungen. Denn tatsächlich haben der erste Premierminister Israels und der erste deutsche Kanzler 'Konrad Adenauer', "mit Vorsicht und Weitsicht" den Grundstein für die Beziehungen beider Staaten gelegt.

Die Kabinettssitzung also, tatsächlich ein "Wunder" angesichts der Vergangenheit und keineswegs normal, das Wort von der "Staatsraison", die Rede vor dem Parlament in deutscher Sprache – vieles war tatsächlich neu. Aber neu erfunden werden damit die Beziehungen zu Israel nun nicht. Und - natürlich haben seit Adenauers und Ben Gurions Zeiten auch andere Kanzler und Präsidenten in die Zukunft geblickt. Viele, Richard von Weizsäcker, Johannes Rau seien nur stellvertretend genannt, genossen sowohl wegen ihres selbstkritischen Verhältnisses zur Vergangenheit als auch wegen des zukunftsoffenen Blickes enormen Respekt in Israel. Projekte, Wirtschaftsbeziehungen, Wissenschaftlerprogramme, Kulturaustausch, alles das ist beständig intensiviert und verbessert worden, kein Verantwortlicher in Bonn und später in Berlin wollte sich nachsagen lassen, etwas versäumt zu haben. Und jeder, soviel kann man sagen, bemühte sich um den richtigen Ton.

Angela Merkel entzieht das Verhältnis sozusagen jeder Normalitäts-Versuchung, und auf dieser Ebene des Außerordentlichen möchte sie dann die praktische Politik ansiedeln.
Israels amtierender Regierungschef Ehud Olmert und Bundeskanzlerin Angela Merkel. Foto: REGIERUNGonline/KuglerIsraels amtierender Regierungschef Ehud Olmert und Bundeskanzlerin Angela Merkel. Foto: REGIERUNGonline/Kugler (© REGIERUNGonline/Kugler )
Vermutlich gehört zu dem "Einzigartigen", von dem sie sprach, also gerade, dass jeder, der in der Bundesrepublik Verantwortung trägt, seine Definition des Verhältnisses, seine Sicht auf das Geschehene, seine Schlussfolgerungen für morgen selbst definieren muss. Zu groß war die Dimension des "Zivilisationsbruchs", um einfach business as usual zu machen, nichts wird normal. Jeder laboriert daran herum. Ob Deutschland die Garantieerklärung für Israels Sicherheit, die Angela Merkel abgab, einlösen könnte "in der Stunde der Bewährung", mit welchen Mitteln, ob das alles freie Hand für die Politiker in Tel Aviv bedeutet gegenüber Teheran oder der Hamas, und ob sie hinter verschlossenen Türen anders spricht als öffentlich – das alles ist eine Sache für sich. Dass sie aber mit dem Wort von der "Staatsraison" jedoch nach innen eine Verpflichtung formulierte, auch in künftigen Generationen das Bewusstsein für die Vergangenheit wachzuhalten – dazu gibt es in jedem Fall allen Grund. Das ist das neue große Problem, neben den für Israel schlicht existenziellen Dauerproblemen, das in ihre Amtszeit fällt.

Herumlaboriert an der Frage, wie er sich – und damit die Bundesrepublik – positionieren könne in diesem einzigartigen Komplex namens "Israel/Deutschland", hat auch Präsident Horst Köhler. Am 27. Januar 2005, zum 60. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, hätte er nur zu gern das Wort ergriffen beim gemeinsamen Erinnern an der Gedenkstätte. Wie die Präsidenten Israels, Polens und Russlands auch. Auch das drückte einen heimlichen Normalitätswunsch aus, unbewusst vielleicht gar. Es kam nicht dazu, es konnte nicht dazu kommen. Die Begründung hat letztlich Angela Merkel in ihrer Knesset-Rede geliefert, mit der sie – in der Tradition der Rede von Weizsäcker zum 40. Jahrestag des 8. Mai 1945 – auf der Unvergänglichkeit der Vergangenheit, auf der Nicht-Normalität des Verhältnisses insistierte, trotz der gemeinsamen Kabinettssitzung, wie sie auch Deutsche und Franzosen gern pflegen.

Nein, es gibt Unterschiede, die sich nicht verwischen lassen. Auschwitz, Oswiecim nahe Krakau, ist der Ort des "Einmaligen", und er ist zugleich die Chiffre geworden, die in der Erinnerung vieles umschließt: den Zivilisationsbruch, das Menschheitsverbrechen an Europas Juden, das von Deutschland ausging, das große Sterben in Europa. Wie nichts anderes steht "Auschwitz" auch für die Deutschen als Täter und damit quer zu einem Zeitgeist, in dem sie als Opfer aufscheinen, bei der Flucht wie in den Brandnächten. Weshalb aber wurde diese Rede Richard von Weizsäckers am 8. Mai 1985 ein solcher Eckpfeiler für das Selbstverständnis der Republik? Sie kreiste, weit grundsätzlicher als die vorsichtige, tastende, politische und sehr geradlinige Rede der Kanzlerin im März 2008 um das lange gemiedene Thema "Auschwitz". In der Luft lag damals ein Hauch von Geschichts-Revisionismus, und der Wunsch mancher Historiker, aus dem Schatten der Vergangenheit herauszutreten. Was Weizsäckers Worte so bemerkenswert machte, war nicht nur seine Einsicht in die Einmaligkeit, "beispiellos in der Geschichte", was er sozusagen stellvertretend für uns alle verbindlich machte. Erstmals hob ein Präsident hervor, diese Erbschaft sei unvergänglich und als Erinnerung in der deutschen Demokratie verankert. Das wählte er als Ausdruck der "Staatsraison". Damals wurde Auschwitz konstitutiv für das Selbstverständnis: Erinnern, hieß es lange, mache schuldbeladen, jetzt hieß es, es mache frei.



 

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