Skatepark mit springendem Skater im Vordergrund.

25.2.2010 | Von:
Klaus Farin

Die Entdeckung des "Teenagers"

In der Schule durften Mädchen keine Hosen tragen; Ausnahmen wurden allenfalls an extrem kalten Wintertagen geduldet. Make-up war ebenso verboten wie jeglicher Schmuck, ganz zu schweigen von ausgeschnittenen Blusen und Pullovern. Begründung: Es dürfe keine Ablenkung vom Lernen geben. Doch mit dem Entstehen der Teenager-Industrie hatten die Jugendlichen nun mächtige erwachsene Verbündete auf ihrer Seite. Schließlich wurde diese Mode extra für sie produziert.
Das britische Model Twiggy präsentiert 1967 ihre erste Kollektion in England. Foto APDas britische Model Twiggy präsentiert 1967 ihre erste Kollektion in England. Foto AP (© AP)

Zehn Jahre nach Kriegsende hatten sich die Zeiten deutlich verbessert. Auch für Jugendliche: Allein von 1954 auf 1955 halbierte sich die Zahl der Arbeitslosen unter 25 Jahren, 1957 gab es mehr freie Ausbildungsstellen als Lehrlinge. Die Einführung der Fünftagewoche im selben Jahr bedeutete zwar für die meisten Branchen effektiv nur drei Stunden Wochenarbeitszeit weniger, doch immerhin hatte man nun das ganze Wochenende Freizeit. Und häufig auch genügend Geld, um diese Zeit angenehm zu verbringen: Mehr als 500 Millionen D-Mark standen den 15- bis 20-jährigen Westdeutschen schon 1955 nur für die Freizeitgestaltung zur Verfügung. 2,3 weitere Milliarden gaben sie für Kleidung aus (Lamprecht 1965, S. 24). Kein Wunder, dass 1957 auch die einheimische Textilindustrie begann, eigene Kleidung für Jugendliche zu entwickeln. Denn - heute kaum noch vorstellbar - die gab es bis zum Einbruch der amerikanischen Industrie auf dem deutschen Markt noch gar nicht. Die Jugend der Fünfzigerjahre trug vorzugsweise Gestricktes, von Mutter, Oma, Tanten in emsiger Heimarbeit unermüdlich produziert. Vom Strampler und Babyjäckchen bis zu Pullovern und Röcken begleitete Selbstgestricktes vor allem die Mädchen die ersten eineinhalb Jahrzehnte ihres Lebens. Und so sehr sie sich auch anstrengten, dem durch Wachstum zu entfliehen - keine Chance: Die Selbstgestrickten wuchsen mit. Schon beim Einkauf der Wolle wurde genügend Reserve mitgekauft, um bei Bedarf z. B. den Pullover ein Stück verlängern zu können. Und manche Mütter wuschen sogar die Ersatzwolle regelmäßig mit, damit sich keine Farbunterschiede entwickelten. Wenn man es doch eines Tages geschafft hatte, aus einem Teil definitiv "herauszuwachsen", wurde garantiert gerade ein ziemlich ähnlich aussehendes Kleidungsstück eines älteren Geschwisters "frei".

"Vorher, wenn ich mit meiner Mutter was kaufen ging, dann wurde es problematisch", erinnert sich Anja Drehn, Jahrgang 1943, an die "große Errungenschaft" der Teenager-Kleidung. "Früher gab´s immer nichts für mich. Da musste ich 'nen grauen Flanellrock, Faltenrock möglichst, anziehen und 'ne 'geschmackvolle Bluse' dazu." (Maase 1992, S. 173) "Ein bissle eine Revolution", erinnert sich eine andere Zeitzeugin, Jahrgang 1940, stellten auch die ersten langen Hosen für Mädchen dar. In der Schule durften Mädchen keine Hosen tragen; Ausnahmen wurden allenfalls an extrem kalten Wintertagen geduldet. Make-up war ebenso verboten wie jeglicher Schmuck, ganz zu schweigen von ausgeschnittenen Blusen und Pullovern. Begründung: Es dürfe keine Ablenkung vom Lernen geben. Doch mit dem Entstehen der Teenager-Industrie hatten die Jugendlichen nun mächtige erwachsene Verbündete auf ihrer Seite. Schließlich wurde diese Mode extra für sie produziert. Also rebellierten sie, indem sie das Hosenverbot einfach ignorierten "und dann nach Hause geschickt wurden, um sich umzuziehen. Ja, und dann wurden die Klassen immer leerer. Und irgendwann musste man einfach sagen: 'Also entweder fange ich morgens um 8 mit dem Unterricht an und akzeptiere, dass da Mädchen in Hosen sitzen, oder ich muss sie immer erst mal nach Hause schicken' - also, es war 'ne Erpressung sozusagen, die sich aber nicht irgendwie lautstark oder so ... , sondern das war einfach immer mehr und mehr ... Und eines Tages redete niemand mehr von diesem Verbot." (Maase 1992, S. 211) - Und das in Zeiten, in denen in einer Meinungsumfrage rund 80 Prozent der Bundesbürger bekundeten, sie sähen es nicht gern, wenn Mädchen "für den Sonntagsbummel sowie bei der Arbeit in Büro und Laden" Hosen trügen, "beim Einkauf für die Mutter am Vormittag wollte immerhin die Hälfte Hosen erlauben". (Noelle/Neumann: Jahrbuch der öffentlichen Meinung 1958-1964, Allensbach 1965, hier zitiert nach Maase 1992, S. 277)

Die meisten Eltern ahnten wohl, dass sie den Zug der Moderne nicht mehr stoppen konnten, und reagierten umso hysterischer, vor allem gegenüber den Töchtern, bei denen der Anblick von "Schminke" oder lackierten Fingernägeln schon reichte, um sie beim Verlassen der elterlichen Wohnung (sofern sie "so" überhaupt auf die Straße durften) noch schnell mit "Komm du mir mal mit einem Kind nach Hause" zu verabschieden.

Auffallend an den Erinnerungen damaliger Teenager ist der allumfassende Kontrollanspruch ihrer Eltern. So schien es damals völlig selbstverständlich, dass Eltern Briefe an ihre Kinder bis über das 18. Lebensjahr hinaus mit bestem Gewissen öffneten. "Ganz schlimm wurde es, als ich kürzlich von einem Mädchen eine Ansichtskarte bekam", berichtet ein 17-Jähriger in einer Studie aus dem Jahr 1957. "Seitdem habe ich Stubenarrest, und zwar von September bis Ostern. Sieht mich mein Vater noch einmal mit einem Mädchen sprechen, will er mich rausschmeißen und in die Erziehungsanstalt bringen." (Bertlein 1960, S. 243)

Der Sozialpsychologe Thomas Ziehe erklärt diese ebenso maßlose Kontrollsucht wie Angst vor jeglichen Gefühlen mit der nicht erfolgten Verarbeitung der eigenen nationalsozialistischen Vergangenheit:

"Die fast besessene Konzentration auf Ordnung, Anstand, Sauberkeit war gegen den 'Irrtum' der jüngsten Vergangenheit gerichtet. In dieser Sichtweise war der Nationalsozialismus ein unkontrollierter Ausbruch gewesen. Um das innere Tier im Zaume zu halten, das da losgelassen worden war, mussten die 'alten' Tugenden wieder her, zumal diejenigen aus dem Reservoir preußischer Werte. Der Rigorismus im alltäglichen Detail sollte vor Fehlverhalten schützen. Die peinliche Beachtung von Regeln und Verhaltensnormen sollte symbolischen Schutz bieten - davor, noch einmal 'ertappt' zu werden und abermals etwas falsch gemacht zu haben. Bestimmte Alltagskonventionen wurden fast mit ethischem Gehalt aufgeladen. Nicht (schlecht) auffallen, nicht unkorrekt aussehen: Wie es draußen ausschaut, sieht´s im Innern aus! Jetzt galt es, ein für alle Mal eine saubere Haltung zu zeigen und dauerhaft zu bewahren." (Ziehe 1986, S. 254)

"Über Nationalsozialismus und Sexualität wurde bei uns ja nicht gesprochen", erinnert sich Johann Gevelsberg, Jahrgang 1937, bezeichnenderweise an die beiden großen Tabus jener Jahre (Kuhnert/Ackermann 1985, S. 56). Und genau diese beiden Tabus sollten ein Jahrzehnt später zum Auslöser der ersten großen Jugendrebellion des 20. Jahrhunderts werden.

Die Jugend hatte einfach keine Sexualität. Sogar Sex unter Erwachsenen, sofern er außerhalb der Ehe stattfand (innerhalb der Ehe war er Pflicht und konnte im Verweigerungsfall zur Scheidung führen), galt nach dem damaligen Sexualstrafrecht als "Unzucht" und konnte nicht nur die direkten Akteure, sondern z. B. auch die Vermieterin der Wohnung, in der der Akt stattfand, ins Gefängnis bringen. In einer Untersuchung von 1957 - befragt wurden 2 004 männliche Jugendliche zwischen 14 und 19 Jahren - empfand sich jeder zweite Jugendliche in seinem "Lebensgefühl und Streben vonseiten der Erwachsenenwelt maßgeblich ungerechtfertigt behindert" (47,8 Prozent der Oberschüler, 52 Prozent der Mittelschüler und 61,4 Prozent der Berufsschüler; Bertlein 1960, S. 228). "Möchte ich einmal ins Kino gehen oder Schallplatten hören, bekomme ich die Antwort, diese Vergnügen hätte man früher mit 17 Jahren auch nicht gehabt." (a.a.O., S. 243) Die wenigsten Jugendlichen rebellierten offen, die Mehrheit wich dem direkten Konflikt aus und versuchte, Verbote heimlich zu umgehen. "Da ist man eben gezwungen, ihnen heimlich nachzugehen." - "Ich muss, um meine Schallplatten ungestört abspielen zu lassen, warten, bis das ganze Haus leer ist." - "Die Musik kann ich nur nachmittags, wenn niemand zu Hause ist, oder bei Freunden hören." (a.a.O., S. 247)

"Die Stellung der heutigen Jugend ist die einer 'schweigenden Opposition'. Sie ist in die 'innere Emigration' gegangen. Hinter einer unverkennbaren 'Jawoll-Haltung' (sie sagen: 'Ist in Ordnung!' oder 'Ist gut!'), oft hinter einer betonten und wohldosierten Höflichkeit, ja, bisweilen wohl gar hinter ihrem bewusst ins Spiel gebrachten 'jugendlichen Charme' (mit dem sie die Erwachsenen 'auf den Arm zu nehmen' versuchen) verbirgt sich im Grunde eine massive Verachtung der Erwachsenen als Gesamtheit und in ihren einzelnen Vertretern. Fast bei allen Jugendlichen findet sich diese Haltung." (Muchow 1959, S. 124) - Da die Eltern nicht gesprächsbereit waren, ein offener Widerstand aber aufgrund des ungleichen Kräfteverhältnisses zwangsweise zum Scheitern verurteilt war, reagierten die Jugendlichen, indem sie sich zumindest in ihrer freien Zeit so weit wie möglich von den Erwachsenen zurückzogen. Ermöglicht wurde ihnen dies im Wesentlichen durch die amerikanische Kulturindustrie. Denn sie brachte etwas ins Land, was es bisher nicht gab: eine eigene, komplette, von den Eltern unabhängige Jugendkultur.

Ganz wichtig natürlich: die Musik. Conny Froboess, Peter Kraus, Rex Gildo und viele andere. Musikalisch: Schlager. Oft 'weichgespülter' Rock´n´Roll oder ins Deutsche übertragene US-Softrock-Hits. 1960 machte "Teenager-Musik" bereits 40 Prozent des Plattenumsatzes in Deutschland aus (Lamprecht 1965, S. 90). Für die meisten Jugendlichen war der Musikkonsum noch ein Gemeinschaftserlebnis. Denn weniger als die Hälfte der 14- bis 19-Jährigen besaßen einen eigenen Plattenspieler. Also pilgerten sie in Kneipen, Cafés, Milchbars und Eisdielen, um dort die neuesten Hits zu hören. 1957 waren in der Bundesrepublik rund 12 000 Jukeboxes im Einsatz, drei Jahre später waren es schon 50 000 (Lamprecht 1965, S. 136).

Aber es gab nicht nur Teenagermusik und -mode, sondern auch Teenagerfilme, -zeitschriften, -klubs und bald sogar ein eigenes Wörterbuch der Teenagersprache: "Steiler Zahn und Zickendraht". Die Industrie schuf eine komplette eigene (Konsum-)Welt aus Waren, die nur für Teenager produziert wurden. Die Teenagerkultur war vor allem eine Starkultur; ein Großteil der angebotenen Waren bezog sich direkt auf einzelne Stars (z. B. Kleidungsstücke, die nach Film- oder Musikstars benannt wurden, wie der "Conny-teen"-Pullover oder der "Peter-Kraus-Coll") und diente vor allem dazu, den Fan-Status öffentlich zu dokumentieren. Kaufhäuser organisierten eigene Teenager-Modeschauen, Plattenfirmen gründeten Fanclubs, und in den frühen Sechzigern zierten plötzlich Bilder von Stars und Sternchen alle möglichen Produkte des Alltags. Ganz oben auf der Hitliste der Teen-Favourites stand da eine Band, die gleichzeitig die amerikanische Dominanz auf dem Musikmarkt brach und die Teenagerkultur in eine neue Phase überleitete: die Beatles.


Literatur

Bertlein, Hermann: Das Selbstverständnis der Jugend heute. Eine empirische Unter- suchung über ihre geistigen Probleme, ihre Leitbilder und ihr Verhältnis zu den Erwachsenen. Hannover 1960.

Kuhnert, Peter/Ackermann, Ute: Jenseits von Lust und Liebe? - Jugendsexualität in den 50er Jahren, in: Krüger 1985, S. 43-84.

Maase, Kaspar: Bravo Amerika. Erkundungen zur Jugendkultur der Bundesrepublik in den fünfziger Jahren. Hamburg 1992.

Muchow, Hans Heinrich: Sexualreife und Sozialstruktur der Jugend. Reinbek 1959 (hier zitiert aus der 7. Auflage von 1963).

Ziehe, Thomas: Die alltägliche Ver- teidigung der Korrektheit, in: Deutscher Werkbund e.V. (Hrsg.) 1986, S. 254-258.


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